Predigt

(Pastor Gert Kelter am Ostersonntag 2003)

Leichenraub am Sabbat?

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich. (Markus 16,1-8)

Liebe Brüder und Schwestern,

„Ich glaube nur, was ich sehe", sagt der moderne Mensch und gibt sich damit zeitgemäß, rational und aufgeklärt. Das Ereignis der Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat niemand gesehen. Auch nicht die Frauen, von denen berichtet wird, dass sie am frühen Morgen des ersten Tages der Woche an das Grab Jesu kamen, um seinen Leichnam zu salben. Auch sie sahen nicht den Vorgang der Auferstehung, sondern nur ein leeres Grab. „Ich glaube nur, was ich sehe" – und wenn es nichts weiter zu sehen gab als ein leeres Grab, dann ist das kein Grund, an die Auferstehung Jesu Christi zu glauben.

Liebe Mitchristen: Wir sehen in den letzten Wochen viele Bilder, die irgend etwas beweisen sollen; meist militärische Erfolge oder Niederlagen, je nach Standpunkt. Aber jeder weiß, dass solche Bilder keinerlei Beweiskraft haben und von allen Kriegsparteien als „beweiskräftige" Illustration zu völlig gegensätzlichen Behauptungen verwendet werden können. Da wird munter betrogen, geschoben, geschummelt und geschönt. „Ich glaube nur, was ich sehe" ist im hochtechnisierten Medienzeitalter ein uraltmodischer Satz für Dumme. Mit rationaler Aufgeklärtheit hat er schon lange nichts mehr zu tun. „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst" und „In Kriegszeiten ist die Wahrheit so gefährdet, dass sie mit einem starken Ring aus Lügen geschützt werden muss" – solche Sätze hört man fast täglich.

Habt ihr noch die Bilder von der ersten Mondlandung vor Augen? Meine Eltern haben mich damals als Kind nachts geweckt, damit ich dieses Ereignis mit eigenen Augen sehen sollte. In letzter Zeit mehren sich ernstzunehmende Stimmen, die mit sehr gewichtigen Argumenten und Dokumenten die Auffassung vertreten, es habe noch nie eine Landung von Menschen auf dem Mond stattgefunden. Alles sei von den USA im Kalten Krieg filmtechnisch in der Wüste von Nevada inszeniert worden, um medienwirksam den Wettlauf gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Wenn man sich die Filmaufnahmen daraufhin ansieht, stellt man tatsächlich fest, dass vielfach der Schattenwurf und der Lichteinfall auf den angeblichen Mondaufnahmen unmöglich der Realität entsprechen kann. Alles weist auf starke Studioscheinwerfer hin. Bei Start und Landung der Mondfähre hätten sich riesige Staubwolken bilden müssen, die sich aufgrund der fehlenden Schwerkraft lange nicht gelegt haben dürften. Die Filmaufnahmen zeigen keine Staubaufwirbelung. Die Skeptiker sind überzeugt: Die Welt wurde mit Trick- und Modellaufnahmen hinters Licht geführt. Noch ist es so, dass man von den meisten Zeitgenossen mitleidig angesehen wird, wenn man sich dieser These anschließt. Wir haben es doch mit eigenen Augen gesehen... Aber wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis der größte Betrug der Neuzeit doch noch aufgedeckt wird.

Liebe Gemeinde, lasst uns heute einmal den Einwänden nachgehen, die von den Skeptikern und Kritikern, den Leugnern und Zweiflern an der Auferstehung Jesu üblicherweise vorgebracht werden, um festzustellen, ob es nicht vielleicht doch einfacher ist, an die Auferweckung Jesu von den Toten zu glauben als an die Mondlandung.

Manche behaupten: Die Jünger haben den Leichnam Jesu gestohlen, um die Fiktion der Auferstehung zu untermauern. Das muss man sich mal vorstellen: Petrus, der Wortführer der Jünger hatte eben noch aus Angst vor den Römern und aus Furcht vor den jüdischen Religionsführern geleugnet, Jesus überhaupt zu kennen. Die Jünger verstecken sich nach der Kreuzigung in Jerusalem, wollen um keinen Preis auffallen, leben in Angst vor Entdeckung, Verhaftung und Verfolgung. Vor dem Grab Jesu steht ein Trupp gut ausgebildeter römischer Soldaten, die genau wussten, dass ihnen selbst die Hinrichtung droht, wenn sie unaufmerksam sein sollten und einen Fehler machen. Zur Planung und Durchführung dieses Leichenraubes, der ja überhaupt nicht vorhersehbar war, hätte das Häuflein verstörter Jesusjünger gerade mal einen Tag Zeit gehabt. Dieser Tag war aber ein Sabbat, an dem jegliche Arbeit strikt verboten war und darum unausweichlich aufgefallen wäre. Der Leichenraub am Sabbat nach dem Karfreitag – eine höchst unglaubwürdige Konstruktion!

