Predigt

(Pastor Gert Kelter am Fest der Christi Himmelfahrt 2003)

Aus Vatertagschristen werden Himmelfahrtschristen

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem, und seid dafür Zeugen.

Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.

Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.

Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude

und waren allezeit im Tempel und priesen Gott. (Lukas 24, 44-53)

Liebe Brüder und Schwestern,

Wenn ein Mensch sich weigert zu essen und zu trinken, wenn er ohne jeden sozialen Kontakt den ganzen Tag im Bett liegt und nur alle paar Minuten einmal nach Luft schnappt, um nicht augenblicklich zu ersticken und dann mit dem Brustton der Überzeugung behauptet, er führe ein prima Leben und sei ein ganz guter und gesunder Mensch, würden wir doch nur mitleidig mit den Achseln zucken und denken: Dieser Mensch ist ein sterbenskranker und todgeweihter Schatten seiner selbst, ein unglücklicher Wurm, dessen Leben sinnlos, leer und in wenigen Wochen zuende ist. Zugrundegegangen an einer Lebenslüge. Sagte man diesem Menschen, dass das doch kein Leben sei, würde er vielleicht darauf hinweisen, sein Herz schlage aber doch und seine EKG zeige eindeutige Hirntätigkeit, also sei er ein Mensch und mit seinem Leben stimme doch alles.

Heute, am Fest Christi Himmelfahrt, begehen hunderttausende von Menschen den Vatertag. Darunter sind unzählige, die von sich behaupten würden, sie seien Christen. Selbstverständlich! Gefragt, worin ihr Christentum denn bestehe, würden sie vielleicht antworten: Ich tue niemandem etwas Böses, ich glaube, dass es so etwas wie eine höchste Macht über mir gibt, ich bin sogar als Kind getauft und konfirmiert worden, ich setze mich auch für die Menschenrechte, die Umwelt und den Tierschutz ein und zahle meine Kirchensteuern. Wahlweise auch: Ich zahle zwar keine Kirchensteuer mehr, weil ich aus der Kirche ausgetreten bin, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich kein guter Christ bin, oder etwa nicht?

Ich denke, liebe Gemeinde, dass ich mit dieser fiktiven Antwort keinen Pappkameraden aufgestellt habe, nur um ihn dann leicht abschießen zu können. Solche Ausführungen höre ich oft und euch wird es wahrscheinlich ganz ähnlich gehen.

Aber die Vatertagschristen, die sich als gute Christen bezeichnen, sind solche, die sich selbst nicht als vor Gott sündige und in ihren Sünden total verlorene Menschen verstehen. Und also werden sie auch für sich selbst nicht das Bedürfnis nach Vergebung ihrer Sünden, nach einem bereinigten, erneuerten Verhältnis zu Gott haben. Und also werden sie auch Jesus nicht als ihren Erlöser und Retter und Heiland anerkennen, nicht als Gottes Sohn, der für sie und ihre Sünden am Kreuz gestorben ist. Und weil sie keinen göttlichen Erlöser brauchen, werden sie in Christus auch nicht den Herrn ihres Lebens erkennen. Sie werden seit Jahren und Jahrzehnten keine Bibel mehr aufgeschlagen haben, um darin Antworten auf die Fragen ihres Lebens zu suchen und zu finden, weil sie ihr Leben so fraglos in Ordnung finden oder weil sie in der Hl. Schrift keine Antworten auf ihre aktuellen Lebensfragen erwarten. Sie werden auch seit Jahren und Jahrzehnten allerhöchstenfalls in größten Not- oder Angstsituationen mal ein Stoßgebet an den „lieben Gott" losgelassen haben, aber keinen lebendige Beziehung zu Gott pflegen, nicht täglich im Gebet mit ihm in Kontakt sein. Schon gar nicht werden sie, weil das ja wiederum Sündenerkenntnis voraussetzt, regelmäßig den Leib und das Blut Christi zur Vergebung ihrer Sünden und zur Stärkung des Glaubens empfangen. Und weil sie daher eine Kirche allenfalls einmal bei familiären Anlässen von innen sehen, leben sie völlig abgeschnitten von der geistlichen und menschlichen Gemeinschaft lebendiger Christen. Sie sind, geistlich gesehen, wie der Mensch, der nicht isst und trinkt, der nur ab und zu mal atmet, der keine sozialen Kontakte hat und auf sein Ende wartet.

Aber während die menschliche Biologie sehr schnell dafür sorgt, dass ein solcher Mensch die Defizite seines traurigen Daseins bemerkt und aus eigenem Antrieb und Willen sein Leben ändern wird, sieht das bei den Vatertagschristen ganz anders aus. Damit kann man steinalt werden und sich in der Sicherheit wiegen, doch ein gutes Leben zu führen. Materiell abgesichert und erfolgreich, menschlich erfüllend vielleicht und möglicherweise kerngesund.

