Predigt

(Pastor Gert Kelter in der Passionsandacht am Mittwoch nach Invokavit 2003)

Unsere verwerflichsten Versuchungen

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben. (Hebräer 4, 14-16)

Liebe Brüder und Schwestern,

Es ist Freitag. Ich stehe in einem Supermarkt an der Kasse. Hinter mir eine lange Schlange. Ich komme an die Reihe. Der nächste häuft schon die Waren auf das Band. Die Kassiererin wird von der Nachbarkasse gefragt, ob die Tomaten wirklich im Sonderangebot sind. Ich bezahle, sehe, wie die Kassiererin das Wechselgeld zusammensucht. Von hinten kommt ein Kunde und bittet, einen 5-Euro-Schein zu wechseln, da er eine Münze für die Einkaufswagen braucht. In der ganzen Hektik greift die Kassiererin statt nach einem 5-Euro-Schein einen 20-Euro-Schein und gibt ihn mir mit dem restlichen Wechselgeld. Ich bemerke den Fehler sofort und sage.....nichts.

Bis ich das Geld im Portemonnaie verstaut habe, passiert in meinem Kopf folgendes: „Super, das sind 5 Euro Gewinn. Nein, das kannst du doch nicht machen. Ach was, das kalkulieren die Supermärkte sowieso bei den Preisen mit ein. Und jetzt ist es so voll und man würde den ganzen Betrieb aufhalten. Nein, da hätte ich kein ruhiges Gewissen. Wenn die Christen nicht wenigstens ehrlich sind. Gut, ich werde es sagen. Aber eigentlich schade."

Wenige Sekunden hat das nur gedauert. Und was da passiert ist, nennt man Versuchung.

Ich gebe das Geld zurück. Die Kassiererin ist erstaunt, bedankt sich. Ich packe meine Sachen zusammen und bin stolz auf mich. Haben die anderen Kunden das auch bemerkt, wie ehrlich ich war? Hätte ich doch nur mein Pfarrerhemd angehabt, das wäre echt gute Öffentlichkeitsarbeit gewesen. ‚Mission im Supermarkt. Pastor geht mit gutem Beispiel voran.’ Schon fast eine Schlagzeile für die Zeitung.

Auch das hat nur wenige Sekunden gedauert und vielleicht schäme ich mich sogar etwas für mein Eigenlob und meine Gedanken. Und was da passiert ist, drückt Martin Luther in einer Liedzeile so aus: „Mein guten Werk, die galten nicht, es war mit ihn’ verdorben."

Liebe Gemeinde, das Beispiel macht zweierlei deutlich: Es ist durchaus nicht so, dass wir den Versuchungen einfach hilflos ausgeliefert wären und uns damit herausreden könnten. Wir haben als Christen ein Gewissen, das durch Gottes Wort gut unterrichtet ist und uns ganz tief innen ziemlich treffsicher sagt, was gut und was böse, was falsch und was richtig, was im Einklang mit Gottes Willen steht und was dagegen verstößt. Da macht sich unser Erlöst- und Gerettetsein klar bemerkbar. Da zeigt sich durchaus, dass das Alte vergangenen ist und wir eine neue Kreatur geworden sind. Luther sagt sinngemäß: Wir können es nicht verhindern, dass die Begierden und Versuchungen wie schwarze Vögel über unseren Köpfen flattern, aber wir können es verhindern, dass sie darauf ihre Nester bauen.

Ein Wörtlein kann sie fällen.

Das zweite, das dieses Beispiel verdeutlicht, ist die tiefe Wahrheit, dass auch dann, wenn wir in der Versuchung widerstehen und ihr nicht nachgeben, ein fader Beigeschmack bleibt. Denn unsere Motive sind niemals vollkommen rein. Entweder ist es Angst vor Strafe, die uns das Gute äußerlich tun lässt, ohne dass wir innerlich zu hundert Prozent damit übereinstimmen; oder wir versprechen uns dadurch Lob und Anerkennung und sei es nur vor uns selbst. Oder wir tun das Gute, um etwas anderes Schlechtes, das wir getan haben, damit auszubügeln, wieder „gut zu machen". Es fehlt immer die vollkommen reine innere Zustimmung als einziges Motiv, die nichts anderes will und sieht, als nur Gottes Willen.

