Beichtrede

(Pastor Gert Kelter am 3. Sonntag nach Epiphanias 2003)

Geistliche Habsucht

Ich habe euch in allem gezeigt, dass man so arbeiten und sich der Schwachen annehmen muss im Gedenken an das Wort des Herrn Jesus, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen.
Und als er das gesagt hatte, kniete er nieder und betete mit ihnen allen.
(Apostelgeschichte 20, 35+36)

 

Liebe Beichtgemeinde,

„Geben ist seliger als nehmen"- das ist in der deutschen Sprache ein Sprichwort und stammt doch aus der Heiligen Schrift, ist von Paulus als ein Wort des Herrn Jesus überliefert. Das zeigt übrigens, am Bibelsonntag sei das erwähnt, wie stark die deutsche Übersetzung der Bibel durch Martin Luther auch unsere Alltagssprache geprägt und durchsetzt hat.

Geben ist seliger. Das heißt: Es ist für die Seele des Gebenden gut und heilsam, es ist befreiend und sinnerfüllend zu geben. Es tut seiner Seele gut. Weitaus mehr als es das Nehmen je könnte.

Nun sind die Menschen sehr unterschiedlich gestrickt und es gibt einige, denen muss dieses Wort nicht ausdrücklich gesagt werden. Sie geben gerne und haben es vielfach erfahren, dass es stimmt: Geben ist selig, seliger als nehmen. Aber es gibt andere, und es gibt sogar ganze christliche Gemeinden, denen dieses Wort von Zeit zu Zeit gepredigt werden muss.

Das sind solche, deren charakteristische Sünde die Habsucht ist. Habsucht ist nur in wenigen krassen Fällen eine rein materielle Habsucht. Die gibt es auch. Aber die geistliche Wurzel der Habsucht liegt tiefer. Die besteht nämlich in dem Grundgefühl: Da ist niemand, der für mich sorgen wird, wenn ich’s nicht selbst tue. Da sind nur andere, die mir nichts gönnen und nur darauf warten, mir etwas wegzunehmen. Und darum muss ich meine materiellen Güter, aber auch meine Gaben und Talente, mein Wissen, meine Gefühle in einer sicheren Burg verbergen, schön unauffällig am Rande bleiben und Bescheidenheit vortäuschen, um ja nicht aufgerufen und angesprochen zu werden und plötzlich in die Verlegenheit zu geraten, mich mitzuteilen, etwas von mir preiszugeben, andere an dem teilhaben zu lassen, was ich für mich gehortet und angesammelt habe.

In einer Beichtrede muss auch gefragt werden: Ist das auch das Bild, das du von Gott hast? Siehst du IHN auch als einen, dem du dich nicht völlig überlassen und öffnen darfst, weil du ihm nicht wirklich zutraust, dass ER für dich sorgt? Meinst du auch, dass Gott dir nicht alles gönnt, was du wirklich brauchst und überhörst du seinen Ruf, wenn er deine Gaben und Möglichkeiten in Gebrauch nehmen möchte für den Bau seiner Kirche? So wie Jona vor dem Anruf Gottes nach Ninive flieht.

Es gibt auch Habsucht in christlichen Gemeinden: Wir haben zum Beispiel seit einem Jahr die Chance zu überprüfen, ob wir als Gemeinde zur Habsucht neigen. Ich rede von der Zachäusgemeinde in Hildesheim, mit der wir seit einem Jahr in einem gemeinsamen Pfarrbezirk verbunden sind. Da war schon im Vorfeld – und das gilt übrigens für beide Gemeinden und ihre Vertreter - ein Abwägen und Berechnen festzustellen nach dem Motto: Was haben wir davon, was verlieren wir dadurch? Und beide Seiten versuchten, ihren Besitzstand zu wahren. In regelrechten Verhandlungen wie bei einer Fusion zweier Firmen wurde gerechtet und geschachert. Und nun zeigt es sich, dass die ausgehandelten Bedingungen und Voraussetzungen zu starr sind, dass sie mit der Praxis nicht Schritt halten können. Eigentlich müsste man neue Wege gehen, sich für einander öffnen, Liebgewordenes loslassen und Neues wagen. Aber auf allen Seiten fällt das noch sehr schwer. Neben der Bibel liegen die Taschenrechner, auch die emotionalen übrigens. Es fällt schwer, das Ich-Denken der eigenen vertrauten Gemeinde zu verlassen und sich für ein neues „Wir-in-unserem-Pfarrbezirk-Denken" zu öffnen. Mir selbst geht das genauso, vielleicht an erster Stelle.

