Predigt

(Pastor Gert Kelter am 9 . Sonntag nach Trinitatis 2003)

Christi leichtes Joch

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern. (Matthäus 25,14-30)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

„Aufpassen muss der Prediger, dass er nicht ausgerechnet den Treuesten der Treuen, die auch in den Sommerferien zum Gottesdienst kommen, die Wucht der Parabel um die Ohren haut, während viele laue Namenschristen sich an Erntedank und Weihnachten die gnadenvollen Worte abholen dürfen."

So stand es in einer theologischen Zeitschrift unter der Überschrift „Seelsorgliche Erwägungen zur Parabel von den anvertrauten Zentnern".

Liebe Gemeinde, es gibt sicher viele Fragen, die man an diese Aussage stellen müsste. Beispielsweise, ob höchste Glaubenstreue sich wirklich darin kundtut, dass man auch in den Sommerferien zum Gottesdienst kommt, oder ob ein verantwortungsvoller Prediger, der an Weihnachten und Erntedank der Gemeinde nicht nur süßlich nach dem Munde redet, sondern ganzjährig Gesetz und Evangelium in der rechten Unterscheidung predigt, diese Warnung vielleicht gar nicht nötig hat.

Ich möchte nur diesen einen Eindruck der Gleichniserzählung als „wuchtige Parabel", die man der Gemeinde „um die Ohren hauen" könne, an den Anfang setzen. Denn das stimmt schon: Da gibt es einige Punkte, an denen man seinen Ohren nicht ganz traut, wo man sich fragt, ob dieser Abschnitt wirklich aus dem Neuen Testament und wirklich von Jesus stammen kann und wo denn, bitte, in diesem Bibelwort tröstendes Evangelium enthalten sein soll.

Man kann dieses Evangelium ja durchaus zunächst wie eine Anleitung zum Wuchern, zur geschäftstüchtigen Spekulation verstehen. Man kann daraus entnehmen, dass es mehr- und minderbegabte Menschen gibt und es eben naturgesetzliches Pech ohne Anspruch auf Barmherzigkeit sei, wenn man zu den Minderbegabten gehört.

Man kann in dem vermögenden Menschen, hinter dem Gott oder Christus zu vermuten ist, einen raffgierigen, auf seinen Profit bedachten, die Menschen ausbeutenden Kapitalisten erkennen, der mit dem vertrauten Gottesbild nichts mehr zu tun hat.

Und dann könnte man, um einige Zweifel reicher, seine Bibel zuklappen und darauf hoffen, dass es vielleicht am nächsten Sonntag wieder Gelegenheit gibt, sich einige „gnadenvolle Worte" für das persönliche seelische Gleichgewicht „abzuholen".

Mann kann aber auch die Bibel geöffnet lassen und einmal in aller Ruhe und Gelassenheit lesen und hören, was da steht und in welchem Zusammenhang es da steht.

Dann würde man vielleicht merken, dass diese scheinbar so harte und wuchtige Rede ein ganz seelsorgliches Wort Jesu an seine Jünger ist, die auf diese Weise langsam darauf vorbereitet werden sollen, dass ihr Herr nicht immer bei ihnen sein wird. Er wird sein wie ein Mensch, der außer Landes geht. Aber dieser Mensch lässt die Seinen nicht mittellos zurück. Jeder erhält seinen Teil. Der Herr vertraut ihnen sein Vermögen an.

Das heißt zunächst: Der Herr vertraut ihnen. Und: Er traut ihnen etwas zu. Das ist tatsächlich eine Wucht. Christus zeigt sich mir und dir als der lebendige Gott, der kein misstrauischer Aufpassergott ist, der uns nur als Lügner, Betrüger, Faulpelze und Egoisten sieht, sondern uns mit Vertrauen beschenkt.

Und dann lese ich, dass jeder der drei Knechte in Entsprechung zu seiner Tüchtigkeit, besser ausgedrückt: je nach seinen Möglichkeiten, jedem nach seiner Eigenart, seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten entsprechend etwas erhält.

Gott überfordert mich also nicht. Er nimmt mich als Individuum, als einzigartige Persönlichkeit wahr. Er kennt mich, und zwar auf eine so liebevolle und verständnisvolle Weise, dass er von mir nichts fordert, was ich nicht zu leisten auch in der Lage wäre. Wenn alle Eltern so mit ihren Kindern umgingen, wenn alle Vorgesetzten so umsichtig ihre Angestellten mit Aufgaben betrauten, wenn alle Eheleute mit so viel Einfühlungsvermögen miteinander lebten, wenn Pastoren und Gemeinden gegenseitig solche Grundsätze beherzigten und nicht den jeweils anderen mit überzogenen Erwartungen belasteten – wie viel Gelassenheit und Harmonie würde unser Leben bereichern! Wie viel Last und Druck, wie viel Stress, Minderwertigkeitskomplexe, Aggression und Hektik wären dann von uns genommen!