Der Apostel Paulus hat diese sehr menschliche Erfahrung in die Worte gefasst: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich."

Das Beispiel zeigt, dass wir Menschen das Böse sogar dann in einem übertragenen Sinne „tun", wenn wir es äußerlich gar nicht zur Tat werden lassen, wenn wir der Versuchung formal widerstehen.

Paulus weiß um die tiefe Verdorbenheit, oder wie es in der alten, kräftigen Sprache des Glaubens heißt: um die Verderbtheit auch unserer besten Taten. Deshalb kann er sagen: „So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde." Luther und in seiner Folge die lutherische Theologie hat diese Erkenntnis in die Gleichung gebracht: Der Mensch ist in dieser Zeit und Welt und solange er lebt, immer Sünder und Gerechter zugleich, simul ius-tus et peccator. Wäre es nicht so, hätten Paulus und in seiner Folge Luther geirrt, könnte der Mensch ein vollkommener Gerechter sein, dann müsste jeder von uns diesem Anspruch entweder voll und ganz genügen oder aber an seinem Scheitern zweifeln und zugrunde gehen. Dann hätte er den Schatz der Erlösung ganz schnell verspielt. Dann gäbe es keine Umkehr, keine tägliche Reue und Buße, dann wären Beichte und Lossprechung nur eine psychologische Fiktion. Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

 

Der getaufte Christ, der an Christus glaubt und seine Gewissheit an die Erlösung bindet, die Christus ein für allemal am Kreuz für ihn erworben hat, dient mit seinem Ich, seinem Gemüt, wie Paulus schreibt, dem Gesetz Gottes. Er ist ja eine neue Kreatur, schon hier und jetzt eine neue Schöpfung aus Wasser und Geist. Er hat ein christliches Gewissen, ein christliches Ich, das innerlich gegen das sündige Fleisch, wie Paulus dieses widerstrebende andere Ich nennt, kämpft. Aber mit dem Fleisch, dem todverfallenen Leib dient er dem Gesetz der Sünde. Aus diesem Zwiespalt werden wir erst endgültig befreit, wenn Gott alles in allem ist, wenn Christus diese vergehende Schöpfung endgültig in die neue Schöpfung Gottes überführt hat, in der es keine Sünde, kein Leid und keinen Tod mehr geben wird.

Es gibt nur einen, von dem wir sagen können - weil es die Hl. Schrift sagt: Er wurde in allem versucht wie wir, doch ohne Sünde. Und das ist Jesus Christus selbst.

Vor einigen Jahren machte der Film „Die letzte Versuchung Christi" von sich reden. Engagierte Christen und fromme Gruppierungen machten lautstark Front gegen die Aufführung dieses Films, der tatsächlich auf weiten Strecken eine Zumutung aus christlicher Sicht darstellt und eine geschmacklose Provokation ist. Der Gipfel besteht darin, dass Christus, am Kreuz hängend, Versuchungs-Visionen hat, unter anderem auch das Verlangen, Ehebruch zu begehen. Ich bin sicher, dass die Autoren dieses Films damit nichts anderes wollten, als ein Tabu zu brechen und die Kirche als moralische Autorität in Frage zu stellen. Und dennoch hat dieses Szenario einen wahren Kern, der uns vielleicht manchmal erst durch provokantes Überzeichnen wieder ins Bewusstsein gelangt. Der Hebräerbrief sagt unmissverständlich und unzweideutig: Christus wurde in allem versucht wie wir, doch ohne Sünde.

Das heißt: Es gibt da keine, aber auch wirklich keine versuchliche Situation, keine Begierde, kein Verlangen, keine Sehnsucht und keine Sucht, in die sich Jesus Christus nicht mit Leib und Seele hineinversetzen könnte, weil er davon in seinem irdischen Leben völlig unberührt geblieben wäre.

