Beichtansprache

(Pastor Gert Kelter am 3. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Erbsünde

Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt,
mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.
Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, [a] die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen. (1. Timotheus 1,12-17)

Zur Lehre von der Erbsünde

Liebe Beichtgemeinde,

Es mag seltsam klingen: aber die lutherische Kirche ist die einzige, die noch die neutestamentliche und altkirchliche Lehre von der Erbsünde kennt und bezeugt. Selbst die römisch-katholische Kirche lehrt, dass die Erbsünde durch die Taufe getilgt wird und der getaufte Mensch danach frei von der Erbsünde sei.

Dass moderne Zeitgenossen, aber auch viele lutherische Christen mit dem Begriff und den Inhalten dessen, was „Erbsünde" meint, nichts mehr anzufangen wissen, ist kein Geheimnis. Um es aber einmal auf eine schlichte Formel zu bringen: Wo das völlige Sündersein des Menschen nicht mehr anerkannt wird, wird auch das völlige Erlösersein Jesu Christi nicht anerkannt. Die Rechtfertigungslehre, die Lehre von der Erlösung und vom Erlöser hängt also unmittelbar mit der Lehre von der Sünde und vom totalen Sündersein des Menschen zusammen. Und weil das von so hoher Bedeutung ist, möchte ich heute in bewusst kurzen Sätzen, auf eine vielleicht etwas vereinfachende und in einer plastischen Sprache die Lehre von der Erbsünde darstellen. Wir sind heute nicht zum Beichtgottesdienst gekommen, um die einzelnen sündhaften Gedanken, Worte und Werke der vergangenen Woche zu bekennen, sondern um uns bewusst zu machen, dass wir, auch wir getaufte Christen als Sünder „durch und durch" vor Gott stehen und darum auf die Vergebung Jesu Christi ebenso „durch und durch" angewiesen sind.

Was heißt also „Erbsünde"? Dazu müssen wir uns folgendes bewusst machen:

1. Gott ist die Liebe. Gott ist so sehr die Liebe, dass er mit seiner Liebe nicht allein bleiben wollte und aus Liebe das ganze Universum und am Ende darin auch uns Menschen erschaffen hat. Ein Mensch, der voller Liebe ist, braucht ein Gegenüber seiner Liebe. Das ist üblicherweise ein Lebenspartner, ein Ehepartner. Wo der sich nicht findet, suchen sich viele Menschen einen helfenden oder erzieherischen Beruf, machen den Beruf zur Berufung und finden darin wiederum Menschen, die Gegenüber ihrer Liebe sind. Und wenn das nicht der Fall ist und sein kann, suchen und finden Menschen einen Ersatz, da ihre Liebe ein Gegenüber braucht. Das können, wenn das auch verzerrt und verbogen ist, Tiere sein, die man dann, wie man sagt „abgöttisch liebt", oder auch andere „Liebhabereien".

2. Eigentlich richtet sich aber unsere Sehnsucht, wie auch Gottes Sehnsucht darauf, ein Gegenüber der Liebe zu haben, das diese Liebe in Freiheit erwidert. Der Liebende will aus freien Stücken von dem Geliebten wiedergeliebt werden. Darum musste Gott und darum hat Gott die Menschen als freie Geschöpfe erschaffen. Das unterscheidet sie übrigens im Kern ihrer Existenz von den Tieren. Wenn man so will, hat Gott uns einen Schalter eingebaut, den der Mensch in Freiheit bedienen kann. Entweder dreht er ihn in Richtung „Für Gott" oder in Richtung „Gegen Gott".

3. Die Geschichte vom Sündenfall macht deutlich, dass an einem bestimmten Punkt der Menschheitsgeschichte die Schöpfung aus der Phase des Paradieses in die Phase der gefallenen Schöpfung geglitten ist. An diesem Punkt hat der Mensch seine Freiheit gebraucht und den Schalter auf „Gegen Gott" gestellt. Das war der Punkt, an dem der Mensch sich bewusst wurde, dass er diese Möglichkeit hat.

4. Seit diesem Punkt hat der Mensch seine Freiheit, sich aus eigenem Antrieb Gott zuzuwenden, die Liebe Gottes aus eigener Entscheidung zu erwidern, verspielt.

5. Diesen Zustand des Menschen nach dem Sündenfall nennt die Kirche „Erbsünde". Jeder Mensch, der als Nachkomme Adam und Evas geboren wird, wird hineingeboren in diesen Zustand, in diese Zusammenhänge der „Los-von-Gott-Bewegung". Es ist ihm zur zweiten Natur geworden. Seine Ursehnsucht ist nicht mehr, wie im Paradies, auf Gott und auf die innigste Gemeinschaft mit Gott gerichtet, sondern auf sich selbst. Also, weg von Gott.