Haben wir eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, dass zu den Gaben Gottes nicht nur besondere Fähigkeiten gehören, sondern auch Zeit, Lebenszeit. Meine Zeit ist eine Gottesgabe, ein Einsatz, mit dem ich wuchern kann und soll.

Es gibt hochbegabte, kerngesunde Menschen, die das nicht tun; und es gibt an den Rollstuhl oder ans Krankenbett gefesselte Menschen, die das tun. Und sei es, indem sie für die beten, für die sonst niemand betet. Das ist eine Lebensaufgabe, für die ein Ächt-Stunden-Tag nicht ausreicht.

Oder was ist mit den Gaben der Gelegenheiten meines Lebens? Gelegenheiten, Chancen, die sich mir bieten, weil Gott sie mir ständig in den Weg stellt und sie mir schickt, um daraus etwas zu machen; die ich ungenutzt, furchtsam und misstrauisch an mir vorbeiziehen lassen oder gewinnbringend nutzen kann.

Dabei ist es keineswegs so, dass der Herr knauserig wäre. Das gilt für die ersten beiden Knechte sowieso; aber das gilt durchaus auch für den dritten Knecht, dem nur ein Zentner, ein Talent steht da im Griechischen- anvertraut wurde.

Man muss sich wirklich die Mühe der Umrechnung dieser Wertangabe machen, um sie so zu hören, wie es die ersten Hörer taten. Dann handelt es sich, nach heutigem Gegenwert, um 500.000 Euro, um 15-20 mittlere Jahreseinkommen. Das entspricht einem Talent Silber. Und soviel erhielt der auf den ersten Blick so benachteiligt scheinende dritte Knecht.

Das Mitleid darf sich also in Grenzen halten.

Jesus will, dass seine Hörer zur Kenntnis nehmen: Jeder der drei erhält unglaublich viel anvertraut.

Ganz kurz und knapp, ganz konzentriert wird dann gemeldet: Die ersten beiden Knechte verdoppeln jeweils ihren Einsatz, machen 100 % Gewinn.

Alles Gewicht der Erzählung liegt nun offenbar auf dem dritten Knecht. Und was macht der? Er gräbt ein Loch, ich stelle es mir sehr sorgfältig rechtwinkelig gegraben vor, legt das ihm anvertraute Talent dorthinein und ist mit sich zufrieden. Vielleicht so zufrieden, dass er auf dem Grab seiner Talente noch ein paar Blümchen pflanzt und einen Gartenzwerg daneben stellt.

Mal ehrlich: So verwerflich ist das doch eigentlich gar nicht. Immerhin nimmt er nicht das Vermögen und macht es wie der verlorene Sohn, der damit außer Landes geht und sein Geld verprasst, bis er bei den Schweinen landet. Der dritte Knecht verhält sich doch im wahren Sinne des Wortes sehr konservativ, sehr bewahrend, sehr bürgerlich und anständig.

Umso fassungsloser hören wir wohl deshalb auch das Ende der Geschichte, als der Herr nach langer Zeit zurück kommt und Rechenschaft fordert.

Also, der Herr kommt zurück. Wir erinnern uns: Christus will seine Jünger darauf vorbereiten, dass er nicht immer bei ihnen sein wird, dass er weggehen wird. Aber er gibt ihnen zugleich die Gewissheit und die Zusage: Ich werde zurück kommen. Es kann aus eurer Sicht eine lange Zeit dauern. Aber es lohnt sich, geduldig zu bleiben, an meinen Worten festzuhalten und nicht daran zu zweifeln. Ich komme zurück.

Die ersten beiden Knechte treten auf und zeigen dem Herrn den verdoppelten Einsatz. Überraschend ist der Ausspruch: Du bist über wenigem treu gewesen. Fünf oder zwei Talente, das sind mehrere Millionen Euro, also alles andere als wenig. Wieso wählt Jesus diese untertreibende Bezeichnung? Doch wohl einerseits, weil die anvertrauten Gaben im Verhältnis zu dem, was der Herr auszuteilen hat, nur ein Bruchteil ist. Aber doch andererseits auch, weil es im Verhältnis zu den Möglichkeiten der jeweiligen Knechte eben nicht mehr war, als sie verkraften und verarbeiten konnten. Gaben und Aufgaben, die wir von Gott in unserem Leben erhalten, stehen in einem ausgewogenen Verhältnis. So gesehen haben alle drei Knechte von Anfang an gleich viel oder eben auch gleich wenig erhalten. Und noch etwas ist in diesem Zusammenhang wichtig: Die Ausgangsposition der drei Knechte war in jedem Falle dieselbe: Sie hatten nämlich vorher alle drei nichts. Und alles, was sie – je nach ihren Möglichkeiten - an Gaben verliehen bekamen, war nicht ihre Leistung, sondern gnädig anvertrautes Gut.

