Predigt

(Pastor Gert Kelter am Heiligen Abend (Christvesper) 2003)

Es komme die Gnade

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen
und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben
und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,
der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken. (Titus 2,11-14)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Weihnachten ist für alle da. Für die, die heute Abend in der Christvesper die Geburt des Welterlösers Jesus Christus feiern und in Anbetung vor dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes still werden, genauso wie für die, die sich nach ein paar Stunden Besinnlichkeit und sentimentaler Erinnerung an vermeintlich oder wirklich unbeschwerte Kindertage sehnen. Heute ist Weihnachten für alle, denen sich die brennenden Kerzen, der geschmückte Baum, die vertrauten Figuren der Krippe und die alten Lieder wie ein gnädiger Schleier des Verdrängens oder Vergessens für kurze Zeit auf die wunden Seelen legt, bevor sie wieder, nach den Festtagen von der Gnadenlosigkeit ihres Lebens und dieser Welt eingeholt werden.

Denn gnadenlos ist es doch, ein Leben zu führen, von dem ich nicht weiß, woher es kommt, wozu es da ist und wohin es führt. Gnadenlos ist es doch, einen gierigen Hunger nach Leben zu spüren und ihn nicht stillen zu können, auch wenn das ganze Leben nur aus Erlebnissen und aus Events besteht. Es ist gnadenlos, in dauernder Unzufriedenheit mit dem leben zu müssen, was man ist, was man hat, was man weiß, was man erreicht hat. Gnadenlos ist es, unter eigenen und fremden Erwartungen erdrückt zu werden. Gnadenlos ist es, vor der Zukunft Angst zu haben, trotz aller Planung und Vorsorge, trotz alles Bemühens und keinen Halt und kein Ziel und kein Fundament zu kennen, das auch dann hält, wenn alles zerfallen sollte. Gnadenlos ist die Sucht nach Gemeinschaft, nach Partnerschaft, nach Liebe und Geborgenheit, die die innere Leere ausfüllen soll, die nur darauf wartet, sich breit zu machen. Gnadenlos, wenn die Sucht nach Nähe immer wieder scheitert und in der Flucht vor der Nähe endet.

Aber Weihnachten ist für alle da.

Denn in dieser hochheiligen Nacht erschien in dieser gnadenlosen Welt für alle Menschen die erlösende Gnade Gottes.

Für alle erschienen, aber doch nur von wenigen erkannt und geglaubt. Denn die erlösende Gnade Gottes erschien nicht als Machtergreifung, die alles vergewaltigte und niemanden fragte, sondern in der Geburt eines Kindes. Christ, der Retter ist da.

So, liebe Gemeinde, hätte auch der frömmste Mensch das Erscheinen des Erlösers sich nicht ausdenken können.

In diesem Kind ist noch alles verborgen, es ist ein unentfaltetes Geheimnis, das da vor uns liegt, wie in jedem neugeborenen Kind ein unentfaltetes Geheimnis in diese Welt kommt.

Ein Stalin oder Hitler, ein Gandhi oder Luther, eine Florence Nightingale oder eine Mutter Theresa, eine gescheiterte Existenz oder ein glücklicher Mensch: Jeder war einmal ein neugeborenes Kind. Über jedem haben Mütter gedacht: Noch ist alles möglich.

Aus dem Kind in der Krippe wurde der Mann Jesus, der Mensch Jesus, ein Mensch, wie Gott uns Menschen sich wünscht, wie er sich uns gedacht hat. Ein Mensch, der uns wieder zu richtigen Menschen machen sollte, der uns befreien und erlösen sollte von unserem egoistischen Drang, selbst Gott sein zu wollen. Aus dem Kind in der Krippe wird der Mann am Kreuz, der sich für uns hingibt. In ihm kommt all unser Aufbegehren gegen den heilsame und lebengewährenden Willen Gottes zum Schweigen. Sein Wille und der Wille des Vaters werden im Opfer am Kreuz eines.

