Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Rogate 2003)

Heraus aus der Enge unserer Wünsche

An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.

Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.

Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, daß ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.

An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will;

denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.(Johannes 16, 23-28+33)

Liebe Brüder und Schwestern,

„In der Welt habt ihr Angst", sagt Jesus und bezichtigt uns nicht etwa des Unglaubens, des mangelnden Vertrauens. Er, der selbst Angst hatte, der Blut schwitzte und den Vater darum bat, er möge den Kelch der Angst und des Leidens und der Gottverlassenheit an ihm vorübergehen lassen, er gesteht uns unsere Angst in der Welt und vor der Welt zu.

Schon dieses Zugeständnis aus dem Mund des Gottessohnes klingt in meinen Ohren als Evangelium. Nicht ich muß in einem übermenschlichen Gewaltakt des blinden, für diese Welt und ihre Vergänglichkeit, ihre Gefährlichkeit und Trostlosigkeit blinden Gehorsams so tun, als hätte ich keine Angst und sie „einfach" überwinden, als wäre das so einfach. Nein Christus hat die Welt überwunden und sagt uns: Seid getrost, wörtlich: Habt Mut. In eurer Angst und trotz eurer Angst.

Jede Angst, die ich nicht zulassen darf, die ich verdrängen muß, die ich mir und anderen gegenüber nicht eingestehen darf, hat mich in ihrer Gewalt und lähmt mich. Die heimliche, mich mit schlechtem Gewissen quälende Angst vor der Zukunft hindert mich daran, eine Zukunftsperspektive zu sehen, zu hoffen und zu glauben. Die Ängste, die als Folge einer verkorksten Jugend oder einer zerbrochenen Beziehung oder oft enttäuschter Erwartungen in mir stecken, machen alles eng und ausweglos, wenn ich sie nicht zugeben darf, wenn ich selbst stark sein soll und nicht weiß, wie ich das sein kann.

„Gebt mir einen Punkt außerhalb dieser Welt und ich kann die Welt aus den Angeln heben", soll Archimedes gesagt und damit die Grundlage der physikalischen Hebelgesetze definiert haben.

Bei Christus gilt nicht: Wenn du zu mir kommen willst, darfst du keine Angst haben, sondern: Weil du Angst hast, komme zu mir. Denn ich weiß, was Angst ist. Ich weiß, daß du in der Welt Angst hast. Aber ich habe die Welt überwunden. Ich bin der Punkt außerhalb dieser Welt und wer sich an mir festmacht, der hat den archimedischen Punkt, über den er die Welt aus den Angeln der Angst heben kann.

Kommt zu mir, macht euch an mir fest. Nichts anderes heißt das, als: Vertraut euch mit allem, was euch bewegt, bedrückt und beglückt dem Vater an, bittet und betet ihn in meinem Namen an. Bleibt in meinem Namen und im Vertrauen auf meine Welt-, Sünden-, Tod- und Teufelsüberwindung mit dem Vater im Gespräch, in einer festen Beziehung. Und: „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen."

Liebe Gemeinde, das sagt Jesus seinen Jüngern, wahrscheinlich im Abendmahlssaal in der Nacht, als er verraten wurde. Er sagt es denen, die eben gehört hatten: Ich gebe meinen Leib, mein Blut als Sühneopfer für eure Sünden. Er sagt es Sündern, die bisher als Sünder zu Gott, dem heiligen, allmächtigen Gott gebetet hatten.

Der Prophet Jesaja wußte: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen."

Bevor Jesaja als Prophet seine Lippen auftun und den Ruhm Gottes unter den Menschen verkündigen konnte, mußte ein Engel mit einer glühenden Kohle seinen Mund anrühren und sagen: „Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, daß deine Sünde von dir genommen werde und deine Schuld gesühnt sei."

Was dem auserwählten Einen einmal zuteil wurde, das ist durch Jesus Christus jetzt allen zuteil geworden. Im Namen Jesu Christi den Vater im Gebet zu bitten, das heißt: Als entsühnte, als begnadigte Sünder vor den heiligen Gott zu treten und im Vertrauen auf die reinigende Kraft seines Opfers wie die Kinder ihren Vater voller Vertrauen um alles zu bitten.

