Predigt

(Pastor Gert Kelter am 3. Advent 2003)

Abhängigkeit von Christus ist wahre Freiheit

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.
Mir aber ist's ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet.
Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden. (1.Kor 4,1-5)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

<<Ihr sollt das in uns [Pastoren] sehen, was wir wirklich sind, nämlich Diener Christi und Verwalter, die in seinem Auftrag den Menschen Gottes Geheimnisse verkünden. Von Verwaltern verlangt man vor allem Zuverlässigkeit. Wie es bei mir damit steht? Mir ist es nicht so wichtig, wie ihr oder andere in diesem Punkt über mich urteilen. Hier ist sogar mein eigenes Urteil und meine Selbsteinschätzung unwichtig. Zwar bin ich mir keiner Schuld bewusst, aber damit bin ich noch nicht freigesprochen. Entscheidend ist vor allem Gottes Urteil! Deshalb urteilt nicht voreilig über mich. Wenn Christus kommt, wird er alles ans Licht bringen, auch unsere geheimsten Gedanken. Dann wird Gott jeden so loben, wie er es verdient hat.>>

Liebe Mitchristen, dieser Vorspann zur Predigt zeigt Wirkung. Ich sehe in skeptische, in kritische, in erstaunte und vielleicht auch besorgte Gesichter: Ist irgend etwas vorgefallen? Gab es Ärger, der jetzt auf der Kanzel aufgearbeitet werden soll?

Eines scheint mir jedenfalls festzustehen: Diese ersten Sätze haben offenbar in unseren Ohren einen aktuellen Klang, wecken Neugier und Interesse und wirken keineswegs so abgegriffen und altbekannt, wie man das vielleicht von uralten biblischen Worten manchmal erwartet. Denn genau darum handelte es sich bei diesen ersten Worten der Predigt, nicht um meine Predigt, sondern um eine Predigt des Apostels Paulus an seine Gemeinde in Korinth.

Um die Epistel des heutigen 3. Adventssonntag. Fast 2000 Jahre alt.

Ich habe die Epistel lediglich in eine uns etwas geläufigere Sprache übertragen und hinter das Wörtchen „uns", das Paulus auf sich und die Apostel bezogen hat, das Wort „Pastoren" gesetzt.

Paulus, der doch geschrieben hat: „Ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, als allein Christus, den Gekreuzigten", spricht über sich, sein Amt und seine Amtsführung, predigt gewissermaßen sich selbst und allein das würde ihn vor heutigen Predigthörern möglicherweise bereits als egozentrisch und überheblich disqualifizieren. Und mehr noch: Der Apostel spricht etwas an, was auch heute noch, auch in der Kirche und in den Gemeinden ein Thema ist. Nämlich die Tatsache, dass Gemeindeglieder unversöhnlich und unbarmherzig nicht nur übereinander, sondern auch über ihre Pastoren urteilen, über sie zu Gericht sitzen, sie richten. Gehört so etwas denn auf die Kanzel? möchte man da fragen. Der Brief des Apostels Paulus an die Korinther gehört jedenfalls unstrittig auf die Kanzel. Und irgendwann, vor etwa 1945 Jahren stand der Apostel selbst vor seiner Gemeinde und hat‘s so gesagt, wie wir’s jetzt gehört haben.

Und dann setzt Paulus noch „einen drauf" und sagt in aller Gelassenheit: Mich interessiert das überhaupt nicht, was ihr, liebe Mitchristen, über mich redet und schwätzt und hetzt und was ihr an mir herumzunörgeln habt. Mir ist es nicht wichtig, was ihr für ein Urteil über mich habt. Mir ist‘s ein Geringes, so übersetzt Luther, dass ich von euch gerichtet werde.

Ist Paulus wirklich so himmelhoch erhaben über das was andere über ihn denken und reden, ihm direkt oder hinter seinem Rücken vorwerfen?

