Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter zur Hauskommunion am 25.12.2003)

Gottes Traum

Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist.
Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.
Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.
Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):
»Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.
Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.
(Matthäus 1,18-25)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

„Träume sind Schäume" sagt man und möchte damit Träume und Visionen in den Bereich des Unwirklichen und der Spinnerei verbannen.

Sprachgeschichtlich ist es tatsächlich so, dass „Traum" und „träumen" ursprünglich verwandt ist mit „Trug" und „trügen". Träume wollen uns betrügen. Denen darf man nicht trauen.

Wenn sich der hl. Josef nach diesen Grundsätzen gerichtet hätte, wenn er nur der nüchterne, bodenständige Handwerker gewesen wäre, als den wir ihn meist sehen, einer, der nur glaubt, was er sieht, einer, für den nur gilt, was der Norm entspricht, was die Mehrheit denkt und für richtig hält – : Gott hätte wohl einen anderen Weg wählen müssen, als Mensch in diese Welt zu kommen.

Josef war ja unbestreitbar in einer sehr schwierigen Lage. Seine ihm anvertraute Jungfrau, heute würde man „Verlobte" sagen, war schwanger und er wusste: nicht von ihm.

Der Evangelist Matthäus sagt in Luthers Übersetzung von Josef: <Er war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen. Darum gedachte er, sie heimlich zu verlassen.> „Fromm" heißt hier soviel wie „treu" oder vielleicht auch „sanft und gutmütig". Es heißt aber nicht unbedingt „besonders gläubig". Josef gehört zu den arglosen Menschen, die nicht immer zuerst das Böse, das Verworfene bei ihren Mitmenschen annehmen und unterstellen. Er ist einer, dem an Frieden, an freundlichem Miteinander gelegen ist. Er steht für den Ausgleich, die Verständigung, die Versöhnung, die Barmherzigkeit, das Vergessenkönnen. Solche Menschen gibt es. Bis heute. Und nicht selten halten wir nüchternen, kritischen und skeptischen Zeitgenossen solche Leute für „Träumer". „Mach doch deine Augen auf, sieh dir die Welt an und erkenne, wie sie ist, nämlich böse, feindlich, hinterhältig und gefährlich!", möchten wir diesen Träumern manchmal zurufen. „Erkenne doch, dass hier nur hartes Durchgreifen und Konsequenz ohne Rücksicht auf Verluste etwas ausrichtet."

Natürlich gibt es Menschen, die einfach nur weltfremd sind, harmoniesüchtig und darin auch durchaus egoistisch und bequem. Aber Josef ist in einem anderen Sinne ein Träumer. Er hat einen Traum. Und dieser Traum hängt nicht in der Luft. Er ist kein Schaum, der sich beim Erwachen knisternd verflüchtigt und zu Nichts wird.

Der Traum, den Josef als Wacher und Schlafender träumt, hat aber eine Grundlage, ein Fundament. Und dieses Fundament sind die Verheißungen Gottes. Gott selbst hat ja einen Traum, eine Vision, einen Plan, ein festes Ziel und ein erklärtes Vorhaben für uns Menschen. Gott will, dass wir heil werden. Dass wir erlöst werden. Dass wir gesund werden. Dass wir Leben haben, das Sinn hat und bleibt. Dass wir uns versöhnen lassen. Dass die Liebe und das Vertrauen und nicht Hass und Misstrauen in dieser Welt herrschen. Dass das Licht in der Finsternis scheint. Dass die Gefangenen frei werden, die Blinden sehend und die Lahmen gehend. Dass Lamm und Löwe im Frieden miteinander leben, dass ein Säugling gefahrlos seine Hand in das Loch einer Otter stecken kann.

Immer wieder hat Gott seinen Traum von der Versöhnung der gefallenen, der von ihm abgefallenen Schöpfung den Menschen predigen und verkündigen lassen.

Und dann lässt Gott seinen Engel dem Josef im Nachttraum erscheinen, der ihm sagt: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, das heißt: ‚Gott rettet’, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden."

Josef, der an die Treue Gottes glaubt und die Verheißungen und Zusagen Gottes für die einzig zuverlässige und vertrauenswürdige Wirklichkeit hält, gegen allen Augenschein, gegen alles, was in dieser Welt „Vernunft" oder „Norm" oder „Wissenschaft" oder „Moral" genannt wird, dieser Josef erhält durch den Engel Gottes die Bestätigung: Du bist auf dem richtigen Weg.

„Josef, du Sohn Davids" – schon in dieser Anrede zeigt ihm der Engel die Verbindung zu den Verheißungen des Gottes Israels: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais..."

„Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären..."

Gottes Traum vom Heil der Menschen verbindet sich in Josefs Nachttraum zu einer göttlichen Wirklichkeit, die stärker und vertrauenswürdiger ist, als das, was man gemeinhin „die Wirklichkeit" nennt. Damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat.

Josef ist ein auserwähltes Werkzeug Gottes. Eine Ausnahme. Nicht jedem von uns erscheint im Traum ein Engel Gottes, der uns ohne jeden Zweifel vergewissert, tröstet und neue Kraft gibt, wenn wir die uns umgebende Wirklichkeit nicht mehr mit den Verheißungen Gottes in Einklang bringen können. Wir sind oft in der Gefahr, das Träumen zu vergessen, zu verdrängen und zu verlieren. Und damit sind wir auch in der Gefahr, Gottes Traum vom Heil für Schaum zu halten.

Meine Krankheit, meine zunehmende Schwäche im Alter, Probleme in der Familie, die wir so gerne als „heile Familie" gehabt hätten, Enttäuschungen in der Gemeinde und der Kirche – alles das will uns aus unseren heiligen Träumen herausreißen und uns vormachen: Gottes Traum ist nur Schaum. Es gibt keine Treue, keine Zukunft, keine Verlässlichkeit.

Die Gestalt des hl. Josef ist uns als Haltepunkt gegeben. An ihm sollen wir erkennen, dass die, die an Gottes Verheißungen gegen allen Augenschein festhalten, die ihren Traum von Gottes Heil und Zukunft weiterträumen, von Gott selbst Gewissheit geschenkt bekommen. Manchmal, auch heute noch, durch Engel. Aber immer und jederzeit zugänglich durch das Wort Gottes in der Heiligen Schrift. Und immer wieder besiegelt und bekräftigt durch das Sakrament des hl. Abendmahls.

„Er wird sein Volk retten von ihren Sünden." Das hat Gott gesagt. Das hat Gott in Jesus Christus am Kreuz ein für allemal vollbracht. Das teilt Gott bis heute unter dem Brot und dem Wein leibhaft und gegenwärtig allen aus, die darauf vertrauen.

Gottes Traum ist die einzige Wirklichkeit. Diesen Traum Gottes mitzuträumen heißt ‚glauben’. Aus diesem Traum gibt es kein böses Erwachen, sondern immer nur, manchmal in sehr kleinen und unscheinbaren Schritten, eine immer deutlicher und gewisser und klarer zutage tretende Erfüllung. Amen.