Predigt

(Pastor Gert Kelter am Gründonnerstag 2003)

Mich füttern und tränken lassen

 

Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging, da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich.

Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.

Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen?

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wißt ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. (Johannes 13, 1-15)

Liebe Brüder und Schwestern,

Im Gefängnis Ara Coeli in Rom kniet vermutlich zu dieser Stunde ein über achtzig Jahre alter, kranker Mann, von Helfern gestützt mit zitternden Händen vor rechtskräftig verurteilten Gefängnisinsassen, vor Kriminellen, und wäscht ihnen die Füße. Der alte, kranke Mann ist der Bischof von Rom, Papst Johannes Paul II., in seiner Kirche mit dem Titel „heiliger Vater" angeredet.

Warum er diesen Sklavendienst versieht, ist keine Frage, nachdem wir eben das Evangelium zum Tag der Einsetzung des Hl. Abendmahls gehört haben. „Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe", sagt Jesus zu den 12 Aposteln, „so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe."

Ganz offensichtlich nimmt der Bischof von Rom dieses Gebot Jesu wörtlich. Er tut es stellvertretend für viele, die es nicht tun. Auch wenn in zunehmend mehr römisch-katholischen Gemeinden und auch solchen, die man als evangelikal oder fundamentalistisch bezeichnen würde, dieser Gründonnerstags-Brauch in neuerer Zeit wieder aufgekommen ist: Mir ist kein lutherischer Bischof, keine lutherische Gemeinde bekannt, die zumindest an diesem einen Tag des Jahres einfach nur tut, was Jesus gesagt hat. Dabei hat die Kirche als Ganze diese Sitte niemals ganz aus den Augen verloren. Im 1. Brief an Timotheus im 5. Kapitel schreibt der Apostel Paulus von den Witwen in den Gemeinden: Eine Witwe soll „ein Zeugnis guter Werke haben, wenn sie Kinder aufgezogen hat, wenn sie gastfrei gewesen ist, wenn sie den Heiligen die Füße gewaschen hat, wenn sie den Bedrängten beigestanden hat, wenn sie allem guten Werk nachgekommen ist."

Dass hier die Fußwaschung, eine antike Geste der Gastfreundschaft, noch zusätzlich und ausdrücklich zu dem Begriff „gastfrei" erwähnt wird und dies im Zusammenhang mit dem Ausdruck „die Heiligen", lässt den Schluss zu, dass den Witwen möglicherweise die Aufgabe in den Gemeinden zukam, den Täuflingen und denen, die zum ersten Mal das Hl. Abendmahl empfingen, das sind „die Heiligen", die Füße zu waschen. Immerhin wird seit dem 4. Jahrhundert eine rituelle Fußwaschung der Täuflinge im Rahmen der Tauffeier bezeugt. Später begegnet uns die Fußwaschung in den Klöstern. Dort gehört sie zum Dienst der Ordensleute an Gästen, Armen und Kranken. Im 7. Jahrhundert fordert ein Konzil von Toledo energisch, dass in allen Kirchen Spaniens und Frankreichs am Gründonnerstag eine Fußwaschung vollzogen werden soll. Und seit dem 12. Jahrhundert ist die Fußwaschung für Rom in der päpstlichen Gründonnerstagsmesse fester Bestandteil, zunächst im Anschluss an die Messe, seit 1955 im Anschluss an das Evangelium und die Predigt. Außerhalb Roms ist die Fußwaschung nur für die Bischofs- und Abteikirchen vorgeschrieben, ansonsten empfohlen. Immer mehr Gemeinden folgen inzwischen dieser Empfehlung.

Liebe Brüder und Schwestern, man wird beispielsweise auch von den Befürwortern der Frauenordination immer wieder gefragt, warum man in unserer Kirche bestimmte Bibelstellen sehr wörtlich nehme, andere, z.B. die vom Gebot der Fußwaschung dagegen nur übertragen verstehe, aber nicht in die Praxis umsetzt. Die Frage ist berechtigt und nicht von der Hand zu weisen. Und selbst die kirchliche Tradition spricht dafür, zumindest das Beispielhafte dieser Handlung dadurch im Blick zu behalten und damit auch dem konkreten Beispiel Jesu zu folgen, indem wenigstens einmal im Jahr am Gründonnerstag und wenigstens in ausgewählten Kirchen durch bestimmte Amtsträger der Kirche dieser Dienst auch wirklich getan wird.

