Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Jubilate 2003)

Trockenbeerenauslese und Eiswein

Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

(Johannes 15,1-8)

Liebe Brüder und Schwestern,

116 Jahre ist es her, seit die Bethlehemskirche an dieser Stelle erbaut und geweiht wurde. Verglichen mit den 500 Jahren, in denen es die Lutherische Kirche gibt, erst recht mit den 2000 Jahren, in denen es die christliche Kirche gibt, ist das keine lange Zeit. Vielleicht sind heute sogar einige unter uns, deren Urgroßeltern oder Großeltern noch selbst zur Gründer- und Erbauergeneration unserer Kirche gehörten.

Damals wurden diese lutherischen Christen die „Separierten" genannt, weil sie sich, so sahen und sagten es jedenfalls die Lutheraner in der Landeskirche, von der traditionellen Volkskirche separiert hätten. Die ersten Glieder der Bethlehemsgemeinde sahen das freilich ganz anders: Für sie ging es nicht um eigene und andere separate Wege, sondern –im Gegenteil-: Um das Bleiben, das Festhalten, das Bewahren des Bewährten. Sie blickten dabei nicht auf Zahlen und Mehrheiten, nicht auf Quantitäten, sondern auf Qualitäten. Nicht sie verstanden sich als Separatisten, sondern sie sahen die Landeskirche als separatistisch an, als eine Kirche, die sich von der alten lutherischen Kirche separiert hatte, indem sie beispielsweise den Kleinen Katechismus Luthers in Schule und kirchlichem Unterricht abgeschafft hatte oder indem sie ein neues Ehe- und Trauverständnis eingeführt hatte.

Sie trennten sich von der Organisation der Landeskirche, um bei der Lutherischen Kirche zu bleiben. Nicht von ungefähr schrieben sie wohl auch deshalb über das Eingangsportal der Bethlehemskirche den Vers Joh 8, 31: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen."

Man ist geneigt, den Begriff „Wahrheit" hier in den Mittelpunkt zu rücken, nach dem Motto: „Wir haben die Wahrheit". Tatsächlich aber ist „Wahrheit" in diesem Vers nur ein Durchgangsbegriff zwischen „Bleiben" und „Freiheit". Das „Bleiben", wenn auch das Bleiben am Wort, am Wort der Wahrheit des Evangeliums, ist die Voraussetzung für die Freiheit. Aber der Schwerpunkt liegt auf dem „Bleiben".

Und dabei geht es nicht vorrangig um das Festhalten an irgendwelchen Dogmen oder Traditionen, nicht um einzelne „Wahrheiten", sondern um das Bleiben in dem, der von sich gesagt hat: Ich bin die Wahrheit - also, um das Bleiben in Christus.

Damit sind wir mitten im heutigen Evangelium. Hier sagt Jesus Christus: „Bleibt in mir und ich in euch." Er vergleicht die Kirche mit einem Weinstock, zu dem sich die getauften Christen verhalten wie Reben.

Bleiben – das klingt passiv und einfach. Wer bleibt, der muss nichts tun. Der will nichts Neues, keine Veränderung, keinen Fortschritt. Tatsächlich aber ist das Bleiben eine gewaltige Lebensaufgabe, an der gerade wir moderne Menschen schnell scheitern.

Im Griechischen hat der Begriff „bleiben" eine vielfältige Bedeutung: „Eine Bleibe haben, wohnen, geborgen sein, Heimat haben, standhalten, aushalten, sich nicht beirren lassen."

Ihr merkt, dass „bleiben" alles andere als passiv ist, sondern die immer wieder zu treffende Entscheidung voraussetzt, nicht wegzulaufen, nicht die Geduld zu verlieren, nicht das Handtuch zu werfen, die Hoffnung nicht aufzugeben, sich nicht von allem Neuen und allem Fremden reizen und verleiten zu lassen, nicht in ständiger Unzufriedenheit dauernd auf der Lauer nach Alternativen, nach vermeintlich Besserem zu liegen, nicht zu denken, mir werde das wirkliche Leben noch vorenthalten.

Das ist leicht gesagt und schwer umgesetzt.

Vor kurzem war zu lesen, dass ein großes sozialpsychologisches Experiment unternommen wurde, bei dem zwei Personengruppen eine Auswahl von Bildern vorgelegt wurde und man sie aufforderte, sich für das Bild zu entscheiden, das einem am besten gefalle. Der einen Gruppe wurde gesagt, diese Entscheidung sei endgültig und unwiderruflich, der anderen Gruppe wurde gesagt, sie könnten ihre Bilder auch gegen ein anderes umtauschen, wenn die erste Wahl ihnen doch nicht zusagen sollte. Nach der Wahl wurden alle Beteiligten befragt, wie zufrieden sie mit ihrem Bild seien. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, denen kein Umtauschrecht eingeräumt wurde, mit ihrer Wahl weitaus zufriedener waren als diejenigen, die sich zwar auch entscheiden sollten aber im Hinterkopf die Möglichkeit des Umtausches hatten. Die Wissenschaftler waren von dem Ergebnis völlig überrascht. Man hatte geglaubt, dass diejenigen, denen eine große Freiheit eingeräumt wurde, zufriedener sein müssten, als diejenigen ohne Umtauschrecht, also ohne grenzenlose Wahlfreiheit. Es scheint so zu sein, dass die menschliche Psyche sozusagen „von Natur aus" darauf eingerichtet ist, sich mit Begrenzungen besser abzufinden als mit Grenzenlosigkeit. Das menschliche Gehirn produziert chemische Stoffe, die Zufriedenheit bewirken, wenn ein Mensch in bestimmten Grenzen bleiben muss und dadurch das Annehmen bestimmter Gegebenheiten erleichtert. Rein naturwissenschaftlich gesehen ist das nachvollziehbar: Es dient dem Überleben des Menschen, wenn er seelisch in der Lage ist, unabänderliche Gegebenheiten hinzunehmen und damit zufrieden ist. Seelische Zufriedenheit, auch das ist längst bewiesen, dient der körperlichen Gesundheit. Unzufriedenheit dagegen ist auch schädlich für die körperliche Verfassung eines Menschen.

