Predigt

(Pastor Gert Kelter am 4 . Sonntag nach Epiphanias 2003)

Bedrohung des Sturmes

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.
Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.
Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam! (Markus 4,35-41)

Liebe Brüder und Schwestern,

Jesus hatte den ganzen Tag lang von einem Boot aus am Westufer des Sees Genezareth nahe Kapernaum gepredigt. Diese seltsame Kanzel war nötig geworden, damit die große Menge an Menschen, die ihm zuhörte, ihn überhaupt sehen und verstehen konnte.

Erschöpft nach diesem Tag, blieb Jesus einfach im Boot, ließ die Menschen nachhause gehen und weist seine Jünger an, ihn ans gegenüberliegende Ostufer des Sees zu bringen. Dieser Wechsel von Anspannung und Entspannung, vom Bad in der Menge und stillem Alleinsein, von Nähe und Distanz, von Arbeit und Gebet, wird uns in den Evangelien von Jesus häufiger überliefert.

Die Mönche haben sich das gesagt sein lassen und diesen heilsamen Wechsel in die lateinischen Worte ora et labora gefasst, bete und arbeite. Aber alles zu seiner Zeit, in gleichmäßigem Wechsel. Wenn man so möchte, ist das ein geistliches Lebensrezept, das bis heute gilt und das wir oft genug aus dem Blick verlieren. Ich glaube, wir würden erstaunliche Erfahrungen machen, wenn wir es wieder stärker berücksichtigten, wenn wir das Gefühl, als Vater, Mutter, Arbeitnehmer oder Gemeindemitarbeiter unentbehrlich zu sein, in den Griff bekämen und uns immer wieder auch Sabbat-Zeiten, Zeiten geistlicher und körperlicher Entspannung und Kraftaufnahme gönnten.

Jesus war also im Boot und die Jünger folgten ihm und seinem Auftragswort ins Boot. Der See Genezareth ist etwa ein Drittel so groß wie der Bodensee, also kein Tümpel, aber auch kein Meer, immerhin aber weit und breit das größte Binnengewässer und darum auch oft „Meer" genannt. Er ist umringt von Bergen, von denen von Zeit zu Zeit ganz plötzlich Fallwinde in die Senke fahren und dadurch auf dem See kaum berechenbare Wirbelstürme auslösen, die eine Windstärke von 7 oder mehr erreichen können.

Es gibt Reiseberichte, aus denen hervorgeht, dass am Ufer des Sees dieser Fallwind kaum spürbar ist und ausländische Beobachter dann ganz verblüfft erleben, wie Fischer in der Seemitte mit einem lokal begrenzten Sturm zu kämpfen haben, der gefährlich hohe Wellen hervorruft.

Ich denke, dass so ein, durch Fallwinde erzeugter Seesturm das Boot mit Jesus und seinen Jüngern ergriffen hat, als sie weitab vom Ufer mitten auf dem See waren.

Während die Wellen über Bord gehen und das Schiff langsam voll Wasser läuft und zu sinken droht, schläft der erschöpfte Jesus im hinteren Bootsteil und merkt nichts von der Bedrohung. So jedenfalls erleben es die Jünger.

Sie sind ihm gefolgt, in seiner Spur geblieben, sitzen mit ihm in einem Boot und nun drohen sie zu kentern und umzukommen. In der Nachfolge Jesu. Aber der Herr schläft seelenruhig.

Liebe Gemeinde, eingefleischte Atheisten sagen: Seht euch die Welt an. Das angebliche Wunder der Schöpfung lässt sich leicht besingen bei schönem Wetter. Aber zeigen nicht Naturkatastrophen, die auch mit der ausgefeiltesten Technik nicht vorhersehbar, nicht einzudämmen und nicht in den Griff sind, dass die angebliche Schöpfung letzten Endes ein grausames Produkt einer unerforschlichen Willkür ist? Wo ist denn der wunderbare Erhalter, wenn Tausende von Menschen ihre Häuser und oft auch ihr Leben in Wassermassen verlieren? Wo ist er, wenn Erdbeben, Seuchen, Flutwellen und Orkane Leben und Lebensgrundlagen vernichten? Nein, Gott ist tot.

