Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Lätare 2003)

Gottes Geschichte mit mir

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben liebhat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. (Joh 12, 20-26)

Liebe Brüder und Schwestern,

Mit Leiden umzugehen, gerade auch mit dem eigenen, gehört wahrscheinlich zu den größten Herausforderungen eines Lebens. Leiden muss nicht immer eine äußere Katastrophe bedeuten. Leiden ist sehr subjektiv und das, worunter der eine zutiefst leidet, mag einen anderen kaum berühren. Lebenssituationen, die von Leiden geprägt sind, sind oft auch die Situationen, in denen Menschen sehr grundsätzlich nach dem Sinn des Lebens und nach Gott fragen. Und man darf sich da nicht täuschen: Dieses Fragen und Suchen endet mindestens genauso häufig mit einer klaren Absage an alle Sinngebungs-Theorien, an alle Religion und an Gott, wie es zu einer neuen, vertieften Beziehung dazu führen kann.

Vielleicht leben wir heute in einer Zeit, in der viele Menschen besonders schlecht mit Leiden umgehen können, weil sie schon so lange vor äußerem Leid wie Krieg, Hunger, Seuchen und Gewaltherrschaft verschont geblieben sind. Und darum gibt es schon seit langem eine Tendenz zur Leidvermeidung. Die Bereitschaft, Leiden auch nur in geringem Ausmaß in Kauf zu nehmen, ist sehr niedrig in unseren Breiten. Gegen Frust gibt es keine Toleranz. Und sobald sich dann im Leben irgend etwas unseren Wünschen und Vorstellungen in den Weg stellt und wir erkennen müssen, dass wir es nicht selbst in der Hand haben, diese Hürden und Barrikaden aus dem Weg zu räumen, kommt es zur äußeren oder inneren Rebellion, zum Zusammenbruch, zur Verzweiflung, zu Klage und Anklage und Depression.

Wir sind so sehr von der Vorstellung geprägt, unser Leben selbst in der Hand zu haben, dass uns das Leben nicht mehr sinnvoll und lebenswert erscheint, wenn sich unsere Vorstellungen einmal nicht selbstbestimmt und richtungsweisend umsetzen lassen.

Das, was sich da zwischen unsere Vorstellungen und die leidvolle Wirklichkeit schiebt, lässt sich scheinbar nicht mit unserem Leben vereinbaren, soll nicht dazu gehören und ist doch längst ein Bestandteil davon geworden.

Und was machen wir, wenn unsere Lebensphasen kein Happy End à la Hollywood haben, wenn sich unsere Ansprüche an das Leben nicht verwirklichen lassen, unser Wunsch nach Spaß bis zum Abwinken unerfüllt bleibt? Wir werden unzufrieden, neidisch auf die, denen es wirklich oder scheinbar besser geht als uns, werden zu unleidlichen, nörgelnden, alles kritisierenden, aggressiven und unzufriedenen Menschen. Oder wir trösten uns selbst mit schnellen Tröstern, benebeln unsere Wahrnehmungsfähigkeit um zu verdrängen, was wir nicht in unser Leben einbauen können und wollen.

Liebe Gemeinde, die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Leidens beschäftigt auch die Religionen. Die Antworten fallen völlig unterschiedlich aus. Es gibt religiöse Antworten, z.B. die des Buddhismus, die gar nicht auf den Sinn des Leidens eingehen, sondern als erklärtes Ziel lediglich die Überwindung des Leidens, durch Auflösung des eigenen Ich ansehen. Mit anderen Worten: Leiden ist prinzipiell böse und schlecht. Nicht Annahme des Leidens, sondern seine Überwindung ist das Ziel.

Im heutigen Evangelium erleben wir Jesus in einer entscheidenden Situation. Entscheidend deshalb, weil sich ihm hier eine Chance bietet, das drohende Leiden, von dem er wusste und das er schon mehrfach angedeutet und angekündigt hatte, doch noch zu vermeiden. Bei seinem Einzug in Jerusalem hatten ihm die Menschen zugejubelt, ihn für den Messias gehalten. Die Feinde Jesu waren frustriert, als sie feststellten, dass es für sie gefährlich werden könnte, Hand an ihn zu legen: „Die Pharisäer sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach." So heißt es unmittelbar vor unserem Predigtabschnitt.

