Predigt

(Pastor Gert Kelter am 3. Sonntag nach Epiphanias 2003)

Der Schmerz des Knechtes.

Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn
und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.
Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.
Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.
Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's.
Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!
Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;
aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.(Matthäus 8, 5-13)

Liebe Brüder und Schwestern,

Wie einige wissen, habe ich vor vierzehn Tagen eine Studienreise auf die Insel Malta unternommen, die ja sehr stark durch die Geschichte des danach so genannten Malteserordens geprägt ist. Dieser Orden entstand zur Zeit der Kreuzzüge als St. Johannes-Ritterorden, der sich der Pflege der in den Kämpfen um die von den Osmanen besetzte heilige Stadt Jerusalem Verwundeten verpflichtet hatte. Nachdem die Ritter durch die osmanischen Türken zunächst aus Jerusalem und dann von Rhodos vertrieben wurden, fanden sie 1530, mitten in der Reformationszeit, einen neuen Standort auf der Insel Malta. Sofort errichteten sie auch dort ein Hospital. Das heute noch zu sehende Gebäude aus dem Jahr 1575 konnte bis zu 2000 Kranke aufnehmen. Interessant dabei ist, dass die Malteserritter für unser Empfinden schon damals außerordentlich fortschrittlich anmutende Gedanken in die Praxis umsetzten. So mussten z.B. alle Ordensanwärter in ihrer Probezeit in der Krankenpflege tätig sein, sich mit eiternden Wunden und Pestinfizierten abgeben. Der Großmeister des Ordens, zugleich das maltesische Staatsoberhaupt, brachte einen Tag der Woche mit pflegerischen Tätigkeiten in den Krankensälen der Sacra Infermeria, des heiligen Lazaretts zu. Die Kranken erhielten aus hygienischen Gründen ihr Essen von silbernen Tellern, es gab gut ausgestattete Apotheken und bestens ausgebildete Ärzte. Neue Operationsmethoden wurden teils dort erfunden, teils praktiziert. Vor allem aber erstaunt, dass man keinerlei soziale oder auch konfessionelle Unterschiede zwischen den Kranken machte. Bis heute spricht man bei den Maltesern oder ihrem evangelischen Zweig, den Johannitern, von den „Herren Kranken". Lutheraner, aber auch Juden und Moslems wurden gleichermaßen aufgenommen und behandelt. Für Rom war das damals, mitten in der Auseinandersetzung mit dem vordrängenden Islam und dem Vormarsch der Reformation in Europa ein Gräuel, aber die Ordensritter fühlten sich dem Evangelium stärker verpflichtet als den Anordnungen und Vorstellungen des Vatikans. Die Krankheit, der Schmerz, die Not und die Qual des einzelnen Menschen standen im Vordergrund und vereinigten im Ordensspital Menschen aller Religionen und Sprachen, aller gesellschaftlicher Gruppen und Nationen.

Wenn man also vom „finsteren Mittelalter" spricht, vielfach auch zurecht, darf man doch nie vergessen, dass es in der Geschichte des Christentums, und hier wiederum gerade auch in der Geschichte der Orden, viele Lichtblicke gab, viele Menschen, die nicht im Vordergrund der politischen Ränke und Kämpfe standen, die aber vom Evangelium her lebten und handelten, die es wörtlich nahmen, was in der Hl. Schrift zu lesen ist und die sich in der Nachfolge Jesu Christi um Politik, um Zeitgeist, um die Erwartungen der Mächtigen und Einflussreichen nicht scherten.

Unser heutiges Evangelium ist ein solches Wort, das Menschen zum Nachdenken gebracht hat, zur Besinnung und zur Umkehr, das sie verwandelt hat und zu Nachfolgern Jesu Christi gemacht hat.

Die Geschichte überliefert die Begegnung Jesu mit einem römischen Soldaten in Kapernaum. Das heißt übersetzt: Dorf des Trostes und ist der Ort, an dem Jesus die meisten Wunder, vor allem aber Krankenheilungen vollbracht hat.

Ein sympathischer Hauptmann ist das, der sich Sorgen um seinen gelähmten und schmerzerfüllten Knecht macht. Üblich wird das wohl nicht gewesen. Aber man kann sich vorstellen: Wenn ein Mensch unerträgliche Schmerzen hat, wenn er brüllt und schreit, weil er es einfach nicht mehr aushält, dann setzt ein solcher Schmerz manchmal die Umwelt in Bewegung. Da will man einfach alles tun und nichts unversucht lassen, um diesem Menschen die Schmerzen zu lindern. Der Hauptmann jedenfalls denkt nicht an Standes- oder Rangunterschiede, sondern wendet sich an den, von dem er gehört hatte: Der kann helfen, der hat schon vielen geholfen.

Und Jesus reagiert ganz selbstverständlich: Ich will kommen und ihn gesund machen. Aber, liebe Gemeinde: Das war nicht selbstverständlich. Ein Jude durfte nicht in das Haus eines Heiden gehen. Er würde sich verunreinigen und im übrigen auch den Eindruck erwecken, mit der verhassten Besatzungsmacht zu kungeln.

