Predigt

(Pastor Gert Kelter am Sonntag Miserikordias Domini 2003)

Vor Enttäuschungen sicher

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe.

Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,

denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich,

wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir;

und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.

Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.

Ich und der Vater sind eins. (Johannes 10,11-16.27-30)

Liebe Brüder und Schwestern,

mein Neffe Simon durfte Sylvester, gerade Schulkind geworden, zum ersten Mal bis Mitternacht aufbleiben, um das Feuerwerk mitzuerleben. Schwester und Schwager waren bei Freunden eingeladen, die ein gleichaltriges Kind haben und die beiden Jungen hielten natürlich tapfer durch, ohne ein Zeichen von Müdigkeit – zumindest offen zu zeigen. Nach dem Feuerwerk waren dann aber die letzten Reserven verbraucht und Simon schlief fast im Stehen ein. Nach dem Ende der Feier trug mein Schwager den tief schlafenden Simon ins Auto. Zuhause wurde er – immer noch schlafend - bettfertig gemacht und am nächsten Morgen wachte er munter in seinem Kinderzimmer auf. Er konnte sich nicht erklären oder erinnern, wie er in sein Bett gekommen war, daß ihn sein Vater ins Auto getragen hatte, daß sie nachts nachhause gefahren waren und seine Mutter ihn ausgezogen und ins Bett gelegt hatte. Nicht einmal daran, daß er irgendwann völlig ermüdet eingeschlafen war.

Liebe Gemeinde, so könnte ich mir das Sterben von Christen bildlich vorstellen: Wer sich im Leben voller Vertrauen in die Hände des Hirten Jesus Christus begibt, den wird nichts und niemand aus der Hand dieses guten Hirten reißen. Der wird seine Lämmer in sicherer Geborgenheit bewahren. Vielleicht sogar so, daß die Leiden und die Kämpfe, die manchmal auch mit dem Sterben von Christen verbunden sind, von dem Sterbenden im Tiefsten seiner Seele gar nicht wahrgenommen werden und nur körperliche Anzeichen des Vergehens sind, nur von den Lebenden als schwer und zermürbend empfunden werden. So, wie ja auch Simon den Vorgang des Einschlafens gar nicht mehr bewußt registriert hatte.

Und eines Morgens wachen wir zu einem neuen Tag, zu einem neuen Leben auf. Der Gute Hirte hat uns auf starken Armen über die Schwelle getragen. Das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden.

„In kurzem wach ich fröhlich auf, mein Ostertag ist schon im Lauf; ich wach auf durch des Herren Stimm, veracht den Tod mit seinem Grimm."

Brüder und Schwestern, das fällt schon auf, daß in vielen Ostersiegeshymnen und anderen christlichen Chorälen über den Tod mit gelassener Verachtung geredet wird. Da wird nicht argumentiert, sanft getröstet und aufgemuntert, sondern über den Tod gelacht. „Tod, wo ist dein Stachel nun?" „Der Tod mit seiner Macht wird nichts bei mir geacht; er bleibt ein totes Bild, und wär er noch so wild." „Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken?" „Tod, du kannst an mir nichts haben, muß ich gleich zu Grabe gehen!" „Trotz dem Todesrachen!...Ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund muß verstummen, ob sie noch so brummen."

Diese gelassene Todesverachtung ist die Folge des unerschütterlichen Vertrauens, unwiderruflich unter dem Schutz des Guten Hirten zu stehen. In seiner Obhut kann mir keiner mehr schaden. Aus der Geborgenheit und aus dem Schutz dieser Herde kann mich niemand mehr herausreißen. Daß sehr vielen Christen gerade der 23. Psalm, der Hirtenpsalm so viel bedeutet, daß dieser Psalm häufiger als jedes andere Gebet an Sterbebetten gebetet wird, wird kein Zufall sein und nicht nur damit zusammenhängen, daß dieser Psalm zum Standardlernpensum des Konfirmandenunterrichtes gehört. In seinen Worten drückt sich die Sehnsucht der Menschen nach letzter Geborgenheit aus. Darin wird ausgesprochen, was unsere Erfahrung meist gerade nicht bestätigt, nämlich, daß sich Vertrauen lohnt. Daß Vertrauen auf Gott nicht enttäuscht wird, sondern trägt und bewahrt, tröstet und rettet.

Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe."

Das ist mehr als nur ein Vergleich, mehr als nur ein Bild. Mit den Worten „Ich bin" offenbart Gott schon im Alten Bund sein innerstes Wesen: Ich bin der ich bin. Die „Ich-bin-Worte" Jesu sind das Echo des ersten Ich-bin-Wortes Gottes an sein auserwähltes Volk aus dem brennenden Dornbusch.

Christus ist nicht nur „wie" ein guter Hirte, sondern er ist der gute Hirte schlechthin. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Guten Hirten Christus und allen anderen Hirten ist, daß Christus sein Leben für die läßt, die zu ihm gehören, der er kennt und die ihn kennen.

Christus als der Gute Hirte seiner Herde ist das Sinnbild für inniges, verbindliches und unerschütterliches Vertrauen.

Ein Schaf kennt seinen Hirten an seiner Stimme. Es weiß instinktiv, zu wem es gehört, wem es sich anvertrauen darf und muß, wenn es Nahrung und Schutz vor allen Gefahren sucht. Es weiß genau, wo „drinnen" und wo „draußen" ist und daß es ihm „drinnen" gut geht, aber „draußen" Gefahren drohen.

