Predigt

(Pastor Gert Kelter am Erntedankfest 2003)

Reichsein in Gott

Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.
Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.
Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte
und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott. (Lukas 12, 16-21)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Immer mehr gutsituierte junge Menschen haben den Geiz als modernen Lebensstil für sich entdeckt. Im Internet wimmelt es inzwischen unter Adressen wie „mistergeiz", „geiz-kragen", „mac-geiz", „der reiz-am-geiz" oder „geiz-ist-geil".de von aufwendigen bunten Seiten, auf denen Tipps gegeben werden, wie man ein erfolgreicher Geizhals wird. Da soll man z.b. Teebeutel mehrfach verwenden, sich bis tief in den November in einen Schlafsack gehüllt in der Wohnung aufhalten, anstatt zu heizen, keine kosmetischen Produkte mehr kaufen, sondern sich lieber kostenlose Warenproben vom Hersteller zusenden lassen und sämtliches Verbrauchswasser in Kanistern sammeln, um die Toilettenspülung nicht so häufig betätigen zu müssen und damit ein paar Liter Wasser zu sparen.

Geiz als moderner Lebensstil hat dabei nichts mit Umweltbewusstsein zu tun und ist auch nicht für Kleinrentner und Sozialhilfeempfänger gedacht. Der Hintergrund dieser neuen Masche ist schlichtweg der „Reiz am Geiz", wie darum ja auch eine der Internetseiten sich nennt. Geiz war früher ein vollkommen negativ belegter Begriff, zählte zu den Todsünden. Heute ist Geiz „life-style", ein schicker Lebensstil bei solchen, die eigentlich mehr als genug Geld hätten. Jeder von uns kennt natürlich das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn man im Sommerschlussverkauf ein echtes Schnäppchen gemacht hat oder beim Autokauf den Händler so richtig im Preis drücken konnte. Geiz als Lebensstil hat aber das Ziel, dieses gute Gefühl zum ständigen Lebensgefühl zu machen, Lebensreiz und Lebensfrieden daraus zu ziehen.

Nun könnte man ja sagen: Lass doch diese Leute ihren dreimal aufgebrühten wässrigen Tee trinken und sich ihre Badezimmer mit müffelnden Spülwasserkanistern zustellen, wenn das ihrem Leben denn einen besonderen Reiz verleiht. Das tut keinem anderen Menschen weh und ich genieße es eben, für mich und vielleicht sogar für andere großzügig zu sein.

Aber mich interessiert die Frage, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben, in der Menschen, die mit Sicherheit nicht an Teebeuteln sparen müssten, die es im 20-er-Pack für 68 Cent im Supermarkt gibt, ihr gutes, zufriedenes Lebensgefühl daraus ableiten, dass sie sich gerade nicht leisten, was sie sich leisten könnten. Und zwar weder aus purer Not, noch aus der Überlegung heraus, den Nachkommen einmal etwas vererben zu wollen, um deren Zukunft zu sichern, noch aus einem christlichen Armutsideal heraus, um das Ersparte Bedürftigen zu geben, sondern weil ihnen jeder Cent, den sie nicht ausgeben müssen, innere Zufriedenheit verschafft.

Und meine Antwort lautet, etwas forsch und zugespitzt: Das ist eine zutiefst gottlose Gesellschaft und darin eine zutiefst unzufriedene, friedlose Gesellschaft, eine Kornbauerngesellschaft, wenn so möchte.

Jesus erzählt uns ein Negativgleichnis. Aber das Negative, das Abschreckende an dem reichen Kornbauern liegt überhaupt nicht in der Tatsache, dass der Mann reich ist. Reichtum ist nicht an sich unchristlich. Nichts wird davon gesagt, dass der Kornbauer seinen Wohlstand auf Kosten anderer erreicht hätte, indem er arme Arbeiter ausgebeutet oder krumme Geschäfte gemacht hätte. Nichts spricht dagegen, und Jesus sagt auch nichts dagegen, dass dieser Mensch in die Zukunft denkt, seinen Betrieb erweitert oder eine vernünftige Vorratswirtschaft betreibt. Eigentlich ist das eine Form weltlicher Klugheit.

