Predigt

(Pastor Gert Kelter am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 2003)

Wie ein Blitz

Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man's beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.
Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da! Oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird's auch geschehen in den Tagen des Menschensohns:
Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um.
Auf diese Weise wird's auch gehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.
(Lukas 17,20-30)

Liebe Brüder und Schwestern,

Propst Weingarten hat gestern bei der Einführung unseres neuen Superintendenten sehr betont darauf hingewiesen, dass diese Einführung noch nach der bisher bei uns geltenden Agende erfolgt. Auch die beiden Male, die ich als Pfarrer in einer Gemeinde eingeführt wurde, wurde ich nach dem bislang in unserer Kirche geltenden Einführungsformular gefragt: „Bist du bereit, das Amt eines Pfarrers (...) zu übernehmen und dieses Amt treu deinem bei der Ordination abgelegten Gelübde in allen Stücken so zu führen, wie du es vor dem Richterstuhl Jesu Christi zu verantworten dich getraust, so gelobe es mit deinem Ja." Darauf hatte ich zu antworten: „Ja, mit Gottes Hilfe."

Bei der Einführungsformel selbst rief der Superintendent dann nochmals in Erinnerung, dass der Pfarrer der Gemeinde als Hirte dienen solle, „wie du vor dem Richterstuhl unsers Herrn Jesu Christi an jenem Tage deshalb zur Antwort stehen und seines Urteils gewärtig sein musst.(...)"

Heute lautet die von der letzten Kirchensynode verabschiedete Frage: „(...)Bist du bereit, (...) dieses Amt so zu führen, wie du es bei deiner Ordination versprochen hast?" Das sei einem Pastor heutzutage nicht mehr zuzumuten, bei der Einführung in ein Pfarramt so massiv an das Jüngste Gericht erinnert zu werden und es sei eine Überforderung, ein Amtsgelübde von solcher Tragweite ablegen zu müssen, wurde da bereits vor Jahren im Vorfeld dieser Neuerung argumentiert.

Liebe Gemeinde, das Neue Testament, Jesus selbst, erspart uns diese Zumutung und diese vermeintliche Überforderung nicht. Die Kirche, also alle Christen, leben seit Christi Himmelfahrt in der Erwartung und in der ursprünglichen Gewissheit seiner Wiederkunft in Herrlichkeit zum Gericht. Wir bekennen das fast jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis. Und das heißt doch nichts anderes, als dass jeder von uns, und natürlich nicht nur die Pastoren, im Vertrauen auf und unter Anrufung von Gottes Hilfe jeden Tag unseres Leben so leben sollen, wie wir es uns vor dem Richterstuhl Christi einmal zu verantworten trauen, weil wir es einmal verantworten müssen.

Es ist ein Zeichen unserer generellen Ewigkeitsvergessenheit, wenn selbst in der Kirche diese evangelische Selbstverständlichkeit immer stärker an den Rand gedrängt wird. Wie singt Manfred Siebald in einem Lied?

Wir haben es uns gut hier eingerichtet- der Tisch, das Bett, die Stühle stehn, der Schrank, mit guten Dingen vollgeschichtet.Wir sitzen, alles zu besehn. Dann legen wir uns ruhig nieder und löschen, müd vom Tag, das Licht und beten laut: Herr, komm doch wieder.

Und denken leise: Jetzt noch nicht.

Gegen unsere allgemeine Gerichts- und Ewigkeitsvergessenheit sind die Pharisäer, mit denen Jesus in unserem Evangelium ins Gespräch kommt, die reinsten Musterknaben. Für sie ist es überhaupt keine Frage, auch keine Besorgnis, sondern eine ganz große Sehnsucht, dass das Reich Gottes kommen wird. Die Frage, die sie Jesus stellen, ist nur: Wann?

