Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag nach Trinitatis 2004)

Eine geistliche Familie

Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist. (Epheser 2,17-22)
 

Liebe Brüder und Schwestern,

„zuhause ist es doch am schönsten", sagen nicht nur viele, die in diesen Tagen aus dem frühsommerlichen Urlaub zurückkehren. Zuhause ist es doch am schönsten – das denken wir häufig, selbst nach schönen Tagen, die wir irgendwo als Gäste zugebracht haben.

Als Gast ist man eben nicht zuhause. Das gilt ganz besonders dann, wenn man kein gern gesehener, sondern vielleicht nur ein geduldeter, vielleicht versteckt oder offen abgelehnter Fremder fern von zuhause sein muß. Man merkt dann an allen Ecken und Enden: Ich gehöre nicht dazu. Ich habe hier keine Wurzeln. Ich bin nicht einer von „denen". Ich habe einen anderen Stallgeruch.

Wie fühlt sich jemand bei uns in unserer Gemeinde, der als Gast den Gottesdienst mitfeiert, der aus einer anderen Gemeinde überwiesen wurde oder aus einer anderen Kirche zu uns übertritt? Ist man von Anfang an „einer von uns", herzlich willkommen, integriert und mit hineingenommen in die Gemeinschaft des Glaubens, auch in die Gemeinschaft des Alltags einer Gemeinde? Oder hat man eher das Gefühl ein Fremdkörper zu sein? Gibt es Menschen, die auf Gäste und neue Gemeindeglieder zugehen, die sie wahrnehmen, wenn man nach dem Gottesdienst noch miteinander ins Gespräch kommt, oder stehen solche Gäste wie Fremdlinge allein ein paar Minuten auf dem Kirchhof, bevor sie dann enttäuscht den Heimweg antreten, weil die Alteingesessenen in ihre Clübchen und Grüppchen strömen und auch äußerlich so geschlossene Kreise bilden, daß ein Neuhinzukommender schon mit fast übertrieben großem Selbstbewußtsein gesegnet sein muß, um von sich aus einen ersten Schritt zu machen?

Entscheidende Fragen sind das. Entscheidend für die missionarische, geistliche Ausstrahlung einer Gemeinde. Entscheidend, weil sich hieran zeigt, ob eine Gemeinde ein erstarrter Traditionsverein oder Leib Christi, Kirche aus lebendigen Steinen ist.

Liebe Gemeinde: In Ephesus stand diese Frage zur Debatte. Der Gemeindekern bestand aus Juden, die in Christus den Messias erkannt hatten und Ihn als Sohn Gottes, als ihren Herrn und Erlöser bekannten. Durch den Dienst des Apostels und seiner Mitarbeiter kamen schon bald Heiden, Nichtjuden zur Gemeinde und es dauerte nicht lange, bis bei den alteingesessenen Judenchristen die Frage auftauchte: Gehören die eigentlich wirklich dazu? Das sind doch Unbeschnittene. Das sind doch keine Söhne und Töchter Abrahams. Gilt denen überhaupt die Verheißung des Alten Bundes? Müssen sie nicht zunächst Juden werden, um Christen sein zu können. Und vielleicht dachte der eine oder andere gar nicht so streng theologisch und fragte sich nur: Wozu brauchen wir denn diese Neuen? Es war doch bisher alles so schön überschaubar und übersichtlich. Jeder kannte jeden. Wir hatten dieselben Wurzeln und Traditionen. Und jetzt kommen da von außen Leute mit ihren Ideen, Vorstellungen, kritischen oder anstrengenden Fragen und stören unsere Kreise.

Das roch nach Spaltung, nach Gefährdung der Einheit der Gemeinde, nach Unfrieden, nach Überhebung des einen über den anderen Gemeindeteil.

Paulus muß reagieren, muß argumentieren, muß die egoistischen, bequemen, selbstzufriedenen Epheser wieder erden, wieder auf das feste Fundament des Glaubens stellen, bevor es zu spät ist.

Ihr Heiden, ruft er darum den Heidenchristen zu, seid nun, nachdem Christus der Friede der Nahen und der Fernen geworden ist, nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen, also Mitbürger des Gottesvolkes Israel und Gottes Hausgenossen.

Hier, in der Kirche, habt ihr Hausrecht, Heimat, eine dauerhafte Bleibe.