Aber stellen wir uns das doch mal ganz praktisch vor: Da steht im Altarraum ein Halbkreis aus Stühlen, davor eine Schüssel mit Wasser. Da unsere Kirche ja in gewisser Weise eine Bischofskirche ist, würde unser Bischof Diethardt Roth sich dann eine Schürze umbinden und 12 Gemeindegliedern die Füße waschen und abtrocknen. Ich frage mich, wer sich dazu freiwillig melden würde. Und ich würde beinahe wetten, niemand. Und selbst wenn sich dann doch 12 durch gutes Zureden und sanften Druck gefunden hätten: Versetzt euch einmal in diese Situation; wie würdest du das empfinden? Als peinlich? Als aufgesetzt und künstlich?

Man muss das nur einmal mit einem ganz menschlichen Bischof einer ganz kleinen Kirche im Geiste durchspielen, um sehr viel Verständnis für den Apostel Petrus aufbringen zu können, vor dem ganz unerwartet der Herr Jesus Christus kniet und ihm die Füße wäscht.

Das Ereignis fand unmittelbar vor dem Passahfest im Zusammenhang eines Abendessens statt. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas haben ihm offenbar nicht so eine große Bedeutung beigemessen. Aber Johannes, der sein Evangelium als letzter einige Jahrzehnte später aufgeschrieben hat und darum auch nicht die bereits schriftlich vorhandenen und in den Gemeinden verbreiteten Berichte von der Einsetzung des Hl. Abendmahles zu wiederholen brauchte, Johannes, der erklärende, geistlich deutende Theologe unter den Evangelisten, der notiert die Fußwaschung an einer Stelle seines Evangeliums, an der die anderen Evangelisten die Einsetzungsberichte erscheinen lassen.

Jesus, der Herr und Meister, geht also auf die Knie und tut einen Dienst, den sonst nur Sklaven verrichten. Elf Aposteln, und übrigens vermutlich auch Judas Ischarioth, das Gegenteil wird jedenfalls nicht vermerkt, wäscht und trocknet er die staubigen Füße. Wahrscheinlich waren die anderen einfach so überrumpelt, dass sie die Prozedur verlegen und peinlich berührt über sich ergehen lassen, ohne sich lautstark zu wehren. Diese Rolle übernimmt Petrus. Er protestiert: „Herr, solltest du mir die Füße waschen?" Und Jesus sagt nur: „Was ich tue, verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren." „Hernach", das heißt: Nach meinem Tod am Kreuz und nach meiner Auferstehung und vielleicht erst zu Pfingsten, wenn dich der Heilige Geist in alle Wahrheit leiten wird.

Petrus lässt sich so nicht abspeisen, wie man einem Kind sagt: Das verstehst du noch nicht, das begreifst du erst, wenn du groß bist. Petrus, der Protestant, protestiert noch einmal: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!"

Liebe Brüder und Schwestern, niemand soll sagen, es falle ihm leicht, sich helfen, sich dienen zu lassen, die Hilfe anderer anzunehmen, ohne sich mit einer angemessenen Gegenleistung revanchieren zu können. Und dabei rede ich noch gar nicht vom Dienst Jesu Christi, sonst von ganz normaler zwischenmenschlicher Hilfe. Es ist geradezu verblüffend, dass treulutherische Christen, je älter, schwächer und hilfsbedürftiger sie werden, um so größere Schwierigkeiten damit haben, sie helfen zu lassen, fremde Hilfe anzunehmen. Einfach nur so, ohne Rückzahlung und Lohn.

Wissen wir nur mit dem Kopf, was „Gnade" heißt, aber nicht mit Herz und Seele? Sollte es so sein, dass wir noch gar nicht begriffen haben, was es heißt, dass Jesus Christus unser Diener, unser Sklave, unser Knecht geworden ist, um uns durch die Hingabe seines Lebens zu erlösen und zu befreien, dass das alles aus grenzenloser Liebe für mich geschehen ist und ich allein aus dieser Gnade lebe, die ich nur empfangen kann?

Dann wäre es vielleicht tatsächlich eine feine äußerliche Zucht, wie Luther im Kleinen Katechismus das „fasten und leiblich sich bereiten" nennt, sich einmal leiblich, äußerlich einer Fußwaschung zu unterziehen, um ganz hautnah zu spüren, was es heißt: „Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden".