Und entmutigte, angsterfüllte Christen, die so weit nicht gehen wollen, denken sich doch im Stillen: Tot vielleicht nicht, aber er schläft. Er greift nicht ein, wo es nötig wäre, er ist nicht da, wo er gebraucht wird. Und die Liedstrophe bleibt ihnen im Halse stecken, in der es heißt: „Setz nur auf Gott dein Zuversicht, der dich behütet, schläfet nicht."

 

Vielleicht setzt Gott aber unseren Schönwetter-Glauben, der sich nicht wirklich bewähren muss, weil er nicht bedroht wird, manchmal bedrohlichen Stürmen aus. Gar nicht mal, um uns auf die Probe zu stellen, sondern um durch diese Stürme hindurch unseren Glauben wetterfest zu machen und zu stärken, damit wir für die wirklichen Stürme vorbereitet und stark sind.

Wie kann man sich das vorstellen?

In unserem Evangelium sieht es so aus, als warte Jesus geradezu darauf, dass die Jünger sich in ihrer Angst endlich an ihn wenden. Ganz gleich, mit welchem vielleicht auch vorwurfsvollen und anklagenden Unterton. Er schläft so lange, bis die Jünger seine Seelenruhe nicht mehr ertragen. Er lässt sie so lange Wasser schöpfen, Segel einholen, Treibanker auswerfen und was sonst noch in einer solchen Sturmbedrohung aus menschlicher und seemännischer Sicht vielleicht zu tun wäre, bis sie die Aussichtslosigkeit ihres Tuns erkennen und sich in ihrer größten Not an den schlafenden Jesus wenden.

Die Frage der Jünger „fragst du nicht danach, dass wir umkommen?", „Kümmert es dich nicht, wenn wir untergehen?" – diese Frage ist kaum eine Glaubensfrage zu nennen. Sie ist ein deutlich anklagender Vorwurf.

Vielleicht bin ich ja nicht der einzige, dem es so geht: Wenn sich in den Schönwetter-Zeiten des Lebens manchmal schwarze Wolken am Himmel zeigen und ein paar Regentropfen fallen, fühle ich mich gleich von allen guten Geistern verlassen, in höchster Not und Gefahr und liege Gott mit meinem Bitten und Jammern in den Ohren. Und wenn dann trotzdem aus den paar Tropfen ein kräftiger Schauer wird, dann verbuche ich im Hinterkopf „Gebet nicht erhört". Aber wenn ich dann wirklich einmal in allergrößte, sei es seelische oder körperliche oder andere Not gerate, passiert es, dass ich so gebannt und gelähmt auf die Not starre und gar keinen Ausweg sehe, dass ich ans Beten zuallerletzt denke. Mir geht es so schlecht, dass ich nicht einmal beten kann, heißt das dann.

Aber ist das nicht ein seltsamer Glaube, der sich zwar in den Wehwehchen des Lebens an Gott hält, aber in schlimmster Not nur die Not sieht, auf die eigenen Kräfte baut und verzweifelt, wenn sie nicht reichen und nichts ausrichten?

Immerhin: Auch dann ist noch nichts verloren. Christus wartet nur darauf, dass wir ihn, von dem wir denken, dass er sowieso schläft und nichts tut und ändert, anstoßen und aufwecken.

Markus berichtet, dass Jesus wortlos und unmittelbar nachdem die Jünger ihn weckten und missmutig, anklagend ansprechen, aufsteht und Wind und Wasser bedroht. Dieser Begriff „bedrohen" taucht im Neuen Testament immer da auf, wo die Chaosmächte, die Dämonen und Teufel, wo das Böse in Person auf Christus trifft.

Dieses Wort hat sich in unserer Taufliturgie da erhalten, wo es beim sogenannten Taufexorzismus heißt: Ich bedrohe, ich beschwöre dich, ich gebiete dir im Namen des dreieinigen Gottes, du unreiner Geist, fahre aus diesem deinem Diener und gib Raum dem heiligen Geist.