Und dann kommen auch noch Griechen und wollen Jesus sehen. So also sollte nun unter Beweis gestellt werden, dass wirklich „alle Welt" ihm nachläuft. Diese Griechen würden nach dem Passahfest wieder zurück in ihre Heimat fahren und Missionare der Sache Jesu sein. Und sie würden ihn während des Festes als starke Koalitionspartner vor dem Zugriff der Religionsführer schützen können, die einen Aufstand unter allen Umständen verhindern wollen. War das der entscheidende Durchbruch? Hat Jesus hier die Chance, seine weltweite Mission triumphal zu beginnen oder fortzusetzen?

Die Vertreter der Religionsbehörden, die Schriftgelehrten und Pharisäer, das musste Jesus klar sein, hatten nichts anderes im Sinn, als ihn möglichst schnell, möglichst unauffällig und nachhaltig aus dem Verkehr zu ziehen und unschädlich zu machen. Da drohte eindeutig Leid.

Wenn man so möchte, sind diese Griechen, die sich über die griechischsprechenden Jünger Philippus und Andreas an Jesus wenden, eine Versuchung, dem Leiden zu entgehen. Es fällt schon auf, dass diese Griechen nur einmal zu Beginn erwähnt werden und dann keine Rolle mehr spielen. Es kommt gar nicht zu der Begegnung mit ihnen. Sehen können sie Jesus, wie jeder andere auch - von weitem. Aber das, was sie offensichtlich eigentlich wollen, ihn kennen lernen, mit ihm ins Gespräch kommen, das lässt Jesus gar nicht erst zu.

Er wendet sich an Philippus und Andreas, also an die beiden Jünger, die begeistert die Chance wittern und Jesus gerne mit diesen Griechen bekannt machen würden.

Und das erste, was er ihnen sagt, klingt durchaus noch so, als sollte sich jetzt das Blatt zum Positiven, zum Sieg, zum Durchbruch wenden: „Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde."

Aber dann die Erläuterung: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht."

Man könnte das, was Jesus da sagt, als Naturgesetz verstehen: Es muss so sein, dass der Verherrlichung, der Frucht, das Sterben vorausgeht. Um Neues zu gewinnen, muss Altes losgelassen werden. Wer sich an den alten Sicherheiten festklammert, wird einsam und allein mit ihnen zugrunde gehen. Nur wer der neuen Gewissheit vertraut, wer sich von seinen eigenen Vorstellungen verabschieden kann, wer den Wunsch, immer und jederzeit Herr seines Lebens zu sein, ablegen kann, wird einen Frieden finden, der mehr ist als sterile Leidlosigkeit; einen Frieden, in dem das ganze Leben mit tiefem Sinn erfüllt ist und auch und gerade das Leid als Schlüssel dazu erkannt werden kann.

Liebe Brüder und Schwestern, was ich wirklich glaube, ist Folgendes: Wenn Gott uns in ein Leben größerer Fülle hineinführen will – und das will er! – geht das üblicherweise nicht immer geradlinig, sanft bergauf, sondern es geht durch Brüche, durch Zerbrüche hindurch. Er bringt uns in Notsituationen, er stürzt uns in Krisen. Er lässt uns Dinge erleben, die wir noch gar nicht vereinbaren können mit dem, was wir bisher mit Gott erlebt haben oder was wir von Gott gehört haben oder von ihm nach unseren Vorstellungen erwarten. Er kann uns regelrecht bedrängen und – so erleben wir es jedenfalls - bedrohen, unser Leben eng machen. Und wir sagen dann: „Herr, was soll das? Wie lange noch? Ich verstehe das nicht." Aber auch, wenn das vielleicht hart oder sogar zynisch klingt: Gott liebt uns vielleicht nie so praktisch und erfahrbar wie in diesen Zeiten, in denen er in unser Leben eingreift und uns schwierigste Dinge durchleben lässt. Das sind Zeiten, in denen Gott uns auf etwas Neues vorbereitet, uns deutlich macht, dass unsere Grenzen nicht seine Grenzen sind, unsere Beengung nicht seine Beengung. Das sind Zeiten, die wir nicht umgehen und vermeiden können, sondern annehmen und durchleben müssen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir uns etwa nach Leid sehnen sollten. Die Sehnsucht nach Leid, die gibt es durchaus, ist etwas Ungesundes. Die entscheidende Frage ist die nach dem Umgang mit dem Leid, wenn es uns trifft. Das sind die Zeiten, in denen Gott an uns arbeitet.