Was unseren modernen Schickimicki-Geizhälsen und dem Kornbauern gemeinsam ist, wird aus dem Gespräch deutlich, das Jesus den Kornbauern führen lässt.

Die Einleitung „Und er dachte bei sich selbst" zeigt, dass es sich dabei um ein Selbstgespräch handelt. Und da fängt es schon an. Es ist eigentlich in der damaligen Zeit kaum anders vorstellbar, als dass der Kornbauer eine Familie, Knechte und Mägde gehabt hat, dass er als wohlhabender Mann auch ein gesellschaftlich angesehener Mann mit vielen angesehenen, wohlhabenden Bekannten gewesen ist. Aber der Mann ist allein und führt ein einsames Selbstgespräch. Das Thema dieses Selbstgesprächs: Meine Seelenruhe.

„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut!"

Der Kornbauer wie der moderne Geizhals sucht und findet seinen Seelenfrieden in dem, was er hat. Es ist leicht, mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf einen so offensichtlichen und oberflächlichen Materialismus zu deuten und sich selbst nicht angesprochen und gemeint zu fühlen. Aber wie lautet denn deine Antwort auf die Frage: Worin findest du Ruhe und Frieden für deine Seele?

Vielleicht tatsächlich nicht in materiellem Besitz. Vielleicht aber in der Anerkennung durch andere Menschen, in dem Bewusstsein: ich bin beliebt und geachtet, ich werde geliebt und gebraucht. Vielleicht findest du Ruhe für deine Seele im Schoß einer heilen Familie oder in dem Bewusstsein, nichts im Leben zu verpassen, zu feiern, zu reisen, die Welt kennen zu lernen, in deiner trotz fortgeschrittenen Alters noch prächtigen Gesundheit und körperlichen Spannkraft, im Anhäufen von Wissen und Bildung, in der Beschäftigung mit Kunst und Musik. Es können ja sehr feinsinnige, schöngeistige, sympathische Dinge sein, die uns doch mit dem Kornbauern auf dieselbe Stufe stellen. Denn allen gemeinsam ist ihre Vergänglichkeit. Meine Seelenruhe hängt an Zeitlichem und ist abhängig von Vergänglichem.

Jesus lässt in seinem Gleichnis das Selbstgespräch des Kornbauern von Gott selbst unterbrechen: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?"

„Das ist mir ganz egal", antwortet auf diese Frage der moderne Zeitgenosse, „denn wenn ich tot, bin ich tot. Mir geht es darum, zu essen, zu trinken und guten Mutes zu sein, solange ich lebe."

Liebe Gemeinde, der bedrohliche Unterton dieses Gleichnisses Jesu wird also niemanden schrecken, der von seinem Leben sowieso nicht mehr erwartet, als dass es angenehm ist, dass er es gesund und rüstig möglichst lange genießen kann und ohne Schmerzen und Leiden plötzlich und unerwartet beenden darf, um dann im Nichts zu versinken. Wir sollten uns da auch keine Illusionen machen: Viele, wenn nicht die meisten Menschen haben heute gar kein Interesse an der Frage, was denn „danach" kommt oder worin der letzte und tiefste Sinn des Lebens liegt.

Ihre Seelen finden tatsächlich Ruhe und Frieden in den vergänglichen und zeitlichen Dingen dieser Welt. Und sie klammern sich mit aller Kraft daran und werden sich diese Seelenruhe von der Kirche nicht ausreden lassen. Wir haben in unserer Gemeinde eine erschreckend hohe Zahl sogenannter Restanten, mindestens 50 %, wenn nicht zwei Drittel der Gemeinde, also getaufter Menschen, von denen man außer ihrem Taufschein in einem Leitz-Ordner nichts hört, sieht oder merkt. Mit der Frage nach dem „Was bleibt, wenn du heute nacht stirbst?" wird man davon niemanden hinter seinem wohlig warmen Ofen hervorlocken.

