Ansprache

(Pastor Gert Kelter am Mittwoch nach Judika 2004)

Gewänder der Selbstgerechtigkeit zerreißen

Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen?
Aber Jesus schwieg still. Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.
Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.
Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört.
Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig. (Matthäus 26, 62-66)

Liebe Brüder und Schwestern,

der Hohepriester zerreißt sein Gewand. Nicht in kleine Fetzen, sondern etwa auf Brusthöhe einige Zentimeter reißt er sein Gewand ein. Aus dem Zusammenhang wird deutlich: Damit unterstreicht er sein Entsetzen über die eben gehörten Worte Jesu, die in seinen Ohren wie die schlimmste Form der Gotteslästerung klingen mußten.

Jesus bestätigt: Er ist der Sohn Gottes, der Christus. Und damit keine Zweifel aufkommen können: Nicht in einem übertragenen, geistlichen Sinn, auf diese Zeit und Welt bezogen und beschränkt, sondern von Ewigkeit her und in alle Ewigkeit: Des Menschen Sohn wird zur Rechten der Kraft, also zur Rechten Gottes sitzen und in den Wolken des Himmels kommen sehen. Da ist kein Vertun, kein Mißverständnis, keine Fehldeutung mehr möglich.

Der Hohepriester hatte vielleicht sogar gehofft, daß Jesus nicht selbst den Anlaß zu seiner Verurteilung schafft, daß nicht einer aus dem Volk Israel so vermessen sein würde, sich zu dieser Lästerung zu versteigen. Die gezielte Frage des Hohenpriesters – man kann sie sogar als goldene Brücke verstehen. Aber Jesus geht sie nicht.

Nur wenn Zeugen da sind, die einen Verdacht bestätigen können, kann auch ein Urteil gefällt werden. Die Zeugen waren anwesend, beschuldigten Jesus auf das Härteste. Der Hohepriester hätte schon längst urteilen und handeln können. Aber er kann es nicht glauben und kann es nicht fassen. Mit einer überlieferten, hochfeierlichen Beschwörungsformel ruft er den Angeklagten selbst als Kronzeugen auf, gibt ihm noch einmal die Möglichkeit, sich mit dem religiösen Sühne- und Reinigungseid selbst zu entlasten. „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott!" Den ihm zugeworfenen Rettungsanker will und kann Jesus nicht ergreifen: „Du sagst es." Es gibt kein Zurück.

Eine ganz und gar nicht unübliche Geste ist das Zerreißen des Gewandes. Im Orient bis heute üblich. Die Bilder aus dem Irak, aus Israel und den Palästinensergebieten zeigen sie uns immer wieder. Ein Ritus des Entsetzens, der Trauer, der Buße ist das Zerreißen der Kleider. Psychologisch mag man dahinter eine Geste erkennen, die äußerlich das innere Zerrissenwerden von der Wucht der Trauer oder des Grauens dokumentiert. Der Orientale erstarrt und schweigt nicht vor Kummer und Entsetzen, sondern klagt und schreit laut und zerreißt seine Kleider.

So gewöhnlich und allgemein üblich ist diese Geste, daß selbst in Kommentaren zum Matthäusevangelium darüber keine erklärendes Wort verloren wird. Hat sie vielleicht gar keine besondere Bedeutung, über das allgemeine hinausgehende Bedeutung?

Es ist nicht irgendein Mensch, auch nicht irgendein Jude, nicht einmal irgendein Priester, der sich sein Gewand aufreißt. Es ist der amtierende Hohepriester Kaiphas im Tempel von Jerusalem, eine geschichtlich auch in außerbiblischen Quellen verbürgte historische Person. Es ist das geistliche Oberhaupt Israels, der am großen Versöhnungstag, dem Jom Kippur die feierliche Opfer-Liturgie zur Entsündigung und Versöhnung des Volkes mit Gott leitet. Er ist der Mittler zwischen Gott und seinem Volk Israel.

