Beichtrede

(Pastor Gert Kelter am 9. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Ein neuer Anfang

Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, daß ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,
und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Philipper 3,13+14)

 

Liebe Beichtgemeinde,

der Apostel kann das: einfach vergessen, was hinter ihm liegt. Wenn das doch immer so einfach wäre. Es ist ja kein Geheimnis, daß wir Menschen in unserer Persönlichkeitsstruktur, unserem Charakter, unseren Empfindungen und Ansichten von unserer Vergangenheit geformt und geprägt sind. Alles, was wir erleben, Böses vielleicht noch stärker als Gutes, lagert sich in uns ab und hat die Tendenz, bei passender Gelegenheit mit unserem Willen oder auch unbewußt gegen unseren Willen wieder an die Oberfläche zu kommen.

Wer als Kind und Jugendlicher die Ehe seiner Eltern als zerrüttet und belastet erlebt hat, wird auch als Erwachsener in seinen eigenen Beziehungen Probleme haben.

Wer in seiner Jugend in Entbehrungen, Hunger oder Armut leben mußte, und sich von diesen Eindrücken nicht freimachen kann, wird möglicherweise einen lebenslangen Hang entweder zur Verschwendungssucht oder zum krankhaften Geiz haben.

Wer von Krieg, Flucht und Vertreibung traumatisiert wurde, wird vielleicht sein Leben lang mit einem Grundgefühl von Heimatlosigkeit unter dem erlittenen Unrecht leiden und sich davon nie mehr freimachen können. Manchmal sind es nicht einmal eigene Erfahrungen, sondern nur die Erfahrungen vorangegangener Generationen, die sich durch unsere Erziehung, durch immer wieder erzählte Geschichten so tief in uns eingegraben haben, daß daraus Vorurteile, Mißtrauen und negative Gefühle, die bis zum Haß reichen können, entstehen und auf die Nachgeborenen 1:1 übertragen werden. Von „Erbfeindschaften" zwischen Völkern ist dann die Rede oder von „den Russen" und „den Amerikanern" und „den Polen", die sowieso immer schon so waren und sich ändern und mit denen man sich am besten gar nicht befassen sollte.

Liebe Beichtgemeinde, wenn ich aber so geprägt durch Vergangenes lebe, so stark beeindruckt durch die Vergangenheit, dann stehe ich in der Gefahr, die Gegenwart zu verpassen. Wer sich an den entgangenen Möglichkeiten seiner Geschichte festhält, wird die gegenwärtigen Möglichkeiten vielleicht gar nicht wahrnehmen.

Weltlich gesehen gilt dann: Man muß die Vergangenheit aufarbeiten, subjektive Eindrücke in den Zusammenhang des tatsächlich Geschehenen bringen, über das Erlebte reden und dann einen Weg finden, einigermaßen unbelastet damit umzugehen.

Das gelingt manchmal, geht aber oft genug auch schief. Insbesondere dann, wenn solche Vergangenheitsbewältigung darin besteht, einen Schuldigen auszumachen und ihm die Last aufzulegen, die einen selbst bisher so gequält hat.

Geistlich gesehen, ist es allerdings mit Aufarbeiten, Darüberreden und nüchterner Analyse der Zusammenhänge nicht getan.

Geistlich gesehen geht es darum, aus dem Vertrauen zu Gott, als einem gütigen Vater zu leben, dessen Willen für mich und Leben immer ein guter und gnädiger Wille ist.

Mit anderen Worten: Es geht darum, mein Leben, so wie es ist und wie es geworden ist, aus Gottes Hand mit Dankbarkeit und Zufriedenheit anzunehmen.

Dieses Annehmen beinhaltet auch, daß ich mich selbst annehme. Das heißt nun aber gerade nicht, daß ich meine Schuld, mein Versagen und meine Schwächen schön rede, wie es in der Margarine-Reklame heißt: Ich darf so bleiben, wie ich bin. Sondern das bedeutet, daß ich vor Gott schonungslos offen lege, daß ich nicht so bin, wie ich sein sollte und mir dann von Gott einen neuen Anfang schenken lasse.

Dieser Vorgang nennt sich „Vergebung und Versöhnung durch Jesus Christus."

Da wird nichts analysiert und aufgearbeitet; da besteht der Zweck nicht bereits darin, einmal darüber geredet zu haben. Da wird wirklich ein Schlußstrich gezogen.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" – das ist nicht die Beschreibung zweier Vorgänge, sondern heißt: Wenn du uns unsere Schuld vergibst, können wir auch unseren Schuldigern vergeben, uns mit ihnen versöhnen.

Wer sind diese Schuldiger, diese Schuldner unseres Lebens? Das können ganz konkrete Menschen sein. Das können tatsächlich unsere Eltern sein, unsere Lehrer und Erzieher, unsere Ehepartner und Kinder. Aber das können auch Völker, geschichtliche Ereignisse, gesellschaftliche Umstände, politische Verhältnisse, sogenannte Schicksalsschläge sein.

Ich kann kein Rezept verlesen, wie man das mit Sicherheit erreichen kann: Aus der Versöhnung zu leben und sich mit dem Leben zu versöhnen. Aber ich weiß, daß es damit anfängt, vor Gott seine eigene Schuld zu bekennen und sich versöhnen zu lassen.

Und ich weiß auch und nicht zuletzt, weil es der Apostel Paulus bezeugt, daß man dann wirklich vergessen kann, was dahinten liegt und sich mit neuer Lebensfreude der Gegenwart und der uns verheißenen herrlichen Zukunft zuwenden kann. Daß das nicht von heute auf morgen geschieht, sagt auch Paulus. Daß man da ein Leben lang auf einem Weg ist und noch nicht vollkommen, das sagt der Apostel ganz nüchtern.

Aber das Vergessen ist möglich. So wie Christus die Schuld, die wir beichten, nicht nur vergibt, sondern wirklich vergißt, so als sei sie nie dagewesen. Er sieht uns nicht mehr an wie belastete, alte, unverbesserliche Relikte, sondern wie neugeborene Kinder, deren Leben noch hell und frisch vor ihnen liegt.

Ob es sich nicht lohnen würde, all die alten Dinge Gott zu übergeben, sie als Versöhnte wieder anzunehmen und sie dann zu vergessen?

Der barmherzige Gott schenke uns dazu seine Gnade. Amen.