Liebe Gemeinde, ich gebe mir seit langen Jahren ziemlich erfolglos alle Mühe deutlich zu machen und ins allgemeine Bewußtsein zu pflanzen, daß die lutherische Kirche katholische Kirche sein muß und sein will, wenn sie denn überhaupt Kirche und nicht Sekte sein soll. „Katholisch" heißt ursprünglich nichts anderes als „auf alle bezogen, allen gemäß oder für alle offen". Unser Abschnitt aus dem Epheserbrief ist eine Kernstelle, die erläutert, weshalb die Kirche in diesem Sinne „katholisch" sein muß. Jeder, der Christus als seinen Herrn bekennt, jeder, der die apostolische Lehre bekennt, jeder, der sich taufen läßt, muß zur Kirche gehören dürfen. Nicht als Gast oder geduldeter Fremdling, sondern als Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Niemand, der diese Kriterien erfüllt, darf ausgeschlossen sein. Nicht die Herkunft, nicht die Sprache, die Hautfarbe, der Bildungsstand, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, der Gesundheitszustand, das Alter, die persönliche Geschichte, nichts darf es Menschen verwehren, zur Kirche gehören zu können. Das darf dann aber auch nicht nur eine Theorie bleiben, sondern muß geistliche Praxis werden, erfahrbar bleiben. Die Nahen und die Fernen sind in Christus Geschwister und Kinder des einen himmlischen Vaters. Und selbst über die im Laufe der Zeit leider entstandenen konfessionellen Grenzen hinweg muß immer wieder neu deutlich gemacht werden: Es gibt Lehrfragen, die uns trennen. Aber es gibt zentrale Gemeinsamkeiten, die uns mit allen anderen Christen verbinden. Wenn das Theorie bleibt, wenn sich das nicht in äußerlich erkennbaren Formen und Formeln für jeden ersichtlich äußert, bleibt es graue und leblose Theorie. Ein Fremder, der unseren Gottesdienst mitfeiert, muß nicht auf Anhieb jedes Détail verstehen und nachvollziehen können. Aber er muß erkennen können: Hier ist eine Gemeinde, die sich zur einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche bekennt und zugehörig weiß, die nicht irgendwelche sektiererische Sonderpfündlein pflegt und ein exklusives, also andere ausschließendes, elitäres Inseldasein fristet, sondern Teil der weltweiten Kirche Christi ist. Das läßt sich z.B. auch daran erkennen, daß eine Kirche oder Gemeinde in ihren liturgischen Formen eine Verbindung mit denen erkennen läßt, die vor ihnen geglaubt haben und die heute weltweit mit ihnen glauben. Wo jede Gemeinde macht, was sie will, wo das Wort des Apostels Paulus nicht gilt, es so zu halten, wie es in allen Gemeinden der Heiligen gehalten wird, nützt es wenig und ist es wenig glaubwürdig, sich zur inneren Einheit des Glaubens zu bekennen, wenn diese Einheit sich nicht auch äußerlich erkennbar zeigt.

Die Kirche, von der der Apostel Paulus schreibt, ist keine unübersichtliche Schrebergartensiedlung mit einer Unzahl höchst individuell gestalteter Gartenlauben mit jeweils hohen Hecken und Zäunen drumherum, sondern ein einziger heiliger Tempel, gebaut auf dem Fundament der Lehre der Apostel und Propheten, in dem Jesus Christus der Eckstein ist. Jeder einzelne Getaufte, aber auch jede einzelne Ortsgemeinde zeichnet sich darin nicht durch ihre Individualität und ihre eitlen Besonderheiten aus, sondern dadurch, daß sie sich wie Bausteine zu einem Ganzen ineinander fügen lassen, damit dieser heilige Tempel wächst.

Derselbe Apostel Paulus sagt an anderer Stelle: Gott ist nicht ein Gott der Unordnung sondern des Friedens. Und hier im Epheserbrief schreibt er: Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.

Die Judenchristen in Ephesus damals waren stolz darauf, Gott nahe zu sein, zum ersterwählten Gottesvolk zu gehören, Blutsverwandte Abrahams zu sein. Sie wollten unter sich bleiben, ihre Besonderheiten pflegen und waren nicht bereit, sich anderen zu öffnen. Aber die Kirche war schon längst größer geworden. Die Heidenchristen, die einstmals Fernen, waren dabei, die Mehrheit in der Kirche zu bilden.

