Predigt

(Pastor Gert Kelter am 8 . Sonntag nach Trinitatis 2003)

Salz der Erde

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus 5,13-16)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Für 19 Cent kann man in jedem Supermarkt ein Pfund Salz kaufen. Es steht auf der Einkaufsliste und wird im Vorbeigehen in den Wagen gelegt. Es gehört zwar unbedingt zur Grundausstattung jedes Gewürzregals, aber man schenkt diesem billigen, unauffälligen Lebensmittel kaum Beachtung. Das war nicht immer so und es ist bis heute noch längst nicht überall auf der Welt so. Städtenamen wie Halle, Bad Reichenhall oder Schwäbisch Hall –der Wortstamm „Hall" bedeutet nämlich „Salz"- erinnern immer noch an die große Bedeutung, welche die Salzgewinnung in früheren Zeiten auch in unseren Breiten hatte. Salz ist in einigen Regionen der Erde bis heute die Hauptwährung, so wie es das Gold für uns in gewisser Weise noch ist. „Weißes Gold" wird das Salz daher auch genannt.

Salz machte nicht nur die Hersteller und vor allem die Händler reich, sondern auch das Leben der Menschen. Salz ist einer der Grundstoffe des menschlichen Körpers, muss ihm aber immer wieder neu von außen zugeführt werden. Die aktuelle Hitzewelle macht uns das wieder neu bewusst: Ein zu hoher Salzverlust kann tödlich sein.

Salz war zu Jesu Zeiten nahezu die einzige Möglichkeit, Lebensmittel dauerhaft haltbar zu machen, sie vor Fäulnis zu bewahren und zu konservieren.

Diese konservierende Wirkung hat etwas mit der Reinigungskraft des Salzes zu tun. In der antiken und mittelalterlichen Medizin streute man Salz in offene Wunden, um Entzündungen zu verhindern. Das verursacht heftige Schmerzen, hilft aber. Salz wirkt antibakteriell.

Das alles wussten die Jünger Jesu und konnten darum ganz anders als wir heute den Zuspruch einordnen: Ihr seid das Salz der Erde.

Und sie wussten noch mehr: Im Buch des Propheten Hesekiel wird erwähnt, dass man im alten Israel Neugeborene mit Salz abgerieben hat, um sie zu reinigen, aber wohl auch, um sie symbolisch lebendig zu bewahren. Übrigens ist dieser Brauch auch in die spätere christliche Tradition eingegangen. Bis vor wenigen Jahrzehnten, Luther erwähnt dies noch in seinen Schriften zur Taufe, wurde den Täuflingen bei der Taufe Salz gereicht. Und auch dem zu Epiphanias geweihten Wasser wird in der römisch-katholischen Kirche bis heute Salz zugefügt.

Salz gehört aber vor allem zu allen alttestamentlichen Opfern. Im 2. Buch Mose im 30. Kapitel kann man das nachlesen. Ein „gesalzenes Opfer" sollte Leben vor Gott bewahren. Und zugleich gilt Salz als ein Stoff, der verbindet und Gemeinschaft begründet. Ein Salzopfer festigt also die Gemeinschaft, die Verbindung mit Gott.

Diese Bedeutung hat das Salz übrigens auch bei den alten germanischen Stämmen gehabt, so dass bis heute – etwa bei einer Hauseinweihung - den Gästen Brot und Salz gereicht wird, ursprünglich mit eben dieser Bedeutung, auf eine zeichenhafte Weise die Gemeinschaft von Gastgeber und Gästen zu festigen.

Den Jüngern, den geistlich Armen, den Leidtragenden, den Barmherzigen, denen, die reines Herzens sind, den Friedfertigen und um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, also denen, die in den Augen der Welt eigentlich nur unbedeutende, bedauernswerte Nichtse ohne Zukunft und Überlebenschancen sind, diesen Jüngern spricht Jesus zu: Ihr seid das Salz der Erde.

Ihr seid diejenigen, die die Erde vor Wundbrand schützen und heilsam wirken. Ihr seid die, die die Erde bewahren und erhalten. Ihr seid die, die die Verbindung zwischen Gott und den Menschen bewahren. Ihr seid die, die der Erde und ihren Menschen immer wieder die nötige Lebenskraft zuführen. Ihr seid die, die die Erde genießbar machen.

Umgekehrt heißt das aber auch: Ohne dieses Salz der Erde, ohne die Christen, ohne die Kirche wäre die Erde ungenießbar, würde von Fäulnis zerfressen, wäre völlig losgelöst von Gott, könnte sie nicht mehr bestehen.

Ganz wichtig: Jesus fordert die Jünger nicht auf, Salz der Erde zu werden, sondern spricht ihnen zu: Es ist eure Bestimmung, Salz der Erde zu sein. Ihr seid das Salz der Erde. Jesus verleiht seinen Jüngern, verleiht den Christen und der Kirche damit einen Ritterschlag, adelt sie und beschenkt sie mit einem Selbstbewusstsein, das gegen jeden Augenschein steht.

Mit einem Blick in die Kirchengeschichte ist es nicht schwer, den Christen und der Kirche vorzuhalten: Ihr habt ganz offensichtlich nicht eurer Bestimmung gemäß gelebt und gehandelt. Da sind die Kreuzzüge, der Machtmissbrauch, die Prunksucht, die Verweltlichung, die Hexenverfolgungen, die Inquisition, die Waffensegnungen, das Versagen im Dritten Reich, der Glaubenskrieg zwischen Protestanten und Katholiken in Irland und, und, und...

Salz der Erde? Wo Christen zu Einfluss und Macht gelangt sind, wo sie die Mehrheit erlangten, da hat ihr Salz der Erde oft genug die Suppe versalzen. Da wurde die Welt in ein Totes Meer verwandelt, in dem nichts mehr leben und gedeihen als nur noch Salz.

