Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Einladung zu einem gelingenden Leben

Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird. (Lukas 14,16-24)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Vor zehn Jahren machte das Allensbacher Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage unter den Deutschen und wollte wissen: „Welche von den unten genannten Punkten halten Sie in Ihrem Leben für ganz besonders wichtig?"
(nach idea spektrum 50 /93)

75,5 % der Befragten antworteten: An erster Stelle stehen Sicherheit und Geborgenheit.

58 % meinten, ganz für die Familie dazusein sei das Wichtigste im Leben.

37,5 % gaben an, hohes Einkommen und materieller Wohlstand seien das erste Lebensziel.

Und 18,5 % stellten ein vom christlichen Glauben getragenes Leben an die erste Stelle.

Diese Zahlen mögen sich inzwischen noch verändert haben, vermutlich  zugunsten der ersten drei Lebensbereiche.

Genau diese sind es, die die drei Eingeladenen im Gleichnis Jesu auch an die erste Stelle setzen. Der eine hat einen Acker gekauft, also für Sicherheit und Geborgenheit gesorgt, der zweite hatte fünf Gespanne Ochsen erworben, seinen Maschinenpark erweitert und damit für ein hohes Einkommen und materiellen Wohlstand gesorgt, der dritte hatte geheiratet und meinte, die Pflege des Familienglücks sei Grund genug, die Einladung in den Wind zu schlagen.

Da hat sich in den letzten 2000 Jahren offensichtlich nichts geändert. Es gibt weltliche Grundbedürfnisse der Menschen, die für Zufriedenheit und Glück stehen und die so typisch menschlich sind, dass sie unabhängig von Zeit oder Kultur im Denken der Menschen immer und überall an erster Stelle stehen.

Ist das eigentlich verwerflich? Immerhin begegnen uns genau diese Gründe im Alten Testament, im 5. Buch Mose, Kapitel 20 und 24 wieder. Wer gerade geheiratet hat oder wer gerade ein Stück Land erworben und dessen Früchte noch nicht genossen hat, der ist vom Kriegsdienst befreit, also davon befreit, sich ganz und gar und ungeteilt einzusetzen. Ein sehr menschenfreundliches Gesetz im Gesetz des Mose ist das, das wir da vielleicht gar nicht vermuten würden.

Aber im Gleichnis Jesu heißt es, als der ausgesandte Knecht mit diesen doch so gut nachvollziehbaren Entschuldigungsgründen zu seinem Herrn zurückkam: Da wurde der Hausherr zornig.

Da wir alle genau wissen und verstehen, dass Jesus mit dem Hausherrn Gott und mit dem Knecht sich selbst meint und damit also gesagt wird: Gott ist zornig, wenn wir seine Einladung ausschlagen, weil wir Wichtigeres zu tun haben und an die erste Stelle in unserem Leben setzen, finden wir möglicherweise, dass man über solche Gleichnisse am besten gar nicht mehr predigen sollte. Das verschreckt doch die Leute nur. Genauso wie man eigentlich Luthers „Feste-Burg-Strophe" heute nicht mehr singen lassen sollte, in der es heißt: „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: lass fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn..."

Und dann denken wir dabei an unsere Kinder und Enkel und an uns selbst, wie wir ganz genau so argumentieren: Haus, Beruf und Familie gehen vor. Wenn dann noch Zeit für Gott, für den Gottesdienst, für Kirche und Gemeinde bleiben, ist es in Ordnung. Aber die Reihenfolge steht fest. Und wenn mir jetzt einer kommt und mir erzählt, das hätte den Zorn Gottes zur Folge, dann soll er mich damit in Ruhe lassen. Es gibt andere Prediger, die reden nicht mehr von Gottes Zorn und solchen unerfreulichen Dingen, sondern sagen mir, wenn ich es möchte und brauche, dass Gott mich liebt, so wie ich bin.

Eingeladen zu sein ist ja schön und im Blick auf die Einladung zum himmlischen Freudenmahl auch sehr beruhigend und tröstlich. Aber dann muss ich – bitte schön! - auch die Freiheit haben, mit dieser Einladung nach meinen Maßstäben und Rangfolgen umzugehen, so wie ich das für richtig halte.

