Predigt

(Pastor Gert Kelter am Karfreitag 2003)

Der einzige sinnvolle Tod

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber,

und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.

Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, [a] damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied. (Johannes 19, 16-30)

Liebe Brüder und Schwestern,

„Mein Gott, die armen Eltern!", titelte die Bild-Zeitung kürzlich, nachdem auch die Leiche der Schwester des in der Eifel ermordeten Jungen gefunden worden war. Angesichts eines so unvollendeten Lebens und eines so sinnlosen, wohl auch qualvollen Todes rufen auch weltliche Redakteure, in einer Redensart verborgen, nach Gott. Gibt es einen sinnvollen Tod?

Der erste Tote, von dem die Bibel berichtet, ist Abel, der von seinem eigenen Bruder Kain ermordet wurde. Die Stimme des Blutes des Ermordeten schrie zu Gott von der Erde. Hatte dieser Tod einen Sinn?

Vom ersten Menschen, Adam, heißt es, er lebte 930 Jahre und starb. Ein gesegnetes Alter, würden wir sagen. Aber hatte sein Tod irgendeinen Sinn? Manchen biblischen Gestalten wird bescheinigt, dass sie alt und lebenssatt gestorben seien. Selbst ein Hiob, dessen Leben durch viel sehr sinnlos scheinendes Leid geprägt war, stirbt am Ende alt und lebenssatt. Das klingt versöhnt und versöhnlich. Das Zeitliche müssen diese Menschen nicht verfluchen, sondern können es segnen und dann versammelt werden zu den Vätern. Aber auf die Frage nach dem Sinn des Todes gibt das Alte Testament nur die eine Antwort: Nachdem Adam und Eva ihre von Gott geschenkte Freiheit mißbraucht haben, nachdem sie Gottes Gebot gegenüber ungehorsam gewesen sind, müssen sie den Lebens-Raum, das Paradies verlassen. Es wird von Gott hinter ihnen verschlossen, dass sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und ewig leben. Der Sinn, der Grund, die Ursache des Todes und des Sterbenmüssens ist die Sünde, der Ungehorsam der Menschen. Und zwar aller Menschen. Das Paradies, der ursprüngliche Liebes- und Lebensraum der Menschen, wurde von Gott nicht abgeschafft, aber für die Menschen ist der Zugang verschlossen. Sie müssen wieder zur Erde werden, davon sie genommen wurden. Aber der Tod ist das Ende auch eines noch so langen und erfüllten Lebens. Einen tieferen Sinn als den, die Folge der Sünde, der „Sünde Sold" zu sein, hat der Tod nicht.

In der jüdischen Überlieferung liegt Adam vor den Toren Jerusalems unter einem Hügel begraben, den man Schädelstätte nannte, Golgatha. Hier liegt das Grab der Menschheit. Hier soll sich der Überlieferung gemäß auch der Berg Morija befinden, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte. Eine gespenstische Szene war das, bei der es um die Frage ging, ob durch den Gehorsam des einen Menschen Abraham der Ungehorsam der Menschheit ausgeglichen werden kann. Gott hat die Frage selbst beantwortet und „nein" gesagt. Selbst wenn Abraham gehorsam gewesen wäre bis zum Opfertod seines Sohnes: Der Ungehorsam Adams wäre doch ungesühnt geblieben. Gott will das Abrahamsopfer nicht und setzt vorläufig und vorübergehend Tieropfer ein in Gestalt eines Widders, der an Isaaks Stelle geopfert wird.

Das Paradies, der Lebensraum, indem es keine Tränen, keine Not, keinen Schmerz und keinen Tod gibt, bleibt verschlossen. Der Cherub mit dem flammenden Schwert bleibt auf Posten. Der Tod bleibt eine unausweichliche Tatsache für alle Menschen. Und die Frage, welchen Sinn der Tod hat, bleibt unbeantwortet, ganz gleich, ob ein junger, lebenshungriger Mensch oder ein alter, lebenssatter Mensch stirbt, einer, der das Zeitliche segnen kann oder es verflucht.

Bis zu jenem Tag, an dem es heißt: „Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte."

Das Adamsgrab ist die Hinrichtungsstätte Jerusalems. Zu Tausenden mussten dort Menschen für das, was nach irdischen Maßstäben Schuld und Sünde genannt wurde, mit ihrem Leben bezahlen und wurden Opfer ihres Ungehorsams. Aber das Menschheitsgrab blieb verschlossen und der Tod behielt das letzte Wort. Seit Abrahams Zeiten hätte man wissen können, dass Gott kein Menschenopfer will, dass auch der größte Gehorsam eines einzelnen Menschen die Schuld der Menschheit nicht sühnen und das Paradies nicht wieder öffnen kann.

Über dem Menschheitsgrab des ersten Sünders steht in allen Weltsprachen zu lesen: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

Pilatus, ein charakterschwacher Judenhasser, wollte sich mit diesem Schild an den Hohenpriestern rächen, die Pilatus mit dem Satz erpressen wollten: „Lässt du diesen (Jesus) frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser."

Um den Hohenpriestern ein für allemal klar zu machen, dass ihr Volk nie wieder einen König haben würde und jeder, der sich mit den Römern anlegte, am Kreuz enden würde, lässt Pilatus schreiben: Das ist der König der Juden.

Er wusste nicht, was er tat, obwohl er meinte, es ganz genau zu wissen. In Wirklichkeit schrieb er als Griffel in Gottes Hand in den Sprachen der Bibel und der Kirche, was Wahrheit ist: Jesus ist der König.