Manche behaupten, unter anderem auch islamische Gruppierungen wie die Ahmadiya, die zur Zeit in Hannover eine Moschee errichten will, Jesus sei nur scheintot gewesen. Das muss man sich mal vorstellen: Nachdem Jesus seit Donnerstagabend in römischer Haft war, gefoltert worden war, wurde er am Freitag um 9 Uhr ans Kreuz genagelt, indem ihm Nägel durch die Hand- und Fußwurzelknochen getrieben wurden. Sechs Stunden hing er so am Kreuz, blutend, mit Blutstau in den Beinen, der zum Kreislaufkollaps und Herzversagen führt, bis er dann angeblich scheintot, also bewusstlos vom Kreuz genommen und in ein Felsengrab gelegt wird. Davor befindet sich ein mannshoher Rollstein in einer Rinne, sodass man das Grab nur öffnen kann, wenn man den Stein bergauf rollt. Die ganze Anlage wird von gutausgebildeten, bewaffneten römischen Soldaten bewacht. Der geschundene, gefolterte, ausgeblutete, bis zur Bewusstlosigkeit geschwächte Jesus hätte nach der Scheintot-Theorie also den Rollstein bergauf bewegen müssen, dann einen Kampf gegen die Wachmannschaft gewinnen und anschließend fliehen müssen. Soll das auch nur den Schimmer von Glaubwürdigkeit haben?

Manche behaupten, vor allem christliche Theologen, die Auferstehungserscheinungen seien nur Visionen, die auf den Wunschvorstellungen der Jünger beruhen. Aber diese Vorstellungen kannten die Jünger überhaupt nicht. Wo sie falsche Erwartungen in Jesus gesetzt hatten, und das hatten sie teilweise, waren das Hoffnungen auf einen politischen, einen kriegerischen Messias. Aber gerade die Leidensankündigungen Jesu stießen bei den Jüngern auf verschlossene Ohren. Sie haben sie nicht verstanden. Immer wieder wird das in den Evangelien bezeugt. Als Jesus verhaftet und getötet wird, sind die Jünger vollkommen enttäuscht, was beispielhaft an Thomas deutlich wird, der seinen Mitaposteln die Nachricht von der Auferstehung nicht glaubt. Um die These von den Auferstehungsvisionen aufrecht erhalten zu können, müssten Fakten beigebracht werden, die erstens zeigen, dass die Jünger schon vor Karfreitag und Ostern eine Auferstehungserwartung hatten und zweitens, dass eine kollektive Hysterie die Jünger befallen hat, in der sie dann zweifelsfrei solche Visionen gehabt hätten. Aber das Gegenteil wird bezeugt: Zittern, Furcht und Entsetzen der Frauen am Grab, Unglaube bei den Jüngern. Trostlose Nüchternheit, die mit allem rechnete, nur nicht mit einem solchen Wunder.

Manche behaupten, die Auferstehung sei nur eine Erfindung der späteren Kirche. Das muss man sich mal vorstellen: Wie spät hätte diese Erfindung eigentlich in die Öffentlichkeit gelangt sein sollen? Und wer hätte sich dann noch dafür interessieren sollen? Der 1. Korintherbrief wurde um das Jahr 56 n.Chr. verfasst. In 1. Korinther 15 berichtet der Apostel Paulus von der Auferstehung und macht in Vers 3 deutlich, dass er selbst diese Glaubensaussage bereits empfangen hat. Dann folgt ein Abschnitt, der an die Worte des apostolischen Glaubensbekenntnisses erinnert, wir haben sie gerade noch in der Epistel gehört, die in ihrer Sprachgestalt eine sehr alte aramäische Vorform erkennen lassen. Das Bekenntnis zur Auferweckung Jesu von den Toten lässt sich also in die früheste Zeit der Kirche, noch vor der Abfassung der neutestamentlichen Schriften zurück verfolgen.

Manche behaupten, dass Jesus ja nur Menschen aus seinem Jüngerkreis als Auferstandener erschienen sei, die also unkritisch waren und nicht den nötigen nüchternen Abstand hatten. Aber was ist mit Paulus, der als Saulus zu den überzeugtesten Christenverfolgern gehörte? Was ist mit Jakobus, dem Bruder Jesu, der den Anspruch Jesu, der Messias zu sein, ausdrücklich abgelehnt, ja der ihn für geisteskrank gehalten hat?

