Predigt

(Pastor Gert Kelter am Pfingstmontag 2003)

Gemeinde der Christusbekenner

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?
Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. (Matthäus 16, 13-18)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

„Was sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?", fragt Jesus seine Jünger, nachdem sie drei Jahre lang mit ihm gelebt hatten und durchs Land gezogen waren. Sie hatten seine Predigten gehört, hatten gesehen, wie er Kranke geheilt, Sünden vergeben, hungrigen Menschen zu Brot verholfen, Traurige getröstet und sogar Tote auferweckt hatte. Sie, aber eben auch „die Leute", nach deren Meinung Jesus jetzt fragt, hatten das alles mitbekommen.

Wenn Jesus heute an der Meinung „der Leute" interessiert wäre, würde er vielleicht die Tagesthemen ansehen. In den letzten Tagen waren kirchliche Themen im Zusammenhang des Ökumenischen Kirchentages ja häufig in den Fernsehnachrichten zu sehen. Und was sagten da die Leute?

Über Jesus sagten sie jedenfalls fast gar nichts. Es gab Bischöfe, die Kommentare zur Agenda 2010 abgaben und sich für soziale Gerechtigkeit aussprachen. Es gab Menschen, die nicht wussten, was die Unterschiede zwischen lutherischem und römisch-katholischem Abendmahlsverständnis sind, aber gemeinsame Mahlfeiern abhielten. Und es gab den Dalai Lama, den Führer einer buddhistischen Sondergemeinschaft aus Tibet, der wie ein protestantischer Papst herumgereicht wurde und für die Medien die Hauptattraktion zu sein schien. Ausgerechnet dieser Dalai Lama war es dann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love Jesus" – Ich liebe Jesus in die Kameras hielt. Aber seine Botschaft war nicht ‚Liebt Jesus!", sondern: Der Sinn des Lebens ist es, glücklich zu sein.

Liebe Gemeinde, „die Leute" hatten damals wie heute ihre Meinung über Jesus, hatten sich irgendein Bild gemacht, das nicht aus dem Rahmen fällt, aus dem Rahmen ihrer eigenen Vorstellungen und Vorlieben nämlich.

Damals meinten einige, Jesus sei der von den Toten auferstandene Täufer Johannes. Vielleicht ging dieses Gerücht sogar auf König Herodes zurück, der den Täufer enthaupten ließ, weil der seine Lebensweise als ehebrecherisch und gottlos öffentlich gebrandmarkt hatte. Da schlug ein ängstliches schlechtes Gewissen: Sollte Gott diesen unbequemen Mahner in der Gestalt des Jesus von Nazareth von neuem gesandt haben?

Andere glaubten, Jesus sei Elia. Von Elia, der nicht gestorben, sondern in einem feurigen Wagen in den Himmel entrückt wurde, hatte der Prophet Maleachi geweissagt, er werde von Gott als Vorläufer des Messias gesandt werden, um Israel auf den endzeitlichen Heilsbringer vorzubereiten. War Jesus ein solcher Vorläufer und Vorbereiter?

Wieder andere konnten sich vorstellen, dass Jesus der wiedergekommene Prophet Jeremia war. Jeremia litt und stöhnte unter der Last der Gerichtsankündigungen, die er Israel auszurichten hatte. Und auch Jesus schien sich in der Tradition des leidenden Gerichtspropheten zu bewegen.

Warum aber denken die Leute damals wie heute so? Sie bleiben im Rahmen des ihnen Vertrauten. Sie erkennen mehr oder weniger in Jesu Person, seinen Worten und Taten so etwas wie eine göttliche Mitwirkung oder auch Sendung, aber dabei bleiben sie stehen. Damals wie heute. Fromme Moslems halten Jesus für einen großen Propheten. Neuzeitliche Buddhisten lehnen ihn nicht schroff ab, sondern erkennen in ihm einen Erleuchteten. Moderne Esoteriker sehen ihn als Meditations- und Weisheitslehrer. Vertreter der unterschiedlichsten politischen Richtungen spannen ihn als Moral- und Ethikapostel vor ihren jeweiligen Karren. Irgendwie finden alle Jesus ganz nett und sympathisch. Als Aufdruck für ein T-Shirt taugt er allemal.

Aber Jesus interessiert es nur sehr vordergründig, was „die Leute" von ihm halten. Er will von denen, die ihn kennen, die vertrauten Umgang mit ihm haben, wissen, wer er wirklich ist.

