Predigt

(Pastor Gert Kelter am Hl. Christfest 2003)

Der leutselige Gott

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist,
den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
(Titus 3, 4-7)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

„Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes," so beginnt die Epistel am Weihnachtstag. Das griechische Wort philantropia, das in den neuen Übersetzungen mit ‚Menschenliebe’ wiedergegeben wird, hat Luther ursprünglich mit dem Begriff „Leutseligkeit" übersetzt. Aber selbst in eher konservativen Kommentaren und Predigtmeditationen wird kategorisch davon abgeraten, sich auf das Wort „Leutseligkeit" einzulassen, das doch heutzutage einen herablassend, gemütlich-jovialen Klang habe und sich darum nicht eigne, die Tatsache der Menschwerdung des heiligen Gottes verständlich zu beschreiben. Nun, liebe Gemeinde, diese Generalkapitulation vor Luthers Übersetzungskunst hat mich natürlich erst recht gereizt, bei der ‚Leutseligkeit Gottes’ zu bleiben und herauszufinden, was Luther damit meinte und darunter verstand. Und siehe da: In einer Predigt Luthers über unseren Abschnitt an einem 2. Christtag, wie es in der Überschrift heißt: „In der frühen Christmesse", finden sich folgende Sätze: „Also nennen die natürlichen Meister etliche Thiere Menschenlieber oder leutselig, als da sind, Hunde, Pferde, Delphine. Denn dieselbigen Thiere haben natürliche Lust und Liebe zu den Menschen, thun sich auch zu ihnen und dienen ihnen gerne, als hätten sie Vernunft und Verstand gegen den Menschen. Einen solchen Namen und Liebe eignet hier der Apostel unserm GOtt (...), dass die Meinung sei: GOtt hat sich im Evangelio nicht allein freundlich erzeigt, der jedermann um sich leiden und annehmen wolle; sondern wiederum, hält er sich auch zu ihnen, sucht bei ihnen zu sein, bietet ihnen seine Gnade und Freundschaft an." (W², XII, 129)

Das ist doch ein schöner Weihnachtsfund: Gottes Menschwerdung, seine Leutseligkeit wird von Luther mit Hunden, Pferden und Delphinen verglichen. Treue Freunde der Menschen. Und was sie vor anderen Tieren auszeichnet: Sie sind nicht scheu oder sogar aggressiv, sondern –eben- leutselig. Sie suchen und lieben die Nähe der Menschen. Sie weichen den Menschen nicht von der Seite, sie sind fröhlich, wenn die Menschen fröhlich sind und traurig, wenn die Menschen traurig sind. Nicht ohne Grund sind die Hauptdarsteller der drei bekanntesten Tierserien Lassie, der Hund, Fury, das Pferd und Flipper, der Delphin. Die Treue und Menschenliebe dieser Tiere zeichnet sich dadurch aus, dass sie „ihre" Menschen vorbehaltlos annehmen. Ihnen ist es egal, ob ein Mensch hübsch oder hässlich, vielleicht entstellt und furchterregend ist. Sie fragen nicht nach gesellschaftlichem Ansehen, nach Gesundheit, nach Klugheit oder Bildung, nicht einmal nach gutem Charakter. In Geschichten, Legenden und eben auch in Filmen werden diese Tiere oft zum Retter der Menschen. Sie haben ein feines Gespür für Nöte und Gefahren, in die Menschen geraten können. Und dann sind sie immer im richtigen Augenblick zur Stelle. Und manchmal stellen sie sich schützend zwischen den Menschen und seine Feinde und finden dabei den Tod.

Es ist diese arglose, treue, bedingungslose und unschuldige Menschenliebe, die uns diese Tiere so sympathisch macht und jeder gesund empfindende Mensch wäre empört, wenn solche Tiere geärgert oder gar gequält und brutal getötet würden. Verlassen wir an dieser Stelle diesen Vergleich, aber lassen dieses, wie ich finde, sehr einfühlsame und einprägsame Bild auf uns wirken, das Luther mit seiner geisterfüllten Formulierung „Als aber erschien die Leutseligkeit Gottes" hier malt. Nichts anderes will er sagen, als: So ist Gott und das ist der Grund für seine Menschwerdung in der hl. Nacht.

Der das ursprünglich in griechischer Sprache geschrieben und gesagt hat, ist der Apostel Paulus, der an seinen Schüler Titus und dessen Gemeinde schreibt, den er als Bischof auf Kreta zurückgelassen hatte. Die Kreter galten damals als furchtbar verkommenes Volk. Wenn wir heute noch von „Kreti und Pleti" sprechen und damit asoziale Proleten bezeichnen, hängt das ursprünglich mit diesem schlechten Ruf der Kreter und in diesem Fall übrigens auch der Plether zusammen, was eine sprachliche Ableitung des Wortes Philister ist, die als Vorfahren der heutigen Palästinenser, auch darin hört man noch das ursprüngliche Philister bzw. Plether, anzusehen sind. Die junge Christengemeinde wird zu einem großen Teil aus Kretern bestanden haben, deren früheres Leben nicht anders gewesen sein wird, als das ihrer Volksgenossen. Wenn ich sage „früheres Leben", dann bezieht sich das auf das Leben der kretischen Christen, bevor sie zum Glauben an Jesus Christus kamen und bevor sie getauft wurden. Unmittelbar vor unserer Epistel heißt es über dieses Vorleben: „Denn auch wir waren früher unverständig, ungehorsam, gingen in die Irre, waren mancherlei Begierden und Gelüsten dienstbar und lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten uns untereinander."

