Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag nach dem Christfest 2003)

Das Urbild der Glaubenden

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passahfest.
Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.
Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wußten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.
Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.
Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.
Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.
Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?
Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.
Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. ( Lk.2,41-52)

Liebe Brüder und Schwestern,

vor wenigen Tagen noch hörten wir, dass Jesus geboren und in Windeln gewickelt wurde. Heute erleben wir Jesus in der Pubertät. Dazwischen verzeichnet der Evangelist Lukas noch die Darstellung Jesu im Tempel, das Simeon-Evangelium des 1. Sonntags nach Weihnachten, an dem wir den Tag der unschuldigen Kinder bedacht haben. Da war Jesus vierzig Tage alt. Simeon sagte damals ein dunkles Wort zu Maria, dem wir im Laufe der Predigt noch einmal begegnen werden, nämlich: „...auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden."

Von seiner Kindheit, den ersten zwölf Lebensjahren, hören wir nichts. Und wer von euch dunkle oder auch lebendige Erinnerungen an Geschichten oder Filme hat, die berichten, wie Jesus als kleines Kind aus Lehm Spatzen formte und sie zum Leben erweckte, der muss leider zur Kenntnis nehmen, dass es sich dabei um Legenden handelt, die im Neuen Testament nicht zu finden sind.

Die wenigen Details über die Kindheit Jesu, die Lukas überliefert, erwähnen allesamt auch Maria, die Mutter Jesu. Und so können wir mit größter Sicherheit annehmen, dass Maria die Kronzeugin, die Hauptquelle für den Evangelisten Lukas war. Wer anders als die Mutter Jesu hätte solche Einzelheiten aus der Kindheit Jesu sonst wissen und weitergeben können? Und –sozusagen als Ergänzung zur Marienpredigt vom 4. Advent - wir können Maria, die jungfräuliche Gottesgebärerin, damit auch als indirekte Evangelistin bezeichnen. Vieles und viel Entscheidendes über das Leben Jesu wüssten wir ohne sie nicht, wüssten wir nicht, wenn sie die Worte des Engels und ihres Sohnes und die Erlebnisse, die sie mit dem Kind Jesus hatte, nicht in ihrem Herzen behalten und bewegt hätte.

Ich sagte eingangs: Heute hören wir von Jesus in der Pubertät und mancher wird sich vielleicht gefragt haben, ob das nicht eine etwas despektierliche, unpassende Ausdrucksweise im Zusammenhang mit dem Gottessohn Jesus sei. Wenn man unter dem Begriff „Pubertät" aber einmal ganz gezielt versteht, dass Heranwachsende sich in dieser Lebensphase ihrer selbst bewusst werden, dass in diesem Lebensabschnitt ein Kind sich aus der engen Verbindung von Vater und Mutter löst und ein eigenständig denkender Mensch mit eigenem Profil und eigener Identität wird, dann trifft dieses Wort aus der Entwicklungspsychologie durchaus den im Evangelium geschilderten Sachverhalt und hilft uns auch ein wenig zu besserem Verständnis.

Mit zwölf bzw. dreizehn Jahren feiern jüdische Jungen ihre Bar Mizwa, das heißt wörtlich: Sie werden zu einem Sohn des Gebotes. Voraus geht eine Unterweisung in der Tora und im Talmud, also dem Alten Testament und den jüdischen Glaubenslehren und –auslegungen.

Man kann die Unterweisung und die feierliche Bar Mizwa, zu der ein jüdischer Junge zum ersten Mal in der Synagoge aufgerufen wird, öffentlich im Gottesdienst aus der Hl. Schrift zu lesen, in etwa mit unserer Konfirmation vergleichen. Auch hier wird aus einem Kind ein vollberechtigtes Gemeindeglied und - früher noch bewusster als heute - als Mitglied der Erwachsenengemeinde anerkannt.

In Israel war es üblich, dass man, wo es eben möglich war, zum Passahfest nach Jerusalem pilgerte, um dort an den Tempelfeiern teilzunehmen.

Man reiste in kleineren oder größeren Gruppen, Dorfgemeinschaften; vor allem aus Sicherheitsgründen. In Jerusalem angekommen tauchte man ein in die Menschenmassen, die die Stadt zum Passahfest bevölkerten. Es ist gut nachvollziehbar, dass sich ein Kind oder Jugendlicher dabei - zunächst unbemerkt - aus dem Pilgerverband lösen und auf eigene Faust die Stadt erkunden konnte.

