Predigt

(Pastor Gert Kelter am 7 . Sonntag nach Trinitatis 2003)

Ein Heilmittel gegen den Sorge-Geist

Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt.
Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.
Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.
Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, daß viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?
Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wußte wohl, was er tun wollte.
Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, daß jeder ein wenig bekomme.
Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:
Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?
Jesus aber sprach: Laßt die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.
Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.
Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrigblieben, die gespeist worden waren.
Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
Als Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein. (Johannes 6,1-15)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

was müsste eigentlich das Grundgefühl, die Grundbefindlichkeit eines Christen sein? Für mich lässt sich das am besten in dem Begriff „heitere Sorglosigkeit" ausdrücken. Heitere Sorglosigkeit bedeutet keine leichtfertige Unbekümmertheit, kein bequemes oder leichtsinniges Desinteresse an der Zukunft, sondern eine Vertrauens-Seligkeit im besten Sinne des Wortes, eine Seligkeit, die in einem unbeirrbaren Vertrauen auf Christus besteht, dem man alles zutraut, alles übergibt und alles überlässt.

Das Sorgen ist dagegen eine fast unüberwindliche Grenze, eine nahezu unbezwingbare Mauer, die uns von einem zufriedenen und erfüllten Leben mit Jesus Christus trennen und abhalten kann. Das heißt nicht, dass Menschen, die mit dem geistlichen Problem der Sorge, mit dem Sorg-Geist zu kämpfen haben, keine Christen wären oder nicht oder nicht fest und stark genug glaubten. Ich müsste dann auch selbst an meinem Glauben und an meinem Christsein ständig zweifeln. Aber das heißt, dass der Sorge-Geist uns die tiefempfundene Heiterkeit und Leichtigkeit des Glaubens an Jesus Christus immer gerade so weit auf Distanz hält, dass wir sie zwar ahnen und ersehnen aber nie ganz und wirklich erleben. Dieser Zwiespalt, den die Sorge da zwischen uns und Christus treibt, ist die Wurzel der Unzufriedenheit und aller sich daraus ergebenden Folgen wie Mutlosigkeit, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, Undankbarkeit, Streitsucht, Eitelkeit und Egoismus. Ein Leben im Konjunktiv, im Uneigentlichen, immer auf der Suche nach dem Eigentlichen, das kurz vor dem Ziel wieder von der Sorge eingeholt und überholt wird.

Unser Evangelium ist ein Heils- und ein Heilmittel gegen den Sorge-Geist.

Warum ist das so?

Erstens, weil es uns zeigt, wie und warum wir immer wieder in den Strudel der Sorge geraten und zweitens, weil es uns Jesus Christus als den zeigt, der in Wahrheit für uns sorgt und alle unsere Sorge auf sich nimmt und sie uns damit wegnimmt.

Die Menschen, die Jesus nachlaufen, haben –wie alle Menschen- ihre ganz eigenen kleineren oder größeren Sorgen. Sie haben Hoffnungen und Erwartungen an das Leben. Sie kennen enttäuschte Hoffnungen und ungestillte Sehnsüchte. Sie haben die Zeichen gesehen, die Jesus an den Kranken getan hat und neue Hoffnung geschöpft. Die einen, deren größte Sorge ihre körperliche Gesundheit ist, hoffen vielleicht, selbst von Jesus geheilt zu werden. Für andere ist Jesus ein wundertätiger Heiler, einer der mit sensationellen Mirakeln die Eintönigkeit ihres Alltags durchbricht. Sie sind auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, dem Spannenden, der Abwechslung. Und dann sind wohl auch Menschen in der Menge, die auf einen warten, der das Volk Israel aus der römischen Unterdrückung befreit, auf einen politischen, religiösen oder militärischen Messiaskönig und Heilsbringer.

Eigenartig, dass Jesus diese geballte Ladung unterschiedlichster Sorgen, Nöte und Hoffnungen scheinbar nicht zur Kenntnis nimmt. Er sieht sich die Menschen genau an und fragt dann Philippus, einen seiner Apostel und Jünger: „Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?" Hunger nach ganz gewöhnlichem Brot, das man kaufen kann – davon war doch gar nicht die Rede. Selbst wenn man voraussetzt, dass die 5000 vielleicht einen zweistündigen Fußmarsch um den halben See von Tiberias hinter sich hatten, selbst wenn man - was Johannes allerdings gar nicht schreibt - aus den Berichten der anderen Evangelisten schließt, dass es schon Spätnachmittag geworden war, bis die Menge sich unterhalb des Hügels eingefunden hatte, auf dem Jesus mit seinen Jüngern sich befand: Der leibliche Hunger nach Brot war es nicht, der die Menschen um Jesus geschart hatte.

Liebe Gemeinde, das ist ja sehr häufig so, dass wir mit unserem Leben auf eine unbestimmte Weise „irgendwie" unzufrieden sind, dass wir auch das eine oder andere Symptom unserer Unzufriedenheit kennen und benennen können, aber die eigentliche Ursache entweder verdrängen oder noch gar nicht verstanden haben.