6. In diesem geerbten, angeborenen erbsündlichen Zustand bleibt der Mensch, die Menschheit bis zur Vollendung, bis zur Neuschöpfung am jüngsten Tag. Der Mensch hat also keine angeborene oder natürliche Grundbereitschaft mehr, sich Gott zuzuwenden, ihn zu lieben, sein Wort anzunehmen und seinen Geboten zu folgen.

7. Auch durch die Taufe wird dieser Zustand nicht völlig außer Kraft gesetzt. Wir werden zu neuen Kreaturen. Und das bedeutet, dass wir aus der Zwangsläufigkeit von Sünde und Tod herausgerissen und befreit sind. Aber damit ist erst ein Anfang gesetzt. Unsere irdische Natur bleibt in uns bestehen. Die neue Kreatur, die Neuschöpfung, die mit der Taufe eingesetzt hat, kommt erst in Gottes Gegenwart zur Vollendung. Erst dann, heißt es, wird kein Leid und keine Sünde und also auch kein Tod mehr sein.

8. Wenn Paulus immer wieder beschreibt, dass der alte und der neue Mensch in ihm streiten, miteinander kämpfen, dass er das Gute, dass er als neue Kreatur wirklich will, dennoch so oft nicht tut und das Bösem das er als neu- , als wiedergeborener Mensch eigentlich und wirklich nicht will, dennoch oft tut, bestätigt er genau diese Lehre von der Erbsünde, die auch in das neue Leben der getauften Gläubigen noch hineinreicht und sich auswirkt, solange sie leben.

Darum bezeichnet sich Paulus auch im Präsens, also noch gegenwärtig und nicht etwa nur rückschauend, als der erste, der herausragendste der Sünder. Paulus weiß ganz genau: Seinem sündigen Wesen nach ist er gottlos. Nur weil Christus Herr in seinem Leben geworden ist, halten sich die Auswirkungen dieser Gottlosigkeit in Grenzen.

9. Die Selbstbezeichnung im Beichtgebet „Ich armer, elender, sündiger Mensch" ist darum zutreffend, weil sie aussagen will, was ich ohne Christus immer noch bin. Und zwar nicht nur im Blick auf aktuelle Gedanken, Worte und Werke, sondern meinem innersten Wesen nach.

Nur weil Christus bereits Herr in meinem Leben geworden ist, nur weil ich durch sein Wort Trost, Orientierung, Mahnung, Wegweisung und vor allem immer wieder Vergebung empfange, wird aus meinem grundsätzlichen Sündersein nicht in jedem Fall auch praktiziertes Sündigen. Denn das kann der erlöste Mensch: Gegen die gröbsten Sünden ankämpfen, sie eindämmen, Christus immer mehr in sich Gestalt gewinnen lassen.

10. Es ist nicht Heiden, sondern Christen, nicht groben öffentlichen Sündern, sondern solchen Christen gesagt, die sich ernsthaft um ein Leben im Licht bemühen, was wir im 1. Johannesbrief lesen, wo es heißt: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.(...)Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir IHN zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns." (1 Joh 1, 8+10)

Mit anderen Worten: Auch Christen erklären Gott zum Lügner, wenn sie bestreiten, dass die erbsündliche Gottlosigkeit in ihnen nicht mehr vorhanden sei und sie mit ihrem ganzen Wesen und aus tiefstem Herzen wollen und vollbringen, was das erste Gebot fordert, nämlich Gott über alle Dinge zu lieben, zu fürchten und zu vertrauen.

11. Es gibt einen untrüglichen Hinweis darauf, dass ich die Macht der Sünde in mir leugne und damit Gott zum Lügner mache: Wenn ich mich durch die Kritik anderer schnell beleidigt und angegriffen fühle, wenn ich Kritik vielleicht überhaupt nicht ertragen kann, wenn ich allgemeine kritische Äußerungen anderer immer sehr schnell auf mich persönlich beziehe und dann empfindlich, aggressiv und eingeschnappt reagiere, wenn ich Schwierigkeiten damit habe, mich zu entschuldigen oder Entschuldigungen anderer anzunehmen, dann ist das ein Warn- und Alarmsignal. Denn dann ist die Gefahr groß, dass ich mich im tiefsten Innern meiner Seele für über jede Kritik erhaben, also letztlich für frei von Sünde halte.

12. Wo ich in dem Bewusstsein lebe, ein armer, elender, sündiger Mensch zu sein, der nur aus der Barmherzigkeit Gottes lebt, dann werde ich mit selbst ehrlicher und barmherziger sein, aber auch mit meinen Mitmenschen und Mitchristen. Dann werde ich erkennen, dass meine Gemeinde eine Gemeinde begnadigter Sünder ist, und werde immer mehr in der Liebe wachsen zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.

Amen.

Lasst uns still werden und,, vor Gott bekennen, dass wir Sünder sind. Lasst uns Gott um Vergebung und Barmherzigkeit bitten. Christus will und wird uns mit Gott und miteinander versöhnen und uns einen neuen Anfang schenken. Denn wenn wir unsere Sünde bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.