Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Palmarum 2003)

Der König des Lebens

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,

nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):

»Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.

Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. (Johannes 12, 12-19)

Liebe Brüder und Schwestern,

Am 1. Adventssonntag und am Palmsonntag berichtet das Evangelium vom sogenannten Einzug Jesu in Jerusalem. Einmal in der Überlieferung des Evangelisten Matthäus, einmal in der Version des Apostels Johannes. Zweimal im Jahr also muss dieses Ereignis der christlichen Gemeinde nahe gebracht werden. Nach zwölf Jahren als Pastor predige ich heute zum 24. Mal über dieses Thema. Da ist es nicht erstaunlich, dass man bemüht ist, kleine, scheinbar nebensächliche Details näher zu betrachten, um nicht Jahr für Jahr immer dasselbe predigen zu müssen. Ein solches, außerordentlich beliebtes Détail, ist der Esel, auf dem Jesus in Jerusalem einreitet. Es wimmelt in der Predigtliteratur nur so von Eselspredigten. Der Grund dafür liegt natürlich in der Weissagung des Propheten Sacharja, der im 9. Kapitel seines Buches schreibt: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin."

Nun ist es eben nicht zu bestreiten, dass Jesus nach dem einhelligen Zeugnis aller Evangelisten auf einem Esel ritt. Rückblickend deuten alle diese Tatsache als klaren Beweis dafür, dass Jesus der verheißene Messias sein muss. Kein Wunder also, dass das ganze Volk, das sich da zum Passahfest in Jerusalem eingefunden hatte, angesichts solcher Messias-Belege scharenweise sammelte, um diesen König von Israel zu begrüßen und zu bejubeln.

Der jüdische Theologe David Flusser kommentiert die christliche Eselseuphorie ganz trocken mit dem Satz: „Juden ritten nur auf Eseln."

Liebe Gemeinde, da hat er Recht. In der Woche vor dem Passahfest kamen täglich unzählige Pilgergruppen aus dem ganzen Land nach Jerusalem. Oft waren es Rabbiner mit einer Jüngergruppe, immer ritten sie auf Eseln. Die Jerusalemer hätten am Tage des Einzuges Jesu aus 150 Eselsreitern irgendeinen auswählen können, um ihn als Messias zu begrüßen. Tun sie aber nicht. Denn der Esel ist ihnen vollkommen egal. Und um diesen Kalauer nun auch noch unterzubringen: Reiten wir also heute mal nicht auf dem Esel herum, sondern fragen uns vielmehr, warum die Menschen ausgerechnet Jesus entgegenzogen. Genau genommen oder genau hingehört, zog Jesus nämlich nicht in Jerusalem ein und wurde dort bejubelt, sondern er wurde bereits vor den Toren von der Menge eingeholt, begrüßt und in Empfang genommen. Es hatte sich nämlich herum gesprochen, dass Jesus zum Fest kommen würde. Und das Interessante und Aufregende aus der Sicht der Jerusalemer bestand darin, dass es von diesem Jesus hieß, er habe einen Toten auferweckt. Und zwar, nachdem dieser Tote bereits vier Tage tot und in riechbare Verwesung übergegangen war. Die Rede ist von Lazarus, dem Bruder von Maria und Martha aus Betanien.

Liebe Gemeinde, man hört ja immer wieder die Behauptung, die wahrscheinlich einer vom anderen abschreibt, Totenauferweckungen seien zur Zeit Jesu geradezu an der Tagesordnung gewesen. So, als hätte die „Jerusalemer Allgemeine" über die täglichen Totenerweckungen des Vortages gerade mal auf der letzten Seite unter „Vermischtes" berichtet. Das ist natürlich an den Haaren herbeigezogen. Die Auferweckung des Lazarus, vor allem vier Tage nach dessen Tod, war ein ganz außerordentliches Ereignis, alle andere als alltäglich. Es mag schon sein, dass ab und zu das Gerücht die Runde machte, da habe ein Wunderrabbi eine Totenerweckung vollbracht. Man darf dabei nicht vergessen, dass es damals nicht die heutigen Methoden zur Todesfeststellung gab. Da wurde schnell jemand für tot erklärt, der z.B. nach einem epileptischen oder Herz-Kreislaufanfall in tiefe Bewusstlosigkeit fiel. Man wusste auch nichts von den Symptomen des Koma. Aber einen bereits verwesenden Toten nach vier Tagen wieder ins Leben zu rufen, das war denn doch außergewöhnlich.

Johannes vermerkt zum Schluss seines Berichtes darüber ausdrücklich: "Viele nun von den Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn." Danach beschließen die Hohenpriester den Tod Jesu mit der Begründung „dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute." Jesus ist daraufhin zu Gast im Haus des Lazarus und Maria salbt ihm bei dieser Gelegenheit die Füße mit kostbarem Nardenöl. Und Johannes kommentiert: „Da erfuhr eine große Menge der Juden, dass er dort war, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern um auch Lazarus zu sehen, den er von den Toten erweckt hatte. Aber die Hohenpriester beschlossen, auch Lazarus zu töten, denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus."