So mancher Arzt lebt davon, dass Menschen zu ihnen kommen, die hier ein Kneifen und da ein Reißen spüren und um diese Zipperlein kreisen, ständig davon reden, ohne dass ein wirkliches körperliches Leiden festzustellen wäre. Sie genießen es, von ihrem Arzt wichtig und ernst genommen zu werden. Sie brauchen das Gefühl, das jemand ihnen zuhört, selbst wenn es in den Gesprächen nie um das Eigentliche geht, nie um das Innere, wirklich Bedrängende. Ein guter Arzt kann das durchschauen und wird unter der dicken Schicht der vermeintlichen Probleme das eigentliche Problem erkennen und ans Licht bringen. Oft genug ist das durchaus kein körperliches Problem.

Andere Menschen scheinen hellwache Beobachter von Politik und Gesellschaft zu sein. Mit ihnen kann man keine Minute sprechen, ohne dass sie sofort auf die schlimmen Verhältnisse, das Versagen der Politiker und die düsteren Zukunftsaussichten zu sprechen kommen. Auch werden Dinge in den Vordergrund gerückt, die scheinbar die Ursachen für die eigene Unzufriedenheit sind und die Gründe zum Klagen und Jammern liefern, aber in Wirklichkeit die Wurzeln des Übels nur verdecken, die sich unter der Oberfläche verbergen. Es gäbe noch viele Beispiele, angefangen von Menschen, deren Leben sich um Nachbarschafts- oder Familienzwistigkeiten dreht, über solche, die sich in Auseinandersetzungen mit Kollegen, Vorgesetzten oder Arbeitgebern aufreiben, bis hin zu solchen, die ihren ganz privaten Kirchenkampf gegen Bischof, Kirchenleitung, Vorstand oder Pastor ausfechten. Wie schön und unbeschwert könnte mein Leben sein, wenn ich nur dieses eine Problem nicht mehr hätte, denke ich dann und bin ganz erstaunt, dass sich sofort die nächste vermeintliche Hauptlebenssorge einstellt, wenn die eine überwunden scheint. Die eigentliche Not liegt ganz woanders. Jesus weiß das.

Er bringt die Sache auf den Punkt und sagt: Die Menschen brauchen Brot. Dass er damit nicht wirklich ein Stück Brot aus Mehl und Wasser meint, wird schon aus dem Kommentar des Evangelisten deutlich, der sagt: „Das sagte er aber, um Philippus zu prüfen; denn ER wußte wohl, was er tun sollte."

Brot – das steht für Grundnahrungsmittel, für die Hauptsache, für das, worauf es im Leben wirklich und ausschließlich ankommt. Am nächsten Tag, so setzt Johannes seinen Bericht im Anschluss an unseren Predigtabschnitt fort, hält Jesus seine Rede über das Brot des Lebens, in dem er den Satz spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, der wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."

Philippus fängt an zu rechnen. Er sieht die 5000 Männer und überschlägt kurz: Selbst wenn wir 200 Silbergroschen hätten, also 200 landesübliche Tageslöhne, würde jeder der Anwesenden nur einen kleinen Bissen bekommen.

Was da so wirklichkeitsnah und realistisch-bodenständig klingt, ist der alte Sorgengeist. Das ist der Taschenrechner neben Bibel und Gesangbuch auf den Tischen eines Kirchenvorstands.

Das ist das ewige ‚Ja, aber’, das jeder Kreativität, jedem hoffnungs- und vertrauensvollen Anfang eine schnelle Grenze setzt. „Schön wär’s, aber seht euch die Wirklichkeit an! Da wird nichts draus!"

Brüder und Schwestern, so denken und so reden wir, ohne es bewusst böse oder zerstörerisch zu meinen, weil wir unsere beschränkten Kräfte und Möglichkeiten im Blick haben und nicht die Kräfte und Möglichkeiten des Herrn Christus. Das ist Vertrauensmangel, das ist Glaubensmangel, der sich da oft als Realismus ausgibt. Es ist die Furcht vor Enttäuschungen und Rückschlägen, die Sorge, schnell an Grenzen zu stoßen und frustriert auf der Strecke zu bleiben.

Der Apostel Andreas hat da schon einen etwas anderen Blick und gibt zu bedenken: „Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische." Andreas ist auch Realist, sogar realistischer als Philippus. Immerhin: Etwas ist ja da. Aber auch der objektivste Blick auf die erfahrbare Wirklichkeit mündet wieder in Resignation: "Was sind fünf Brote und zwei Fische für so viele?"

Zur Zeit macht sich noch eine weitere Variante dieser Art von Realismus in der Kirche breit: Das sind die, die wie Andreas sehen: Es ist nicht gerade viel, was wir zu bieten haben, aber auch nicht weniger als jeder andere Hersteller irgendeines Produktes. Es kommt nur darauf an, dass wir unser Produkt nach den neuesten marktstrategischen Erkenntnissen vermarkten und an den Mann bringen. Aus Seelen werden Kunden, aus dem Evangelium ein Produktangebot. Man will mit der Zeit gehen, aber man wird erkennen, dass man auf diese Weise mit der Zeit gehen muss.