Der dritte Knecht wartet nun das Urteil des Herrn gar nicht ab. Er geht sofort in die Defensive. Das macht man eigentlich nur, wenn man ein schlechtes Gewissen hat, wenn man sich im Unrecht weiß und sich rechtfertigen muss. „Herr, ich weiß, dass du ein harter Mann bist", leitet der Knecht seine Rede ein. Und woher will er das wissen? Alles, was wir bisher aus der Gleichniserzählung über den Herrn gehört haben, spricht doch dagegen. Er ist einer, der seinen Knechten herzliches Vertrauen entgegenbringt, der ihnen unglaublich viel Vermögen anvertraut. Er ist ein zuverlässiger Mann, der Wort hält und seine Knechte nicht allein lässt, sondern wieder zu ihnen zurück kommt. Ein harter Mann? Worin soll seine Härte bestehen?

„Du erntest, wo du nicht gesät hast, du sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast", behauptet der biedere Knecht. Nicht gesät, nicht ausgestreut? Das ist nun doch eine Unverfrorenheit. Über den ersten Knecht wurden 2,5 Millionen, über den zweiten 1 Million und über den dritten immer noch 500.000 Euro ausgestreut.

„Darum fürchtete ich mich", beendet der dritte Knecht seine Rede und gibt dem Herrn den ungenutzten Einsatz zurück, den er von ihm empfangen hatte.

Und damit zeigt der Knecht, was seine Grundeinstellung ist: Misstrauen, das Gegenteil dessen, was den Herrn auszeichnet, nämlich Vertrauen.

Furcht ist eine der Folgen von Misstrauen der Güte und Liebe Gottes gegenüber. Misstrauen bezweifelt, dass Gott es gut mit mir meint. Misstrauen setzt auf die eigenen Vorkehrungen und Absicherungen, kann sich nicht einlasen auf ein Leben allein aus Gnade. Misstrauische Menschen leben in der Überzeugung, zu kurz gekommen zu sein, nicht zu haben, was ihnen zusteht, anstatt zu nutzen, was sie haben. Daraus entsteht Neid auf die, die ihrer Meinung mehr haben als sie. Und ganz schnell heißt es dann: Die mehr haben, als ihnen zusteht. Das Bild vom Grab der Talente steht für ein Leben in Misstrauen und Furcht. Es ist träge, dabei natürlich auch bequem, fade und giftig und fruchtlos. Und die Furcht, die Folge des Misstrauens, heißt es in der Bibel, die Furcht ist nicht in der Liebe.

Bös und faul nennt ihn der Herr daraufhin und fragt, warum er das Talent nicht wenigstens zur Bank gebracht und es ihm mit Zinsen zurück gegeben habe.

Für die Jünger und vor allem, falls sich unter den Zuhörern auch Pharisäern befanden, war das starker Tobak. Für Juden galt ja grundsätzlich das Zinsverbot. Man durfte weder Zinsen erheben, noch Zinsgewinne machen. Und nun dieser Rat.

Mensch, sagt Jesus jedem von uns, fürchte dich nicht! Du kannst und du darfst die Dinge der Welt furchtlos und gelassen nutzen und gebrauchen, wenn du sie verantwortlich gebrauchst. Ich traue es dir doch zu, dass du kannst. Prüft alles, das Gute behaltet. Speise wird uns nicht vor Gottes Gericht bringen. Alles ist mir erlaubt, es soll mich aber nichts gefangen nehmen. Gebraucht die Welt, aber so, als bräuchtet ihr sie nicht; kauft, als behieltet ihr es nicht.

So legt uns Christus sein leichtes Joch auf die Schultern, unter dem es sich in der uns anvertrauten Welt leben lässt.

Wir müssen zum Schluss nur noch verstehen, was Jesus meint, wenn er sagt: >Wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.>

Dieses Wort steht nicht ohne Grund am Ende des Gleichnisses, denn es will vom Ende her verstanden werden. Er ist ja nicht Ausdruck des allgemein üblichen selbstmitleidigen Gejammers nach dem Motto: „Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher", oder „Die Kleinen henkt man, die Großen lässt man laufen".

Es ist das abschließende Urteil Jesu über Menschen, die aus dem Vertrauen lebten und aus dem, was ihnen anvertraut wurde, etwas gemacht haben und diejenigen, die im Misstrauen lebten und starben und nun im Grab ihrer Talente liegen. Die einen sind die, die das Leben in Fülle, das Christus ihnen geschenkt hat, angenommen und daraus gelebt haben. Die anderen sind die, die es misstrauisch vergraben haben und sei es hinter einer noch so schüchternen, biederen und bürgerlichen, noch so kirchlichen und anständigen Fassade.

Und das, liebe Mitchristen, können also durchaus auch solche sein, die zu den Treuesten der Treuen zählen und sogar in den Sommerferien in den Gottesdienst kommen. Und das wäre es ja gut, wenn wir, denn von uns rede ich, uns heute die Wucht dieser Parabel einmal um die Ohren hauen lassen, damit wir wieder mit neuer Freude, gestärktem Vertrauen, ohne Furcht und mit viel Liebe das Leben aus Gottes Hand nehmen und es genießen können, bis wir es in Fülle haben werden, wenn der Herr wiederkommt in Herrlichkeit. Amen.