Moderne Kritik am Bild von Christus als dem guten Hirten und der Kirche als seiner Schafherde, die sich ihm bedingungslos anvertraut, nennt das vielleicht romantische oder sogar gefährliche Schwarz-weiß-Malerei. So einfach ist es doch nicht, heißt es dann, daß man alles nach „drinnen" und „draußen", nach „gut" und „böse" einteilen kann. Wo bleibt da die Offenheit, wo bleiben da die Grautöne, wo eine differenzierte Sicht der Welt und der Wirklichkeit?

Solche Anfragen kann man nicht einfach vom Tisch wischen. Und trotzdem muß man sich der Frage stellen, ob diese urmenschliche Sehnsucht nach Geborgenheit und Klarheit, nach Wahrheit und Orientierung nicht auch berechtigt ist und was eigentlich mit einem Menschen passiert, dem dieses Grundbedürfnis vorenthalten wird.

Wenn z.B. Kinder immer häufiger nur mit einem Elternteil und meist ohne Vater oder mit wechselnden Lebensgefährten aufwachsen und das Gefühl „Wir sind eine Familie" gar nicht mehr kennen. Was ist von einer Namensgesetzgebung zu halten, die es ermöglicht, daß innerhalb einer Familie, selbst wenn sie einigermaßen "intakt" ist, drei unterschiedliche Familiennamen existieren und die Kinder nicht automatisch denselben Nachnamen wie ihre beiden Eltern tragen? Erschwert das nicht die Identifizierung mit einem Geborgenheitsgefüge, zu dem ich mich zugehörig fühlen kann? Was geschieht mit einer Gesellschaft, deren Führungselite ungestraft Versprechen machen und dann ohne jede Konsequenz brechen kann?

Was hat es für Auswirkungen auf die Menschen, wenn sich immer deutlicher zeigt, daß auf nichts mehr Verlaß ist, daß jeder, der die Macht dazu hat, Recht und Gesetze brechen darf, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden? Das Verhalten der Mächtigen dieser Welt muß doch –zumindest mittel- oder langfristig- negativen Vorbildcharakter haben und zur Legitimation der Willkür des Stärksten führen!

Muß nicht vielfach enttäuschtes Vertrauen zu einer tiefen Krise führen? Wenn, wie letzte Woche geschehen, bei einer Kommunalwahl nur noch 15 % der Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, weil sie ihr Vertrauen in die Politik verloren haben, kann das nicht ohne Folgen bleiben.

In einer solchen Situation wären die Kirchen aufgerufen, den Menschen deutlich zu machen, daß es eine letzte Wahrheit gibt, eine letzte Instanz, vor der sich jeder einmal zu verantworten hat, daß es Regeln und Grundsätze gibt, die man nicht brechen und mißachten darf, daß es Einen gibt, dem man sich vorbehaltlos anvertrauen darf und der dieses Vertrauen niemals enttäuschen wird.

Und wenn die Kirche das nicht tut, werden sich die Menschen in ihrer ganz berechtigten und natürlichen Sehnsucht nach Klarheit, Wahrheit, Geborgenheit und Orientierung irgendwelchen Mietlingen anvertrauen, die ihnen versprechen, ihre Sehnsüchte zu erfüllen. Mietlinge, die vorgeben, den richtigen Weg zu wissen, die Maßstäbe für „falsch" und „richtig" anbieten, die Identität und Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.

Seien es nun politische oder religiöse, gesellschaftliche oder kulturelle Mietlinge.

Aber jeder Mietling kümmert sich nicht um die Schafe, sondern in erster Linie um sich selbst. Kommt der Wolf, der erfahrungsgemäß immer einen Schafspelz trägt, machen sich die Mietlinge aus dem Staub, nicht ohne zuvor die Schafe geschoren, gemolken oder geschlachtet zu haben. Mietlinge, das zeichnet sie alle aus, suchen ihren Vorteil und ihren Profit. Man glaube nicht, daß es die in der Kirche nicht gäbe. Falsche Anpassung, Scheintoleranz, vorgebliche Offenheit und Modernität können durchaus ein gutes Mittel dazu sein, Ehre, Anerkennung, Applaus von der Mehrheit, Karriere in kirchlichen Hierarchien und andere persönliche Vorteile zu ergattern.

Aber eine Herde, die solchen Mietlingen ausgesetzt ist, wird zerstreut, läuft orientierungslos in die Irre und der Wolf im Schafspelz stürzt sich auf sie.

„Als Jesus das Volk sah", heißt es bei Matthäus, „jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben."

Irre geworden an allem und jedem, auf mich selbst gestellt und ohne letzten Halt stehe ich dann irgendwann am Abgrund des Lebens und werde nichts haben als meine Angst.

Es sei denn, ich klammere mich mit all meinem Vertrauen an den, der von sich gesagt hat „Ich bin der gute Hirte". Dann bin ich vor Enttäuschungen sicher. Dann weiß ich, wem ich zu folgen habe und wer mich ans Ziel bringt. Dann habe ich die Gelassenheit, die Welt und ihre Mietlinge und ihre Wölfe brummen zu lassen und doch in sicherer Ruhe dem Loblieder zu singen, der mich in seiner hand hält und aus dessen Hand mich niemand reißen kann. Amen.