Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Sexagesimae 2003)

Die Zeit der wachsenden Saat.

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis:
Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf.
Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.
Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's.
Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute.
Er aber sprach: Euch ist's gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören.
Das Gleichnis aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes. Die aber auf dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeitlang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht. Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld. (Lukas 8,4-15)

Liebe Brüder und Schwestern,

Der schwierigste Satz dieses Gleichnisses scheint dieser zu sein: „Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den anderen aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören." Aber dieser Satz ist wahrscheinlich der Schlüssel zum Verständnis.

Wie hören wir denn üblicherweise dieses Gleichnis?

Wir hören, dass es mit dem Wort Gottes so ist, wie mit einer Saat, die ausgestreut wird. Sie trifft zwar auf alle Stellen des Ackers, aber geht nicht überall auf und bringt dementsprechend auch nicht überall Frucht. Auf dem Weg wird sie zertreten oder von Vögeln gefressen, auf dem Felsboden geht sie nach einer Weile aus Nahrungsmangel zugrunde und unter Dornen und Disteln erstickt sie. Nur der Same, der auf gutes Land fällt, geht auf und bringt hundertfache Frucht.

Liebe Gemeinde: Das Wörtchen „nur" habe ich dazu gedichtet. Das steht da gar nicht. Aber so hören wir das Gleichnis und verstehen es doch nicht. Oder falsch. Wir hören daraus nämlich die banale Wahrheit, dass wir Menschen eben verschieden sind und leider bei den meisten Menschen das Wort Gottes nicht zum Ziel kommt.

Nun ist hier aber gar nicht von vier unterschiedlichen Äckern die Rede, denen man dann vier unterschiedliche Menschentypen zuordnen könnte, sondern von einem einzigen Acker. Und zwar einem typischen Feld, wie man es in der Gegend um Nazareth oder um den See Genezareth finden kann: Durchsetzt mit schier unausrottbarem Unkraut, wie Dornen und Disteln, unterbrochen durch hartgetrampelte Fußwege, manchmal mit etwas dickerer Erdkrume, manchmal aber auch mit hartem Felsengestein dicht unter der Erdoberfläche.

Der israelische Bauer warf das Saatgut unterschiedslos auf den noch nicht gepflügten Acker und pflügte dann alles unter. Zusammen mit dem Unkraut, quer über die harten Wege, die nur ganz oberflächlich vom Pflug angekratzt wurden, auf dem felsigen Untergrund, auf dem die Pflugschar nicht tief eindringen konnte und auf dem satten und tiefen Erdschichten dieses einen Ackers.

Und dieser eine Acker steht sowohl für das ganze Ackerfeld der Menschheit, wie auch für jeden einzelnen Menschen. Das ist wichtig: Ich selbst bin ein vierfacher Acker und kann mich nicht eindeutig einem der vier beschriebenen Böden zuordnen. Wenn Gottes Wort wie ein Same ausgestreut wird und auf mich trifft, dann trifft es einen vierfachen Acker.

So ist es bei mir, wenn ich Gottes Wort höre: Manches bleibt an der Oberfläche, ist schnell wieder vergessen oder verdrängt, manches führt zu kurzfristiger Begeisterung, die aber nicht von Dauer ist und beim ersten Zweifel gleich wieder in sich zusammen sinkt. Manches stirbt wieder ab, wenn sogenannte Sachzwänge, Sorgen und andere Dornen es überwuchern. Aber ein Viertel kann Wurzeln schlagen und wachsen. Von außen sieht man dabei manchmal sehr lange nichts. So wie der Bauer nach dem Säen und Pflügen nichts tun kann, als abzuwarten.

Also: Nicht vier Äcker, sondern ein vierfacher Acker; und ich kann beim Hören dieses Gleichnisses nicht zufrieden sagen: „Wenigstens gehöre ich zu der erwählten Minderheit, zu diesem glücklichen Viertel, bei dem die Saat aufgegangen ist."