Auf dem Adamsgrab folgt eine scheinbar zufällige, scheinbar ganz nebensächliche Szene der anderen. Aber Gott hatte sich diesen Ort als Schauplatz der Erlösung und der Erfüllung ausgewählt. Von Anfang an. Er saß dabei im Regiment. Er hatte die Fäden in der Hand.

Die Soldaten zerteilten das ungenähte Gewand Jesu in vier Teile und wussten nicht, dass ein solches Gewand zur Bekleidung des jüdischen Hohenpriesters gehörte. Indem sie es zerteilen, sagen sie ungewollt: Das Amt der Hohenpriester im Jerusalemer Tempel hat aufgehört zu existieren, seit der Hohepriester Christus sich selbst für die Sünde der Welt am Kreuz in vollkommenem Gehorsam dem Vater geopfert hat. Indem sie das Gewand in vier Teile zerteilen, sagen sie ungewollt: Die Frucht dieses Sterbens wird der ganzen Welt, allen Erdteilen in allen Himmelsrichtungen Frieden und Versöhnung schenken.

Die Soldaten wissen nicht, was sie tun. Aber der Psalmbeter hatte es schon längst im 22. Psalm vorausgesagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen."

Die Soldaten wissen nicht, das von dem, der ruft „Mich dürstet", schon im Psalm 22 geschrieben steht: „Meine Zunge klebt mir am Gaumen." Und sie wissen nicht, was sie tun, als sie Jesus einen Schwamm mit Essig reichen, von dem auch schon längst in Psalm 69 geschrieben stand: "Sie geben mir Essig zu trinken für meinen Durst."

Sie wissen nicht, dass das Ysoprohr dazu verwendet wurde, das Blut der zum Passahfest geopferten Lämmer an die Türpfosten zu streichen, damit der Todesengel an diesen Häusern vorübergeht.

Dass den Gekreuzigten zum Ende ihres qualvollen Leidens die Beine gebrochen wurden, war ein letzter Funken von Barmherzigkeit in all der Grausamkeit, durch die der Eintritt des Todes beschleunigt erden sollte. Aber als die Soldaten Jesus die Beine brechen wollten, war er bereits tot. Und niemand hat es verstanden, dass auch damit erfüllt wurde, was bereits im 2. Buch Mose vom Passahlamm gesagt war: „Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen."

Für die Soldaten, die nichts anderes im Sinn hatten, als sicher zu stellen, dass der Verurteilte auch wirklich tot war, war es eine beiläufige Handlung, Jesus mit einem Speer in die Seite zu stoßen. Dass Blut und Wasser aus dem Körper flossen, war nicht ungewöhnlich und lässt sich medizinisch problemlos erklären. Dass schon der Prophet Sacharja gesagt hatte: „Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.", wusste keiner der römischen Soldaten. Sacharja kündigte das messianische Friedensreich an. Sacharja spricht vom Tag des Herrn und sagt: „Der Herr wird König sein über alle Lande!"

Das alles geschah genau zu der Stunde, als im Tempel von Jerusalem die sadduzäischen Hohenpriester die Passahlämmer opferten.

Johannes, der Evangelist, schreibt sein Evangelium als letzter von allen Evangelisten. Als hochbetagter Mann erkennt Johannes, dass alles, die scheinbar sinnlose Brutalität, die Gemeinheit und Grausamkeit, die gedankenlose Routine und der vermeintliche Zufall, dass alles einen Sinn hat und ein einziges Ziel verfolgt. Man möchte meinen, Gott überließe, wenn es um die Rettung der Welt geht, nichts dem Zufall. Aber in Wirklichkeit überlässt es Gott sogar dem Zufall, seinen Plan zu erfüllen, weil auch der Zufall ein Werkzeug in seiner Hand bleibt. Alles bekommt von Gott her einen Sinn.

Als das geschah, wusste niemand, was er da wirklich tat oder was da wirklich geschah. Niemand außer dem Gekreuzigten selbst. Und der hat es auch gesagt: „Es ist vollbracht.!" Wörtlich: Es ist zum Ziel gekommen. Alles hat sich erfüllt und ist mir Sinn erfüllt.

Über dem Menschheitsgrab, das so viele sinnlose Tode verkörpert, hat der Tod des Einen Sinn. Es ist vollbracht – der grammatischen Form nach steht dieses Wort im Perfekt. Es ist das göttliche Perfekt, das zur Grundlage des Heils aller Menschen wurde.

Durch diesen einen und einzigen Tod, der einen Sinn hat, ist die trostlose, zur Verzweiflung treibende Sinnlosigkeit des Todes und seine Macht über uns ein für allemal gebrochen und besiegt. Von Ostern her können wir das erkennen und verstehen.

Das Adamsgrab ist zum Feldherrenhügel des Siegers, des Königs Israels und des Königs der Welt geworden. Auf Golgatha ist zum Ziel gelangt, was auf dem Berg Morija unvollendet geblieben ist: Gott hat das Opfer des Einen für alle angenommen. Der vollkommene Gehorsam des Einen hat die Schuld des Ungehorsams der Adamskinder gesühnt.

Eigentlich sollte es ein Osterlied sein, was wir zu Weihnachten bereits singen: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis."

Von Ostern her hat der Tod Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der wahrer Mensch und wahrer Gott ist, dem Tod seine Sinnlosigkeit genommen. Und allen, die an Jesus Christus glauben und auf ihn vertrauen im Leben und im Sterben, gilt das Wort des Gekreuzigten in der Stunde seines und meines Todes: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Der Cherub steht nicht mehr davor. Gott sei Lob, Ehr und Preis. Amen.