Aber ich muss erkennen und habe es erkannt, dass das eine Form geistlicher Habsucht ist, die nicht selig ist, sondern Spannungen, Trennungen, Macht- und Rechthabekämpfe fördert, die dem Eigentlichen, nämlich der Verkündigung des Evangeliums, schaden werden.

Es ist eine trügerische Sicherheit und eine Scheingeborgenheit, in die wir fliehen, wenn wir bei uns selbst bleiben, nicht abgeben, nicht teilhaben lassen wollen, nicht teilen und geben können.

In der Natur sind die Folgen solcher Isolation schnell sichtbar: Wenn eine Tierpopulation, sagen wir, auf einer Insel isoliert wird und kein frisches Blut mehr dazu kommt, kein Austausch der Gene mehr stattfindet, es nur noch in der Verwandtschaft zur Fortpflanzung kommt, dann de-gen-eriert eine solche Population, dann kommt es zu Missbildungen, Fehlgeburten, Zeugungsunfähigkeit und schließlich zum Aussterben eines ganzen Bestandes.

Die geistlichen Spätfolgen geistlicher Habsucht sind für den Einzelnen und für Gemeinden aber nicht minder spürbar, vielleicht nur zeitverzögert über Generationen hinweg.

Wer nur um sich selbst kreist, wird auf die Dauer schwindelig, verliert die Orientierung auf das Eigentliche und Wichtige, verliert sich an Nebensächliches und Belangloses und wird schließlich verdrießlich, streitbar, reizbar. Unselig ist das, wenn man beim Nehmen bleibt und das Geben vergisst.

Der Apostel Paulus stellt dieses Wort vom seligen Geben an den Schluss seiner Abschiedsrede an die Presbyter von Ephesus und sagt: Das ist das Ergebnis meiner praktischen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Das ist keine Theorie, sondern ich habe es ausprobiert: Man darf nicht bei sich selbst und seinen Stärken und Besitzständen bleiben, wenn man im Reich Gottes arbeitet, sondern man muss konkret anfangen, sich der Schwachen anzunehmen, also von seinen Stärken abzugeben. Das ist ein Erfahrungssatz. Und wer das tut, der wird selbst auch erfahren, was der Herr Jesus gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen.

Und dann kniete er nieder und betete mit ihnen allen. Denn das ist der Anfang: Die Bitte an Gott, mich von mir selbst zu befreien, von meiner Angst zu kurz zu kommen, meiner Sorge davor, dass ich unversorgt bleibe, wenn ich nicht krampfhaft an allem festhalte, was ich bisher schon besitze, meinem Misstrauen, es könne mir etwas fehlen, wenn ich abgebe und teile.

Habsucht ist kein Kavaliersdelikt, sondern Sünde vor Gott, weil sie Ausdruck eines tiefen Misstrauens der Güte Gottes gegenüber ist.

Aber gerade in dieser Güte schenkt uns Gott jeden Tag und auch heute wieder die Möglichkeit, niederzuknien, ihm im Gebet unsere Schwachheit abzugeben und um die Stärke seiner Geistesgaben zu bitten. Und wenn wir diesen ersten Schritt des Gebens, des Abgebens unserer Schuld an Jesus Christus nämlich, getan haben, dann werden wir auch die Seligkeit spüren, die uns in der Wegnahme, in der Lossprechung geschenkt wird und erkennen: Geben ist seliger als nehmen.

Amen.