Zu diesen, in ihrem Hass gefangenen Menschen bringen Paulus und Titus das Evangelium von der Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes. Welten prallen aufeinander. Wenn man heute Menschen erlebt, auch Christen oder doch solche, die diesen Namen tragen, die von Hass zerfressen werden, die wie hinter einer Betonmauer leben und für kein gutes Wort, keinen Vermittlungsversuch und keine Schlichtung mehr zugänglich sind, kann man sich gar nicht vorstellen, wie dieses einfache, arglose Evangelium, diese schlichte Botschaft von der Liebe Gottes, der für uns Mensch wurde und seinen unschuldigen Sohn für unseren Hass, unsere Unversöhnlichkeit und unsere Schuld in den Tod gegeben und auferweckt hat, wie dieses Evangelium solche Menschen überhaupt erreichen und verwandeln konnte. Aber es besteht kein Zweifel, auch kein historischer Zweifel daran, dass es schon zu Lebzeiten des Apostels Paulus und des Bischofs Titus mehrere christliche Gemeinden auf Kreta gab. In der Kraft des heiligen Geistes hatte das Wort von der Leutseligkeit Gottes diese Mauern durchbrochen.

„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne."

Alle Menschen, die Kreter damals, ich, du und unsere Zeitgenossen, ganz gleich, ob sie Christen oder Nichtchristen sind, haben diese Sehnsucht nach einer unschuldigen Kreatur, die uns vorurteilslos annimmt, gerne um uns ist, uns liebt ohne Bedingungen zu stellen, die treu und verlässlich ist, uns nicht im Stich lässt und immer für uns da ist.

Diejenigen, die diese Erlösung aus den Ketten des Hasses im Glauben angenommen hatten, die getauft wurden, die hatten wohl erlebt, was der amerikanische Großindustrielle und Aktivist der Friedensbewegung Andrew Carnegie einmal recht pragmatisch so gesagt hat: „Wenn wir unsere Feinde hassen, geben wir ihnen große Macht über unser Leben: Macht über unseren Schlaf, unseren Appetit, unsere Gesundheit und unsere Geistesruhe."

An der Person des Apostels Paulus, an seiner psychologischen und seelsorglichen Geschicklichkeit oder seiner überragenden Rhetorik kann es nicht gelegen haben. Vielfach wird sogar von ihm selbst bezeugt, dass er alle diese Qualitäten nur sehr mangelhaft besaß. Es kann nicht anders gewesen sein, als dass diese ungehobelten, gehässigen Kreter im Wort des Evangeliums dem lebendigen, auferstandenen Christus selbst begegnet sind und in ihm die Leutseligkeit Gottes erkannt und geglaubt haben. Vorbehaltlos, bedingungslos, arglos, in kindlicher, unschuldiger Liebe, in nachgehender Treue, ohne Vorwürfe, in Geduld und Barmherzigkeit – so begegnete ihnen zum ersten Mal der dreieinige Gott.

Sie hörten von einem Gott, der von ihnen keine Opfer oder Werke der Gerechtigkeit verlangte, bevor er ihnen im Gegenzug irgend etwas gab, sondern der sie aus Gnade und Barmherzigkeit als seine Kinder annimmt und zu Erben des ewigen Lebens einsetzt, anstatt sie nur für seine Machtzwecke zu missbrauchen und auszubeuten. „Ich liebe euch doch alle", das rief auch der Stasi-Chef Erich Mielke in den Tagen des Zusammenbruchs der DDR seinem Volk zu, das nicht sein Volk war und sein wollte. Das Wort „Liebe" allein kann einen sehr hohlen Klang haben, wenn es aus dem Mund von Tyrannen und Mördern kommt. Die Kreter hörten in der Kraft des heiligen Geistes von Gott, dem liebenden Vater und Jesus Christus, seinem Sohn, der aus Liebe am Kreuz für die Menschen gestorben ist. Und selbst die Wiederkunft dieses Herrn zum Gericht hat für die, die sich an ihn halten, nichts Erschreckendes, sondern etwas Befreiendes: „Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht."

Der leutselige Gott lässt seine Leute nicht.

Und wer nun zum Schluss fragt, was das mit Weihnachten zu tun hat, warum diese Epistel seit tausend Jahren und mehr schon unseren Vorfahren am Weihnachtstag verlesen und ausgelegt wurde, dann sollte man überlegen, wie Gott denn für uns Menschen wohl am besten sein innerstes Wesen hätte darstellen können, wenn er nicht als Hund, Pferd oder Delphin in diese Welt kommen wollte. Und die Antwort lautet: Er musste als Kind in diese Welt geboren werden.

Denn unter den Menschen ist ein neugeborenes Kind ein Sinnbild für all das, was wir am Anfang über die treuen Tiere gehört haben: arglos, treu, bedingungslos anhänglich, liebebedürftig und Liebe gebend, unschuldig. „Leutselig" nennt das Luther.

Gott hat nicht den Weg der Macht gewählt, um die Menschen für sich zu gewinnen, sondern einen anderen Weg, den Weg der Leutseligkeit eben.

„Der zeigt dir einen andern Weg, als du vorher erkannt, den stillen Ruh- und Friedenssteg zum ewgen Vaterland." Amen.