Das heißt: Er fordert eine entschiedene Meinung, keine Vermutungen. Er will eine persönliche Stellungnahme, keine Referate über das, was „man", was „die Leute" so über ihn sagen, Meinungen, hinter denen man sich verstecken kann, ohne selbst klar Stellung zu nehmen. Alles läuft auf ein Bekenntnis heraus.

Und da ist es Petrus, der die Frage als erster und vorläufig auch einziger beantwortet: Du bist Christus, der Gesalbte, der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.

Liebe Brüder und Schwestern, was wir hier hören, ist das erste Bekenntnis der Kirche.

Da fallen mehrere Gesichtspunkte auf. Einmal wird deutlich, was bis heute für alle kirchlichen Bekenntnisse gilt: Das Bekenntnis steht nicht neutral und unverbunden einfach da, sondern hat von Anfang an einen Bezug zu dem, was „die Leute" sagen. Bekenntnis ist immer und von Anfang an Klarstellung, Korrektur, ja deutliche Gegenposition zu dem, was „die Leute" sagen. Ob ausgesprochen oder unausgesprochen enthält jedes Bekenntnis nicht nur eine Position, sondern auch eine Negation, eine Absage an gegenteilige und widersprechende Meinungen. Jesus ist nicht der Elia, nicht Johannes der Täufer, nicht Jeremia, nicht nur ein Vorläufer, nicht nur ein Prophet, nicht nur ein weiser Mensch und Lehrer des Gesetzes. Er ist Gottes Sohn. Er ist der Christus. Und damit ist zugleich gesagt: Wer das nicht bekennt, führt ein falsches Bekenntnis, bekennt nicht den rechten Glauben, sondern einen Irrglauben.

Wenn man heute das Wort „Bekenntnis" hört, denken viele an ein dickes Buch mit mehreren tausend Seiten, geschrieben auf Latein oder zumindest in altertümlichem Deutsch. Aber das Bekenntnis der Kirche ist kein verstaubtes altes Buch, sondern es ist seinem Kern und Wesen nach persönliches Zeugnis lebendiger Menschen, die in Jesus den Christus erkannt haben.

Denn –auch das macht unser Predigtabschnitt ganz deutlich: Petrus hält kein theologisches Referat, sondern er spricht Jesus persönlich an. Sein Bekenntnis ist die Antwort auf das fragende Wort Jesu: Wer sagt ihr, das ich sei?

„Du bist" antwortet der Apostel. Genau genommen ist das ein lobpreisendes, verherrlichendes Gebet. Das „Du" des Gebetes, kennzeichnet jedes Bekenntnis. Wenn wir Gottesdienst feiern, sprechen und singen wir bis heute an vielen Stellen solche Bekenntnisse. Längst nicht nur da, wo wir gemeinsam das Apostolische oder Nicänische Glaubensbekenntnis sprechen.

Wenn wir „Kyrie eleison- Herr, erbarme dich" singen, bekennen wir: Christus, du bist mein Herr. Und es ist kein Herr außer dir über mir. Im Gemeindeseminar über den Gottesdienst am vergangenen Sonnabend machte Pastor Neumann den Bekenntnischarakter auch dieses kleinen gottesdienstlichen Satzes sehr eindrücklich, als er sagte: An diesem Bekenntnis klebt das Blut der Märtyrer. Damit wollte er sagen: Es gab Zeiten in der Kirche und es gibt sie in manchen Gegenden der Welt bis heute, wo es lebensgefährlich ist, Christus als den einzigen Herrn anzuerkennen und damit jegliche andere Vorherrschaft weltlicher Herren zu bestreiten. Für ein Kyrie konnte ein Christ unter dem römischen Kaiser Diokletian oder Nero hingerichtet werden.

Auch das Gloria ist ein gebetetes Bekenntnis: Wir loben dich, wie beten dich an. Herr Gott, Lamm Gottes. Du allein bis heilig, du bist allein der Herr, du bist allein der Höchste.

Mancher mag solche Bekenntnisse in frommer Routine Sonntag für Sonntag mitsingen und mitsprechen, ohne sich bewusst zu machen, was er da sagt. Und mancher wird vielleicht auch zurück in den Alltag der Woche gehen und sich von Nichtchristen dann kaum mehr unterscheiden, geschweige denn, dieses Bekenntnis in der Öffentlichkeit wiederholen.

Aber auch das war von Anfang an so und konnte doch die Ausbreitung der Kirche Christi nicht hindern. Denn niemand kann Christus den Herrn nennen, es sei denn im Heiligen Geist. Der ist es nämlich, der die Kirche baut und erhält.

