Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Estomihi 2003)

Helles Licht vom Kreuz her

Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.
Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten.
Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?
Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?
Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. (Mk 8, 31-38)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Wenn ich im Konfirmandenunterricht die Zehn Gebote behandele und die Konfirmanden in der Bibel die Geschichte von der Übergabe der Gebote an Mose nachlesen lasse, um dann in einem zweiten Schritt die Gebote und ihre Erklärungen im Kleinen Katechismus anzusehen, fällt den meisten Kindern auf, dass bei Luther ein Gebot unterschlagen wurde: <Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Abbild machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott bin ein eifernder Gott.>

Während wir sagen, dass dies der zweite Teil des 1. Gebotes und seinem Sinn nach in diesem enthalten sei, zählt die reformierte Kirche hier ein eigenes, zweites Gebot und begründet so ihre Ablehnung aller Bilder, Statuen, ja auch der Christusdarstellungen und Kruzifixe in ihren Gotteshäusern.

Es ist keine große intellektuelle Leistung, gegen diese Meinung ins Feld zu führen, dass mit diesem Bilderverbot natürlich kein generelles Verbot künstlerischer Darstellungen gemeint sei, sondern im Verständnis der damaligen Zeit die Anfertigung von Bildnissen zum Zwecke des Götzendienstes. Immerhin wurde dieses Bilderverbot sozusagen vor dem Hintergrund des gerade gegossenen Goldenen Stierbildes erstmals verlesen.

Dennoch sollte man das Bilderverbot nicht allzu schnell überspringen, denn eines gilt ja nach wie vor, für Christen aller Konfessionen und für alle Menschen: Wir haben keine Berechtigung, uns ein Bild von Gott zu machen. Und genau das machen wir aber alle. Wir gießen dieses Bild nicht in Gold oder meißeln es in Holz oder Stein. Aber wir tragen es im Kopf herum, dieses selbstgebastelte Gottesbild; wir tragen es in unseren Herzen und beten es an oder fürchten es und merken oft nicht, dass es sich dabei um ein Götzenbild handelt.

Und dabei gibt es nur ein einziges Bildnis von Gott, von dem wir absolut gewiss sein können, dass Gott will, dass wir ihn so sehen und wo wir auch keine Sorge zu haben brauchen, es uns in Holz oder anderen Materialien vor Augen zu führen, damit wir es nicht aus dem Sinn verlieren. Und das ist das Bildnis des Gekreuzigten Jesus Christus.

Dieses Bild allerdings dürfen und sollen wir stets vor Augen und im Sinn haben. So will Gott von uns Menschen gesehen werden. Paulus schreibt: Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

Dieses Bild, das Gott selbst uns von sich gibt, durch-kreuzt nämlich alle unsere Götzenbilder, alle unsere selbstgemachten Gottesbilder und Gottesvorstellungen.

Das gilt sowohl für das Bild vom schrecklichen, strafenden Stasi-Gott, der uns mit Misstrauen und Argwohn verfolgt, um uns bei irgendeiner Sünde zu ertappen und sofort zu bestrafen, als auch für das Bild von dem lieben, leicht senilen Gott, der sich ins Altenteil zurückgezogen hat und uns machen lässt, was wir wollen. Das gilt aber auch für die etwas feineren, subtileren selbstgemachten Gottesbilder, z.B. das des machtvollen Herrschergottes der Gerechtigkeit, der immer auf meiner Seite ist und der will, dass ich ein Werkzeug zur Durchsetzung seines Willens bin. Jedes Ich-Bewusstsein, jedes Selbst-Bewusstsein, das Gott vor den Karren seiner Interessen spannen will, macht sich ein Bildnis von Gott und betet es an und ist dabei schon dem Götzendienst verfallen. Das trifft auf den irakischen Diktator zu, aber leider auch auf den amerikanischen Präsidenten.

Als Jesus seine Jünger fragte, was sie denn meinen, wer er sei, antwortete Petrus: Du bist der Christus. Er sagte das auf aramäisch oder hebräisch, also „Du bist der Messias". Das heißt dasselbe, nämlich ‚Der Gesalbte’. Aber das Bild, das er damit verband, war das eines mächtigen Herrschers und Königs, der die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes auf Erden aufrichten würde, die Römer aus Israel vertreibt und das Gesetz wieder in Kraft setzt. Mit Macht und vielleicht auch mit Gewalt und auf jeden Fall für alle sichtbar und unentrinnbar.

Der Messias würde Frieden und Gerechtigkeit bringen, aber nicht er würde für Frieden und Gerechtigkeit sterben, sondern er würde dafür sorgen, dass die Feinde des Friedens und der Gerechtigkeit sterben.

Jesus durchkreuzt seinem Apostel dieses falsche Gottesbild und fängt an ihn und die anderen zu lehren: <Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden (...) und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.>

Er lässt sich nicht vor den Karren der Erwartungen und Interessen seines Apostels und der Menschen spannen. Nicht, was wir uns für Bilder von Gott machen, um ihn für unsere Vorstellungen zu gebrauchen, zählt, nicht unser Wille, sondern einzig und allein, was der Wille des Vaters ist, das muss im Sinne einer göttlichen Notwendigkeit geschehen.