So jedenfalls berichtet es Lukas auch vom zwölfjährigen Jesus, dessen Weg offensichtlich geradewegs in den Tempel führte. Dort tat er nichts wirklich Außergewöhnliches, wenn er sich von den Gesetzeslehrern unterweisen ließ, mit ihnen in Lehrgesprächen den Dingen auf den Grund gehen wollte, in denen er mit hoher Wahrscheinlichkeit durch seinen Ziehvater oder andere ältere Verwandte bereits unterrichtet worden war. Der Unterschied zu heutigem Unterricht bestand und besteht im Judentum vor allem darin, dass nicht ein Lehrer den Schüler frontal belehrt, sondern in einem Lehrgespräch auch die Schüler mit ihren Fragen und Antwortversuchen zu Wort kommen. Außergewöhnlich war aber offenkundig die Verständigkeit und Weisheit, mit der Jesus die Gelehrten fragte, mit der er ihren Fragen antwortete. In ein solches Lehrgespräch also war Jesus vertieft, als die zutiefst besorgten Eltern Jesu ihren Sohn nach drei Tagen vergeblichen Suchens schließlich finden. Übrigens steht im Neuen Testament nicht, dass Jesus die Schriftgelehrten belehrte, ihnen einen Vortrag hielt und sich damit als Wunderknabe erwies. Manche Jesus-Filme wollen das wohl so hören und stellen diese Szene so dar. Es war ein Geben und Nehmen, ein vielleicht erstaunlich erwachsenes und geistlich reifes Gespräch über den Glauben und die Gebote Gottes, das Jesus im Tempel mit den Tora-Gelehrten führte.

Es ist Maria, von der im Rahmen der Tempelerzählung die erste wörtliche Rede überliefert wird: „Mein Sohn, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht."

Und nun hören wir die ersten Worte, die uns von Jesus überhaupt berichtet werden:

„Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle kommt dem Begriff der Pubertät im Sinne einer Selbstbewusst-Werdung eine gewisse Bedeutung zu.

Jesus bezeugt an dieser Stelle zum ersten Mal, dass er nicht der Sohn dessen ist, der ihn drei Tage lang gesucht hat, sondern der Sohn dessen, der der Herr in diesem Hause, nämlich im Tempel Gottes ist. Jesus ist der Sohn Gottes, Gott ist sein Vater, der Tempel ist der Ort, an den er gehört, in dem er wirklich zuhause ist.

„Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte."

Sie verstanden es nicht obwohl sowohl Maria wie auch Josef vor und nach der Geburt Jesu Engelserscheinungen und göttliche Botschaften erlebt hatten. Sie verstanden das Wort nicht, obwohl die Hirten ihnen verkündeten, dass auch sie durch den Engel Gottes vernommen hatten: Dieser ist der Heiland der Welt.

Brüder und Schwestern, was Maria zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht versteht: Sie befindet sich bereits auf dem Kreuzweg. Mit Schmerzen sucht sie ihren Sohn. In Schmerzen wird sie ihn am Ende unter dem Kreuz finden und schmerzhaft ist das Unverständnis und die Fremdheit, mit der sie von nun an zunehmend leben muss.

Auch so erscheint Maria als die erste Christin, als das Urbild der Glaubenden, das Urbild der Kirche. Nicht nur als die demütige gehorsame, die ihr „Es geschehe nach deinem Wort" spricht, sondern eben auch als die Suchende, die nicht versteht und begreift, die Wunder und Fügungen und Führungen erlebt, aber die Botschaft darin nicht versteht. Der Heilige Geist gab Maria ihren freudigen Lobgesang über die Größe Gottes, ihres Heilandes ein, ohne dass sie verstanden hat, wen sie da eigentlich preist.

Mit Jesus Christus auf dem Weg zu sein heißt eben auch, den Schmerz des Nichtverstehenkönnens auszuhalten. Da schreitet man als Christ nicht von Erkenntnis zu Erkenntnis, da sieht man nicht in allem sofort den geheimen göttlichen Sinn, erlebt wohl Offenbarungen, aber begreift sie nicht, wird von Gott geleitet, gewarnt und gemahnt, getröstet und behütet und kann das alles trotzdem nicht einordnen.

