Predigt

(Pastor Gert Kelter am Heiligen Pfingstfest und Konfirmation 2003)

Keim der Kraft des Heiligen Geistes

Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?
Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. (Matthäus 16, 13-18)

 

Lieber Benedict, lieber Patrick, liebe Brüder und Schwestern,

Drei Jahre sind die Jünger Jesu nun als Lehrlinge in die Lehre ihres Meisters gegangen, bevor es zu diesem Gespräch zwischen Jesus und einen Jüngern kam. Dabei hatten sie kein trockenes Lehrbuch, keinen papierenen Katechismus in der Hand, sondern den lebendigen Jesus vor Augen, haben ihr Leben mit ihm geteilt. Ihr Konfirmanden werdet vielleicht sagen: Besser drei Jahre den lebendigen Jesus vor Augen und keinen Katechismus auswendig lernen, als nur zwei Jahre Konfirmandenunterricht, dafür aber büffeln und pauken müssen.

Aber in gewisser Weise mussten die Jünger damals viel mehr und viel tiefer auswendig lernen, als ihr das musstet. Auf Englisch heißt „auswendig lernen" „learning by heart", also „mit dem Herzen lernen". Wer, wie die Jünger, sein ganzes Leben an die Person Jesu bindet, ihm nachfolgt und ihm lebt, der kann auf die Dauer nicht auf Distanz zu ihm bleiben. Das, was Jesus gesagt hat, was er getan hat, wie die Menschen auf ihn reagiert haben – und die haben ja oft genug sehr aggressiv und ablehnend auf ihn und seine Botschaft reagiert - das geht zu Herzen. Das muss man sich zu Herzen nehmen. Da kommt es irgendwann zu einer Entscheidungssituation, in der man Stellung beziehen muss. Jesus verkündete ja keine seichte Wohlfühlbotschaft nach dem Motto: Seid nett zueinander, sondern sagte: Wer wirklich leben will, wer Leben in der Fülle haben möchte, ein Leben, das mit dem irdischen Tod nicht aus und zuende, nicht zunichte wird, der muss sein jetziges Leben total ändern, muss umkehren zu Gott und Gott das Erste und Wichtigste und Höchste und Heiligste in seinem Leben sein lassen. Jesus hat durch sein Reden und Handeln deutlich gemacht: Ein Leben ohne Gott, ohne Glauben und Umkehr, ohne Gebet und Gemeinschaft, ein Leben an den Geboten Gottes vorbei, ein Leben, in dem nur zählt, was mir nützt, ist ein verlorenes Leben.

Die meisten von euch werden in den letzten Tagen die Berichte über den Ökumenischen Kirchentag in Berlin verfolgt haben. Zweihunderttausend Menschen, man sollte annehmen: Christen, hatten sich dort versammelt. Und wer erhielt den größten Zulauf, die höchste Anerkennung und die Aufmerksamkeit aller Medien? Kaum zu glauben, aber wahr: Das war der Dalai Lama, der Repräsentant einer buddhistischen Sondergemeinschaft aus Tibet. Wie ein protestantischer Papst wurde ihm in Berlin gehuldigt. Und seine Botschaft lautete: Das wichtigste Ziel im Leben eines Menschen ist glücklich zu sein.

Klar, wer will das nicht? Diese Lehre ist schnell auswendig gelernt. Die erfordert keine Entscheidung und kein Bekenntnis und wer das verkündigt, hat den Applaus der Massen auf seiner Seite.

Als Jesus seine Jünger in der Gegend von Caesarea Philippi versammelte, hatten viele von denen, die anfangs begeistert von Jesus waren, ihn schon wieder verlassen. Die hatten ihre Entscheidung bereits getroffen. Der kleine Rest, der geblieben war, hatte jetzt Konfirmandenprüfung. „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?" Im Vergleich zu den über achtzig Fragen eurer schriftlichen Konfirmandenprüfung ist diese erste Frage der Jüngerprüfung ein Kinderspiel.

