Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Lätare 2003)

In die Welt gesandte Gemeinde

Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel,
damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt,
dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens, mir zum Ruhm an dem Tage Christi, so dass ich nicht vergeblich gelaufen bin noch vergeblich gearbeitet habe. (Philipper 2,14-16)

Liebe Beichtgemeinde,

beim ersten Vorbereitungstreffen zur diesjährigen Kinderbibelwoche am vergangenen Dienstag sagte eine der Teilnehmerinnen, es sei für sie eine ganz beglückende Erfahrung, dass bei der Vorbereitung und bei der Durchführung der Kinderbibelwochen alles, was sonst in Kirche und Gemeinden eine so hemmende, problematische Rolle spiele, nicht im Blick sei. Hier gehe es wirklich nur um die Kinder und um das Evangelium, das wir ihnen nahe bringen wollen.

Diese Mitarbeiterin hat ein wahres Wort gesprochen. Und eigentlich ist es traurig, an einem solchen wahren Wort erkennen zu müssen, wie wenig es in Kirche und Gemeinden häufig um das Eigentliche, um das Zentrum, um die Sache, um die Menschen und um Christus und sein Wort geht. Da zerstreiten wir uns über Kleinigkeiten, vergeuden unsere Phantasie und Kraft damit, die Kräfte- und Machtverhältnisse innerhalb einer Gemeinde abzuwägen und zu berücksichtigen, damit sich niemand übergangen und auf den Schlips getreten fühlen kann; da zerreiben wir uns über theologische Spitzfindigkeiten, die überhaupt keinen Bezug zum alltäglichen Leben unserer Gemeinden haben, treffen uns als Bedenkenträger zu Sitzungen und Versammlungen, in denen nichts anderes geschieht, als Bedenken zu tragen. Alles erscheint immer „irgendwie problematisch". Und es gehört schon fast zum guten Ton, auch die problematische Seite anzusprechen und nur ja keinen Tagesordnungspunkt einfach nur fröhlich abzuhaken, ohne zunächst das Für und Wider in kritischem Bedenken abgewogen zu haben. Liebe Beichtgemeinde, auch wenn ich zugegebenermaßen etwas überzeichne: Auf die Kirche als Ganze bezogen stimmt diese Analyse und für viele Gemeinden trifft sie auch sehr generell zu.

Ganz praktisch gefragt: Was machen wir eigentlich im Mitarbeiterkreis der Kinderbibelwoche anders, als wir es sonst häufig genug tun? Das Geheimnis ist schnell gelüftet: Wir haben ein gemeinsames Ziel, nämlich Kindern das Evangelium als wichtigsten und größten Schatz ihres Lebens zu vermitteln. Dieses gemeinsame Ziel bestimmt alles. Wir stellen nicht unsere eigenen Vorlieben, Meinungen und Ansichten, unsere Traditionen und Gebräuche in den Mittelpunkt. Wir hören aufeinander, versuchen, das Begeisterte und Begeisternde aus den Worten der anderen zu verstehen und positiv zu beurteilen, weil wir davon ausgehen, dass jede geäußerte Idee dem gemeinsamen Ziel und nicht der Selbstbeweihräucherung einer Person dienen soll. Wir verzichten darauf, jeden Vorschlag mit Bedenken und Zweifeln zu problematisieren, lassen uns auf ungewohnte, zunächst vielleicht etwas abseitig scheinende Gedanken erst einmal ein. Wir haben nämlich alle erkannt und sind nur deshalb in diesem Vorbereitungskreis, dass es dem Willen Jesu Christi entspricht, dass die Kinder zu ihm kommen sollen und durch ihn gesegnet werden. Wir sind nicht dazu da, die Kinder daran zu hindern, sondern ihnen Zugang zu gewähren.

Eigentlich tun wir damit nichts anderes, auf ein paar Tage des Jahres und auf einen kleinen Ausschnitt der Menschen bezogen, als das, was jede christliche Gemeinde das ganze Jahr über und auf alle Menschen, alle Generationen und Gesellschaftsgruppen tun und im Blick haben sollte. Das ist der einzige Grund, warum es unsere Gemeinde gibt: Weil sie das Licht des Evangeliums, weil sie Christus den Menschen bezeugen soll. Dieser einzige Existenzgrund und diese einzige Existenzberechtigung jeder Ortsgemeinde und der Kirche als Ganzer gerät leider immer wieder aus dem Blick.

Die Ursache dafür ist eine geistliche. Und der Apostel Paulus beschreibt dieses geistliche Krankheits-Phänomen mit den Begriffen „Murren und Zweifeln", wörtlich: ‚Bedenken.’