Liebe Gemeinde, leider sind solche Einwände nicht von der Hand zu weisen. Leider stimmt es. Aber es stimmt eben auch nur da, wo die Christen und die Kirche sich weit, weit von denen entfernt hatten, die Jesus ursprünglich angesprochen hatte. Die Kirche der Kreuzzüge und Hexenprozesse, des Machtmissbrauchs und moralischen Versagens ist nicht die Kirche der geistlich Armen gewesen, nicht die der Leidtragenden und Sanftmütigen und Friedfertigen und um der Gerechtigkeit willen Verfolgten.

Aber diese Kirche war nie verschwunden. Es gab sie all die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch immer und es gibt sie bis heute. Man kann nämlich die Kirchengeschichte „von oben" oder aber auch „von unten" lesen. Und von unten liest sich dieselbe Geschichte dann ganz anders.

Im Namen Jesu Christi ist gewiss großes Unrecht und viel Unheil über die Welt gekommen. Aber im Geist Jesu Christi ist noch viel mehr Heil und Segen über die Welt gekommen. Im Namen Jesu haben viele das einzige Grundgesetz der Natur, der gefallenen Welt, nämlich das Recht des Stärkeren ausgeübt. Und hätten sie es nicht im Namen Jesu getan, hätten sie einen anderen Namen, eine andere Begründung für ihr Wüten gesucht und gefunden. Es hat zum Beispiel bedauerlicherweise immer Judenverfolgungen im Namen Christi gegeben. Aber Hitler ist das beste Beispiel dafür, dass im Namen der Biologie, der Natur und ihrer Gesetze, im Namen der reinen Rasse und des Rechtes der stärkeren Herrenmenschen die Verfolgung des Volkes Israels nicht nur genauso gut, sondern wesentlich gründlicher und effektiver begründet und durchgeführt werden konnte.

Diejenigen, die im Geist Jesu Christi gewirkt haben, sind immer in der Minderheit geblieben. Diejenigen, die am Ende das Salz der Erde waren, die die Welt genießbar gemacht und erhalten haben, hatten nie die Macht und die Mehrheiten auf ihrer Seite.

Das sind die, die in aller Stille Kranke gepflegt, Hungernde gespeist, Spitäler, Waisenhäuser und Schulen errichtet haben. Das sind die, die sich dem totalen Machtanspruch irdischer Tyrannen vom römischen Kaiser Diokletian bis hin zu Stalin oder Hitler widersetzt haben, die zu einem Zeichen der Hoffnung wurden, selbst wenn sie das mit dem Leben bezahlen mussten. Das sind die, die in den Klöstern gelebt und den Menschen Landbau, Viehzucht und in all dem immer auch Christus nahegebracht haben. Das sind die Missionare und christlichen Entwicklungshelfer. Das sind die, die in den Kriegen, die im Namen, aber nicht im Geist Jesu geführt wurden, die Verwundeten aller Seiten versorgt haben und unter Berufung auf den armen Lazarus die danach benannten Lazarette unterhielten. Das sind die, die ein Rotes Kreuz zum Sinnbild für barmherzige Nächstenliebe ins Leben gerufen haben, die überhaupt die Hinwendung zum bedürftigen und schwachen Nächsten als Wert in unsere Kultur eingepflanzt haben, auch wenn man heute diese urchristlichen Werte neutral als „Menschenrechte" bezeichnet.

Die Erkenntnis, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, verdanken wir nicht den alten Griechen oder Römern, sondern den Christen.

Es waren erklärtermaßen christliche Initiativen, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts am Anfang des heute selbstverständlich gebrauchten Begriffes „Umweltschutz" standen.

Wer weiß heute noch, dass der moderne Gedanke des Völkerfriedens, ja so gar die heutige UNO ihren Ursprung in den Schriften des englischen Quäkers William Penn, also eines erklärten und überzeugten Christen, sowie in den Überlegungen des Theologen Leibniz und des pietistisch erzogenen Philosophen Kant und seinen religions-ethischen Überlegungen hat?

Ihr seid das Salz der Erde – dieses Wort des Herrn Christus verleiht Selbstbewusstsein, das sich nicht zu verstecken braucht. Es gilt bis heute und es gilt auch uns.

Es gibt kein Salz, das nicht salzt oder seine Salzkraft verlieren könnte. Es gibt nur Salz, das nicht gestreut wird und im Salzfass bleibt. Dann allerdings ist zu nichts nütze, ohne dass es jedoch deshalb aufhörte, salzendes Salz zu sein.

Das Salz und das Licht haben gemeinsam, dass schon ganz wenig davon ausreicht um eine Suppe schmackhaft oder einen dunklen Raum hell zu machen. Und vielleicht ist es sogar nur in dieser geringen, unscheinbaren Dosierung heilsam und wirksam. Zu wenig – und es bewirkt gar nichts. Aber zuviel auf einer Stelle ohne Außenwirkung und es entsteht ein Totes Meer.

Dass wir wenige sind, keinen Einfluss und keine Mehrheiten, auch keine Meinungsmehrheiten haben, dürfte uns dann eigentlich nicht bekümmern. Das kleinste Körnchen Wahrheit, die kleinste Prise Versöhnung, Opferbereitschaft, Barmherzigkeit oder Verzicht, ein Hauch von Mitgefühl, ein einzelnes Wort, ein bisschen vom Geist Jesu – das kann schon das Salz sein, das die Erde vor dem Verderben bewahrt und das Leben genießbar macht. Das ist der Geist Jesu Christi, der wohl weht, wann und wo er will, der aber dort, wo er weht Frucht bringt und Leben schafft.