Predigt

(Pastor Gert Kelter am 4. Advent 2003)

So, Sie können sich freuen!

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Philipper 4, 4-7)

 

Liebe Gemeinde,

Auch während eines Theologiestudiums belegt man kaum Vorlesungen oder Seminare über jedes einzelne biblische Buch. Man muss Schwerpunkte setzen und den Rest mit Überblicksvorlesungen oder Lehrveranstaltungen zu Spezialthemen einzelner Schriften abdecken. Und auch beim Lesen der Bibel ist es mir bisher nicht so deutlich geworden wie bei der Vorbereitung dieser Predigt, dass der großartige und natürlich hinlänglich bekannte und sogar auswendig gewusste Freudenhymnus des Apostels Paulus an die Philipper eine Antwort, eine Reaktion auf den Streit zweier Frauen namens Evodia und Syntyche in der Philippischen Gemeinde ist.

„Evodia ermahne ich", schreibt Paulus, "und Syntyche ermahne ich, dass sie eines Sinnes seien in dem Herrn. Ja, ich bitte auch dich, Zyzygos, dass du der Bedeutung deines Namens, nämlich ‚Jochgenosse’ Ehre machst: Stehe also den beiden bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen anderen Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen."

Und dann kommt das strahlende: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu."

Philippi, die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden, wurde vom Apostel ja vor allem durch die Unterstützung von Frauen, allen voran der Purpurhändlerin Lydia gegründet, die ihr Haus für die Gottesdienste zur Verfügung stellte. Und unter diesen gläubigen Frauen, die dort in heidnisch-jüdischer Umgebung den christlichen Glauben heimisch machten, gibt es Streit. Einen Streit, der offensichtlich so gravierend ist, dass die Nachricht darüber bis ins römische Gefängnis dringt, in dem Paulus, womöglich in der Todeszelle, auf sein Urteil wartet.

Das ist so anrührend menschlich und so bedrängend aktuell, dass ich heute einmal die Adventsstimmung etwas beiseite schiebe, um euch diese erstaunlichen Zusammenhänge etwas deutlicher zu machen:

Eine Kirche in der Verfolgung, überall in der Minderheit, in der Fremde, mit der doppelten Kampffront des Judentums mit seiner Ablehnung der Judenchristen als Sektierer und des Heidentums mit seinem Kaiserkult; einer der führenden Köpfe sitzt im Gefängnis und könnte sogar zum Tode verurteilt und hingerichtet werden, der Glaube dieser ersten Christen wurzelt noch ganz fest und ohne Wenn und Aber in der Erwartung der Wiederkunft des Herrn zu ihren Lebzeiten. Aber in Philippi streiten sich zwei Frauen, wobei es keine besondere Rolle spielt, dass es sich hier um Frauen handelt, streiten sich also zwei Christen, verbreiten dadurch bei den anderen Traurigkeit und gedrückte Stimmung und binden Kräfte, auch und vor allem geistliche Kräfte, welche die Gemeinde zur Ausbreitung des Evangeliums und zum Bestehen des Kampfes dringend bräuchte. An solchen Stellen pflegen Prediger üblicherweise zu sagen, wie tröstlich sie das doch finden, dass schon in der ersten Christenheit Streitereien an der Tagesordnung waren, die die Kräfte der Kirchen binden, sie von der Hauptsache abhalten und das Wesentliche aus dem Blick rücken lassen. Aber was soll daran tröstlich sein? Jämmerlich und erbärmlich ist das. Sonst nichts. Nun könnte ich fortfahren, darüber zu schimpfen und zu sagen, dass das damals genauso war wie heute bei uns mit der leidigen Frage der Frauenordination. Aber da versuche ich lieber, beim Apostel Paulus in die Schule zu gehen und von ihm zu lernen.

Er ermahnt nämlich die beiden Streithähne oder besser gesagt: Streithühner, eines Sinnes zu sein in dem Herrn. Dabei verzichtet er ganz bewusst darauf, den Anlass und die Inhalte der Streitigkeiten zu benennen oder zu kommentieren, so neugierig wir sicher alle wären zu erfahren, worum es da eigentlich damals ging. Aber Paulus weiß als geistlicher Seelsorger, dass es meistens besser ist, über die ‚Sachen’, die da bei Streitigkeiten oft in den Vordergrund geschoben werden, zu schweigen und sie nicht immer wieder aufzuwärmen. Mit solchen Diskussionen dreht man sich im Kreis und zwar im Teufelskreis.

Paulus ermahnt die beiden nur, eines Sinnes zu sein. Und zwar nicht aufgrund plötzlich und unerwartet über sie kommender gegenseitiger Sympathie, sondern eines Sinnes in dem Herrn.

Er erinnert sie damit an das Zentrum, an das Wesentliche, an die Hauptsache, an den einen und einzigen Sinn ihres und unseres Daseins: Den Herrn, den Erlöser der Welt, seine baldige Wiederkunft, das Ziel, die Vollendung. In diesem Sinn seid eines!

Er schnappt sich gleichsam die beiden Frauen und spannt sie, die so heillos weit weg voneinander zu sein scheinen, zusammen in ein Joch, indem er ihnen ins Gedächtnis ruft: Ihr könnt euch hier streiten und zanken bis die Fetzen fliegen. Aber habt ihr vergessen, dass ihr durch eure Taufe zusammengehört, dass ihr sozusagen im Buch des Lebens auf einer Zeile, unauslöschlich und unauflöslich zusammen gehört in Christus, in dem Herrn?

