Predigt

(Pastor Gert Kelter am 3. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Kirchenchristen härter zu knacken

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.
Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen.
Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste läßt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?
Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude.
Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lukas 15,1-7)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

ein armes Schäfchen hatte sich verirrt. Jetzt ist es dem Verhungern und Verdursten nahe, besinnt sich aber, erinnert sich an die grünen Auen und das frische Wasser, an den Hirten und die Herde, wo es Sicherheit und Geborgenheit gefunden hatte, entscheidet sich, den Irrweg zu verlassen, kehrt um und läuft dem Hirten schon auf halben Wege entgegen. Der Hirte freut sich über das arme Schäfchen, das sich klugerweise und in letzter Sekunde doch noch entschieden hat, wieder zu ihm zurück zu kommen, nimmt es auf die Schultern, vielleicht als eine Art Belohnung für die gute Entscheidung, und trägt es zurück zur Herde, zu den grünen Auen und zum frischen Wasser. Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es auch noch heute.

Liebe Gemeinde, das ist etwas überzeichnet, trifft aber im Kern die Art und Weise, in der dieses Gleichnis vielfach gehört, verstanden und ausgelegt wird. Ich habe mich bekehrt, ich habe mich für Jesus entschieden, Jesus freut sich darüber und belohnt mich mit Gemeinschaft und ewigem Leben. Jetzt gehöre ich Jesus und seiner Herde, weil ich ihn als meinen Herrn angenommen habe.

Was Jesus mit seinem Gleichnis sagt, ist etwas völlig anderes.

Zunächst sagt Christus, daß ein Mensch hundert Schafe besitzt. Dieser Mensch, der Hirte, mit dem sich Jesus gleichsetzt, besitzt diese hundert Schafe bereits. Sie gehören ihm schon.

Schon an dieser Stelle, ganz am Anfang, wird also deutlich, daß Jesus nicht von irgendwelchen herrenlosen Tieren spricht, sondern von denen, die schon zu seiner Herde gehören. Übertragen auf die Situation des Volkes Gottes bzw. der Kirche: Er redet von denen, die durch die Taufe bereits sein Eigentum geworden sind.

Eines der hundert Tiere trennt sich nun von der Herde, geht eigene Wege, wird zum verlorenen Schaf. Daß dies durchaus kein schuldloses Mißgeschick ist, wird daraus ersichtlich, daß Jesus an anderer Stelle sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir."(Joh 10, 27)

Folgen sie ihm nicht, liegt das also daran, daß sie seine Stimme, daß sie auf sein Wort nicht mehr gehört haben, also wissentlich und willentlich auf Abwege gehen, die sie als Wege der Freiheit und Unabhängigkeit verstehen. Sie folgen der Stimme des Herrn nicht mehr, sondern ihrer eigenen oder ganz anderen Stimmen. Das alles ändert aber nichts an den grundsätzlichen Eigentumsverhältnissen. Sie gehören nach wie vor dem Hirten.

Jesus redet ja zunächst zu den Zöllnern und Sündern, also zu solchen, die zum Volk Gottes gehören, aber ohne oder sogar gegen das Wort Gottes ihre eigenen Glücksvorstellungen verwirklichen. Die Zöllner und Sünder sind keine ahnungslosen Heiden, sondern solche, die genau wissen können, was Gott von ihnen will und was er ihnen verheißen hat.

Und nun haben sich diese getauften aber verirrten Schafe verrannt. Die Wege, die sie als Wege in die Freiheit und Selbstbestimmung verstanden haben, haben sich als Sackgassen erwiesen.

Im Gleichnis beschreibt nun Jesus aber nicht, daß das verirrte Schaf seine Verirrung bemerkt, daß es darunter leidet und darum in sich geht. Nein, es ist der Hirte, der den Verlust dieses einen Schafes bemerkt und diesen Verlust nicht einfach schicksalsergeben hinnimmt, der sich Sorgen macht, der unter diesem Verlust leidet und dem verlorengegangen Schaf in die Wüste nachgeht. Und es ist der Hirte, der am Ende das Schaf wiederfindet. Nicht etwa das Schaf, das den Hirten findet.

Das Schaf sucht ihn gar nicht, kehrt auch nicht auf dem Irrweg um, trifft keine Entscheidung, sondern geht so lange weiter in die Irre, bis es gefunden wird.

Liebe Gemeinde, damit kein Zweifel aufkommen kann, fügt Jesus dem Gleichnis vom verlorenen Schaf noch das Gleichnis von der verlorenen Drachme oder vom verlorenen Silbergroschen an. Wenn man dem Schaf vielleicht noch liebevoll vermenschlichend so etwas wie einen eigenen Willen andichten kann, so ist das bei einer leblosen Münze unmöglich. Die ist und bleibt solange verloren, bis sie gefunden wird, damit sie wieder dorthin gelangt, wo sie hingehört: In den Besitz der Eigentümerin nämlich.

Jesus sagt nicht: Freut euch mit mir, denn mein Schaf hat mich gefunden. Viel weniger könnte man sagen: Meine Münze hat mich gefunden. „Ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich habe meinen Silbergroschen gefunden." Und selbst beim sich anschließenden Gleichnis vom verlorenen Sohn, dem man noch am ehesten so etwas wie eine freie Entscheidung unterstellen könnte, lautet das abschließende Freudenwort: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden."

Einer, der tot ist, kann sich nicht entscheiden und nicht bekehren. Aber wenn ihn das Lebenswort des Vaters trifft, wenn sich ihm der Herr, der lebendig macht, in den Weg stellt, wird er von den Toten auferweckt.