Die älteren unter euch werden vermutlich sofort bestätigen, dass die allgemeine Zufriedenheit erstaunlicherweise oder auch nicht erstaunlicherweise früher größer war, als man mit einem Minimum an Möglichkeiten nach dem Krieg wieder neu anfangen musste, als man froh über alles sein musste, was vorhanden war und man viel weniger jammerte und klagte als heute.

Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass die Haltbarkeitsdauer der Ehen um ein Vielfaches höher war als heute, dass man nicht nur Ehepartner, sondern Wohn- und Arbeitsplätze viel seltener wechselte als heute. Man spricht spöttisch von der „HB-Mentalität": Hier bin ich, ich bleibe ich, hier baue ich.

Liebe Gemeinde, Jesus ruft uns zum Bleiben auf, damit wir viel Frucht bringen, damit wir Frieden und Freiheit haben. Das Bleiben in Christus, das Bewahren des Bewährten, das Festhalten am Wort Gottes, das Aushalten der konkreten Gemeinde und Kirche und ihrer manchmal auch frustrierenden Wirklichkeit ist kein sturer Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Freiheit der erlösten Kinder Gottes. Ihr könnt keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt, sagt Jesus, so wie eine Rebe keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt.

Es gibt zwei Weine, die heute etwas aus der Mode gekommen sind, aber früher zu den besten und teuersten gehörten, nämlich die Trockenbeerenauslese und den Eiswein, die ihre besondere Qualität erst dadurch erhalten, dass sie am längsten am Weinstock bleiben. Beim Eiswein muss es sogar erst Winter werden, die Beeren müssen einmal Frost gehabt haben, bevor sie geerntet und gekeltert werden.

Eiszeiten und winterliche Kälte – die gibt es in menschlichen Beziehungen, die gibt es aber auch in der Erfahrung des kirchlichen und gemeindlichen Lebens, auch in der Erfahrung des eigenen Glaubenslebens. Wenn sich in solchen Zeiten Alternativen auftun, die einen Ausweg versprechen, sind wir nur zu schnell bereit, die neuen Möglichkeiten auszuprobieren und das Bisherige fallen zu lassen. In jedem neuen Anfang scheint sich ja eine Fülle neuer Möglichkeiten zu verbergen, die nur darauf warten, von mir ergriffen und genutzt zu werden. Aber diesem dauernden Weglaufen vor der eigenen Ungeduld, vor der eigenen Unfähigkeit, Gott zuzutrauen, dass er mich mit Bedacht an eine ganz bestimmte Stelle gesetzt hat und mir gerade dieses Leben, das ich führe als Lebensaufgabe gegeben hat, ist keine Frucht verheißen.

„Ohne mich könnt ihr nichts tun. Und nur, wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren."

Das ist die Verheißung unseres Herrn Jesus Christus.

Uns ist die Heilige Schrift mit allen manchmal auch schwer verständlichen Aussagen gegeben. Uns ist die Kirche mit ihren Schattenseiten, ihren Versäumnissen und ihrem Versagen gegeben. Uns ist das lutherische Bekenntnis mit seinen Ecken und Kanten gegeben. Uns ist diese Gemeinde mit ihren manchmal komplizierten und immer wieder, auch aneinander schuldig werdenden Menschen gegeben. Uns ist unsere Ehe mit ihren Enttäuschungen und Abgründen gegeben. Uns sind unsere Kinder, Patenkinder und Enkel mit ihren Eigenheiten und schwer erträglichen Charakterzügen gegeben. Uns ist unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen gegeben.

Alles das ohne Umtauschrecht. Alles das aus der gnädigen Hand unseres Gottes, der will, dass wir aus dem Frieden der Versöhnung und der Vergebung leben und dass wir aus diesem Frieden zur Freiheit der Kinder Gottes gelangen und so viel Frucht bringen.

Das steinerne Gebäude der Bethlehemskirche hat in den letzten 116 Jahren manche innere und äußere Eiszeit überstanden. Es ist geblieben. Vielleicht haben die jährlichen Feiern des Kirchweihgedenkens ja genau diesen Sinn: Uns alle immer wieder daran zu erinnern, dass wohl auch Mauern, Berge und Hügel weichen könne, aber Gottes Gnade nicht von uns weichen wird, wenn wir in Christus, seinem Wort und seiner Lehre bleiben.

Amen.