Und damit ist es auch ausgeschlossen, dieses Gleichnis so verstehen, als solle dadurch den Predigern und Verkündigern des Evangeliums und allen bekennenden Christen der Frust genommen werden, nach dem Motto: Ist ja kein Wunder, dass man von der Wirkung des gepredigten Wortes Gottes so wenig merkt. Schon Jesus sagt ja, dass dreiviertel unserer anstrengenden Arbeit von vornherein vergebliche Liebesmühe ist.

Hinter beiden falschen Verständnissen steckt eine selbstmitleidige, resignierte, lustlose und jammernde Grundeinstellung dem Dienst im Reich Gottes gegenüber, die Gott nicht wirklich etwas zutraut, die nicht wirklich glaubt, dass Gottes Wort etwas ausrichtet und dass die Verheißung stimmt, dass das Wort nicht leer wieder zurück kommt, sondern wirkt, wozu es ausgesandt wurde.

Wie hieß das noch? Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen.

Das Geheimnis besteht darin, dass keine Predigt vergeblich ist, dass kein Bekenntnis, kein Zeugnis, keine Unterrichtsstunde, kein Gebet am Kinderbett ohne Frucht bleibt.

Und nicht nur das: Wir sind so kleingläubig, dass wir nicht einmal mehr nachrechnen, was es eigentlich in Zahlen bedeutet, wenn Jesus sagt: Ein Viertel der Saat bringt hundertfach Frucht.

Machen wir doch eine einfache Rechnung auf: Ein Börsenspekulant investiert 1 Million Euro. Drei Viertel davon, also 750.000 Euro muss er abschreiben. Die erweisen sich als Fehlinvestition. Aber 250.000 Euro waren gut investiert und bringen, jetzt kommt wieder der Wortlaut des Gleichnisses in den Blick, 100-fachen Gewinn. Das sind 25 Millionen Euro.

So, sagt Jesus, ist der Ertrag des Wortes Gottes. Und selbst, wenn man dasselbe Gleichnis bei Markus nachliest, der am Ende eine gewisse Bandbreite zwischen 30, 60 und 100-fachem Ertrag beschreibt, dann bleiben immerhin als Mindestgewinn 7,5 Millionen Euro übrig.

Hier haben wir eine der wenigen Stellen der Hl. Schrift, die man mit Hilfe eines Taschenrechners schneller und zutreffender begreift als mit einem Stapel theologischer Literatur. So ist das mit dem Evangelium, sagt uns Jesus Christus: Viel geht verloren; nämlich in dem Détail, in dem der Teufel steckt; viel erstickt, wenn die Luft im Alltag nicht mehr zum Atmen reicht; viele gibt es, die umfallen, weil sie keine festen Wurzeln haben, die schnell begeistert sind und genauso schnell ihren Hals nach anderen Lehren drehen. Aber der Ertrag des Evangeliums ist hundertmal mehr als der Einsatz, mindestens aber dreißigmal mehr.

Diese Ernte übersteigt alle Vorstellungen. Und das gilt nicht erst für den Jüngsten Tag. Auch heute ist die Welt voller Christen, voller betender, bekennender, in ihren Berufen und Orten tätiger Menschen, die wie Sauerteig wirken.

Das soll man angeblich nicht merken? Ich frage mich, wie diese Welt aussähe, wenn es nicht seit 2000 Jahren die Kirche gäbe und Christen an allen Ecken und Enden der Erde aus ihrem Glauben heraus gelebt, geredet, geschrieben und gearbeitet hätten.

Und bei mir selbst merkt man auch so wenig von der Wirkkraft des Wortes Gottes, sagen wir mutlos und selbstzerfleischend. Da frage ich mich erst recht, wie es um mich stünde und wie ich beschaffen wäre, wenn mich das Wort Gottes nicht getroffen hätte und eine kleine bescheidene Saat aufgegangen wäre.

Liebe Gemeinde, staunend müssten wir doch eigentlich vor dem Wunder des kräftig wirkenden, Menschen verwandelnden Gotteswortes stehen.