Mir geht das oft ganz anders. Ich habe wohl gelernt, bei Kritik immer zu fragen: Ist das Kritik in der Sache, an meinen Worten und Taten oder Unterlassungen oder ist das grundsätzliche Kritik an mir als Person? Wenn man so fragt, lautet die Antwort in den allermeisten Fällen: Es handelt sich um Kritik in der Sache, manchmal ungeschickt vorgebracht, manchmal in wenig angemessene Worte gekleidet. Aber ich brauche nicht persönlich verletzt oder beleidigt deshalb zu sein und kann sachlich und gelassen damit umgehen. Und trotzdem: Es ist mir nicht, ganz und gar nicht egal, was andere von mir denken oder über mich reden.

Ist der Apostel Paulus also einfach nur arrogant? Immerhin, man wirft ihm seitens seiner Gemeinde vor, er sei eine mickrige Gestalt ohne Autorität, er könne nicht predigen, er sei ständig unterwegs, immer woanders und nie da, wo man ihn braucht. Den einen ist er zu streng und rigoros mit den Schwächen und den Schwachen der Gemeindeglieder, den anderen wieder ist er zu langmütig und tolerant. Sagt der Apostel die Wahrheit über die Verlorenheit der Menschen, die meinen, keine Hilfe zu brauchen, schilt man ihn lieblos. Predigt er die Gnade und die Versöhnung, hält man ihn für einen Feigling. Eigentlich macht er‘s keinem recht.

Aber ihn scheint das nicht zu tangieren. So etwas von Selbstgerechtigkeit! Ist das eines Apostels würdig? Aber dann folgen noch einige weitere Sätze, die uns helfen, diese ersten Eindrücke in den rechten Zusammenhang zu bringen. Paulus schreibt nämlich: Auch mein eigenes Urteil ist mir unwichtig. Ich beurteile, bewerte, lobe oder tadele mich selbst auch nicht.

Selbstgerechtigkeit kann man das also nicht nennen. Wie aber dann? Eher vielleicht Unabhängigkeit. Der Apostel beschreibt seine innere Unabhängigkeit, eine gelassene, erlöste Freiheit von allen menschlichen Urteilen und Meinungen. Und das schließt den Tadel, die Kritik genauso ein, wie das Lob oder die so verführerische, unaufrichtige Form des Lobes, die Schmeichelei.

Ich bin frei und unabhängig davon, sagt Paulus, was Menschen über mich denken oder reden, ich bin frei und unabhängig davon, was ihr urteilt, innerlich frei davon, wie ich mich selbst beurteile, denn ich bin auch nur ein Mensch.

Ein Mensch allerdings mit einem Auftrag, einem göttlichen Auftrag. Den habe ich zu erfüllen, so gut oder schlecht ich es vermag. Wenn ich darin abhängig von Menschen werde, kann ich meinen Auftrag nicht erfüllen. Und so gebe ich gebe mein Bestes, auch wenn es wahrscheinlich nicht gut genug ist. Urteilen darüber wird ein anderer. Mein Auftraggeber nämlich, Jesus Christus selbst.

Lieber Bruder, liebe Schwester: Möchtest du nicht auch innerlich so frei und unabhängig vom Urteil anderer über dich sein? Wäre das nicht auch ein Wunsch von dir, ohne das ständige Gefühl von Unzulänglichkeit, Versäumnissen und Mängeln unbeschwert leben zu können? Also, auch ohne dich selbst zu richten?

Liebe Gemeinde, man muss kein Apostel sein, um so leben zu können. Und man muss sich nicht eiskalte Arroganz antrainieren, um mit dieser inneren, unbekümmerten Freiheit und Unabhängigkeit zu leben.

Man braucht sich nur die Frage zu stellen, oder besser noch: sich der Frage zu stellen „wer richtet letztlich über mich? Auf wessen Urteil kommt es letztlich an? Als Christen wissen wir: Das ist das Urteil Gottes, der Richterspruch Jesu. Und wie lautet der?

Du bist frei, los und ledig. Nicht aus Verdienst und Würdigkeit, sondern allein aus Gnade.

Gottes Urteil ist unser Freispruch. Und der bedeutet Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. Der bedeutet Unabhängigkeit und Freiheit von Menschenurteil. Der bedeutet Erlösung von dem Zwang, es allen recht machen zu müssen. Der schenkt Kraft und Konzentration auf den Auftrag, den jeder in seinem Leben hat. Nicht nur Apostel oder Pastoren. Sondern auch du als Mutter, Vater oder Angestellter, Arbeitgeber, Krankenschwester, Lehrerin oder Arzt.