Müsste einer wie Jesus das nicht sagen können? Einer, der Blinde sehend, Stumme redend und Aussätzige rein macht; also einer, der die Taten des Messias vollbringt. Das war den Pharisäern schließlich nicht entgangen. Könnte Jesus einer der Vorboten des kommenden Messias, ein eindeutiges Zeichen des bald heranbrechenden Reiches Gottes sein?

Den Pharisäern, die in diesem Punkt wirklich fromm und bibeltreu sind, frömmer und bibeltreuer, als die Mehrheit der Menschen und wahrscheinlich auch der Christen heute, sagt er:

Es gibt in dieser Zeit und Welt keine objektiven Merkmale dafür, dass das Reich Gottes gekommen ist. Und man kann auch nicht sagen: Wenn dies oder das erreicht ist, dann ist das Reich Gottes da. Also nicht, wenn alle Juden an einem Tag einmal den Sabbat ganz und vollkommen halten, nicht, wenn alle Juden aus der Zerstreuung wieder zurück ins Land Israel kommen, wie es die orthodoxen Juden damals wie heute durchaus meinen. Aber, zu uns geredet, auch nicht, wenn die ganze Welt mit der Bergpredigt regiert würde, nicht, wenn der Sozialismus gesiegt hätte, nicht, wenn alle Atomkraftwerke abgeschafft und die Atombomben vernichtet würden, nicht, wenn man ein Mittel gegen alle Krankheiten oder den Hunger in der Welt finden würde.

Und der Grund ist: Eure Frage ist schon falsch. Nicht wann kommt das Reich Gottes, sondern wer bringt das Reich Gottes, müsstet ihr fragen. Und dann lautet die Antwort: Es ist in eurer Mitte! In meiner Person, in Christi Person ist das Reich Gottes bereits zu uns gekommen und objektiv gegenwärtig, wenn auch nur erlebbare Wirklichkeit für die, die an Jesus als den Christus, als Gottes Sohn und Erlöser glauben. Das gilt bis heute. Denn Christus ist in seinem Wort und in seinen Sakramenten bis heute in unserer Mitte. Die Gleichung „Christus = das Reich Gottes" stimmt.

Und dann wendet sich Jesus an seine Jünger. Denen steht eine schwere Zeit bevor. Eine Zeit der Verfolgung und des Leidens. Jesus weiß das. Es ist die Zeit, in der Jesus bereits gestorben und wieder auferstanden ist, die Zeit nach seiner Erhöhung zur Rechten des Vaters, die Zeit nach seiner Ankunft im Fleisch und die Zeit vor seiner Wiederkunft in Herrlichkeit zum Gericht. Also auch die Zeit, in der wir leben. „Ihr werdet euch dann nach dem Ende und nach der Vollendung sehnen, aber sie wird noch nicht geschehen."

Auch damit sind wir durchaus heute angesprochen und gemeint. Wir, das ist die Kirche.

Und wenn wir auch seit 2000 Jahren mit dem Kopf verstanden haben, dass das Reich Gottes in der Person Jesu Christi, in seinem Wort und seinen Sakramenten bereits in unserer Mitte ist, dann wollen wir dennoch, dass das auch zu beobachten, also an bestimmten Verhältnissen oder Gegebenheiten festzumachen ist.

Warum zum Beispiel erweist denn der Herr der Kirche nicht seine Macht, wenn Millionen noch immer nicht an ihn glauben, wenn die modernen Menschen eher ostasiatische Religiosität bevorzugen als das Christentum, wenn der Islam sich auf dem Vormarsch befindet?