Dass das alles eine einzige große Lebenslüge sein soll, dass sie sterbenskranke, todgeweihte Menschen sind, deren Leben hohl und bedeutungsleer ist, von deren Leben auch nicht bleiben wird, das wird ihnen nur schwer mit vernünftigen Argumenten beizubringen sein.

Heutzutage ist es vielen auch schlichtweg egal, ob und was nach dem irdischen Tod mit ihnen geschieht, was von ihrem Leben übrigbleibt oder welchen tieferen Sinn es haben sollte. Solange es ihnen 70, 80 oder 90 Jahre gut geht, sind sie zufrieden.

Das Fest Christi Himmelfahrt und der Vatertag haben so wenig miteinander zu tun wie ein Christ mit einem Nichtchristen. Beides läuft parallel. Heute und jeden Tag. Dazwischen gibt es keine Vermittlung und keinen Kompromiss. Die Alternative heißt Tod oder Leben.

Die Kirche kann sich in dem Bemühen, die Vatertagschristen für sich zu gewinnen, ein Bein ausreißen. Sie kann ihre Botschaft den Bedürfnissen der Menschen anpassen, alles mundgerecht und zeitgemäß zurechtstutzen. Sie kann den Begriff der Sünde vermeiden oder ganz abschaffen. Sie kann ihre Lieder, ihre Liturgie und ihre Gebete einmotten und die Lieder der Welt mitträllern. Sie kann die Gebote Gottes solange weginterpretieren, bis jeder den Eindruck hat, sie halten zu können. Sie kann Vorbildliches auf dem Gebiet der Diakonie leisten und sich vor jeden tagespolitischen Karren spannen lassen in der Meinung, man würde dann wieder auf sie aufmerksam. Aber nichts davon wird den garstigen Graben zwischen Vatertag und Christi Himmelfahrt, zwischen Unglauben und Glauben, zwischen Sinn und Leere, zwischen Erlösung und Vernichtung überbrücken.

Die Kirche würde sich nur verzetteln in tausenderlei Aktivitäten und Aktionen, sie würde an Substanz verlieren, sich selbst aufgeben und von niemandem mehr ernst genommen. Gebraucht oder geliebt schon gar nicht.

Die Kirche und die Christen können und sollen vor allem nur eines: Zeugen des auferstandenen Herrn und Königs Jesus Christus sein. Ein Himmelfahrtskommando mit dem Auftrag Christi, wie ihn der Evangelist Lukas überliefert: „Da öffnete Christus den Aposteln das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden und sprach zu ihnen: So steht’s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Umkehr zu Gott zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt damit an in Jerusalem und seid meine Zeugen. Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr umkleidet werdet mit der Kraft aus der Höhe."

Dieser Zeugendienst ist etwas vollkommen anderes als rhetorisch brillante Überredungs- oder Überzeugungskunst. Da geht es nicht um Argumente und Gegenargumente, um wissenschaftliche, philosophische oder psychologische Plausibilität. Keiner, dem nicht bereits das Verständnis durch Christus selbst geöffnet worden ist, wird daraufhin an Christus glauben.

Da geht es nur darum, Christus als den König des Universums anzubeten, Gottes Gesetz und Gottes Evangelium zu verkünden und dabei auf die Kraft aus der Höhe zu vertrauen, die durch das Wort Gottes Menschen erreicht und verwandeln kann.

„Umkehr zu Gott", die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes lautet: Sinnesverwandlung. Nicht die Kirche, nicht die Christen sind dabei die „Verwandlungskünstler", sondern Gottes Heiliger Geist selbst, der durch das Zeugnis des Evangeliums wirkt. Auf diese Selbstwirkung des bezeugten Evangeliumswortes soll sich die Kirche von allem Anfang an verlassen. Auf nichts sonst. Diese Kirche des Anfangs, liebe Gemeinde, das sollten wir nicht vergessen, bestand aus elf Aposteln, nachdem Judas, der Christus verraten hatte, Selbstmord begangen hatte. Aus elf Aposteln, von denen zumindest einer, Thomas nämlich, noch nicht vom Zweifel zum Glauben durchgedrungen war, und aus einigen Frauen. Zwanzig, fünfundzwanzig Personen vielleicht - das war die Kirche, der Christus kurz vor seiner Himmelfahrt, vor seiner Erhöhung, das Vertrauen auf die Kraft des Geistes ans Herz legte.

Im Jahre 33 unserer Zeitrechnung gab es keine Menschenmassen, keine Strukturen, keine Organisation, keine Strategien. Eine winzige jüdische Sondergemeinschaft, verfolgt und bedrängt von ihren eigenen Volks- und Glaubensgenossen – das ist die Himmelfahrtskirche.Gerade mal dreihundert Jahre später war aus diesem - nach menschlichem Ermessen - perspektivlosen Häuflein die offizielle Staatsreligion des Römischen Weltreiches geworden. „Predigt in meinem Namen die Umkehr zu Gott zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern und seid dafür Zeugen", hatte Jesus Christus gesagt. Und nichts anderes hatten die Christen getan.