Wenn alle christlichen Gebete mit dem Satz enden „Das bitten wir durch Christus, unseren Herrn", dann ist das nicht etwa ein formelhaftes Signal für die Gemeinde, jetzt ihr „Amen" zu sprechen, sondern dann ist das die Grundlage, die Ermöglichung dafür, daß ich armer, sündhafter Mensch jetzt als begnadigtes Kind Gottes zu meinem Vater kommen und ihm mit allem, wirklich allem in den Ohren liegen kann.

Denn „durch Christus, meinen Herrn", „in seinem Namen", also unter Berufung auf seine Vergebung, und sonst überhaupt nicht, hört und erhört Gott mein Gebet.

Dieser Christus ist vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen und hat die Welt wieder verlassen und ist wieder zum Vater gegangen. Und ist der archimedische Punkt außerhalb dieser Welt geworden, an dem ich mich festmachen, festklammern, festhalten kann, um in seinem Namen, in seiner Kraft und Macht die Welt der Angst und der Enge aus ihren Angeln zu heben.

Brüder und Schwestern, wir brauchen aber auch die Erfahrung, daß es sich so verhält, damit wir getrost, damit wir mutig immer wieder mit allem zu Gott, dem Vater kommen können. Und unsere Erfahrung zeigt, daß längst nicht alle unsere Gebetswünsche erhört werden. Jedenfalls nicht so, daß wir durch unsere Erfahrung immer bestätigt sehen, daß sich unsere Gebetswünsche auch erfüllen.

Reicht vielleicht unsere Glaube, unser Vertrauen nicht aus? Benutzen wir die falschen Worte, mischen sich eigensüchtige Gedanken in unser Gebet, die die Wirkung beeinträchtigen?

Man hat immer wieder versucht, Patentantworten zu geben, Anweisungen zu hundertprozentig erhörungsgewissen Gebeten zu geben. Auch der Kirchenvater Augustinus hat es versucht und gesagt: Die Zusage der Gebetserhörung ist daran gebunden, daß man bei einem Gebet im Namen Jesu, der ja der Erlöser und Heiland ist, nur um Dinge bittet, die nicht im Gegensatz zum eigenen Heil stehen.

Theologisch ist das richtig und Augustinus will damit nichts anderes sagen als: Jedes Gebet soll ausgesprochen oder unausgesprochen im Blick haben: Dein Wille, Herr, nicht mein Wille geschehe. Und Gottes Wille ist immer ein guter und gnädiger Heilswille für mich.

Das kann aber auch leicht „tot-richtig" werden und unser Gebet durch Enttäuschung und Entmutigung zum Verstummen bringen. Steht es denn im Gegensatz zum Heil eines Menschen, der um Heilung eines schwerkranken Angehörigen bittet und erleben muß, daß dieser Angehörige nicht geheilt wird, sondern stirbt? Haben die Menschen, die in den letzten Wochen darum gebetet haben, daß die Welt vom Krieg verschont bleibt, im Widerspruch zu ihrem eigenen Heil gebetet, da der Krieg ja dennoch kam?

Jede Definition des „richtigen Betens" bringt die Gefahr mit sich, bedrückend, gesetzlich und trostlos zu wirken. „Definieren" heißt ja „begrenzen, eingrenzen".

Und gerade das möchte Jesus Christus nicht. Wie die Kinder in grenzenlosem Vertrauen ihren Vater um alles bitten, genau so sollen wir uns als begnadigte Kinder Gottes unserem Vater nahen.

Haben wir dieses grenzenlose Vertrauen oder haben wir nicht unsere Erwartungen an die Macht des Gebetes im Namen Jesu mächtig heruntergeschraubt? Es könnte ja daran liegen, daß wir unseren Glauben nicht aufs Spiel setzen wollen. Beten wir lieber sehr allgemein, sehr unkonkret, sehr bescheiden, dann kann es auch keine Enttäuschungen geben, dann laufen wir nicht Gefahr, unseren praxiserprobten Glauben, der nicht viel erwartet, durch die Wucht der möglichen Enttäuschungen zu verlieren.