Das ist der Wortlaut und das ist die Aussage. Und da bleibt kein Raum für irgendeine Entscheidungs- oder Bekehrungstheologie.

Wie vorsichtig sollten wir also mit Aussagen sein, wie: „Die oder der hat sich bekehrt" oder gar „Ich habe mich bekehrt"! Nicht „Ich habe zum Glauben gefunden", sondern Jesus Christus hat mich gefunden und zum Glauben gebracht oder wieder zurück gebracht. So, und nur so, ist Jesus Christus und sein Heiliger Geist der Herr, der lebendig macht.

Im Bericht eines indischen Missionars fand ich folgende Begebenheit: Ein junger Mann aus Deutschland war, wie viele seiner Altersgenossen, auf der Suche nach Sinn und vielleicht auch nach Gott oder irgend etwas Göttlichem. Er war christlich getauft und in einer kirchlich distanzierten Familie aufgewachsen. So ist das häufig: Man hat ja nichts ausdrücklich gegen die Kirche, geht auch ab und zu mal in den Gottesdienst, erzieht aber seine Kinder nicht bewußt im christlichen Glauben und lebt vor allem auch selbst ohne erkennbaren und darin vorbildhaften Bezug zum Glauben und zur Kirche. Der junge Mann reist nach dem Abitur nach Indien und tritt dort in einen Ashram, ein Kloster der Baghwan-Bewegung ein.

Weil er dort nicht findet, was er sucht, seine Sehnsucht aber mit wachsender Enttäuschung auch wächst, schafft er den Absprung jahrelang nicht. Immer denkt er: Ich habe noch nicht genug meditiert, noch nicht genug gelernt und verstanden. Ich brauche noch Zeit. Irgendwann ist die Enttäuschung so groß, daß er beschließt, nach Deutschland zurück zu gehen. Vorher unternimmt er noch mal eine ausgedehnte Reise durch den indischen Subkontinent. In einem Dorf gerät er in eine christliche Evangelisation, hört dort das Evangelium auf eine ganz einfache, schlichte, ergreifende Weise. Das Ergebnis: Er erkennt, daß Christus sein Herr und Erlöser ist. Er wird durch die Stimme des guten Hirten bekehrt, gefunden, gerettet. Subjektiv mag sich das „anfühlen", als hätte er sich bei dieser Evangelisation für Jesus entschieden, sich zu ihm bekehrt. Aber der ganze Verlauf der Geschichte macht schon deutlich, wie da einer wirklich verloren und verirrt war und sich Christus ihm in den Weg gestellt hat, wo es nach menschlichem Ermessen am wenigsten zu erwarten gewesen wäre. Nichts anderes passierte auch dem Apostel Paulus, als er, der christenhassende Saulus, auf dem Weg nach Damaskus war. Wer hat da wen gesucht und gefunden?

Buße tun kann ich also immer erst dann, wenn Christus mich gefunden und auf seine Schultern gelegt hat. Buße oder Umkehr heißt dann also: Ich erkenne mich als Gefundener, als Geretteter, bekenne meine Irrwege und danke Gott für seine Rettungstat an mir. Und dann kommt die Freude der Buße auf, besser noch: dann springt die Freude der Umkehr vom Erlöser und allen seinen Engeln auf den Erlösten über, dieser tiefe Frieden, der sich einstellt, wenn einer erkennt, daß er ein erlöstes Kind Gottes ist.

Zum Schluß werfen wir noch einen Blick auf die 99 angeblich Gerechten, die sich nicht mitfreuen, sondern darüber murren, also hinter vorgehaltener Hand tuscheln und sticheln.

Neben den Sündern und Zöllnern erzählt Jesus dieses Gleichnis ja auch den Pharisäern und Schriftgelehrten, die sich darüber mokieren, daß Jesus die Sünder annimmt und mit ihnen ißt.

Das Gleichnis folgt nicht einer strengen Logik und geht im mathematischen Sinne nicht auf. Natürlich würde kein Hirte im wirklichen Leben 99 Schafe verlassen, um unter Lebensgefahr einem einzigen verlorenen Schaf nachzulaufen. Genau das unterscheidet ja auch Christus, den guten Hirten, von den menschlichen Hirten. Nur bei ihm zählt ein einziges Schaf soviel, daß er sein Leben riskiert, ja sogar opfert, um jeden Einzelnen zu suchen, zu finden, zu retten und zu erlösen.

Die sogenannten Gerechten, die sich über die Rettung eines Sünders nicht mitfreuen, erweisen sich darin als Ungerechte, als immer noch Verlorene und Verirrte, die nichts begriffen haben.

Die haben diese Freude nie kennen gelernt, dieses Fest des Lebens nie gefeiert, die Abgründe des Verlorenseins nie erfahren oder sich selbst gegenüber nie eingestanden.

Aber, und das soll mein letzter Satz sein, diese Selbstgerechten, Ungerechten, Scheingerechten, die noch murrend und unzufrieden ihre eigene Gerechtigkeit suchen, die gehören ebenfalls dem einen und einzigen Herrn und Hirten. Die gehören auch zur Herde. Die stehen schon als nächste auf der Liste der noch zu suchenden und zu findenden. Vermutlich sind solche Kirchenchristen härter zu knacken als ein fast verhungertes Schaf. Aber Jesus Christus ist am Kreuz gestorben, hat dort sein Leben als Lösegeld eingesetzt, um allen Schafen, die ihm gehören, das ewige Leben zu geben „und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus seiner Hand reißen." (Joh 10, 28)

Amen.