Liebe Gemeinde, alle Versuche, die Auferstehung innerweltlich weg zu erklären, verwickeln sich in Widersprüche und sind keine Bedrohung für den Auferstehungsglauben. Was glauben denn die Menschen, die nur glauben, was sie sehen? Sie glauben und sagen das auch: Nur eines ist sicher, und das ist der Tod. Dieser weltliche Glaube an den Tod als einzige und allerletzte Wahrheit ist die Ursache aller menschlicher Angst, aller Lebens- und Sterbensangst. Er ist auch ein starker Antrieb für alle menschlichen Bemühungen, das Leben angenehm zu machen, weil es ja nur dieses Leben gibt, es zu verlängern oder sogar über den Tod hinaus zu bewahren. Inzwischen lassen sich Menschen tiefgefrieren, weil sie hoffen, dass diese wissenschaftlichen menschlichen Bemühungen irgendwann einmal Methoden zuwege bringen, durch die man Tote wieder zum Leben erwecken kann.

Und selbst, wenn das einmal gelingen sollte, wäre eine solche Wiederbelebung nur eine Lebensverlängerung, die unweigerlich wieder in einem Grab endete. „Ich glaube nur, was ich sehe". Die Bilder, die wir sehen, im Fernsehen oder im wirklichen Leben, sind am Ende immer Bilder des Todes. Selbst die schönsten Bilder aus der Natur können nicht dauerhaft verstecken, dass das Gesetz dahinter „Werden und Vergehen, Fressen und Gefressenwerden" lautet.

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt", lautet Karlas Taufspruch. Ich glaube an das Leben. An das Leben, das Gott, der Vater, aus Liebe erschaffen hat, das er auch erhalten will, das er durch den irdischen Tod hindurch neu erschaffen will. Ich glaube an den Herrn des Lebens, an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als erster den Tod besiegt hat und alle, die an ihn glauben ins Leben mitreißt. Ich glaube, was ich in jeder heiligen Taufe und auch heute wieder sehe: Christus lebt und ist durch sein Wort und seine Sakramente in seiner Kirche gegenwärtig. Er handelt wirksam an den Menschen, die zu ihm gebracht werden und beschenkt sie mit Vergebung der Sünden, mit Leben und Seligkeit.

Ich glaube, was mir der Heilige Geist, der Herr ist und lebendig macht, zur Gewissheit gemacht hat: Christus lebt, mit ihm auch ich. Er tröstet mich in Traurigkeit und gibt mir Rat und Orientierung, Geborgenheit und ein festes Fundament im Leben.

Und ich erfahre in meinem Leben, dass die Bilder des Todes, die ich sehe, ihre Macht und ihre Gewalt über mich schon verloren haben; dass ich mich mit Hoffnung und Vertrauen schon in diesem Leben freuen und genießen kann, was es mir bringt; dass ich an der Grenze dieses irdischen Lebens nicht entsetzt und außer mir sein muss, sondern getröstet sein kann, weil ich weiß, dass für die, die Jesus Christus glauben, der Tod nicht mehr das Ende ist und aller Sinn in diese kurzen Jahrzehnte irdischen Daseins gepresst werden muss. Wer an den Auferstandenen glaubt, wer getauft ist und Ostern feiert, der feiert das Leben und wer an Jesus Christus glaubt, der hat das ewige Leben und ist schon vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.

Dagegen verblassen alle Bilder und alle Worte. Sogar das große Wort „Er ist wahrhaftig auferstanden" reicht nicht aus. Der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis berichtet in seiner Erzählung „Rechenschaft vor El Greco" folgende Ostergeschichte : ..."Es ist Morgendämmerung des Ostertages. Der Pfarrer Kaphatos auf den Bergen Kretas läuft von Dorf zu Dorf... Mit aufgekrempelten Ärmeln, beladen mit seinen Messgewändern und dem schweren silbernen Evangelium klettert er mitten in der heiligen Osternacht die steinige, felsige Gegend empor... Im letzten Dörfchen... haben sich die Dorfbewohner in der kleinen Kirche versammelt, die Öllampen angezündet.... und die Ikonen und die Tür geschmückt; sie halten die erloschenen Kerzen in der Hand und warten, dass das große Wort kommt, damit sie sie anzünden. Über dem Warten wird die Gemeinde ungeduldig. Als der Pfarrer dann kommt, triefend vor Schweiß, erhitzt vom Rennen, stürzen alle aus der Kirche nach draußen. In diesem Augenblick ging über dem Hang des Berges die Sonne auf; da sprang der Pfarrer mitten unter die Dorfbewohner und öffnete die Arme: „Christus ist am auferstandensten, meine Kinder", rief er. Das bekannte, abgedroschene Wort ‚auferstanden’ erschien ihm plötzlich klein, billig, erbärmlich; es konnte die große Botschaft nicht fassen; so wurde das Wort größer und mächtiger auf den Lippen des Pfarrers. Die Sprachgesetze beugten sich und zerbrachen."

Christus ist am auferstandensten, liebe Gemeinde! Christus lebt und wir mit ihm. Amen.