In dem Herrn, der euch beide so sehr geliebt hat, dass er für euch, für die eine wie für die andere, gelitten hat, dass er für euch gestorben ist, für euch auferstanden ist und für euch wiederkommen wird, um euch heimzuholen in die Ruhe Gottes, in der es kein Leid und keinen Streit und keine Tränen mehr geben wird?

Liebe Brüder und Schwestern: Das sagt Gottes Wort uns allen bis heute. Und immer besonders eindringlich dann, wenn wir uns als Christen untereinander streiten.

Der andere, der schon dabei ist, mein Feind zu werden, über den ich grolle und im Stillen fluche, über den ich übel rede, ihm schaden will, dieser andere ist ein von Christus durch sein Kreuzesopfer erlöster und geliebter Mensch. Und ich, der ich mich im Recht fühle, weil ich so verletzt oder hintergangen wurde, ich bin genau so einer, der so in seinen Sünden verloren ist, so tief in seinem Egoismus und seiner Gottlosigkeit festgefressen, dass nur das Opfer Jesu Christi mich daraus erlösen konnte.

Damit ist die Basis gelegt für den Freudenhymnus. Was jetzt folgt, ist kein Appell zur Freude. Man kann niemandem befehlen, sich zu freuen. Und niemand kann sich auf Befehl freuen. Auch nicht der Apostel Paulus.

Erinnert ihr euch an diese bewegende Szene, als Außenminister Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag den dorthin geflüchteten DDR-Bürgern verkündete, dass ihre Ausreise in den Westen genehmigt wurde und nahe bevorsteht?

Da beendete er seine Freudenbotschaft von der Freiheit mit dem Satz: „So, Sie können sich freuen!"

Das klingt so trocken und spröde wie der Satz „Stimmung!, sprach der Schotte und warf ein Konfetti in die Luft".

Aber der Freudentaumel, der sich schon vorher ankündigte und nach diesem drögen Satz „So, Sie können sich freuen" losbrach, bedurfte dieser Aufforderung nicht mehr. Sie wussten: Die Freiheit ist nahe und die Sachlage lässt sich nicht mehr umkehren. Wir sitzen zwar noch hinter den Gittern des Botschaftsgeländes und haben noch einen Weg durch kommunistisches Land in den Westen vor uns. Aber wir sind schon frei. Die Freude hatte eine Basis, einen festen Grund.

Wer als getaufter Christ zur Kirche gehört, der lebt zwar noch im Land der Unfreiheit, aber doch schon auf dem Gelände der Botschaft der Freiheit. Wir haben unsere Papiere schon in der Hand. Die Ausreise steht unmittelbar bevor. Und zwar seit dem Zeitpunkt als sie uns verkündigt wurde, als uns das Freiheitswort des Evangeliums getroffen hat. Denn das ist Gottes Wort und wenn er spricht, so geschieht's, wenn er gebietet, so steht’s da.

Dass die befreiten Gefangenen der Prager Botschaft sich in dieser Situation gestritten haben könnten, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Dass sie sich Sorgen gemacht haben um die Zukunft, so dass ihre Freude getrübt worden wäre, kann ich mir nicht denken. Die Sorgen werden sie aber sehr schnell eingeholt haben.

Uns Christen gilt aber: <Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.>

Das heißt nicht: Kümmert euch um nichts. Nicht sorgen heißt: Nicht mehr verzweifelt zu glauben, dass ich für mich selbst sorgen müsste und könnte. Nicht sorgen heißt: Sich dem Befreier voller Vertrauen in die Hand zu geben und die Schritte zu gehen, die er mir sagt.

Nicht sorgen heißt: Mich nicht erdrücken zu lassen von der mich umgebenden Wirklichkeit, sondern fest darauf zu vertrauen, dass es eine höhere Wirklichkeit gibt, in der ich Heimatrecht habe und ewigen Schutz genieße. Nicht sorgen heißt: Im Gebet nicht nur zu jammern und sich darin auch noch zu gefallen und fromm zu fühlen, sondern mit Danksagung zu Gott zu flehen.

Der große württembergische Seelsorger Blumhardt hat des öfteren seinen Gemeindegliedern das Beten ausdrücklich verboten, weil sie zwar mit gefalteten Händen auf den Knien lagen, aber Gott nur etwas vorjammerten und dadurch immer tiefer in ihre Sorgenhölle stürzten. Erst, wenn sie in der Seelsorge dazu kamen, die vielen Dinge wieder neu zu entdecken, für sie dankbar sein konnten und mussten, hat er ihnen das Beten wieder erlaubt. Auch Blumhardt war hierin Schüler des Apostels Paulus: Erst muss das Evangelium von der Vergebung der Sünden gesagt und geglaubt sein. Glaube und Dankbarkeit Gott gegenüber für seine über alle Vernunft und menschliche Gerechtigkeit gehende Erlösertat, das sind zwei Seiten derselben Medaille. Dann ist das Fundament gelegt. Dann kann man beten. Und dann wirst du in solchem Gebet Frieden finden.

Darum enden alle Predigten mit dem Friedenssegen des Apostels aus dem Philipperbrief: Weil in jeder Predigt des Evangeliums immer wieder neu das Fundament für unser Leben gelegt, gegenwärtig gesetzt und lebendig erhalten wird. Oder es wäre keine christliche Predigt. Amen.