Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Reminiszere 2003)

Das Opfer der Liebe

Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn Und er sandte noch einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie.
Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.
Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon. (Markus 12, 1-12)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Diese Tage wurde im Fernsehen ein Bericht über die chaldäisch-katholischen Christen und ihren Erzbischof Immanuel Delly im Irak ausgestrahlt. Diese Christen, also unsere Glaubensgeschwister, leben dort in den Strukturen einer menschenverachtenden Diktatur und befinden sich in einer mehrfachen Front zwischen Staat und Kirche, schiitischen und sunnitischen Moslems und in diesen Wochen und Monaten auch noch in der Front zwischen Krieg und Frieden. In dem Bericht wurde die Arbeit der Leiterin eines christlichen Waisenhauses gezeigt, einer Nonne, die ihre Mädchen buchstäblich von der Straße aufliest und ihnen im Waisenhaus ein Zuhause gibt. Mitten in Bagdad, also dem bevorzugten Ziel der Raketen und Bomben, leben diese Mädchen in relativem Frieden und haben ihr Auskommen. Sie werden christlich erzogen und hätten, wenn sie den drohenden Krieg überleben, eine vergleichsweise gute Zukunftsperspektive. Die Leiterin des Waisenhauses zeigte dem Reporter ihre Einrichtung und sagte schicksalsergeben: Wir haben hier nur die Kirche, keinen Bunker, keinen Schutzraum. Wir haben nur Gott, der uns beschützt, wenn die Bomben fallen. Und wenn alles in Schutt und Asche liegt, wenn die Infrastruktur zusammengebrochen sein wird, dann wissen wir, dass moslemische Kämpfer kommen werden, noch bevor die Amerikaner da sind und unser Haus plündern und unsere Mädchen vergewaltigen werden. Aber was sollen wir machen? Wir können nur auf Gottes und Christi Hilfe vertrauen.

An diesem Beispiel, liebe Gemeinde, wurde mir deutlicher als bei allen theoretischen Abwägungen, dass menschliche, irdische Gerechtigkeit immer im Kampf mit der Liebe liegt. Saddam Hussein mag den Tod tausendmal verdient haben, wenn es auch nur annähernd stimmt, was über ihn berichtet wird. Aber ein flächendeckender Krieg, so gerecht er aus politischen Erwägungen auch sein mag, trifft ihn zuallerletzt. Und zuerst werde ich an die Nonnen und die Kinder des christlichen Waisenhauses von Bagdad denken, wenn die ersten Bomben fallen sollten. Wer nur in den Kategorien von Recht und Gerechtigkeit denkt, kann sehr schnell zum selbstgerechten Rechthaber werden, der die Liebe vergisst.

Gerechtigkeit und Liebe – darum geht es auch in dem Gleichnis von den bösen Weingärtnern, das uns Jesus erzählt. Besser noch: Das Jesus den Hohenpriestern und Schriftgelehrten erzählt, die ihn nach seiner Vollmacht gefragt hatten, um ihn in die Falle zu locken.

Ich habe bewusst anstelle der Epistel heute die alttestamentliche Lesung gewählt, weil auch sie von einem Weinberg handelt. Jesus nimmt dieses bekannte und vertraute Bild auf. Beim Propheten Jesaja endet die Geschichte vom Rechtsbruch und von der Schlechtigkeit mit den Worten Gottes: "Ich will euch zeigen, was ich mit dem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Schlechtigkeit."

Jesus übernimmt das Bild des Propheten Jesaja, aber er baut es völlig um. Zunächst beginnt er mit dem Wiederaufbau des Weinbergs. Er erinnert seine Hörer daran, wie viel liebevolle Mühe es bedeutet, einen solchen Weinberg anzulegen. „Ein Mensch pflanzte einen Weinberg." Die Dornen und Disteln des wüst liegenden, nie beackerten Weinberges werden rausgerissen. Die zerstörte Mauer wird wieder aufgebaut und zum Schutz vor Dieben und wilden Tieren wird noch ein Wachturm errichtet. Eine Kelter wird gegraben und zeigt, dass der Weinbergbesitzer fest davon ausgeht, dass der Weinberg Furcht bringen wird und die Kelter auch gebraucht wird. Da steckt freudige Erwartung und Hoffnung und Zuversicht in diesem Bauwerk. Als alles fertig ist, schenkt der Besitzer den Pächtern sein volles Vertrauen, denen er den Weingarten übergibt. Die maßlose Enttäuschung, die aus dem Weinberglied des Propheten Jesaja spricht, ist wie weggewischt. Alles darf von vorne beginnen. Da ist ein neuer, frischer Anfang. Das Vertrauen des Besitzers zu den Pächtern ist so groß, dass er sogar außer Landes gehen kann.