Den Jüngern Jesu ging es ja nicht anders. Etwa drei Jahre lang teilten sie sein Leben, hörten seine Worte, sahen seine Wunder und Taten und sie hofften, dass er Israel erlösen würde. Aber sie verstanden nicht, dass er sie erlösen wollte.

Es gibt Menschen, die aus tieffrommen Familien stammen, ihr Leben lang jeden Sonntag den Gottesdienst feiern und Säulen ihrer Gemeinden sind, die aber nicht verstanden haben, dass der ganze Glaube erst lebendig wird und lebendig macht, wenn ich den zwei Worten „Für euch" oder „Für dich" glaube und nicht daran zweifle.

Für dich ist Gott Mensch geworden. Für dich hat Christus gelitten, ist er gestorben, hat er sich hingegeben, sein Blut vergossen, für deine Erlösung, deine Freiheit, deine Versöhnung.

Erinnert ihr euch, was Simeon unter Eingebung des Heiligen Geistes Maria bei der Darstellung Jesu im Tempel gesagt hatte? „Auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden."

Was das zu bedeuten hatte, versteht Maria dreißig lange Jahre nicht. Dass in ihrem Sohn Jesus Gott für sie und zu ihrem Heil Menschen geworden ist, um Israel, um alle Menschen und auch um sie zu erlösen, dass versteht sie erst nach Ostern. Und ich sage nicht „Ostern", sondern bewusst „nach Ostern", weil der Evangelist Lukas erst im ersten Kapitel der Apostelgeschichte die Mutter Jesus wieder erwähnt, wenn er schreibt: „Diese alle (nämlich die Apostel) waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu."

Wenige Verse vor dem Bericht über Ausgießung des Heiligen Geistes, vor Pfingsten also, treffen wir Maria wieder. Zu Pfingsten findet der Kreuzweg, der Weg des Nichtverstehens, des Schmerzes und des Seelenschwertes für Maria ein Ende.

Da erlebt sie geistlich die Geburt Jesu, da erlebt sie geistlich Weihnachten noch einmal. Da fangen alle die dunklen Worte, die sie bewahrt und in ihrem Herzen bewegt hatte, an zu sprechen, zu verkündigen, auszulegen, hell und leuchtend zu werden.

„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest doch verloren."

Liebe Gemeinde, da hatte sich der schmerzhafte Kreuzweg, das nicht Verstehen- und Begreifenkönnen am Ende des Marienlebens gelohnt und Gottes Geist hat die Worte in ihrem Herzen in Brand gesteckt und zum lodern gebracht.

Das ist heute nicht anders und jede biblische Geschichte, die wir Kindern, Patenkindern, Nichten, Neffen, Enkeln oder Nachbarskindern erzählen, jede Stunde Konfirmandenunterricht, jeder Kindergottesdienst, jedes Gebet an einem Kinderbett, jede Minute einer Kinderbibelwoche, jedes persönliche Wort, das den eigenen Glauben bezeugt – das alles sind Worte, die sich in die Menschen einsenken, denen sie gesagt werden und darauf warten, dass es Pfingsten wird und Gottes Geist sie zum Leuchten bringen kann.

Und wenn es selbst bei Maria dreißig Jahre gedauert hat – wie ungeduldig und kleingläubig wäre es doch, wenn wir von unseren Bemühungen, den Glauben weiterzugeben immer erwarteten, dass die Früchte schneller zu sehen und zu spüren sind.

Und schließlich: Wenn ich mich selbst auf dem Kreuzweg wiederfinde, gut informiert über den Glauben aber nicht brennend, nicht belebt, nicht getröstet, nicht im Frieden und mich frage, ob dieser Weg der richtige ist? Das Wort im Herzen bewahren und bewegen und darauf vertrauen, dass der Auferstandene auch mir durch seinen Geist meinen Geist erleuchtet und meinen Verstand hell macht! Das ist der Weg des Glaubens von Anfang an gewesen.

Weihnachten und Pfingsten werden auch für dich einmal auf einen Tag fallen. Amen.