Heute zerfällt die Kirche in viele Konfessionen und Denominationen. Viele davon beanspruchen für sich und ihre Traditionen, ihre Frömmigkeitsformen und Arten der Gottesdienstfeier, daß es so und nicht anders richtig sei. Voneinander lernen, alles prüfen, das Gute behalten, das würde dem Frieden entsprechen, den Christus geschlossen hat. Das Biblische, das Apostolische, das Bewährte bei den anderen wird schnell als schlecht und falsch verurteilt, weil es anders ist als das uns Gewohnte. Und dabei vergessen wir, daß wir durch das Sakrament der Taufe unwiderruflich zusammengehören, daß wir Brüder und Schwestern sind, daß wir einen gemeinsamen Vater haben. Das Wasser der Taufe ist dicker als Blut. Das mußten auch die Judenchristen in Ephesus neu lernen.

Wir gehören also mit allen Getauften zu einer geistlichen Familie, genannt „die Kirche". Aber während natürliche Familienbande im schlimmsten Falle unwiderruflich zerschnitten werden können, können wir das Band der Taufe nicht zerschneiden. Es bleibt das Fundament der Einheit der Kirche und es bleibt für jeden Getauften Verpflichtung zum Frieden in der Kirche.

Wir lutherische Christen haben in demselben einen Geist Zugang zum Vater wie die römischen Katholiken, wie die Christen in den Ostkirchen, wie die Altorientalen in Syrien oder Äthiopien oder Ägypten und auch wie die Abweichler und Sektierer, sofern sie noch Christus als Sohn Gottes und als ihren Herrn bekennen.

Ich selber wäre heute nicht Christ, wenn ich nicht durch den Dienst der römisch-katholischen Kirche im christlichen Glauben unterwiesen worden wäre. Und ich wäre nicht lutherischer Christ, wenn ich nicht als Student im 1. und 2. Semester Vorlesungen über die Theologie Martin Luthers gehört hätte, die von einer ursprünglich reformierten Professorin gehalten wurden, die zum östlich-orthodoxen Glauben konvertiert war. Und ich wäre nicht in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, wenn nicht ein unierter Professor mich dazu ermutigt hätte, diesen Schritt aus der Unierten Kirche heraus in eine eindeutige lutherische Kirche in konfessioneller Verbindlichkeit zu tun.

Liebe Gemeinde, alle diese Menschen, die mir geistliche Wegbegleiter waren und es teilweise bis heute sind, haben eines gemeinsam: Sie glauben die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche als Vorgabe, als existent. Nicht als etwas, das sie erst machen und zustandebringen müßten. Und sie leiden unter der äußeren Zerrissenheit der christlichen Kirche und sie fördern alles und engagieren sich dafür, was der Einheit in der Wahrheit und in der Liebe dient. Dazu sind sie bereit, die Frömmigkeitsformen der anderen zu akzeptieren, alles zu prüfen, das Gute zu behalten oder auch zu übernehmen, eigene Vorurteile zu überprüfen und gegebenenfalls über Bord zu werfen, die Gewissensgrenzen anderer dabei zu respektieren und geistliche Gemeinschaft zu praktizieren, wo immer es möglich ist.

Jeder von ihnen weiß dabei, wo seine geistliche Heimat ist und wo er hingehört. Wie in einem großen Haus mit vielen unterschiedlichen Zimmern jeder sein eigenes Zimmer hat, aber doch weiß, daß er mit allen anderen in einem Haus wohnt. Natürlich wird man von Fall zu Fall auch sagen müssen, daß das Zimmer eines anderen im Laufe der Zeit zur Rumpelkammer geworden ist und aufgeräumt und gelüftet werden müßte. Zum Ziel der Einheit in Wahrheit und Liebe gehört auch ein klares Wort zur rechten Zeit. Aber bevor wir anderen gute Ratschläge erteilen, sollten wir anfangen darüber nachzudenken, wo es in unserem eigenen Zimmer Müllhaufen, Staub und abgestandene, muffige Luft gibt. Die Kirche der lutherischen Reformation müßte eigentlich der Vorreiter sein, wenn es gilt, Verengungen, Verzerrungen und Überlebtes von innen heraus zu erneuern.

Amen.