Zu diesem Zeugendienst beruft bis heute Christus selbst seine Jünger und segnet sie dazu. So hat er es auch am Tag seiner Himmelfahrt getan. „Er hob die Hände auf und segnete sie." Für uns ist das ein vertrautes Bild, das uns am Ende jedes Gottesdienstes begegnet. Die ersten Christen damals kannten dieses Bild auch. So segnete nämlich der Hohepriester im Jerusalemer Tempel die Menschen. So hatte es Gott selbst, wie es im Alten Testament überliefert wird, Aaron aufgetragen, als er ihm die Vollmacht zum priesterlichen Segnen übertrug. Aber das hohepriesterliche Amt des Tempels war erloschen, als der Vorhang im Tempel zerriss und Christus am Kreuz rief: Es ist vollbracht. Da war er selbst Priester und Opfer zugleich. Ein für allemal war dieses Sühneopfer für die Sünden der Menschen dargebracht worden.

Jesus Christus segnet als der eine und einzige und ewige Hohepriester seine Apostel und Jünger, bevor er als Prophet, Hoherpriester und König seine Herrschaft antritt.

Bis heute klingt das in unserer Abendmahlsliturgie nach, wo es in einem der Gebete heißt: „Wir getrösten uns seiner Auffahrt in dein himmlisches Heiligtum, wo er, unser Hoherpriester, uns immerdar vor dir vertritt."

Das, was in der Tradition der Kirche später mit dem Begriff „Himmelfahrt" bezeichnet wurde, ist ein ganz unspektakuläres Ereignis, das nichts mit himmlischem Fahrtsuhl oder göttlicher Rakete zu tun hat. In der Apostelgeschichte berichtet Lukas, dass eine Wolke Jesus verhüllte und er vor den Augen der Jünger aufgehoben wurde. Die Wolke ist ein uraltes Sinnbild für die verhüllte Gegenwart Gottes. Es sollte klar sein, dass Christus und der Vater eins sind, dass Christus Gott ist. Aber die Wolke bezeichnet nicht nur die Gegenwart Gottes, sondern verhüllt sie zugleich. Jesus Christus sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters und herrscht als König. Darauf liegt aller Nachdruck, nicht auf der Art und Weise, wie das vor sich gegangen ist.

Für die ersten Christen war nur von Bedeutung: Er lebt und er herrscht und er leitet und führt seine Gemeinde durch seine Kraft aus der Höhe. Wir sind nicht allein gelassen. Wir müssen jetzt nicht in Hektik und Eifer verfallen, sondern wir brauchen nichts zu tun, als Zeugen seiner Herrlichkeit und seines Königtums zu sein. Und das genau tun sie: Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

So endet der Himmelfahrtsbericht mit einem Gottesdienst. Genau so erfüllen die Apostel und Jünger den Auftrag Jesu, seine Zeugen zu sein. Sie beten Christus in großer Freude an, sind allezeit im Haus Gottes und preisen Gott. Sie feiern Gottesdienst. Und wenn später der Apostel Paulus als Weltmissionar das Römische Reich bereist, hält er es nicht anders: Er geht in jeder Stadt zuerst in die Synagoge, also dorthin, wo der Gott Israels angebetet und gepriesen und verkündigt wird. Vom Gottesdienst, also von dort, wo Christus selbst als der Hohepriester gegenwärtig ist und in der Kraft seines Wortes die Umkehr zu Gott zur Vergebung der Sünden bezeugt wird, vom Gottesdienst aus nimmt die Kirche ihren Lauf.

Wie entlastend und befreiend ist es, das heute zu hören. Wie viele Konzepte, Aktionen und Methoden wurden - auch in unserer Kirche - in den letzten Jahrzehnten erprobt und ließen ausgelaugte, enttäuschte Aktivisten zurück. Gemeindewachstum, Gemeindeaufbau, missionarische Gemeinde, offene Kirche, Kirche für Sie, - wie auch immer die Schlagworte lauteten: Gewachsen, innerlich und messbar äußerlich gewachsen ist die Kirche immer nur da, wo der Gottesdienst im Mittelpunkt stand; wo er Kraftquelle und Segnungs- und Sendungsfeier war, wo Menschen dem lebendigen Herrn und König der Kirche und der Welt selbst begegnet sind. Heute ist man wieder dabei, das ganz neu zu erkennen und zu entdecken.

Eine Himmelfahrtsgemeinde muss die Kirche sein und bleiben oder wieder ganz neu werden. Eine Gemeinde, in der das Evangelium bezeugt wird, in der Christus mit der Kraft aus der Höhe segnet. Dieser Gemeinde gelten alle Verheißungen. Und in dieser Gemeinde kann aus Vatertagschristen Himmelfahrtschristen werden, also Menschen, die Christus als ihren Herrn anbeten, Gott preisen und ein gelungenes, sinnerfülltes Leben in Freude führen, dem auch ein bleibendes Ziel zugesagt ist. Amen.