Das Krippenkind und der Kreuzesmann: So sieht die freundliche Gnade Gottes aus, die erschienen ist.

Wer das glaubt, dass Gott ein Kind wird und dass er für dich deinen Tod stirbt, damit du lebst, der wird verwandelt. So verwandelt wie ein Kind, das in der liebevollen Erziehung einfühlsamer, gerechter, zuverlässiger und an der richtigen Stelle strenger und grenzensetzender Eltern seine eigentliche Persönlichkeit entfalten, darin reifen und ein gesunder, heiler erwachsener Mensch wird. Gottes Gnade erzieht uns, wenn wir uns dieser Gnade überlassen, uns darauf einlassen. Erzieht uns zu Menschen, die Hoffnung haben, weil sie wissen, dass diese Welt nicht alles ist, dass sie vergeht wie auch unser eigenes irdisches Leben, dass das letzte Erscheinen des großen Gottes, eine neue Schöpfung, dass die Vollendung aber noch aussteht.

Und die das glauben und aus dieser Gnade leben, die sind Teil eines gereinigten Volkes, das Gott gehört, das in seiner Hand ruht, einer Hand, aus der es niemand mehr reißen kann.

So, liebe Gemeinde, kann man leben in einer gnadenlosen Welt, in der die Gnade Gottes schon menschliche Gestalt angenommen hat und wirkt. Und warum merkt man das nicht?

Man merkt es nicht, wenn man die Tagesschau ansieht oder die Zeitung liest. Aber du wirst es merken. In deinem eigenen Leben wirst du es merken. Es wird dir gehen wie den Hirten, diesen gnadenlosen Randexistenzen, die aus ihrer gnadenlosen Welt in die Geburtsgrotte kamen und das Kind fanden. Und als sie gefunden und gesehen hatten, kehrten sie um und lobten und priesen Gott für alles, was die gehört und gesehen hatten. Sie hatten die Gnade Gottes gesehen und wurden verwandelt. Aber sie stiegen nicht zu den Sternen in den Himmel um mit den Engeln ins Gloria einzustimmen, sondern gingen dahin zurück, woher sie kamen.

Sie blieben die Hirten, die sie waren und waren doch verändert. Sie waren Menschen geworden, weil sie Gott begegnet waren. Sie blieben die Lohnknechte der Schafbesitzer von Bethlehem, blieben das Lumpenproletariat einer besetzten und unterdrückten römischen Provinz und waren doch Menschen der Gnade geworden. Menschen, die wussten, dass sie an ihrem Platz mit frischem Eifer das tun sollen und können, was ihre Lebensaufgabe ist und dass das gut ist und zufrieden macht. Der gnädigen Platzanweisung Gottes zu trauen verwehrt es uns, sein zu wollen wie Gott, beendet die Langeweile und die Leere, den Verdruss und den Überdruss am Leben.

Liebe Brüder und Schwestern, in einer der allerersten Liturgien für die Feier des Hl. Abendmahles, die uns in uralten Schriften überliefert wurden, findet sich der Gebetsruf: Es vergehe die Welt und es komme die Gnade.

So haben die Christen Abendmahl gefeiert, als Wegzehrung auf einem Weg, den es sich zu gehen lohnt, weil er ein Ziel hat. Und so feiern wir bis heute das Hl. Abendmahl. Wir, die wir der Gnade des menschgewordenen Gottes begegnet sind und dadurch verwandelt und verändert wurden und immer noch stetig verändert werden. Wir feiern die Gottesdienste und beten den an, der für alle erschienen ist. Noch stellvertretend, fürbittend für viele, die in Gnadenlosigkeit zu versinken drohen. Aber in der festen Hoffnung, dass der, der als Kind in diese Welt gekommen ist und am Kreuz gestorben ist und am dritten Tag auferstanden ist und lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass der auch Mittel und Wege findet, im Leben der Gnadenlosen die Gnade erscheinen zu lassen. Amen.