Predigt

(Pastor Gert Kelter am Letzter Sonntag nach Epiphanias 2003)

Gipfelerlebnisse

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.
Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!
Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.
Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!
Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.
(Matthäus 17, 1-9)

Liebe Brüder und Schwestern,

Letzte Woche musste der ausgetrocknete, mit Kugeln und Sternen geschmückte Tannenstrauß nun endlich das Wohnzimmer verlassen. Der alte Liturgiker in mir wartete den Tag der Darstellung des Herrn ab, den 2. Februar, an dem traditionellerweise die Weihnachtszeit endet und die Bäume und Sträuße wieder abgeschmückt werden, der alte Faulpelz in mir wartete auf seine Haushaltshilfe, die die nadelige Säuberungsaktion für ihn erledigte.

Da stand als dürre Erinnerung an die festliche Weihnachtszeit dieser Strauß noch wochenlang aber verbreitete nicht mehr diese anheimelnde Stimmung, die er in den Tagen um das Weihnachtsfest ausstrahlte. Etwas fade ist dieses Nachfeiern, ehrlich gesagt, schon.

Das haben Nachfeiern eigentlich immer so an sich. Sie wollen etwas zurückholen oder festhalten, sind Versuche, Gipfelerlebnisse zu konservieren. Aber das gelingt nicht. Es gibt Augenblicke, die so schön sind, dass man sie festhalten möchte. Es gibt Menschen, die man nie mehr hergeben möchte. Aber das Loslassenmüssen wird uns nie erspart. Die Nachfeiern, die Nachtreffen nach Freizeiten, die Fotos, Filme und Dias, mit denen wir alles mögliche festzuhalten versuchen, sind kein wirklicher Ersatz.

Diese Erfahrung machen auch Petrus, Jakobus und Johannes, die mit Jesus auf einen Berg steigen und dort ein Gipfelerlebnis haben: In hellem Licht erstrahlt Jesus Christus und an seiner Seite stehen die alttestamentlichen Propheten Mose und Elia und reden mit ihm.

Sie haben die Funktion von Notaren, von Bevollmächtigten Gottes, die bezeugen, was die Stimme aus der Wolke sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören." Das ist zugleich eine Art Amtsübergabe, eine feierliche Ordination Christi, der von da an als neuer Mose und letzter aller Propheten die einzig autorisierte Stimme, das alleinige Wort Gottes an die Menschen ist.

„Nach sechs Tagen", heißt es beim Evangelisten Matthäus, ist das geschehen. Sechs Tage wonach?, fragt man unwillkürlich, ohne darauf eine klare biblische Antwort zu erhalten. Möglich ist es, dass die Verklärung sechs Tage nach dem Bekenntnis des Apostels Petrus stattgefunden hat, der sagte: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn.

Zweifellos aber findet das Gipfelerlebnis an einem siebenten Tag statt. Und das ist für mich ein Hinweis darauf, dass geistliche Gipfelerlebnisse bis heute am siebenten Tag, am Sonntag im Gottesdienst nämlich, stattfinden. Jede Sonntag erleben wir eine Verklärung Christi. Dort lässt ER uns sein Angesicht leuchten, wie es im Segen heißt; dort hören wir die Stimme Gottes, dort werden wir aufgerichtet und getröstet.

Petrus, Jakobus und Johannes sind so fasziniert von dem, was sie erleben, dass sie diese Erfahrung festhalten und einmauern möchten. Darin sind sie ganz und gar Mensch. „Hier ist gut sein. Willst du, so wollen wir hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine."

Und wären sie dazu gekommen, und hätten sie keine Laubhütten oder Zelte gebaut, sondern feste Gebäude aus Felsengestein, und hätten die Römer, die Türken, die Araber, die Kreuzfahrer und Wind und Wetter sie bis heute nicht zerstört, dann stünden heute auf einem Berggipfel drei Steinhütten und wären leer und trocken wie der Tannenstrauß sechs Wochen nach Weihnachten. Sie hätten das Gipfelerlebnis der Apostel nicht festgehalten und nicht bewahrt.

Aber soweit kommt es nicht. Aus einer Wolke, dem alten biblischen Sinnbild für die verborgene Gegenwart Gottes, hören die drei eine Stimme, die bekundet, was auch schon bei der Taufe Jesu am Jordan zu hören war: Dies ist mein lieber Sohn. Und nun wird noch etwas Entscheidendes hinzugefügt: Auf den sollt ihr hören.

Das Hören wird also zur Zuspitzung, zur Pointe. Die Apostel sehen den verklärten Herrn, erkennen mit ihren Augen, was sie hören, nämlich: Dieser ist Gottes Sohn; aber künftig sollen sie ihn nicht mehr sehen, sondern auf ihn hören.

Die Jünger erschrecken sich fürchterlich und fallen auf ihr Angesicht.

Und das erste, was sie von Jesus nach seiner Verklärung hören, ist der Satz: „Steht auf und fürchtet euch nicht."