Und dann wartet er auf die Ernte, auf die Früchte. Dann wartet er auf Rechtspruch und auf Gerechtigkeit, wie es bei Jesaja heißt. Gott wartet. Voller Hoffnung, Vertrauen und Liebe, wie nur die Liebe zu Vertrauen fähig ist, nicht mit dem Gewehr im Anschlag. Er wartet, dass wir in Freiheit Früchte der Gegenliebe und Treue bringen und sein Vertrauen nicht missbrauchen.

Aber die Weingärtner sind wie die Mäuse, die auf dem Tisch tanzen, wenn die Katze außer Hause ist. Wer zuerst das alttestamentliche Weinberglied gehört hat und dann das Gleichnis Jesu, muss sich unwillkürlich fragen: Hat Gott nicht genug Enttäuschungen erlebt? Ist er noch glaubwürdig, wenn sein Verwüstungswort nicht das letzte Wort über den Weinberg bleibt. Ist das klug, alles noch mal aufzubauen und dann auch noch außer Landes zu gehen? Brauchen die Menschen nicht eine Drohkulisse, um in Furcht und Zittern Rechtsspruch und Gerechtigkeit zustande zu bringen?

Gott ist im Ausland. Gott ist weit weg. Gott ist ein alter Mann mit Bart. Gott ist der liebe Gott für alle Fälle. Gott ist tot.

Wer wird sich um unseren Rechtsbruch und Schlechtigkeit kümmern? Wer wird von uns jemals Rechtsspruch und Gerechtigkeit einfordern?

Brüder und Schwestern, das sind die Gedanken des autonomen Menschen. „Auto-nom" bedeutet „eigen-gesetzlich". Wir machen uns unsere eigenen Gesetze. Das gilt schon lange nicht mehr nur für die „böse Welt", sondern das trifft auch auf uns Christen, auf Theologen und auf die Kirchen zu. Wie oft hört man den Satz: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Gott, wie ich ihn für mich erkenne, dies oder jenes zulassen oder verbieten würde. Oder: Wenn Christus heute lebte, würde er in dieser oder jener Frage bestimmt so entscheiden.

Und merkwürdigerweise schiebt man diesem Gott oder diesem Christus des eigenen Gefühls und der eigenen Ansichten dann immer seine Privatmeinung oder die Meinungen momentaner gesellschaftlicher Strömungen oder einfach der jeweiligen Mehrheit unter. Als hätte Gott nicht in seinem Wort sehr klar und deutlich gesagt, was gut und was böse, was gerecht und was ungerecht ist.

Man hört manchmal von Menschen, die in einem Wachkoma gelegen haben und dann wieder ins Leben zurückkommen, dass sie alles mitbekommen haben, was da an ihrem Krankenbett geredet wurde. Und wie furchtbar es für sie war, sich nicht äußern zu können über alle diese Meinungen und Behauptungen, die andere ihnen als ihren Wunsch und ihre Meinung unterschieben wollten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Patient noch leben will", sagt ein Arzt und der Patient muss stumm und bewegungslos zuhören, auch wenn er am liebsten schreien möchte: Ich will leben. Nicht, dass Gott mit einem Koma-Patienten vergleichbar wäre. Vergleichbar ist an diesem Beispiel nur die Bevormundung, die Unterstellung, dass ein anderer, der weit weg zu sein scheint, selbstverständlich meiner Ansicht ist.

Wäre Gottes einziger Maßstab nur die Gerechtigkeit, dann würde die Geschichte jedes Menschenlebens immer nur so enden wie die Geschichte des Weinbergs bei Jesaja. Gerechterweise würden unsere Gräber von Dornen und Disteln überwuchert.

Aber Jesus Christus lässt die Geschichte so nicht enden. Bei ihm sendet Gott einen Knecht, einen Boten nach dem anderen, immer in der Hoffnung, doch noch Rechtsspruch, doch noch Gerechtigkeit, doch noch Früchte zu finden. Aber die Pächter hören nicht auf sie und misshandeln und töten sie. Mit Gerechtigkeit im menschlichen Sinne hat dieses Verhalten Gottes nichts zu tun. Menschliche Geduld ist schnell zu Ende und fühlt sich damit im Recht.

„Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen?" hieß es in einer Tageslosung der letzten Woche, so als wäre das unvorstellbar. Aber es ist nicht unvorstellbar. Auch die Mutterliebe, gerne als Paradebeispiel für völlig selbstloses, aufopferungsvolles Lieben verwendet, auch die Mutterliebe kennt Grenzen. Nämlich die Grenzen des eigenen Ego, des eigenen Ich. „Mein Bauch gehört mir" ist nur die eine Variante. „Du bist nicht mehr mein Kind, weil du meine Erwartungen so tief enttäuscht hast" ist die andere.

Menschliche Liebe ist schnell entflammt, wenn das Objekt der Liebe sich meiner Liebe nach meinen Vorstellungen auch als wert und würdig erweist. Ich habe das nicht zu bewerten, aber es ist ganz offensichtlich, dass in der Politik genau nach diesen Maßstäben gedacht und gehandelt wird. So wird die Demokratisierung des Irak als eigentliches Ziel eines möglichen Krieges dargestellt, aber für Länder wie Saudi-Arabien, in denen von Staats wegen der christliche Glaube unterdrückt wird, wo Dieben die Hände abgehackt und Ehebrecherinnen öffentlich gesteinigt werden, ist die Demokratie offenbar kein Ziel, für das man sich unter Gefährdung des Weltfriedens und unter Inkaufnahme tausender unschuldiger Menschenopfer ins Zeug legt. Wer liebenswert ist und wer nicht – das ist, und nicht nur für Politiker, sondern für uns alle- davon abhängig, inwieweit meine eigenen Interessen von der Gegenseite bedient und berücksichtigt werden.

Gottes Liebe zu uns Menschen wendet sich an Sünder, an solche, die Gott nicht ernst nehmen und auf seine Boten nicht hören.

Und als letzten, sagt Jesus, sendet der Weinbergbesitzer noch einen, seinen geliebten Sohn.

Die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die das Gleichnis hörten, mussten jetzt aufhorchen: Was, sagte man, hatte die Stimme bei der Taufe Jesu vom Himmel gesagt? Du bist mein lieber Sohn!

Damit hatte Jesus die Antwort auf die Frage nach seiner Vollmacht gegeben. Er hatte nichts gesagt und doch alles gesagt.

Was dann folgt, ist die Voraussage seines eigenen Schicksals: Auch den geliebten Sohn des Herrn, auch den Erben werden sie nicht anhören, sondern töten und vor den Weinberg werfen. Und genauso ist es geschehen. Es sollte ein schmachvoller Tod sein, der Jesus erwartete. Im Hebräerbrief (13, 12.13) heißt es: „Deshalb hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Stadttores gelitten. So wollen wir denn zu ihm vor das Lager hinausgehen und seine Schmach tragen."

Brüder und Schwestern, unser Gott, der Vater Jesu Christi, passt nicht in das Schema weltlicher Gerechtigkeit. Er ist ganz anders, als sich Menschen das jemals ausdenken könnten. Wer er ist und wie er ist, können wir nur im Leben, Leiden und Sterben Jesu Christi erkennen. Die Gerechtigkeit Gottes erweist sich einzig und allein in der Liebe zu uns Sündern, die darin besteht, dass Christus, der Letztgesandte, sein geliebter Sohn, für uns gestorben ist, als wir noch Sünder, als wir noch gottlos und autonom waren.

Der Gott Israels und Vater Jesu Christi verwüstet im Gleichnis Jesu am Ende den Weinberg nicht, zerstört nicht aus tausendmal enttäuschter Liebe sein geliebtes Volk, sondern übergibt ihn in nicht enden wollendem Vertrauen anderen. Den Letztgesandten, den geliebten Sohn, lässt er nicht als Sieger aus einem heiligen Krieg für die Gerechtigkeit hervorgehen, sondern als Opfer der Liebe umbringen. Aber in dem Bau seiner Kirche wird dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Schlussstein.

Das ist von Gott selbst geschehen und ein Wunder vor unseren Augen. Und fragst du, wer der ist, dann ist die einzige und alle anderen ausschließende Antwort: Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein anderer Gott. Das Feld muss er behalten. Und dieses Feld ist ein blühender Weinberg der Liebe und kein zerstörtes Schlachtfeld der Gerechtigkeit, kein Gräberfeld, das von Dornen und Disteln überwuchert ist, sondern ein Erntefeld des Lebens. Amen.