Einige dachten, so antworten die Jünger, Jesus sei der auferstandene Täufer Johannes. Dieses Gerücht hatte wohl König Herodes in Umlauf gebracht. Er war es, der Johannes den Täufer köpfen ließ, weil der ihn als gottlosen Sünder bezeichnet hatte. Da schlug offensichtlich das schlechte Gewissen des Königs: Könnte es sein, dass dieser unbequeme Mahner von den Toten auferstanden ist?

Andere dachten, Jesus sei der Prophet Elia. Man glaubte damals, dieser Prophet, von dem es im Alten Testament heißt, er sei nicht gestorben, sondern einfach in den Himmel zu Gott entrückt worden, dieser Prophet werde wieder erscheinen, bevor der Messias, der Erlöser kommt. Könnte es sein, dass Jesus der wiedergekommene Elia ist, der den Messias ankündigt?

Wieder andere glaubten, Jesus könnte ein anderer auferstandener Prophet, nämlich Jeremia sein. Jeremia war ja ein verfolgter, leidender und darum klagender Prophet. Ein ganzes biblisches Buch, die Klagelieder des Jeremia gingen auf ihn zurück. Und Jesus war immerhin einer, der seinen Anhängern zu verstehen gab, dass er leiden müsse und auch alle, die ihm nachfolgten, einen Leidens- und Kreuzweg vor sich hätten.

Das sagten die Leute damals. Inzwischen sind 2000 Jahre vergangen und es gibt nur wenige, die Jesus heute verachten oder mit Hass ablehnen würden. Selbst der Dalai Lama hielt auf dem Berliner Kirchentag der Menschenmenge ein T-Shirt entgegen, auf dem zu lesen war: I love Jesus - Ich liebe Jesus.

Was sagen die Leute heute, wer Jesus ist? Irgendwie finden ihn ja alle ganz nett. Er war ein großer Prophet, sagen sogar die frommen Anhänger des Islam und verweisen auf ihren Koran, wo man das nachlesen kann. Er war ein Erleuchteter, eine Art Buddha, sagen neuzeitliche Buddhisten. Er war ein Frauenbefreier, sagen die Feministen. Er war eine Art früher Kommunist, der für soziale Gerechtigkeit eingetreten ist, sagen politisch denkende Menschen. Er war ein weiser Meditationslehrer, sagen die Anhänger esoterischer Gruppen. Und die meisten anderen finden wohl, dass Jesus ein vorbildlicher, guter Mensch gewesen ist, der ein paar gute Sprüche auf Lager hatte und es den Mächtigen seiner Zeit ordentlich gegeben hat.

Und ihr merkt: Jeder hat sich sein Bild von Jesus gemacht. Was ich selbst gut und wichtig und richtig finde, das finde ich auch bei Jesus.

Aber Jesus setzt seine Konfirmation fort. Die erste Frage war sozusagen die Konfirmandenprüfung. Was sagen andere? Das kann man zur Kenntnis nehmen, dabei handelt es sich um Informationen über Jesus, die sich lernen und abfragen lassen. Aber wie bei euch auch, folgt auf die Wissensprüfung die eigentliche Konfirmation. Es ist die zweite Frage, die es in sich hat: „Wer sagt denn ihr, dass ich sei?"

Lieber Benedict, lieber Patrick: Das ist genau die Frage, die ihr jetzt gleich auch gestellt bekommt und ihr beantworten sollt. Und da lässt sich nichts auswendig lernen und aufsagen. Und ich sage in Klammern: So wichtig das Wissen über Jesus auch ist – ob ihr nun den Katechismus im Schlaf könnt oder euch mühsam durch die Zeilen holpert und stolpert, ist im Vergleich mit der Antwort auf diese zweite Frage nicht von Bedeutung.

Jesus möchte von seinen Jüngern wissen, ob sie ihn als den erkannt haben und glauben, der er wirklich ist. Nämlich als Gottes Sohn, als Herrn ihres Lebens, als Versöhner, als Befreier, als Erlöser, als den, der für sie und ihre Sünden am Kreuz gestorben ist, als den, der für sie den Tod besiegt hat und auferstanden ist und lebt und auch denen das ewige Leben schenkt, die an ihn glauben.