Liebe Gemeinde, Jesus führt das Beispiel vom Weizenkorn noch weiter aus und sagt: „Wer seine Seele lieb hat, der wird sie verlieren; und wer seine Seele auf dieser Welt hasst, der wird sie erhalten zum ewigen Leben."

Dieses Liebhaben und Hassen beschreibt keine Gefühle, sondern legt eine Reihenfolge fest: Wer sich an seine Vorstellungen von einem leidlosen, spaßigen Leben klammert, der wird daran scheitern; aber wer sich dem anvertraut, der sich selbst ganz und gar dem Vater anvertraut und ausgeliefert hat, der wird Frieden finden und in dieser Gemeinschaft mit Christus nicht mehr allein sein.

Das ist eine ganz andere Sicht- und Verstehensweise als etwa die des Buddhismus: Leid ist nicht böse und schlecht und lebensbedrohend an sich, so dass man es nur vermeiden oder am besten ganz überwinden sollte, indem man das eigene Ich auslöscht. Leiden ist ein Bestandteil des Lebens und kann in der Gewissheit angenommen werden, dass darin die Möglichkeit, ja geradezu die Ermöglichung eines gelingenden und am Ende gelungenen Lebens liegt. Ich werde erst zum Ich, indem ich auch das Leiden annehme und mein ganzes Leben mit allen Höhen und Tiefen aus vollem Herzen als mein Leben akzeptiere und erkenne.

Das Symbol des christlichen Glaubens ist das Kreuz. Ein Zeichen unendlichen Leidens aber zugleich die Ursache unendlicher Freude.

Der, der am Kreuz dem Willen Gottes, des Vaters vollkommen ergeben und gehorsam war, hat dadurch nicht nur sein eigenes Leiden, sondern das der ganzen Welt ertragen, auf sich genommen und angenommen. Er hat es für sich und für alle, die an ihn glauben und ihm sein Leben anvertrauen, mit heiligem Sinn erfüllt und so überwunden.

Liebe Gemeinde, Jürgen Werth ist ein christlicher Sänger und Journalist des Evangeliumsrundfunks, der in seiner Biographie „Das Leben ist eine schöne Erfindung" erzählt, wie stark die Alkoholabhängigkeit seines Vaters seine Kindheit überschattet hat. Er schreibt: „Wie oft habe ich mir eine andere Geschichte gewünscht: weniger Verletzungen, weniger Verwundungen. Wie oft habe ich mir gewünscht, weniger Narben auf der Seele zu tragen. Aber ich bin meine Geschichte. Ich bin der Weg, den Gott mit mir geht. Diesen Weg darf ich annehmen. Ich muss es sogar, wenn ich Frieden finden will mit mir selbst, mit anderen Menschen und letztlich auch mit Gott. (...) Diese Geschichte hat mein Bild von Gott geprägt. Ich habe die unendliche Geduld Gottes kennen gelernt und hautnah erfahren, dass er wirklich auch auf krummen Linien gerade schreibt, dass seine Liebe immer größer ist, als unser Versagen. Ich glaube, dass diese Geschichte mich zu einem Menschen gemacht hat, der sich in die Schuhe eines anderen Menschen stellen kann."

Brüder und Schwestern, sich eine „andere Geschichte" zu wünschen heißt, am Leben seiner eigenen Vorstellungen festhalten und an der Erkenntnis zu verzweifeln, dass Wunsch und Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben. Meine Geschichte als Gottes Geschichte mit mir anzunehmen heißt, Christus als den Herrn meines Lebens anzunehmen und Frieden zu finden. Amen.