Als selbstverliebte Menschen haben wir vor nichts solche Angst wie vor dem Gefühl enttäuscht zu werden. Darum haben wir auch eine Art Reißleine im Kopf und begeben uns in eine Beziehung, auch in die Gottes- und Christusbeziehung, am liebsten nur so weit hinein, daß es sicher scheint, daß wir auch wieder herauskommen.

In der Welt der Erfahrung, der experimentellen Beweise, der wissenschaftlichen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung haben wir Angst. Aber Christus sagt: Seid mutig und getrost. Diese Welt ist überwunden. Solche Grenzen gelten für mich nicht und bei mir nicht. Verlaßt euch darauf.

So grenzenlos mutig müßten wir im Namen Jesu Christi beten, daß wir zu einem Fürbittgottesdienst um Regen in Dürrezeiten niemals ohne Regenschirm gingen. So grenzenlos mutig müßten wir im Namen Jesu Christi um Erweckung und Gemeindewachstum beten, daß wir schon einmal für einen Anbau sammeln.

Aber wer so mutig voller Vertrauen betet, der betet nicht im Vertrauen darauf, selbst am besten zu wissen, was er braucht und bedarf, sondern darauf, daß der himmlische Vater am besten weiß, was wir brauchen und bedürfen.

Das heißt nicht, daß unsere unerfüllten Wünsche darum gottlos oder schlecht oder falsch waren. Das heißt nur, daß Gott nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt. Und diese Verheißungen lauten: Ihr werdet nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. Und: Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt.

Bleibe ich also in der Enge meiner Wünsche stecken und bekomme es mit der Angst zu tun, wenn sich diese Wünsche nicht alle und kurzfristig erfüllen, oder versuche ich, die Weite der Verheißungen Gottes bei allen meinen Wünschen im Blick zu behalten? Eines Gottes, der nichts anderes will, als daß meine Freude und mein Frieden in ihm vollkommen seien.

Gottes Verheißungen sind kein Buch mit sieben Siegeln, sondern sind uns in seinem Wort offenbart. Christliches Gebet ist auf die Dauer nicht denkbar ohne die Vertiefung in Gottes Wort.

Und darum sage ich es auch an dieser Stelle ganz deutlich, daß ich es für zu wenig halte, wenn wir nur einmal im Monat in einer kleinen Gruppe zum Bibelkreis zusammenkommen und von diesen Terminen noch ein Drittel zugunsten von Passions- und Adventsandachten ausfallen muß. Kein Gemeindefest und kein Kirchenmusikfest, kein geselliges Beisammensein und kein Ausflug kann das ersetzen.

Luther sagte, daß Gebet, Anfechtung und die Meditation des Wortes Gottes einen Theologen ausmache. Und das gilt nicht nur für Theologen, sondern für alle Christen. Alle drei Dinge gehören dabei zusammen und lassen sich nicht auseinanderreißen. Der Glaube wird durch Gottes Wort geweckt und gestärkt, mit den Zusagen und der Erkenntnis seiner Verheißungen gespeist. Er wird im Gebet lebendig erhalten und in der Anfechtung, der Enttäuschung wiederum durch das Wort geprüft und zu neuen Perspektiven geführt.

Das ist die Weite des christlichen Glaubens, zu der wir aus der angstmachenden Enge der Welt befreit sind.

In der Welt habt ihr Angst. Sprecht sie aus vor Gott, dem Vater, schreibt sie in seine Hände, daß er sie vor Augen hat, sagt sie ihm in sein Ohr, das offen ist für alle seine Menschen, jedenfalls gebt sie ihm ab für die Nacht. Morgens kannst du, was dir aufgegeben ist, wieder schultern. Und ganz oft in einem Frieden und einer gelassenen Freude, die du zur Nacht noch nicht für möglich gehalten hast. Amen.