Und es ist nicht irgend ein Alltagsgewand, das er da zerreißt, sondern die hohepriesterliche Amtstracht, das Symbol der göttlichen Vollmacht, die Sühne- und Reinigungsopfer darzubringen, über heilig und unheilig, rein und unrein zu entscheiden, die Schrift auszulegen und Recht zu sprechen.

Die Einzelheiten der priesterlichen und hohepriesterlichen Gewänder und der Aufgaben und Vollmachten der Priesterschaft werden im 3. Buch Mose genauestens geregelt und geordnet.

Lese ich also nach, ob dem Gewand des Hohenpriesters irgendeine besondere Bedeutung zukommt und finde Erstaunliches; 3. Mose 21, 10:

<Wer Hoherpriester ist unter seinen Brüdern, auf dessen Haupt das Salböl gegossen und dessen Hand gefüllt ist und der angezogen ist mit den heiligen Kleidern, der soll sein Haupthaar nicht wirr hängen lassen und seine Kleider nicht zerreißen.>

Der Hohepriester, der Wächter über die Tora, der Hüter des Heiligkeitsgesetzes Gottes, begeht vor den Augen der Mitglieder des Hohen Rates einen Gesetzesbruch. Es ist kein feinsinniges, subtiles, tiefsinniges Gesetz, dessen Befolgung nur mit Mühe möglich wäre, sondern eines der ganz einfach zu haltenden. Und er übertritt es. Er stellt sich bloß als Gesetzesbrecher, als Sünder.

Der Richter macht sich selbst zum Angeklagten.

Und bewirkt wurde dieser ungeheuerliche Vorgang durch das Wort Jesu.

Dieses Vollmachtswort voller Macht und Kraft besagte: Vor dir steht der Christus Gottes, der Messias des Herrn, der Sohn Gottes, der einzige und wahre Hohepriester, der König aller Könige und Prophet des Höchsten.

Unter diesem Wort zerbricht die menschliche Macht, der religiöse Titel. Mit diesem Wort wurden alle Opfer, die je auf Altären dargebracht worden sind, aufgehoben, ungültig, überflüssig. Denn mit diesem Wort besiegelte der Sohn Gottes seinen eigenen, ein für allemal geltenden Opfergang für die Sünde der Welt.

An diesem Wort zerreißt das Heiligkeitsgesetz wie der Vorhang im Tempel zerrissen ist, als sich dieser Christus am Kreuz als Hoherpriester und Opferlamm zugleich in vollkommenem Gehorsam und in vollkommener Heiligkeit dem Willen des Vaters darbrachte und unterwarf.

Das heilige Gewand des Hohenpriesters steht für die Gerechtigkeit aus der Erfüllung des Gesetzes aus eigener Kraft und Vernunft, aus eigenem Bemühen um Gehorsam und Heiligung. Aber Jesus selbst schneidet der Menschheit diesen vermeintlichen Heilsweg ab, weil er eine Sackgasse ist.

Der Hohepriester, mit nackter, entblößter Brust, seines zwischen Gott und den Menschen vermittelnden Amtes durch eigene Hand entkleidet, steht vor dem, der auch für ihn ans Kreuz gehen wird, um ihn mit neuer Gerechtigkeit zu überkleiden, die vor Gott gilt.

„Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein schönstes Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn."

Auch heute stehen wir Menschen mit unseren Versuchen, uns selbst zu rechtfertigen, unsere Opfer an Glaubensstärke, Einsatz und Engagement, unserem Bemühen um Heiligung und die Erfüllung von Gottes Willen Gott anzubieten und darzubringen vor Christus, dem wahren Hohenpriester. Sein Gnadenwort, sein Wort vom Kreuz zerreißt uns alle Gewänder der Selbstgerechtigkeit, mit denen wir unsere Blöße zu bedecken versuchen. Aber zugleich hüllt es uns ein in das grundlose Erbarmen Jesu Christi, dessen Opfer der Welt Rettung und Leben gebracht hat.

Amen.