Und da ist es Simon Petrus, der diese Frage beantwortet und sagt: „Du bist Christus, du bist

der Messias, der von Gott gesalbte, der Sohn des lebendigen Gottes."

Liebe Konfirmanden und liebe Gemeinde: Das würde kein Moslem, kein Dalai Lama, keiner über die Lippen bringen, der nicht wirklich etwas gegen Jesus hat und sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love Jesus" anzieht.

Jesus sagt darum zu Petrus: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel."

Wenn der Papst heute einen Menschen selig spricht, dann will er damit sagen: Von diesem Menschen hat die Kirche die feste Gewissheit, dass er erlöst ist, dass er das ewige Leben in der Gegenwart Gottes hat. Selig –das ist nicht einfach nur glücklich und zufrieden. Selig, das heißt: Der lebt in dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Der ist versöhnt mit Gott. Der wird durch den Tod hindurch ein Kind Gottes bleiben.

Wenn der Papst einen Menschen selig spricht, dann müssen solche Menschen herausragende Taten, am besten Wunder vollbracht haben, müssen durch und durch christliche Vorbilder sein.

Wenn Jesus einen Menschen selig spricht, sieht das anders aus. Petrus war, nach allem, was wir über ihn aus dem Neuen Testament wissen, eher ein Durchschnittskonfirmand. Der konnte noch nicht einmal griechisch, wie du, Patrick. Der hatte auch die damalige Weltsprache Latein nicht auf dem Schirm, wie du Benedict und konnte auch die Erklärung Luthers zum 1. Glaubensartikel nicht in Spitzengeschwindigkeit aufsagen.

Den hatte Jesus schon als „kleingläubig" bezeichnet, weil er auf dem sturmgepeitschten See plötzlich Angst hatte zu versinken und sein Gottvertrauen ihn im Stich ließ. Der hatte schon kurz nach dieser Begebenheit in Caesarea Philippi vor lauter Angst Jesus verleugnet: Ich kenne diesen Menschen nicht, hatte er den römischen Soldaten gesagt, aus Furcht davor mitgefangen und mitgehangen zu werden.

Petrus war hin- und hergerissen. Mal begeistert, mal nur um seine heile Haut besorgt, mal staunend, mal zweifelnd. Also das Gegenteil von einem gefestigten – und nichts anderes heißt ja „konfirmierten" Christusnachfolger. Mit anderen Worten: Als Petrus vor Jesus stand und gefragt wurde: Was sagst du denn, wer ich bin? Da war er kaum anders als wir alle und kaum anders als ihr beiden Konfirmanden heute.

Aber Jesus sieht eben nicht nur das Äußere an. Er weiß doch, wie wir Menschen sind, welchen Einflüssen wir ausgesetzt sind, wie schwer es uns auch von außen gemacht wird, eine klare Entscheidung für ihn, ein Bekenntnis ohne wenn und aber zu sprechen.

Jesus Christus weiß, dass wir aus uns heraus und nur, weil wir zwei oder drei oder auch zwanzig Jahre in seine Lehre gegangen sind, keine gefestigten, keine ein für allemal konfirmierten Christen sein können. Und darum konfirmiert er uns ja auch. Darum beschenkt er uns mit seinem Heiligen Geist und lässt uns nicht im Kopf und nicht im Verstand, sondern in Herz und Seele die Erkenntnis wachsen, wer er wirklich ist. Wer Jesus für mich ist und dass er alles für mich sein will.

Als es zur entscheidenden Frage kam, hat Gottes Heiliger Geist dem Apostel Petrus das Bekenntnis zu Christus als dem Sohn des lebendigen Gottes eingegeben, ins Herz und dann auch auf die Lippen gegeben. Und trotzdem hat derselbe Petrus schon wenig später dieses Bekenntnis zu Christus wieder verleugnet. Die Konfirmation schien keine Einsegnung, sondern eine Aussegnung gewesen zu sein. Jesus, der Sohn Gottes, hätte das in seiner göttlichen Allwissenheit doch vorhersehen können. Aber er hat Petrus trotzdem konfirmiert.