Jesus lässt Petrus jedenfalls nicht davonkommen. Dieser Mann muss es sich gefallen lassen. Denn: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir" (so hast du keinen Anteil an mir). Für den Evangelisten Johannes konnten diese Worte eine Erinnerung an die Sätze des Apostels Paulus sein, die er im 1. Brief an die Korinther geschrieben hatte. Da heißt es im 10. Kapitel, und zwar wiederum im Zusammenhang mit der Feier des Hl. Abendmahles: „Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft, wörtlich: die Anteilhabe am Leib Christi?"

Die Anteilhabe an Christus, seinem Herrn und Meister, das möchte Petrus nicht aufs Spiel setzen. Und so kippt der impulsive und darin so sympathisch-menschliche Apostel von einem Extrem ins nächste und fordert: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt."

Vielleicht hat der altgewordene Apostel und Evangelist Johannes, als er diese Sätze aufschrieb, still in sich hineingelächelt und den Kopf geschüttelt. Er schrieb ja schon aus der Perspektive des „Hernach", von Ostern und Pfingsten her. Er wusste schon, was es bedeutete, als Jesus Petrus antwortete: „Wer gewaschen, wer gebadet ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle."

Gewaschen im reinigenden Blut Jesu Christi, wiedergeboren durch Wasser und Geist, angetan mit den weißen Kleidern der Heiligen, die im Blut des Lammes gewaschen sind – das sind die, die an Christus glauben und auf seinen Namen getauft sind.

Aber warum dann noch die Füße? Mit den Füßen stehen wir getaufte, auf Christus vertrauende, mit seinem Blut gereinigte Christenmenschen auf der Erde. Mit den Füßen gehen wir unseren Weg durch das ganz alltägliche Leben. Und machen uns schmutzig in Gedanken, Worten und Werken. Jeden Tag. Wir brauchen den Dienst des Herrn Christus, der uns die Sünden vergibt, den Schmutz von den Füßen wäscht, immer wieder. Das „ein für allemal" unserer Taufe und das „immer wieder", das „sooft ihr von diesem Kelch trinkt und von diesem Brot esst", schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Es macht uns, je öfter und je regelmäßiger, desto besser, immer wieder deutlich: Ich brauche die Gnade Christi. Ich brauche den Dienst seiner Vergebung. Nicht nur ab und zu, sondern täglich und auf jeden Fall sonntäglich. Ich bin nicht der, für den ich mich gerne ausgebe, der Stolze, Unabhängige, der sein Leben im Griff hat und keine Hilfe braucht. Ich soll auf die Knie und mich füttern und tränken lassen wie ein hilfloses Kind?

So denken wir und lernen es nicht, was es heißt, allein aus der Gnade Gottes zu leben. So leben wir und lernen es nicht, dass wir Frieden nur finden können, wenn wir Hilfe empfangen können. Und es können ganz furchtbar friedlose, verhärtete, mit Gott und dem Schicksal hadernde alte Menschen aus uns werden, wenn wir das Empfangen, das Annehmen, auch das Annehmen unseres Lebens so wie es ist, aus Gottes Hand, nicht beizeiten lernen.

„Nimmermehr!" könnten wir sonst mit dem unbekehrten Petrus schreien, der von Ostern noch nichts weiß und nie erfahren, was es heißt, erlöst zu sein.

Ja, Brüder und Schwestern, es ist vielleicht ein echter stellvertretender ökumenischer Liebesdienst, den der Bischof von Rom der ganzen Kirche heute abend durch sein Beispiel erweist. Und während die Protestanten wie Petrus protestieren und „nimmermehr!" rufen, mag sich ein verurteilter Gefangener im römischen Zuchthaus Ara Coeli, das heißt „Himmlischer Altar", das Beispiel gefallen lassen und vielleicht leibhaft verstehen, dass das Wort „für euch" eitel gläubige Herzen fordert, wie Luther sagt.

Immerhin, der Papstattentäter Ali Akca, den Johannes Paul in seiner Zelle aufgesucht hat und ihm seinen Mordversuch vergeben hat, soll heute Christ sein. Manchmal ist es nur ein Beispiel, mein Beispiel und dein Beispiel, an dem Menschen, die Liebe Jesu Christi auch zu ihnen verstehen und sie annehmen können. Amen.