Philippus, Andreas und die modernen kirchlichen Marktstrategen: Sie denken an Jesus vorbei. Sie haben die Prüfung nicht bestanden und Jesus weiß, dass es jetzt an ihm ist, ihnen die Augen zu öffnen.

Auf einer grünen Aue lässt Jesus die 5000 sich lagern. Ich sage das bewusst so mit den Worten des 23. Psalms, weil Jesus hier als der Gute Hirte auftritt, der weiß, was seine Schafe brauchen und wo sie finden, was sie zum Leben benötigen.

Es ist ganz typisch für Jesus, dass er auch hier wieder einmal ein Kind und dessen Gaben in den Mittelpunkt stellt. Es sind gar nicht immer die Großen, denen man es schon ansieht, die etwas Wesentliches beitragen, die etwas zu geben haben. Mancher mag denken: Wenn ich mit dem Bisschen, was ich zum Gemeindeleben beitrage, nicht mehr da wäre, würde es auch niemand merken oder ein anderer könnte es genauso gut tun. Weißt du denn wirklich, auch wenn du dir vorkommst wie das kleinste Kind unter 4999 Erwachsenen, ob Christus nicht gerade dich und das vermeintlich wenige, was du hast, deiner ganzen Gemeinde zum Segen setzen will? Weißt du es denn wirklich, ob nicht gerade deine scheinbar so geringe Gabe das einzige ist, was in den Augen Jesu wirklich zu etwas zu gebrauchen ist?

Jesus nimmt das Wenige, das bereits da ist, spricht den Segen, dankt Gott für das, was er schon gegeben hat und teilt es aus. Und alle werden satt. So sieht am Ende unsere Wirklichkeit aus, wenn wir sie in die Hand Jesu legen, wenn wir sie von ihm segnen lassen und sie dann aus seiner Hand wieder gesegnet, verwandelt entgegennehmen.

Genau besehen vollbringt Jesus dabei gar nicht das mirakulöse Sensationswunder, aus wenig viel zu machen. Unter den segnenden Händen Jesu erleben wir es nur, dass von dem, was bereits da ist, alle satt werden, das es ausreicht und zufrieden macht.

Das ist die Aussage, auf die es hier ankommt: Ich kann auf mein Leben blicken, wie es ist und dabei voller Sorge den Mangel, das Defizit entdecken und immer tiefer in Sorge versinken. Ich kann aber auch im Vertrauen auf den Guten Hirten das, was ich bereits habe, in Gottes Hand legen und es dankbar und von ihm gesegnet empfangen und dabei satt werden, dabei Frieden und Glück erfahren.

Das ist immer wieder die alte Geschichte von den beiden Mönchen, die die Enge ihrer Zelle unzufrieden macht und auf der Suche nach dem Glück von Ort zu Ort ziehen, bis sie nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich an eine Tür gelangen, auf der zu lesen ist: Das ist die Pforte zum Glück. Als sie sie öffnen und eintreten, finden sie sich in ihrer alten Zelle wieder.

Sie erhalten ihre Wirklichkeit gesegnet und verwandelt zurück, können sie aus Gottes Hand annehmen und finden darin den Frieden, der sich in der heiteren Sorglosigkeit ausdrückt.

Das Evangelium ist noch nicht zuende. Das Brot, das durch Jesu Hände gegangen ist, reicht nicht nur aus, um alle satt zu machen; es bleibt sogar noch etwas übrig. „Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt", fordert Jesus die Jünger auf.

Das heißt doch: Das, was ich im Leben an Gutem aus Gottes Hand dankbar empfange, reicht nicht nur für mich und zur Befriedigung meiner elementarsten Bedürfnisse aus, sondern sogar noch für andere. Und dieser Überschuss an Lebensglück darf nicht umkommen. Denn soll ich erkennen und aufsammeln, um ihn zu teilen. Um weiterzugeben, was ich selbst empfangen habe.

Dass im Evangelium dabei ganze zwölf Körbe zusammenkommen, ist kein Zufall: Jeder Korb steht für einen der zwölf Apostel. Jeder Apostel steht für einen der zwölf Stämme Israels. Und diese Vollzahl der zwölf ursprünglichen Stämme Israels wiederum steht für alle, die zum Glauben an Jesus Christus kommen und gerettet werden, also für die ganze Kirche aller Zeiten. Für alle ist immer genug da. Es gibt keinen Grund zur Sorge.

Was ich bin und was ich habe: Gott hat mir genau das und genau soviel gegeben, dass ich satt werde und sogar noch etwas übrigbleibt.

Bleib du bei uns, so hat’s nicht Not, du bist das wahre Lebensbrot. Amen.