Vergessen wir nicht, dass es Petrus war, der dieses Bekenntnis aussprach. Derselbe Petrus, der wenig später gegenüber den römischen Soldaten von Jesus behauptete: Ich kenne diesen Menschen nicht.

„Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn"! Das hatten nicht Fleisch und Blut dem Apostel Petrus eingeben. Das hatte er nicht nach angestrengtem Nachdenken und nach Abwägen des Pro und Contra logisch gefolgert. Das war allein die Wirkung des Heiligen Geistes Gottes. Das war Pfingsten.

Wie eigenartig und wie tröstlich ist das doch: Petrus, der vor Angst auf dem sturmgepeitschten See zu versinken droht in Kleinglauben und mangelndem Vertrauen. Petrus, der den Herrn verleugnet und damit seine Kreuzigung befördert. Petrus, der mal aufbrausend, mal zweifelnd, ganz und gar menschlich und ohne erleuchteten Verstand verhindern möchte, dass Jesus tut, was er tun muss und darum von Jesus sogar als „Satan" bezeichnet wird.

Dieser Petrus spricht in der Kraft des Heiligen Geistes das erste Bekenntnis der Kirche. Und darum nennt ihn Jesus „selig".

Es sind immer Menschen, die Christus bekennen. Jedes Bekenntnis hat am Anfang einen Bekenner, einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und die Gemeinde der Menschen, die Jesus als den Christus und Herrn bekennen, nennen wir Kirche.

Auf solche schwachen, fehlbaren, irrenden, immer wieder zweifelnden und umfallenden Menschen baut Christus seine Kirche. Auf sie und aus ihnen.

„Du bist Petrus, das heißt „Fels" und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen."

Das war am Anfang dem Apostel Petrus gesagt. Aber das ist allen und auch uns gesagt, wann immer Menschen im Heiligen Geist Christus ihren Herrn nennen.

Weder Petrus noch wir sind aus eigener Kraft und Vernunft zu diesem Bekenntnis fähig. Christus hat zu Petrus noch kurz vor der Verleugnung gesagt: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Darin liegt die ganze Kraft.

Am Ende war es Petrus, dem Christus den Auftrag gab: Weide meine Lämmer. Und zu Pfingsten verkündete Petrus das Evangelium und 3000 Menschen wurde der Glaube und das Bekenntnis zu Christus als dem Herrn geschenkt.

Liebe Gemeinde, unsere Kirche bezeichnet sich gerne als lutherische „Bekenntniskirche". Aber es reicht nicht, dass darunter verstanden wird, ein schriftliches Bekenntnis zu haben und darüber zu reden, wie die Jünger über die Meinung der Leute redeten. Eine Bekenntniskirche taugt nur soviel, wie sie auch eine Bekennerkirche ist. Und das heißt: In der Kirche muss es Menschen geben, die Ja zu Christus aber zugleich auch Nein zu dem sagen, was „die Leute" sagen. Beides muss hörbar bleiben und gesagt werden.

Jesus sagte zu Petrus, dem Bekenner: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein."

Wir kennen diesen Satz als Einsetzungsworte zur Beichte. Hinter den Begriffen „binden und lösen" steht aber ein Fachausdruck aus der jüdisch-rabbinischen Welt. Und der besagt: Für rein und für unrein erklären. Also: Wahr und falsch, heilig und unheilig, göttlich und widergöttlich unterscheiden, und zwar mit Vollmacht und verbindlich, also bindend. Man kann dieses Wort nicht richtig verstehen, wenn man es nicht im Zusammenhang mit dem Petrusbekenntnis versteht. Hier geht es um einen herausragenden Wesenszug der Kirche. Ihr ist die Vollmacht übertragen, das Christusbekenntnis von allen falschen, irrigen Bekenntnissen der „Leute" deutlich zu unterscheiden. Ein Nebeneinander von Wahrheit und Irrtum soll und darf es in der Kirche Christi nicht geben. Dazu hat sie die Schlüssel des Himmelreiches bekommen, um eine klare Unterscheidung treffen zu können.

Zu Pfingsten, am Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes, geht es also darum, Gott um die Himmelsschlüssel zu bitten, das heißt: Um die Gaben des Geistes der Unterscheidung, die wahres von falschem Bekenntnis scheiden und durch die die Kirche als Gemeinde der Christusbekenner erhalten wird. Aber dieser Kirche hat Christus verheißen, dass nichts und niemand, auch nicht die Pforten der Hölle sie überwinden. Amen.