Sind wir tatsächlich solche Leute, denen Jesus dies Gleichnis erzählt, damit sie das Geheimnis des Reiches Gottes nicht sehen, auch wenn sie es sehen?

Als Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus Jesus fragen lässt, ob er es sei, auf den sie warten, oder ob sie auf einen anderen warten sollten, antwortet Jesus: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

Mit anderen Worten: Jammert nicht so missvergnügt rum und gefallt euch in euren tiefschürfenden Zweifeln als Angehörige einer untergehenden Minderheit, sondern macht eure Augen und Ohren auf und seht und hört und versteht und begreift und glaubt.

Und dann sieht und hört und liest man mit neuen geschärften Sinnen, wie durch die Arbeit des NEUEN LANDES in Hannover Drogensüchtige frei werden, wie durch den Dienst christlicher Therapeuten Ehepartner sich wieder in die Augen blicken können und zusammen bleiben, wie Straßenkinder in Brasilien durch christliche Initiativen Hoffnung für ihr Leben bekommen, wie Gleichgültige die Hände falten, Traurige wieder lächeln können und innerlich Verhärtete wieder weinen.

Es ist ein Unterschied, ob man das Gleichnis Jesu so versteht, als sei leider die Ernte so schlecht und gering, weil überall Dornen, Felsen und boshaft pickende Satansvögel die Saat vernichten oder ob man das Gleichnis so hört, dass trotz dieser Widrigkeiten so unglaublich viel von der ausgebrachten Saat aufgeht und Frucht bringt und wir uns darüber freuen und dafür dankbar sind.

Christus erzählt uns doch keine Gleichnisse, um uns zum Klagen zu bringen über die Vergeblichkeit aller Mühen der Evangeliumsverkündigung. Im Gegenteil: Gehilfen zur Freude sollen wir sein und keine Totengräber gestorbener Hoffnung. Die gibt es genug, auch in der Kirche.

Der große Erweckungsprediger des 19. Jahrhunderts, Spurgeon, empfahl allen, die Seelen gewinnen wollen, Heiterkeit und sagte, wer keine Heiterkeit habe, solle lieber Totengräber werden.

Heiterkeit ist keine oberflächliche Albernheit, hat auch nichts mit dem modernen „positiven Denken" zu tun, das ein halbleeres Glas lieber als halbvoll bezeichnet und damit schnell zufrieden ist. Christliche Heiterkeit, die ansteckt und ermutigt, hat etwas mit unerschütterlichem und auch sturem Vertrauen auf die Wirkkraft des Wortes Gottes und die Gültigkeit der Verheißungen Jesu Christi zu tun.

Das ist das unerschütterliche Vertrauen und die schon sprichwörtliche Sturheit der Bauern, die jedes Jahr aufs Neue ihre Saat großzügig und flächendeckend auf einen Acker ausbringen, der nach menschlichem Ermessen wenig vertrauenserweckend scheint. Aber sie tun das im Vertrauen auf die Natur und die Güte der Saat und sind gewiss, dass am Ende eine Ernte eingebracht werden kann.

Das ist zum Schluss zum Verständnis des Gleichnisses auch von Bedeutung: Jesus führt uns einen Acker und eine langsam wachsende Saat vor der Ernte vor Augen.

Wenn die Zeit der Ernte da ist, spielen die Felsen, die Dornen und Disteln, die harten Wege keine Rolle mehr. Geerntet wird die Frucht. Mit anderen Worten: Wir leben nicht in der Erntezeit, sondern in der Zeit der wachsenden Saat. Und ohne Vertrauen auf die versprochene gute Ernte müssten wir vor den Wegen, Felsen und Dornen verzweifeln, ungeduldig werden, frustriert sein und die Flinte ins Korn werfen, bevor es überhaupt reif und vom Unkraut zu unterscheiden ist.

Aber dann hätten wir die Geheimnisse des Reiches Gottes nicht verstanden. Und Jesus sagt uns doch: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Uns ist es gegeben. Und wer Ohren hat zu hören, der höre! Amen.