Der Hauptmann wird das gewusst haben, denn er wehrt ab, empfindet es als eine Zumutung für Jesus, persönlich in sein Haus zu kommen und sagt: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund."

Wer schon einmal einen römisch-katholischen Gottesdienst mitgefeiert hat, kennt diesen Satz mit einer leichten Abänderung. Dort nämlich spricht die Gemeinde vor dem Empfang des hl. Abendmahles gemeinsam laut: Herr, ich bin unwürdig, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund." Auch in der lutherischen Agende steht übrigens dieser Gebetssatz. Dort ist er allerdings als stilles, persönliches Gebet des Liturgen vorgesehen, wenn dieser sich selbst das Sakrament reicht. Ich denke, es könnte aber das Gebet jedes Christen sein oder werden, der im Vertrauen auf das Wort Jesu Christi zum Altar kommt: Herr, sprich dein Wort, und meine Seele und auch mein Leib wird gesund. darauf vertraue ich, wenn ich jetzt zu dir komme und deinen Leib und dein Blut empfange.

Sprich nur ein Wort und aus dem Chaos meines Lebens kann wieder etwas Heiles, Gesundes und Neues werden.

Der heidnische, römische Hauptmann, der so redet, beweist damit mehr als nur die Hoffnung auf einen Wunderheiler. Er sagt: ich vertraue auf die Macht deines Wortes, weil ich in dir den Herrn erkenne. Und so nennt er Jesus ja auch: Herr, Kyrie, Domine. Wie schwer wird ihm das vielleicht von den Lippen gegangen sein. Dass er es aber so meinte, macht er selbst ganz klar: So wie mein Wort meine Truppe umgehend in Bewegung setzt, so wie mein Soldaten- und Hauptmannswort schon so gut ist wie der ausgeführte, so traue ich es deinem Herrschaftswort auch zu.

„Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde."

Liebe Gemeinde, da begegnen sich in Christus und dem Hauptmann zwei Welten, die aus jüdischer Sicht unüberbrückbar voneinander getrennt sind. In der Mitte steht der Schmerz eines qualvoll leidenden Menschen. Auffällig ist, das dieser schmerzerfüllte Mensch weder mit dem Hauptmann, der fürbittend für ihn eintritt, noch mit Jesus in einem besonders engen, vertraulichen Verhältnis steht. Für den einen ist es ein Untergebener unter 100 anderen, für den anderen ein fremder, irrgläubiger Ausländer und Handlanger der Unterdrückungsmacht. Aber sein Schmerz vereint alle Gegensätze. Oder noch anders und besser: Über dem Schmerz des Knechtes vereint Jesus Christus alle Gegensätze.

Der Schmerz des Knechtes – das ist vielleicht der eigentliche Kern des Evangeliums, mehr noch und prägender als der Glaube des Hauptmanns.

Denn Jesus macht sich den Schmerz des Leidenden über alle Gräben und Grenzen, über alle Unterschiede, die uns Menschen entzweien, zu eigen. Er wird zu seinem eigenen Schmerz. Er spürt selbst die Folgen unserer Gottlosigkeit und unserer Verblendung für die Wahrheit, die sich in Krankheit, Leiden, Schmerzen und im Tod erweisen. Und indem Jesus diesen Schmerz, dieses Leiden der Welt zu seinem eigenen Leiden macht, überwindet er ihn und überwindet zugleich das Trennende zwischen Gott und den Menschen und das Trennende zwischen den Menschen. Vollkommen und ein für allemal hat Jesus Christus genau das am Kreuz für uns getan.

Hier, in Kapernaum, dem Dorf des Trostes, leuchtet schon das Tröstliche auf, das durch dieses Leiden und Sterben Gottes für die Welt vollbracht wurde: „Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmel zu Tisch sitzen." So, sagt Jesus mit diesen Worten, wird die Kirche aussehen: Juden und ehemalige Heiden, Menschen aller Nationen, Sprachen, Geschlechter, Altersklassen und Gesellschaftsschichten werden einmal im Vertrauen auf mich eins sein und beten: Herr, sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.

Und die, auch das sagt Jesus, die zwar Gott um Hilfe anrufen, aber diese Hilfe exklusiv für sich beanspruchen und sie den anderen weder gönnen noch gewähren, die werden keinen Platz an diesem Tisch der Kirche finden. Die werden in ihrer selbstgewählten Finsternis bleiben und ihr Gebet wird vom Heulen und Zähneklappern übertönt, das der Schmerz hervorruft, der ungestillt blieb.

Vielleicht erinnern wir uns an dieses Evangelium, wenn wir demnächst ein Rotes Kreuz oder ein Malteser- bzw. Johanniterkreuz auf einem Rettungswagen sehen: Es steht dafür, dass Christus allen Schmerz dieser Erde auf sich genommen hat und will, dass allen Menschen, ohne jeden Unterschied, geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

Amen.