Es gibt und gab viele Methoden, mit denen Christen meinten und meinen, das Reich Gottes sichtbar machen zu können. Die einen ziehen sich zurück in sektiererische Eigenwelten mit besonderen Regeln, meist säuerlichen moralischen Gesetzen, eigenartigen Kleidungs- oder Ernährungsweisen und glauben, damit eindeutige Kennzeichen für die irdische Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden gefunden zu haben. Andere versuchen, der Kirche Einfluss, Geld und Macht zu verschaffen, bauen monströse Gotteshäuser und verehren ihre Kirchenfürsten wie Popstars. Aha, wir sind doch wer und die Welt kann es sehen! An unseren prunkvollen Kirchen, an den Massen, die wir mobilisieren können. Glorientheologie, Herrlichkeitstheologie nennt man das. Und dann wieder gibt es die, die unter der Kreuzesgestalt der Kirche, ihrer Bedeutungslosigkeit, ihrem scheinbaren „Hinter-dem-Mond-leben" leiden.

Wie sollen denn die Menschen erkennen, dass das Reich Gottes wirklich in der Person Jesu Christi in unserer Mitte ist, wenn die Kirche, also der Leib Christi, so schwach, fehlbar, immer wieder schuldig werdend, wenig attraktiv und unzeitgemäß ist?

Liebe Gemeinde, die Frage ist verständlich und nicht unberechtigt. Aber solange wir auf dieser Erde leben und die Kirche auf dieser Erde existiert, wird das so bleiben, wie es von Anfang an war. Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann. Nur so, dass man’s in Christus glauben und dann aber auch erfahren kann.

Es ist ja nicht unsichtbar, weil es erkennbar ist an den Kennzeichen der Predigt des Evangeliums, an der Feier der Sakramente, an der dadurch gesammelten Gemeinde. Aber es ist in seiner Macht und Herrlichkeit verborgen. So wie es den Pharisäern verborgen blieb, obwohl sie Jesus Christus in Person vor sich sehen und seine Worte hören können. Es ist auch verborgen geblieben, als Jesus vor Pilatus stand und ihm sagte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Und doch war es in der Person Jesu leibhaft in dieser Welt gegenwärtig.

Aber das Reich Gottes wird aus seiner Verborgenheit heraustreten. Und zwar so, dass dann alle es erkennen können, ja erkennen müssen. Es wird diesen Tag des Herrn geben, ohne dass man vorher irgendwelche eindeutigen Hinweise darauf erkennen könnte. Dazu gehört auch, dass Glaubensabfall, Kriege, Katastrophen, Erdbeben, was auch immer, keine solche eindeutigen, von uns Menschen erkennbaren Kennzeichen für ein besonders baldiges Ende sind. Man hüte sich davor, das Ende berechnen, vorherahnen oder vorhersagen zu wollen. Jesus sagt selbst, dass nicht einmal er, sondern nur der Vater im Himmel diesen Tag kennt.

Alle diese Vorboten gibt es seit den irdischen Lebenstagen Jesu. Sie zeigen nur an, dass es ein Ende geben wird. Wenn es kommt, kommt es <wie ein Blitz>. Also ohne Vorankündigung, aus vielleicht sogar sehr heiterem Himmel. Und im Licht dieses Blitzes werden alle Menschen, die gläubigen und die ungläubigen erkennen, dass Christus der Herr ist. Sie werden alle das Reich Gottes, nun nicht mehr verborgen in Kreuzesgestalt, sondern enthüllt in seiner Macht und Herrlichkeit sehen. Da gibt es nichts mehr zu glauben, sondern nur noch zu schauen.

Da wird es keine Rolle mehr spielen, ob ich ausdrücklich gelobt habe, mein Leben so zu führen, dass ich es einmal vor dem Richterstuhl Gottes verantworten kann. Da werde ich es verantworten müssen. Aber wenn ich im Leben an Christus festgehalten habe, und das heißt vor allem auch, wenn ich in meinem Scheitern und Schuldigwerden immer wieder zu Christus gelaufen bin und ihn um Vergebung gebeten habe und aus seiner Vergebung gelebt habe, dann werde ich auch Antwort geben können. Niemand, der an Christus glaubt, braucht sich vor diesem Tag des Herrn zu fürchten.

<Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt. Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.> Amen.

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