Predigt

(Pastor Gert Kelter an Silvester 2003)

Gottes Liebe annehmen

Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?
wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Römer 8,31-39)

 

Liebe Gemeinde,

Etwas mehr als 365 Tage zu vierundzwanzig Stunden benötigt die Erde, um sich einmal um die Sonne zu drehen. Als wir uns hier vor 365 Tagen zum Gottesdienst versammelten, stand die Erde also in derselben Weise zur Sonne, wie sie es auch heute abend wieder tut. Und nach menschlichem Ermessen wird es sich in weiteren 365 Tagen ebenso verhalten. Ebensogut ließe sich das aber auch vom 6. April oder vom 9. August oder irgendeinem beliebigen anderen Tag sagen. Ihr merkt: Es gibt - nüchtern betrachtet - keinen besonderen Anlaß, heute abend einen Gottesdienst zu feiern. Kein Ereignis der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen fällt gerade auf diesen Tag, die Bibel überliefert davon keine Silbe. Heute ist also nichts anderes zu bedenken, als daß seit dem 31.12. 2002 365 Tage vergangen sind. Allenfalls könnte man noch erwähnen, daß am 31. 12. des Jahres 335 Papst Sylvester starb, der 314 Bischof von Rom wurde und nach seinem Sterbetag zum Tagesheiligen erklärt wurde, weshalb wir den Altjahrsabend auch „Silvester" nennen.

Aber halt - bleiben wir eine Minute bei diesem Bischof von Rom. Heiliger wird man ja schließlich nicht ganz ohne Grund. Bischof Silvester hatte nämlich einen nicht ganz unbedeutenden Täufling, dem er seine Heiligsprechung letztlich verdankt. Und das war der römische Kaiser Konstantin, der das Christentum nach Jahrhunderten der Verfolgung zur Staatsreligion erklärte und die damit die sogenannte „Konstantinische Wende" einleitete.

Mit diesem, zugegebenermaßen umständlichen Anlauf, haben wir dann schließlich doch noch das Stichwort gefunden, das uns als Motiv und Ausgangspunkt für diese Predigt am Altjahrsabend dienen kann. Denn eine Wende stellt dieser Übergang von einem zum anderen Jahr immerhin dar, wenn auch eine willkürlich festgelegte. Und wie immer an Wendepunkten von Altem zu Neuem beschleicht uns ein unangenehmes Grundgefühl, das man vielleicht als Ungewissheit bezeichnen könnte.

Wir Menschen sehnen uns aber nach Gewissheit. Längst nicht nur ältere Menschen verfahren in ihrem Leben nach dem Grundsatz: Was ich habe, das weiß ich. Was ich kriege, das weiß ich nicht. Und mit diesem Motto bleiben wir dann an den Schwellen stehen, schieben Entscheidungen auf, bleiben lieber beim Alten. Da weiß man, was man hat. Nur keine Experimente. Uns geht es da nicht anders als Alkoholikern oder anderen Drogenabhängigen, die genau wissen:

So kann es nicht weitergehen, ich muss von der Droge weg. Und die meisten wissen auch, wie das geht. Was quält, ist eben diese Ungewissheit, die nagt und fragt: Aber was kriege ich dafür? Wie wird es sein, wenn ich mich der Wirklichkeit ohne Betäubung stellen muss? Werde ich den Herausforderungen gewachsen sein? Oder werden sie mich erdrücken und zermalmen?

Aber oft genug liegt es gar nicht an uns, Entscheidungen zu treffen. Sie werden uns abgenommen. Die Zeit regelt das, überholt unser vorsichtiges Grübeln und Planen und stellt uns vor vollendete Tatsachen. Was wird das Neue Jahr bringen? Niemand weiß es. Aber instinktiv versuchen auch heute abend wieder zahllose Menschen, über Horoskope, Bleigießen und andere Orakeltechniken, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Immer mit dem Ziel, die Ungewissheit zu vertreiben, Gewissheit zu erlangen über das was kommt, wenn auch kaum jemand zugeben würde, dass er das ernst nimmt und alles mit dem Deckmantel der Unterhaltung oder der Spaßaktion getarnt wird. So auch z.b. der Travemünder Neujahrsmarkt, der heute unter dem Titel „Orakel, Spektakel, Weissagungen" mit Karten- und Kaffeesatzlesen, Astrologie und Wahrsagen stattfindet. Und viele andere betäuben das quälende Gefühl der Ungewissheit mit Alkohol, Jubel, Trubel, Heiterkeit und Silvesterknallerei.

Liebe Brüder und Schwestern, zur Vergewisserung sind wir heute abend hier. Wir brauchen Auskunft über das, was uns hält, was uns trägt, was zuverlässig bleibt, wenn alles andere durch unsere Finger rinnt wie die Zeit. Wir wollen wissen, was Bestand hat, wenn alles vergeht. Und auch wir möchten einen Blick in die Zukunft werfen an dieser Wende von einem zum anderen Jahr, wollen nicht zum Spielball der Mächte und Gewalten werden, die uns hin- und herwerfen, ohne uns zu fragen, willkürlich und ohne uns die Chance zu geben, uns darauf einzustellen.

Der Apostel Paulus will uns durch seine Worte diese Gewissheit geben. Er hat es am eigenen Leib erfahren, was es heißt, den Mächten und Gewalten ausgeliefert zu sein. Den weltlichen Herrschern, die ihn verfolgten, einsperrten, folterten und den Naturgewalten, die ihn mehr als einmal bis an die Grenze des Todes gebracht haben. Paulus weiß nicht, was sein Leben ihm noch bringen wird. Und er ahnt, dass Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr und am Ende sogar das Schwert Bestandteile seines zukünftigen Leben sein werden.

