Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Septuagesimae 2003)

Gerechtigkeit, die bei Gott gilt

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.
Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen
und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.
Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.
Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?
Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.
Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.
Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.
Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.
Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn
und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.
Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?
Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir.
Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?
So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. (Matthäus 20, 1-16)

Liebe Brüder und Schwestern,

Man sollte den Sonntag Septuagesimae mit seinem Evangelium von den Arbeitern im Weinberg eigentlich zum „Gewerkschafts-Sonntag" erklären. Da reiben sich doch alle Funktionäre die Hände, wenn sie das hören: Der Arbeitgeber tut den ganzen Tag nichts anderes, als in regelmäßigen Abständen zum Arbeitsamt zu marschieren und die dort wartenden Arbeitslosen in seinem Unternehmen einzustellen.

Dabei zahlt er streng nach Tarif; immerhin handelt es sich bei dem Silbergroschen um einen römischen Dinar, und das ist die Summe, die eine spätantike Familie in Israel zum einigermaßen sorgenfreien Leben für einen Tag benötigt. Aber es wird noch besser: Am Ende erhalten alle den gleichen Lohn, nämlich den vertraglich vereinbarten Dinar; und zwar unabhängig von der tatsächlichen Leistung. Kein Wunder, dass unser aller Bundeskanzler im jüngst erschienenen Magazin zum Jahr der Bibel eben dieses Gleichnis zu seinem persönlichen Favoriten erklärt und sagt, hier gehe es „um elementare Dinge wie Gerechtigkeit aber auch um Gnade" und er finde „ diese Geschichte immer wieder spannend und nachdenkenswert."

Das ist sie sicher auch, aber es kommt eben hier wie auch sonst auf das Ergebnis des Nachdenkens an.

Ein mittelständischer Unternehmer würde die Sache nämlich etwas anders sehen und sagen:

Gerechtigkeit soll wohl sein. Aber von Gerechtigkeit kann ja bei diesem Gleichnis kaum die Rede sein. Gerechtigkeit hieße: Gleicher Lohn bei gleicher Qualifikation bei gleicher Leistung. Aber was, bitteschön, hat das denn mit Gerechtigkeit zu tun, wenn einer, der ganz eindeutig nur ein Zwölftel Dinar verdient, weil er nur eine entsprechend geringe Arbeitsleistung erbracht hat, am Ende den Lohn für zwölf Stunden einstreicht?

Und vor allem: Welche Volkswirtschaft und welches Einzelunternehmen sollte nach solchen Maßstäben auch nur einen Monat überleben können? Vielleicht das Diakonische Werk aber auch das nur mit landeskirchlichen Zuschüssen.

Aber ich bin nicht die Caritas, sondern ein Unternehmer, sagt der Unternehmer und legt das Neue Testament in diesem Falle zur Seite.

Liebe Gemeinde, in den beiden frei erfundenen und etwas karikierten Meinungsäußerungen spiegeln sich zwei sehr unterschiedliche und gegensätzliche Verständnisse von „Gerechtigkeit" wieder. Die einen verstehen unter Gerechtigkeit Gleichmacherei, die anderen ein eisenhartes System, das für Einzelschicksale, menschliche Schwäche und individuelle Bewertung nur wenig Spielraum lässt.

Jesus, der uns dieses Gleichnis erzählt, redet aber überhaupt nicht von Gerechtigkeit, jedenfalls nicht von einer Sorte Gerechtigkeit, die irgendeine gesellschaftliche Fraktion für sich in Anspruch nimmt oder infolgedessen unter Berufung auf Jesus in ihre jeweiligen Programme schreiben könnte. Jesus redet vom Reich Gottes, vom Himmelreich. "Denn das Himmelreich gleicht..."

Dieses „Denn" bezieht sich auf den vorhergehenden Satz „Viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein." Und mit genau diesem Satz, der das Gleichnis einleitet, endet es auch wieder.

Um Erste und Letzte im Reich Gottes geht es also. Genauer noch: Um Erstberufene und Spätberufene und Letztberufene. Denn der Arbeitgeber des Gleichnisses beruft ja zu unterschiedlichen Zeiten Menschen in seinen Dienst.

Und das Ergebnis ist: Die Erstberufenen, die nach ihrer Tagesarbeit ihren versprochenen Lohn erhalten, sind neidisch und missgünstig, weil die Spät- und Letztberufenen denselben Betrag ausbezahlt bekommen.