Mir ist diese Stelle der Taufliturgie deshalb so besonders wertvoll und wichtig, weil hier wie sonst nirgendwo mehr, deutlich wird, dass Christus der Herr über alle Mächte der Finsternis ist, die unser Leben im Kern bedrohen und ihre Todesherrschaft über mein Leben beanspruchen. Das ist eine Vollmacht, eine Herrschaftsmacht, die Christus seiner Kirche gegeben hat und die sonst nirgendwo auf der Welt zur Wirkung kommt.

Nun könnte man fragen: Ist denn ein Wirbelsturm, auch wenn er heftig und für einzelne vielleicht sogar tödlich sein kann, deshalb gleich ein Sinnbild für die Mächte der Finsternis, dass Jesus hier einen regelrechten Exorzismus ausüben müsste?

So fragen wir, solange wir vielleicht noch nie die Natur als Bedrohung, sondern allenfalls als bedroht erlebt haben und uns für den Naturschutz einsetzen. Aber so fragen schon diejenigen nicht mehr so ganz leichtfertig, die in Dresden oder anderen Überflutungsgebieten in Ostdeutschland noch vor Kurzem Opfer der Natur gewesen sind. Und diejenigen, die sich auf der Flucht vor den Russen durch eiskalten Winter und meterhohen Schnee kämpfen mussten und durch die Macht der Natur beinahe ums Leben gekommen sind, werden so auch nicht fragen.

Die nämlich haben alle die Natur als etwas erlebt, über das nichts und niemand Herr zu sein scheint. Keine Technologie, kein Fortschritt, keine Wissenschaft.

Eigentümlich ist das, wie Jesus mit Wind und Wellen redet und allein sein Wort die Naturgewalt bezwingt. Natürlich wissen wir, dass Jesu Wort nie ohne Wirkung bleibt. Aber wir setzen dabei voraus, dass dieses Wort gepredigt wird, dass es auf Menschen aus Fleisch und Blut, eine Person mit einem gesunden Verstand trifft und dort Glaube oder Unglaube, Heil oder Unheil wirkt.

Hier sehen wir nun, dass die scheinbar unpersönliche Natur offensichtlich nicht nur eine Außenseite hat, die wir mit Hilfe unserer natur-wissenschaftlichen Forschungen erfassen können, sondern auch eine geradezu personale, ansprechbare Innenseite, für die geistige Mächte, seien es Engel oder Dämonen verantwortlich sind. Mächte, die empfänglich für das Wort Gottes sind.

Wir verbinden vermutlich mit dem Begriff ‚Wort Gottes’ nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was die Bibel unter „Wort Gottes" versteht. Ganz Anfang sprach Gott über der chaotischen Finsternis „Es werde Licht" und es ward Licht.

Jesus spricht einen Taubstummen, also einen Menschen, der nicht hören kann, in dessen Gehirn das gesprochene Wort gar nicht dringen kann, an und er wird geheilt. Besessene, die für vernünftige menschliche Worte gar nicht zugänglich sind, werden durch Jesu Wort befreit und kommen zum Glauben. Jesus spricht sein Wort zu Toten, sogar zu dem seit Tagen toten Lazarus, dessen Körper schon in Verwesung übergegangen ist und erweckt ihn durch sein Wort zum Leben. Offenbar wirkt Gottes Wort nicht nur über unsere Ohren und unseren Verstand.

Auch das lässt sich wieder am besten und eindrücklichsten an der Taufe eines Kleinstkindes verdeutlichen. Wir sagen von den Sakramenten, dass sie Glauben auf Seiten der Menschen erfordern, damit der Glaube das Heil in den Sakramenten ergreifen kann und die Gaben der Sakramente auch zum Heil wirken können. Aber wo ist bei einem Säugling der Glaube vor dem Empfang der Taufe? Selbst wenn die Eltern gleich nach der Geburt damit begonnen hätten, dem Neugeborenen das Evangelium zu predigen: Wie hätte das Baby dieses Wort denn aufnehmen können? Und trotzdem tauft die Kirche auch Säuglinge nicht wegen des Glaubens seiner Eltern oder Paten oder der Kirche als Ganzer; wir glauben auch nicht, dass ein ungläubiges Baby durch das Taufsakrament den Glauben gewissermaßen eingeflößt bekommt, sondern wir sagen: Das Kleinstkind hat einen Glauben, der durch das Wort Gottes gewirkt ist. Und daraufhin wird es getauft. Und nur mein eigener Glaube kann mich retten, nicht der anderer Menschen. Und wo und wann geschieht das?