In der Gemeinde soll der Wille Gottes für hier und heute und jetzt so klar erkannt werden, dass das Gehorchen ohne Bedenken in voller Gewissheit erfolgen kann. Bedenken hemmen und lähmen. Die mürrischen Bedenken zeigen immer, dass ich in meinen Entscheidungen bei mir selbst bleibe und nicht der klaren Führung Gottes vertraue. Murren ist immer rückwärtsgewandtes Misstrauen, wie die Berichte über die Wüstenwanderung Israels deutlich zeigen. Israel war durch Gottes gnädige Hand aus Ägypten erlöst und herausgeführt worden, aber das Murren, das rückwärtsgewandte „was wäre wenn" begann schon sehr bald. Da zeigte sich nämlich, dass viele Israeliten nicht dem Wort und den Verheißungen Gottes vertraut hatten, sondern ihre Hoffnungen auf ihre Erwartungen und Wunschbilder und Zukunfts-Illusionen gesetzt hatten. Und als sich zeigte, dass der Weg ins gelobte Land ganz anders aussah und kein Spaziergang würde, da wurde gemurrt, da wurden Bedenken und Zweifel laut, da war es aus mit dem fröhlichen Vertrauen und Gehorsam.

Murren ist der eigentliche Gegensatz zum Glauben und verhindert die Erfüllung des göttlichen Heilsplanes, so dass die Erretteten doch nicht zur Ruhe in das Land der Verheißung kommen. Das gilt für die Kirche, für eine Ortsgemeinde aber auch für mich selbst. Natürlich habe ich Vorstellungen und Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen für mein Leben und seinen Verlauf. Aber es ist die Frage, woran sich solche Erwartungen orientieren, welches die Grundlagen und Fundamente dieser Erwartungen sind.

Wir sollen strahlen wie die Sterne im Weltall, oder, wie es in Luthers Übersetzung heißt: scheinen als Lichter in der Welt; und zwar dadurch, dass wir festhalten am Wort des Lebens.

Wenn wir bei diesem Begriff „Wort des Lebens" sofort an die Bibel denken, dann ist das nicht falsch, aber viel zu wenig. In den Gemeinden, denen Paulus schrieb, hatten die Menschen nicht jeder seine Bibel im Haus. Das Neue Testament gab es in dieser Form noch gar nicht und das Alte Testament existierte schriftlich in großen Rollen, die in den Lehrhäusern, den Synagogen als Einzelexemplare auch nur wenigen zugänglich waren. Das Wort des Lebens ist das verkündigte, das gepredigte, persönlich bezeugte, lebendige Wort. So wie es von Maria heißt: Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Wenn das Herz so voll ist vom Evangelium und uns so bewegt, dann geht der Mund davon über, dann wollen wir’s auch anderen weitergeben und können’s nicht für uns behalten. Diese Bewegung aber verdrängt alles zweifelnde Murren, lässt die Bedenken und das skeptische Hinterfragen verstummen. Da gibt es ein Ziel und eine Aufgabe und einen Auftrag. Und darin liegt der ganze Sinn und dem hat alles zu dienen. Und wenn einer Gemeinde das klar geworden ist, dann versteht sie sich auch als in die Welt gesandte Gemeinde, dann erkennen alle ihren Anteil und ihre Bedeutung an diesem gemeinsamen Dienst. Dann wird man sich nicht mehr darüber streiten, ob die Blumen im Vorgarten der Kirche links oder rechts gepflanzt werden sollen, ob das SELK-Logo grün oder violett, modern oder traditionell ist oder was sonst in Kirche und Gemeinde an Nebensächlichkeiten den Blick für das eigentliche und einzige Ziel der Evangeliumsverkündigung verstellt.

Damit das klar ist: Weil es in der Kirche so wesentlich und ausschließlich um die Verkündigung des Wortes des Lebens geht, ist in Bezug darauf auch kritische Wachsamkeit unbedingt erforderlich. Denn als Sterne im Weltall leuchten wir nicht aus uns selbst, wie auch die wirklichen Sterne nicht aus sich selbst heraus leuchten, sondern nur das Licht der Sonne reflektieren. Dieses Leuchten in der Dunkelheit der Welt erfordert darum auch das Festhalten am Wort des Lebens, an Christus, der Gnadensonne. Und wo dieses Wort bezweifelt, verkürzt oder verändert wird, da sind Kritik und Widerstand absolut zwingend nötig. Aber nicht am Wort des Lebens, sondern an denen, die sich an ihm vergreifen.

Lasst uns darum immer dann, wenn wir innerlich dazu gereizt werden, „Nein" oder „Ja, aber" zu sagen, wenn wir mürrisch murren wollen, weil es nicht nach unserem Kopf geht, lasst uns darum, bevor wir etwas sagen oder uns beleidigt zurückziehen darüber nachdenken, ob unser Widerstand nötige kritische Wachsamkeit zur Bewahrung des Wortes des Lebens ist und darum nicht unterdrückt werden darf oder ob es nur unsere Eitelkeit, unser Geltungsdrang und unsere kindische Wichtigtuerei ist.

Wir werden dann merken, wie viel Freude es macht, welchen Frieden es bringt, wie viel Erfüllung und Kraft wir auch als Gemeinde finden werden, wenn wir hier einen Schritt weiterkommen.

Amen.