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen."

Warum tut Christus das? Weil er weiß, dass diejenigen, die ihn kennen gelernt haben, die sein Wort gehört haben, die seinen Segen empfangen haben, einen Keim in sich tragen, eine Kraft des Heiligen Geistes, die jederzeit aufbrechen und sich entfalten kann, die reifen und wachsen muss, die man auch hegen und pflegen muss, die aber da ist und da bleibt. Auf solche Menschen wie Petrus hat Christus von Anfang an seine Kirche gebaut. Und diese Kirche gibt es bis heute.

Lieber Patrick und lieber Benedict: Auch euch konfirmiert, auch euch befestigt Christus heute mit den Gaben seines Geistes. Auch ihr gehört zum Bau der Kirche. Christus baut auch auf euch. Auch auf euch baut Christus seine Gemeinde. Christus traut euch nicht weniger zu als dem Apostel Petrus, wenn er euch segnet und mit seinem Geist beschenkt. Aus Petrus wurde nach viel Versagen, Umfallen und Verleugnen eine Säule der Gemeinde, einer, zu dem Jesus am Ende gesagt hat: Wenn aber du dermaleinst dich bekehrst, dann stärke deine Brüder, dann weide meine Lämmer.

Heute ist eure erste Konfirmation. Aber ich weiß, dass ihr noch viele Konfirmationen nötig habt. Genauso wie ich selbst und wie wir alle immer wieder die Konfirmation durch den Heiligen Geist nötig haben.

Sie findet übrigens unter anderem auch in dieser Kirche an jedem Sonntag statt. Da steht Christus absolut zuverlässig und konfirmiert alle, die zu ihm kommen, die Stärkung, Vergebung, Festigung, Trost, Wegweisung und Orientierung suchen, mit seinem Wort und mit seinem Leib und Blut.

Und übrigens: So sehr ich hoffe, dass ihr häufig den Weg in den Gottesdienst, zum Jugendkreis und zu anderen Versammlungen eurer Gemeinde findet: Ich werde mir am Ende meiner Dienstzeit kein Schild auf den Schreibtisch stellen, wie das ein anderer Pastor mal gemacht haben soll, auf dem der frustrierte und erleichterte Spruch steht „Ich muss nicht mehr konfirmieren". Ich bin gerne Handlanger des Konfirmators Christus, auch wenn die sichtbaren Früchte seines Segens und seines Geistes manchmal lange auf sich warten lassen. Wenn Christus sogar einen wie Petrus konfirmieren konnte, dann konfirmiert er euch beide allemal. Und ihr, liebe Gemeindeglieder, dürft darauf vertrauen, dass Christus selbst das gute Werk, das er schon längst in der Taufe in Patrick und Benedict begonnen hat, auch zuende bringen will, dass er sie nicht aus dem Blick verliert und sie für ihn weder zur unsichtbaren Kirche noch zu den bedauernswerten Restanten gehören. Denn er selbst hat einmal Hand angelegt und wird es immer wieder tun.

Wenn wir also in dieser Gemeinde beten, auch für unsere Konfirmanden, unseren Kinder und Jugendlichen, dann nicht, weil das das Letzte ist, was wir noch tun können, sondern weil es das Erste ist, was wir tun sollen und weil Christus diesem Gebet Erhörung zugesagt hat. Ja, mehr noch: Weil Christus sich selbst zum treuen Fürbitter für alle macht, die er einmal in den Bau seiner Kirche eingefügt hat. Es war ja der Apostel Petrus kurz vor seiner Verleugnung, zu dem Christus gesagt hat: Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

In diesem Vertrauen lasst uns jetzt diese beiden getauften Christen in Gebet, Fürbitte und Segen aufs Neue der Fürsorge des lebendigen, treuen Herrn Christus unterstellen. Was er zusagt, das hält er gewiss. Amen.