Liebe Gemeinde, man kann sagen: Das ist eine Art Zusammenfassung des Evangeliums Jesu Christi.

Steht auf: Das Wort Gottes richtet von Sünde, Zweifel, Krankheit, Not und Tod niedergedrückte Menschen auf. In der Gegenwart Jesu Christi dürfen wir aufrecht stehen, als Kinder und Erben Gottes, als Bürger seines Reiches. „Vater unser im Himmel" – so vertraut werden die Christen erhobenen Hauptes den allmächtigen Gott im Namen Jesu Christi künftig anreden.

Fürchtet euch nicht: Alles, was uns Menschen Furcht und Angst macht, was Macht über uns beansprucht, was uns die Zukunft nehmen will, was uns ungewiss und perspektivlos macht – das alles ist durch Christus entmachtet. Seit er in diese Welt gekommen ist, ist der letzte und tiefste Grund unserer Menschenfurcht, nämlich der Tod, außer Gefecht gesetzt. Der Tod ist letzten Endes die Macht, die uns alles entreißt und unseren Händen alles entgleiten lässt. Er setzt nicht nur den schönen Augenblicken des Lebens, sondern auch unserem eigenen Leben und dem der anderen Menschen eine letzte Grenze. Darin liegt unsere Lebensangst begründet. Und weil wir das bewusst oder unbewusst in uns immer gegenwärtig spüren, wollen wir die schönen Augenblicke, die Gipfelerlebnisse unseres Lebens, auch so gerne festhalten und merken doch immer wieder, dass uns das nicht gelingt. Über den Hütten, die wir dann doch immer wieder bauen, legt der Tod, das unumgängliche Ende seine Schatten. Denken wir an die trockenen Tannenzweige.

„Steht auf und fürchtet euch nicht!" – Das ist das Evangelium des Auferstandenen. Das ist die Botschaft des Sohnes Gottes, der für uns sein Leben hingegeben hat, damit wir leben in Fülle haben.

Die Jünger denken nicht mehr an ihre Hüttenbaupläne. Das Wort Jesu hat sich ihnen tief eingeprägt. Sie wissen noch nicht, können noch nicht wissen, warum sie sich nicht mehr zu fürchten brauchen. Aber Jesus gibt ihnen einen deutlichen Hinweis und sagt: „Ihr sollt von dieser Erscheinung, dieser Epiphanie, niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist."

Und dann steigen sie gemeinsam wieder hinab. So ist das mit den Gipfelerlebnissen unseres Lebens: Ihnen folgt immer der Abstieg in die Niederungen des Alltags. Alles wird künstlich, aufgesetzt und fade, wenn wir uns dagegen sträuben und immer himmelhochjauchzend verharren wollen.

Unsere lutherische Glaubenstradition weiß das nur zu genau. Wenn wir in unser Gesangbuch sehen, dann finden wir eben nicht nur „Psalmen, Bitt- und Lobgesänge", sondern auch die Rubrik „Gottvertrauen, Kreuz und Trost"; nicht nur die Höhepunkte des Kirchenjahres, sondern auch Lieder zum ganz alltäglichen christlichen Glauben und Leben und auch zu Tod und Ewigkeit.

Es ist kein Zufall, dass der letzte Sonntag der Epiphaniaszeit mit dem Abstieg vom Berg der Verklärung endet. Denn dieser Weg ist schon der Weg nach Jerusalem, der Weg ins Leiden, in die Passion und ans Kreuz.

Aber mit den Jüngern geht das helle Bild eines Vorgeschmackes auf das, was sie hinter dem Kreuzeshügel erwartet: Nämlich das Bild des Verklärten, des Auferstandenen, der durch seine Auferstehung wohl verwandelt, aber doch derselbe geblieben ist.

„Fürchtet euch nicht!" Dieses Wort werden sie vom auferstandenen Jesus noch einmal hören.

In dieser Vorfreude beginnt die Passions- und Fastenzeit. „Vorfreude ist die schönste Freude", sagt zurecht der Volksmund.

Und das gilt übrigens auch für jeden unserer Gottesdienste bis heute: Sie sind keine Nachfeiern, die etwas Vergangenes festhalten und konservieren wollen, sondern sie sind Durchbrechung unseres Alltags, Gipfelbegegnungen mit dem lebendigen Gott, die unsere Vorfreude auf das stärken und festigen wollen, was Gott für uns bereithält: Leben, das bleibt. Leben, das nicht mehr bedroht ist. Leben, das wir nicht krampfhaft erwerben, verdienen und festhalten müssen, weil Gott selbst es für uns ein für allemal erworben hat.

Steht auf uns fürchtet euch nicht und geht gelassen hinab vom Berg der Verklärung in euren Alltag, und wisst, dass Christus bei euch ist und mit euch geht und dass euch sein Angesicht leuchtet und manchmal besonders hell, wenn es um uns herum besonders dunkel ist. Auf ihn sollen wir hören.

Amen.