Brüder und Schwestern, das ist es also, was die Menschen so für Jesus einnahm und sie bewog, ihm einen triumphalen Empfang in Jerusalem zu bereiten. Aber was war es dann eigentlich? Es war das Staunen, die begeisterte Hoffnung auf einen, der Macht über den Tod hat. Der Tod, und das gilt bis heute, wird im allgemeinen als die einzige Macht angesehen und gefürchtet, vor der auch die größte irdische Macht irgendwann kapitulieren muss. Alles, was in diesem Leben gut, lebenswert, sinnvoll, groß, prächtig, angenehm ist, alles wird im Tod und durch den Tod ein Ende finden und dadurch ganz grundsätzlich in Frage gestellt. Wenn es mir gut geht, kann ich diese Gedanken beiseite schieben. Geht es mir aber schlecht, drängt sie sich unweigerlich auf: Was soll das alles, wenn es doch mit dem Tod aus ist? Wozu das Ganze, wenn es jetzt schon klar ist, dass alle Mühen am Ende vergeblich sind?

Es war durchaus nicht nur billige Neugierde und Sensationslust, die die Menschen zur Einholung Jesu vor die Tore Jerusalems trieb. Es war die tiefe menschliche Sehnsucht nach Leben, nach bleibendem, sinnvollem Leben, nach Ewigkeit. Es war sicher auch die Frage, wie dieser Rabbiner, der Tote auferweckt, wohl mit der Bedrohung umgehen würde, unter der das Volk Israel damals litt: Mit den römischen Besatzern, mit den korrupten römischen Vasallen in der Gestalt eines Herodes, mit den Kollaborateuren, wie den Zöllnern, die rücksichtslos in die eigene Tasche wirtschafteten und das eigene Volk ausbeuteten. Da ist nun einer, der Macht über den Tod hat, über die größte und letzte Bedrohung schlechthin. Wie wird er sich in Jerusalem, dem Zentrum der politischen und religiösen Macht wohl verhalten?

Die Menschen sehnten sich nach einem König des Lebens, einem, der ihnen Erlösung und Freiheit von den Bedrohungen und Einengungen, den Begrenzungen und zerstörenden Gewalten des Lebens bringt. Darin waren sich alle einig, ganz gleich, ob sie sich darunter einen politischen Messias oder einen geistlichen Guru oder einen Wundertäter vorstellten. Es war ja noch nicht lange her, da wollten sie Jesus auch schon zu ihrem König machen, als der mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen 5000 Mann satt gemacht hatte. Jesus konnte sich dieser Krönung zum Brotkönig nur durch Flucht entziehen.

Man wird schnell gekrönt auf dieser Welt, wenn man den Menschen in irgendeinem Bereich ihres bedrohten Lebens Erleichterung und dadurch mehr Lebensqualität zu geben verspricht oder auch zu geben hat. Man hat Angst vor Krieg, da sagt einer „mit mir nicht" und ist der König der Moral. Man hat Angst vor Terror, da sagt einer „mit mir wird es keinen Terror mehr geben" und ist bei den Menschen der König der Tapferkeit. Man hat Angst vor Langeweile und sehnt sich nach großen Gefühlen, da sagt einer „Ich bin der Superstar und liebe euch alle" und ist der König der Herzen. Man hat Angst vor Krankheit und Behinderung, da sagt einer „Ich kann die Gene manipulieren und gesunde Menschen garantieren" und ist der König des Fortschritts. Aber Ende ihrer Regierungszeit steht immer der Tod und die Kronen der Könige dieser Welt rollen in den Staub, von dem wir genommen sind und zu dem wir wieder werden.

Jesus stellt alles auf den Kopf. Ein König ist er, dem kurz zuvor nicht das Haupt, sondern die Füße gesalbt wurden. Ein König, der nicht in das Zentrum der Macht kommt, um den Menschen den Kopf zu waschen, sondern der in die Knie geht, um ihnen die Füße zu waschen. Ein König, der zwar seine Macht über den Tod unter Beweis gestellt hat, aber selbst in den Tod geht, um dem Leben zum Sieg zu verhelfen.

„Das verstanden seine Jünger zuerst nicht", schreibt der Evangelist Johannes; „doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies alles von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte." Da wurde auf einmal selbst der Esel zum Symbol seines Friedenskönigtums. Als Jesus verherrlicht, als er auferstanden war, als die Jünger aus dem Mund des Engels und des Auferstandenen das österliche „fürchtet euch nicht" gehört hatten, weil die Urfurcht der Menschen vor dem Tod keinen Grund mehr hatte, da verstanden sie, wovon der Prophet Sacharja geschrieben hatte. Es fällt bei genauem Hinsehen auf, dass Johannes den Vers aus Sacharja 9 nicht wörtlich zitiert. Dort hieß es: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!"

Johannes macht daraus, obwohl er sagt, „wie geschrieben steht": <Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! > Die Freude am Leben hat durch die Auferstehung Jesu einen Grund erhalten. Das Leben selbst hat in Jesus Christus und der Erlösung, die er durch seinen Tod der Welt geschaffen hat, einen Grund erhalten. Und aller Grund zur Furcht vor der größten Bedrohung des Lebens, nämlich dem Tod, ist gewichen.

Das verstanden seine Jünger zuerst nicht.

Aber für uns ist das schon Wirklichkeit. Wir gehen mit Jesus Christus hinauf nach Jerusalem und wissen bereits, dass dieser Weg erst im himmlischen Jerusalem enden wird.

Die Auferweckung des Lazarus war ein großes Wunder. Aber es war ein endliches, ein zeitliches Wunder. Lazarus würde wieder den irdischen Tod sterben müssen. Aber auch er würde in seinen letzten Stunden das „fürchte dich nicht!" des Auferstandenen im Ohr haben und ihn bitten: Mach endlich alles neu! Amen.