Damit hat Petrus nicht gerechnet. Ein leidender Messias? Nun könnte das Leiden ja durchaus noch von einem gewissen Glanz umgeben sein und sogar eine Anziehungskraft ausüben, wenn es ein tapferes Märtyrerleiden für die gerechte Sache ist, wenn es die Folge eines heroischen Lebens im Dienste der Wahrheit ist. Bewunderung, Anerkennung oder zumindest respektvolles Mitleid und Sympathie wären damit verbunden. Aber Jesus sagt, er werde verworfen und getötet. Das Leiden in Verworfenheit, in Schande und Ehrlosigkeit – das findet keine Sympathie. Nicht bei den Menschen und nicht bei Petrus. Das Kreuz, das Hinrichtungsinstrument der Römer für die gemeinen, niedrigen Verbrecher ohne Bürgerrecht, ist das Zeichen für das Leiden der Verworfenen.

Und darum nimmt Petrus Jesus, wie es heißt: „beiseite", eine Geste, die Herablassung und Bevormundung eines Schwächeren durch den Stärkeren andeutet; darum stellt er sich Jesus in den Weg und, so wörtlich: beschimpft ihn.

Er hat es nicht gesagt, aber das steckte wohl doch dahinter: Von einem Schwächling wie dir lasse ich mir doch mein Gottesbild nicht zerstören. Die Tradition, der ich verpflichtet bin, erwartet einen starken Kämpfer, keinen Versager. Du ziehst mir die bisherige Grundlage meines Lebens unter den Füßen hinweg. Das lasse ich nicht zu. Ich weiß es besser: Der Messias ist ein starker König und keiner, der verworfen wird und leiden muss und getötet wird.

„Tritt hinter mich zurück, Satan", erwidert Jesus darauf. Du hast nicht Gottes Willen, sondern nur deinen menschlichen Willen im Sinn. Ein Messias, der leidet und stirbt, kratzt an deinem Selbstbewusstsein. Zu dem willst du nicht gehören, weil du dich schämst. Vor wem eigentlich? Vor einer Menschheit, die dem wahren Gott die Treue gebrochen hat und ihre eigenen, gottlosen Wege geht. Wem willst du denn imponieren?

Aber wer sich für mich und meine Worte schämt, für den werde ich mich auch schämen.

Liebe Gemeinde, es ist keine logische Folge angestrengten Nachdenkens, an einen Gott zu glauben, der als Mensch in diese Welt kommt und an einem Kreuz als Verbrecher hingerichtet wird. Selbst viele Christen haben ihre Schwierigkeiten mit dem Bild des Gekreuzigten. Kindern macht es manchmal Angst. Eltern protestieren dagegen, dass in öffentlichen Schulen Kruzifixe hängen. Ja, man muss nicht nur etwas von sich, sondern sich selbst preisgeben, sich selbst loslassen und sich diesem Schmerzensmann ganz und gar hingeben, um in ihm den Heiland zu erkennen. Und das meint Jesus, wenn er sagt: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Selbstverleugnung ist kein neurotisches Im-Staube-Kriechen, sondern heißt Preisgabe meiner falschen Selbstbilder, meines falschen Gottesbildes. Wer in dem Gekreuzigten den Erlöser erkennt, der hat zuvor sich selbst als vor Gott verworfenen Sünder erkannt, hat sein selbstgerechtes, ichbezogenes und darin gottfernes Ego durchkreuzen lassen. Der am Kreuz ist der, der an meiner Stelle meine Verworfenheit erträgt und für meine Sünden leidet und meinen Tod stirbt.

Man möchte gerne an den alten, vertrauten Bildern festhalten wie Petrus das wollte. Man möchte die Sicherheit, so falsch und letztlich auch ungewiss sie auch ist, nicht loslassen. Aber dabei verhalten wir uns wie Drogensüchtige, die die tödliche Umklammerung durch die Droge einem Leben in Freiheit vorziehen.

Wer an seinem alten Leben festhält, sich an seine Selbstbilder und selbstgemachten Gottesbilder klammert, ist wie jemand, der in einem Gefängnis eingemauert ist, aber die Scheinsicherheit der alten Gewohnheit nicht verlassen will, weil er meint, darin sicher zu sein.

Dabei hat Jesus nicht gesagt ‚Ich bin die Gewohnheit’, sondern ‚Ich bin die Wahrheit’. Aber wenn die Mauern fallen, dann leuchtet vom Kreuz her ein helles Licht in das alte Leben und zeigt einen Weg in die Freiheit. ‚Ich bin der Weg’.

Und dieser Weg führt zum Leben.

„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem", so heißt es im Wochenspruch, „und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn." Es geht bergauf für die, die ihr Kreuz auf sich nehmen und Jesus nachfolgen. Amen.