Im vollmächtigen Beschwören der Mächte der Finsternis, in der kräftigen Bitte um den Heiligen Geist, im vertrauenden, erhörungsgewissen Gebet der Kirche und der versammelten Gemeinde um die ewige Gabe der Sündenvergebung und der geistlichen Wiedergeburt durch die Taufe. So hat es die lutherische Kirche jedenfalls immer verstanden. So verstehe und praktiziere ich das bis heute. Und meiner Vernunft ist das genauso wenig zugänglich wie die Bedrohung des Sturmes und seine Stillung der Vernunft der Jünger damals zugänglich war..

Die Wirkung aber des Gotteswortes ist da. Und darauf kommt es an. Die Zusagen und Verheißungen Gottes, dass sein Wort wirkt und tut, wozu es gesandt ist und nicht leer wieder zu ihm zurück kommt, die erfüllen sich seit Tausenden von Jahren immer wieder neu.

Jesu Wort an den brüllenden Sturm bringt ihn sofort zum Schweigen und Stillesein.

„Und es entstand eine große Stille."

Das sind Worte, die uns ganz ähnlich auch in der Johannes-Offenbarung begegnen. Da heißt es im 7. Kapitel, dass an den vier Ecken der Erde vier Engel die vier Winde festhielten und auf der Erde eine Windstille entstand, in der alle, die zu Christus gehörten mit dem Siegel des Lammes bezeichnet werden, damit sie in kommenden, endzeitlichen Stürmen als Erlöste und Befreite erkennbar bleiben und aus dem dann hereinbrechenden Chaos gerettet werden. Es ist eine Stille nach dem Sturm, die zugleich eine Stille vor dem Sturm ist.

Vielleicht stelle ich hier einen etwas willkürlichen Zusammenhang her. Immerhin: Auch für die Jünger im Boot kommt nach der Sturmbändigung eine Zeit der Stille, in der Jesus sie nach ihrem Glauben fragt, sie feige und kleingläubig nennt, weil sie sich so sehr von der Macht der Natur haben fesseln lassen und die Jünger daraufhin ihren bisherigen Glauben noch einmal ganz neu überdenken: „Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam."

War es vielleicht doch so, dass auch die Jünger in Jesus alles mögliche erkannt zu haben glaubten, aber daneben und darüber doch Mächte gelten ließen, die größer, einflussreicher und stärker waren als er? War es eben doch so, wie es auch bei uns ist, dass die Not nur groß genug sein muss, und schon erkennen wir die Übermacht der Not und ihrer Verursacher an und meinen, Jesus habe schlafend und macht- und hilflos versagt?

Die Antwort auf die Jüngerfrage „wer ist der?" hören wir im unmittelbaren Zusammenhang unseres Abschnittes nicht mehr.

Vielleicht war die erste aufkeimende neue Erkenntnis aber die: Jesus ist Herr sogar über die Natur und sein Wort schafft aus dem Chaos einen Kosmos, aus dem bedrohenden, tödlichen Durcheinander eine große, friedliche Stille.- Ganz genau so wie Gott am Anfang der Schöpfung. Und vielleicht haben die Jünger nach der Stillung des Sturms auch das verstanden: Jesus will, dass wir überleben – gegen die Natur.

Am Ostermorgen oder spätestens zu Pfingsten haben sie dann diese Aussage ganz neu begriffen: Gott will in Jesus Christus, dass wir leben – gegen unsere todverfallene Natur.

Amen.