Wer könnte denn ein solcher „Erstberufener" sein? Sicherlich einer der Jünger und Apostel, die von Anfang an ihrem Herrn gefolgt waren, die alles hinter sich gelassen hatten um in der Nachfolge Jesu zu leben. Habt ihr jemals Mangel gelitten? fragt Jesus seine Jünger an anderer Stelle einmal, und sie antworten: Nein Herr, niemals. Mit anderen Worten: Es fehlte ihnen in der Nachfolge Jesu zum Leben und Überleben nichts.

Und mehr noch: Sie wurden reich beschenkt durch die Gegenwart des Gottessohnes, durch seine tröstenden, heilenden Worte; sie hatten Sinn und Halt in ihrem Leben, waren Zeugen wunderbarer Machterweise. Was also soll der Neid, warum die Missgunst?

Ein ähnlich Erstberufener war auch der ältere Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der die Nase rümpft und sich darüber giftet, dass der verlorene und wiedergefundene Sohn beim Vater so eine übermäßige Freude auslöst, dass ein Kalb geschlachtet und ein Freudenfest gefeiert wurde. Er war es doch schließlich, der in der Abwesenheit des jüngeren Taugenichts den Laden geschmissen und die ganze Arbeit getan hat.

Ein zeitgenössischer Erstberufener könnte das altgediente Gemeindeglied sein, schon in 5. Generation hier ansässig und aus einer strammen altlutherischen Familie stammend. Und da tritt doch tatsächlich so ein junger Schnösel in unsere liebe Heimatkirche ein, aus Bekenntnisgründen, wie er sagt, und engagiert sich ein paar wenige Jahre und wird dann gleich als Synodaler oder Kirchenvorsteher vorgeschlagen und auch noch gewählt. Das hat man gerne. Da gäbe es doch wirklich andere, die da ältere Rechte haben! Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?

Ein Beispiel für einen Letztberufenen fällt mir ein und ich will es auch bei diesem einen Beispiel bewenden lassen: Das ist der mit Jesus gekreuzigte Verbrecher. Der weiß durchaus, was irdische Gerechtigkeit bedeutet, wenn er sagt: Wir sind zwar mit Recht in dieser Verdammnis, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber – Jesus nämlich - hat nichts Unrechtes getan. Und dann wendet er sich an Jesus und bittet ihn: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus spricht zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Da haben wir sie, die neue und völlig andere Gerechtigkeit, die bei Gott gilt. In der letzten Minute bekennt der Verbrecher sein gottloses und verpfuschtes Leben, wendet sich an Jesus, den Gekreuzigten und bittet ihn mit all seinem Vertrauen: Rette mich. Und das reicht und das gilt und das erlöst und Jesus schenkt ihm das Paradies.

Papst Pius XII. hat am 1. November 1950 das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet, das besagt: "Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden."

Maria ist sicher eine Erstberufene und ich gönne ihr ohne Wenn und Aber, dass es stimmt, was der Papst glaubt und verkündet. Aber die Heilige Schrift sagt von der Aufnahme dieser Erstberufenen in die himmlische Herrlichkeit keine Silbe. Was wäre es dagegen für ein wirklich biblisches und ungeheuer tröstliches Dogma, die Aufnahme des letztberufenen Verbrechers in das Paradies als verpflichtenden Glaubenssatz zu definieren und statt Mariä Himmelfahrt an jedem Karfreitag des „Schächers Himmelfahrt", die Aufnahme des zuletzt bekehrten Sünders in den Himmel zu feiern!

Da wären alle Eltern und Großeltern die drückende Sorge los, die sie befällt, wenn sie an ihre Kinder und Enkel denken, die so scheinbar unbeeindruckt vom Glauben an Jesus Christus leben. Da könnten wir allen alles gönnen und unseren Neid, unsere Missgunst, unser Berechnen und Messen, Vergleichen und Bewerten hinter uns lassen. Und da hätte selbst ich noch eine reelle Chance, als der Allerletzte doch noch das Heil in Jesus Christus zu erlangen.

Brüder und Schwestern: Wozu brauchen wir da ein Dogma? Es steht doch geschrieben und nichts hindert uns daran, es dem Herrn Christus einfach zu glauben, uns darüber zu freuen und daraus zu leben. Nichts anderes steht in diesem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg als die Glaubenserkenntnis: Gott ruft zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weise Menschen in seine Nachfolge und mich auch. Und er tut das, weil er will, dass alle Menschen genug zum Leben, besser noch: die Fülle des Lebens haben. Und am Ende werden auch alle, die auf ihn vertrauen, denselben Lohn erhalten, nämlich das Leben in Ewigkeit. Und ich auch. Und das alles allein aus Gnade, ‚ohn’ unser Verdienst und Würdigkeit".

Amen.