Nur eines ist ihm ganz gewiss: Dass ihn dies alles nicht, dass ihn überhaupt nichts trennen kann von Gottes Liebe, dass ihn nichts und niemand vor Gott verklagen kann, dass er in allem nie allein, verlassen und verloren sein wird.

Paulus weiß nicht, was sich ihm alles an Hindernissen und Schwierigkeiten in den Weg stellen wird. Aber er ist gewiss, dass er alles weit überwinden wird durch den, der ihn geliebt hat.

Diese Gewissheit zieht sich Paulus nicht aus dem Ärmel. Das ist nicht das laute Pfeifen eines ängstlichen Kindes im Wald, das sich selbst Mut machen will. Diese Gewissheit ist ihm durch Gottes Wort, durch die Zusage seiner Verheißung geschenkt und zuteil geworden. In diesem Wort hat er Gottes Stimme gehört und erkannt. Und deshalb setzt er darauf. Darum vertraut er dieser Zusage und darum baut er sein Leben auf dieses Fundament. Würde der Alkoholiker an der Schwelle zu einem drogenfreien Leben diese Zusage hören und darin Gottes Stimme erkennen, würde er wohl alle Angst vor dem Neuen loslassen, sich hineinfallen lassen in die Liebe Gottes, sich dadurch tragen lassen. Er bräuchte nicht zu zögern, die neuen Wege zu gehen, bräuchte nicht daran zu zweifeln, dass Gott es gut mit ihm meint und ihm alles zum Besten dienen wird. Er würde losgehen, dem Ziel, der Heilung, der Gesundung entgegen. Und zwar ganz bewusst durch alle Schmerzen, alle Gefahren, über alle Hürden, die dieser beschwerliche Weg mit sich bringt.

Denn das müssen wir wissen: Die Gewissheit, dass uns nichts von Gottes Liebe trennen kann und wird, räumt nicht automatisch alle Schwierigkeiten und Hindernisse aus dem Weg unseres Lebens. Aber sie gibt uns die Kraft dazu, diesen Weg zu gehen, uns den Schwierigkeiten nüchtern und hoffnungsvoll zu stellen und die Hindernisse zu überwinden. Oft genug äußerlich und praktisch, manchmal auch nur so, dass wir es ertragen können, vor Hindernissen stehen bleiben zu müssen, dass wir nicht verzweifeln, sondern unser Leben annehmen können, wie es ist.

Liebe Mitchristen, wem diese Gewissheit nicht reicht, wer über seine Zukunft noch mehr und noch Genaueres wissen will, wer Garantien für Glück und Wohlergehen möchte, der wird sich durch den Apostel Paulus und durch die Zusage Gottes nicht trösten lassen. Der wird dann eben heute Nacht Bleigießen oder spätestens übermorgen bei einer Wahrsagerin sitzen oder ängstlich und nervös seine Horoskope studieren. Oder er wird das aus sich herausgraben, was er Selbstvertrauen nennt und anfangen, die Zukunft zu planen und in die eigenen Hände zu nehmen. Damit schlägt er sie aber dem aus der Hand, der selbst die Zukunft ist.

Der muss sich dann aber auch nicht wundern, dass er dadurch ein Bündnis mit Mächten und Gewalten eingeht, das ihm vielleicht - ich will das gar nicht so voreilig bestreiten - irgendwelche Vorteile einträgt, das ihn aber ganz gewiss von der Liebe Gottes trennt und scheidet; eben von der Liebe, die so stark ist, dass keine Macht und keine Gewalt, weder Tod noch Leben, kein Engel, nicht Gegenwärtiges und nicht Zukünftiges einen Menschen davon trenn können, der sie für sich und sein Leben vertrauensvoll annimmt.

Gottes Liebe anzunehmen, darauf sein Leben zu bauen, daran seine Gewissheit zu knüpfen - das ist die eigentliche Lebensentscheidung, die jeder Christ unabhängig vom Kalenderdatum zu treffen und immer wieder zu erneuern hat. Umkehr, Buße, Zurückkriechen in das Geschenk der Taufgnade nennt man das in der Kirche.

Der Ausgang der Entscheidung hängt immer wieder neu davon ab, ob ich in dem geschriebenen oder gepredigten Wort der Heiligen Schrift, wie es die Propheten, Apostel und Evangelisten uns überliefern, Gottes eigenes Wort vernehme und ohne wenn und aber, also mit grundsätzlichem Vertrauen für mich annehme.

Die kommenden 365 Tage liegen vor uns werden vieles für uns bereit halten, was wir jetzt noch nicht wissen. Vielleicht auch gar nicht wissen sollen. Es wird Veränderungen, Entwicklungen, vielleicht auch Einschnitte geben. In der Gemeinde, im Berufsleben, bei uns persönlich. Ob wir nun aber voller quälender Ungewissheit, ängstlich und zögernd die ersten Schritte in das neue Jahr tun, zu denen wir sowieso ungefragt gezwungen werden, oder ob wir uns heute abend vergewissern lassen und dann mutig und fröhlich und gewiss losmarschieren, hängt einzig und allein davon ab, ob wir uns im Glauben gewiss machen lassen. Dazu sind wir heute abend hier.

Dass, was uns gewiss macht, nämlich Gottes Trostwort und sein Sakrament der Versöhnung, das wird bleiben, solange diese Erde steht. Das wird uns bei dem halten, von dem uns nichts trennen kann. Amen.