Brüder und Schwestern, wenn wir ernst nehmen, was da steht, und das sollten wir um unseres eigenen Trostes und um der Größe und Würde des Opfers Christi willen wirklich tun, dann können wir die schlimmsten, abgründigsten, verworfensten und verwerflichsten Versuchungen nennen und immer hinzufügen: Christus kennt auch das. Er hat auch diese Versuchung durchlebt und durchlitten. Er hat den Reiz gespürt, ihr nachzugeben, sich hinzugeben. Er hat das mit dem Verstand, mit dem Herzen und mit der Seele kennen gelernt, was Versuchung heißt. In allem versucht wie wir. Keine denkbare Ausnahme ist bei dieser apostolischen Aussage möglich.

Ist dir das schon einmal bewusst gewesen, wenn du in der Stille beim Beichtgebet vor dir selbst erschreckt bist, angewidert von deinen Gedanken, Worten und Werken gezögert hast, sogar im stillen Gebet bestimmte Sünden vor Gott zu bekennen? Hast du dich davon schon einmal trösten und zu einem rückhaltlosen, ehrlichen, vor Gott und dir selbst ehrlichen Schuldbekenntnis bewegen lassen, dass es wirklich nichts gibt, was Jesus Christus nicht verstehen würde, weil er es selbst kennt und durchlitten hat?

Er, der Hohepriester und Sühnopfer zugleich ist, der in allen Versuchungen ohne Sünde geblieben ist, hasst die Sünde, die den Tod bringt, weil er das Leben ist. Aber er liebt den Sünder, sosehr, so kompromisslos, dass er um dieses Sünders willen, um deinet- und meinetwillen selbst in den Tod gegangen ist, damit wir Sünder gerettet werden und leben.

Liebe Gemeinde, bei dem Begriff „Hoherpriester" mag mancher erschaudern und denken: Der ist so erhaben, so rein, so unnahbar, dass ich mit meinem Schmutz mich ihm nicht einmal nähern darf, geschweige denn, ihm diesen Schmutz zu Füßen legen dürfte, um davon gereinigt und befreit zu werden.

Und so begegnen wir der Bezeichnung „Hoherpriester" für Jesus Christus nur sehr selten. Aber hier, im Hebräerbrief, wird uns zum Trost und zur Ermutigung gesagt, dass es niemanden gibt, außer eben diesem Hohenpriester Christus, der so in unseren Schmutz eingetaucht ist, der uns so verstehen und so annehmen kann wie er. Es ist kein Zufall, dass in unserer Liturgie Christus ausdrücklich gerade da als Hoherpriester angeredet wird, wo es darum geht, dass wir nicht in heiliger Scheu fernbleiben, sondern mit Zuversicht, mit Freudigkeit hinzutreten, nämlich in einem der großen Gebete der Abendmahlsfeier. Dort heißt es, dass wir uns der Auffahrt Jesu in das himmlische Heiligtum Gottes getrösten sollen, wo er, unser Hoherpriester, uns immerdar vor Gott, dem Vater vertritt, wo er für uns eintritt.

Diese alten Gebetsworte wollen nichts anderes sein als Trostworte und sie sind angelehnt an den Ruf aus dem Hebräerbrief: „Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zum dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben."

Als von Gott gerecht gesprochene Kinder Gottes haben wir immer und jederzeit freien Zugang zu diesem Gnadenaltar. Aber als Sünder, die wir immer auch und zugleich sind, solange wir auf dieser Erde leben, haben wir auch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, seine reinigende und rettende Hilfe immer wieder nötig.

Der alte Mensch und der neue Mensch kämpfen in uns und wir erleben diesen Kampf als Versuchung. Aber Christus hat den Sieg für uns bereits errungen. Das Ende ist nicht mehr offen, wenn wir uns im Glauben daran festhalten. Und das können wir nicht aus eigener Kraft, sondern nur, wenn wir immer wieder schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, wenn wir immer wieder hinzutreten zum Thron der Gnade und dort Barmherzigkeit empfangen. Amen.