In dieser Unabhängigkeit kann man auch selbstkritisch erkennen: Ja, ich bin nur ein Mensch, unvollkommen, fehlerhaft, immer wieder in Schuld fallend. Aber das richtet mich nicht, wenn ich meine Hoffnung und mein Vertrauen auf den setze, der mich mit seinem Leben freigekauft hat, der mich gerechtgesprochen hat, Christus.

Und wer sein eigenes Unvermögen akzeptiert, weil er Christus als Richter über sich weiß, der ihn barmherzig und gnädig gerecht spricht, der wird auch andere nicht vor der Zeit richten. Wenn ich einen Gott über und bei mir weiß, der mir verlorenen und verdammten Sünder um Christi willen vergibt, dann werde ich auch dem vergeben, der an mir schuldig geworden ist oder ebenso gerichtet werden, wie ich über andere richte.

Eben das will Paulus seinen Korinthern ins Gewissen schreiben. Wenn Gott so unbarmherzig, so unversöhnlich mit euch umgehen und über euch richten würde, wie ihr über mich redet und richtet: Ihr müßtet alle zur Hölle fahren, ihr selbstgerechten Pharisäer.

Wenn ihr aber erkennt, wie barmherzig Gott mit euch umgeht, wie geduldig er euren Eigensinn, eure Selbstgerechtigkeit, eure Blindheit für die Wahrheit und die Gerechtigkeit erträgt, ohne immer gleich mit Donner und Blitz dazwischen zu fahren, dann werdet ihr aufhören, andere zu richten und zu verurteilen. Dann werdet ihr ganz still und dankbar euren Auftrag im Leben zu erfüllen versuchen, jeder an seinem Platz, auf den Gott ihn gestellt hat, jeder in seiner begrenzten Verantwortung, dort aber treu und zuverlässig, ihr würdet aufhören in andere Verantwortungsbereiche hinzu regieren und hinein zu richten, genauso wie ich es auch versuche. Und ihr werdet merken wie gut und freundlich und mensch1ich und so erst wirklich christlich das Zusammenleben in Korinth dann würde. Die Worte Vergebung und Versöhnung, gegenseitiges Aushalten und Tragen von Schwachheiten und Schwächen würden dann groß geschrieben, und gegenseitiges Vertrauen, auch das Vertrauen, dass jeder in seinem Verantwortungsbereich nach bestem Wissen und Gewissen und nach allen Möglichkeiten treu das Seine tut. Die Gemeinde traut das ihrem Pastor zu, der Pastor seiner Gemeinde, Pastoren und Gemeinden trauen das ihrer Kirchenleitung zu und die wiederum ihren Pastoren und den Gemeinden.

Die Wahrheit, auch die schmerzliche, zur Umkehr und Einsicht rufende Wahrheit würde dann regieren und die Wahrheit würde euch frei machen. <Und wenn der Herr kommt, dann wird jedem sein Lob zuteil werden.> So endet die Epistel. Sein Lob, nicht seine Strafe, nicht seine Vernichtung. „Als wollte er belohnen, so richtet er dich Welt."

Gibt es denn wirklich soviel Lobenswertes in meinem Leben? Wirklich lobenswert ist nur eines, liebe Gemeinde:

Und das ist mein Vertrauen auf Christus und seine Gerechtigkeit. Das ist mein Glaube, dass ich um des unschuldigen, bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi willen nicht verworfen und verdammt, nicht, verurteilt und gerichtet werde, sondern freigesprochen, erlöst, begnadigt bin.

Das ist es, was Paulus so unabhängig und frei macht. Und das kann dich auch unabhängig und frei von menschlichen Urteilen, auch frei vom Verurteilen anderer machen, unabhängig von Tadel und von Lob. Einzig abhängig von Christus und von seinem Wort. Wahre Freiheit ohne diese Bindung, echte Unabhängigkeit ohne diese Verbindlichkeit gibt es nicht. Nicht zeitlich und nicht ewig. Amen.