Die Kernfrage, die in diesem Gleichnis verborgen ist, richtet sich also an uns und lautet: Ist dir das denn auch genug, dass du in diesem Leben isst und trinkst und guten Mutes bist, dass du gesund bleibst und alt wirst und am Ende schnell und schmerzfrei stirbst?

Reicht dir das wirklich als Sinn deines Lebens? Benutzt du also Glaube, Gottesdienst, Kirche und Gemeinde letztlich nur, um diesem, deinem irdischen Leben noch einen elitären und beruhigenden Touch von Göttlichkeit und Besinnlichkeit zu geben?

Wir müssen uns also fragen: Was macht mein Leben bleibend und unveränderlich reich, wenn die irdischen, vergänglichen Zielpunkte meines Lebens mir plötzlich genommen werden? Also nicht: Was bleibt, wenn du tot bist, sondern: Was bleibt dir an Seelenruhe, an innerem Frieden, an Grund, an Halt, an Fundament, an Lebenssinn in diesem Leben, wenn heute Nacht deine Scheunen abbrennen und deine seelenberuhigenden Vorräte plötzlich nicht mehr da sind, wenn Beziehungen zerbrechen, Krankheiten dich überfallen, berufliche Anerkennung ausbleibt, deine Kinder sich von dir lossagen, dich niemand mehr braucht, aber du musst noch weiterleben?

„So", lässt Jesus den Gotteseinspruch in seinem Gleichnis enden, „so geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich in Gott."

Reichsein in Gott. So reich, dass keine Form irdischer Armut mir diesen Reichtum nehmen kann, diese Ruhe meiner Seele überhaupt berührt. Reichsein in Gott. So reich, dass aber auch keine Form irdischen Reichtums dazu irgend etwas beiträgt oder mich von diesem Ruhepunkt abbringt.

So einer, liebe Gemeinde, möchte ich schon sein. Einer, der hat, als habe er nicht, der das, was er hat, dankbar genießen kann, aber daran nicht sein Herz hängt und großzügig davon abgeben kann. Einer, der sich über gefüllte Scheunen freuen kann, aber dann nicht nur für sich selbst isst und trinkt und im Selbstgespräch guten Mutes ist, sondern ein Erntedankfest feiert. Das Erntedankfest, vielleicht habt ihr es auch bemerkt, fällt bei dem reichen Kornbauern nämlich aus. Einer möchte ich sein, der sagen kann: Der Herr hat’s gegeben, aber auch: der Herr hat’s genommen und in jedem Fall: Der Name des Herrn sei gelobt.

Einer, der mit beiden Beinen im Leben steht und sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen, der aber hinzufügt: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun.

Einer, der sich an der Gnade des Herrn genügen lässt, weil er weiß, dass Gottes Gnade in den Schwachen mächtig ist.

Einer, dem das Wort Jesu zum Lebenswort geworden ist, in dem es heißt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen."

Solche Menschen, liebe Gemeinde, gab es, seit das Evangelium in die Welt gekommen ist und sie gibt es bis heute. Einer davon war der hl. Augustinus. Er war ein Weltmensch, ein moderner Genießer, einer, der nichts anbrennen ließ und nichts verpassen wollte. Und dann hat ihn Christus mit seinem Wort berührt. Mit einem Wort des hl. Augustinus möchte ich schließen: < Weh meiner verwegenen Seele, die hoffte, etwas Besseres zu entdecken, wenn sie vor dir zurückwiche! Sie wendet sich hin und her, auf den Rücken, auf die Seite, auf den Bauch, doch alles ist gleich hart. Du bist allein die Ruhe. Siehe, du bist da, befreist uns von unseren jämmerlichen Irrwegen, stellst uns auf deinen Weg, tröstest uns und sagst: Lauft nur, ich bin es, der euch trägt, euch ans Ziel führt und euch auch dort tragen wird.> Amen.