Liebe Brüder und Schwestern, das können wir auch. Gottes Einladung ist zwar verbindlich, aber völlig zwanglos. Und Gottes Zorn, wenn wir einmal genauer ins Neue Testament sehen, besteht nun nicht darin, dass er im zweiten Anlauf ein Bataillon von Knechten aussendet und die unwilligen Gäste mit Gewalt an seinen Abendmahlstisch zwingt und sie dann zwangsernährt. Im Gegenteil: Der Hausherr lässt den Eingeladenen alle Freiheit. Er lässt sie völlig los und tun, was sie nicht lassen können. So passiv und gewaltfrei äußert sich Gottes Zorn. Und genau besehen ist dieser Zorn Gottes eine Mischung aus tiefer Enttäuschung, Trauer und Schmerz.

Die Folge beschreibt Jesus im letzten Satz des Gleichnisses, wo es heißt: „Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird."

Das ist wiederum keine Drohung, sondern nur die nüchterne und ganz logische Beschreibung der Wirklichkeit: Wer zum Essen eingeladen ist und die Einladung nicht annimmt, wird das Essen eben nicht schmecken. So ist das. Ganz nach seinem Wunsch und Willen. Er wird dann wahrscheinlich noch nichts mal etwas vermissen, weil er ja nicht weiß, was er wirklich verpasst. Es wird allerdings auch keiner kommen und den unwilligen Gästen das Festmahl in der Gulaschkanone nachliefern oder es ihnen in Alufolie verpackt auf den Acker, zu den Ochsen oder ins traute Familienheim tragen.

Und im übrigen: Das Festmahl fällt deshalb auch nicht aus. Es wird auch nicht verschoben. Es findet zu dem Zeitpunkt statt, den der Hausherr bestimmt hat. Der Tisch wird voll und alle Stühle werden besetzt sein. Es werden nur andere in den Genuss des Mahles kommen.

Wenn wir von Gottes Zorn sprechen, heißt das also: Gott lädt ein zu seinem Fest, lädt ein zu einem gelingenden Leben, zu Frieden, Versöhnung und Freude in seiner Gemeinschaft. Wer die Einladung annimmt, kommt in den Genuss des Verheißenen. Wer sie ausschlägt, kommt nicht in diesen Genuss.

Es spricht sicher für unsere menschenfreundliche Fürsorglichkeit, dass wir denen auf dem Acker und denen mit den Ochsen und denen in ihren Familien gerne immer wieder nachgehen möchten, sie gewissermaßen mit Hartnäckigkeit und endloser Geduld und abgrundtiefer Toleranz für ihre Wertmaßstäbe und Prioritäten zu ihrem Glück zwingen möchten. Aber ein solches Vorgehen hat kein Vorbild in den Worten Jesu Christi. Wo die Eingeladenen absagen, lässt der Hausherr seinen Knecht an den Äckern, Ochsen und Eigenheimen vorbei zunächst zu den Armen und Bedürftigen innerhalb der Stadt gehen, also zu denen, die den Hausherrn zwar kennen aber gar nicht auf den Gedanken kommen, dass sie würdig wären, an seinem Tisch gern gesehene Gäste zu sein. Und weil immer noch Platz ist, wird der Knecht auf die Landstraßen geschickt, also zu denen, die noch nie gehört haben, dass es so einen freundlichen Herrn gibt, der sie zum Festmahl bei sich haben möchte.

Es gibt ja so viele, die noch eingeladen werden müssen, dass man sich nicht endlos bei denen aufhalten kann, die die Einladung bewusst und klar ablehnen. In den Evangelien, in der Apostelgeschichte, in den apostolischen Briefen: Immer wieder begegnet uns diese Missionsstrategie. Wer euren Frieden nicht annimmt, aus dessen Haus geht wieder weg und schüttelt euch den Staub von den Füßen. Da der Herr den Aposteln dort keine Tür öffnete, gingen sie weiter an einen anderen Ort.

So ist das Evangelium um die Welt gegangen. So ist die Kirche gewachsen und Kirche aus allen Völkern geworden. Luther konnte das Evangelium mit einem fahrenden Platzregen vergleichen und sagte: „Denn das sollt ihr wissen: Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wieder kommt, wo er einmal gewesen ist.(....) ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr ihn ewig haben werdet. Denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Drum greif zu und halt zu, wer greifen und halten kann." (1524; WA 15,32)

Die unausgesprochene Verheißung bei dem allem ist: Wer immer die Glücks- und Zufriedenheitsstatistik der letzten 2000 Jahre auf den Kopf stellt und an erster Stelle das vom christlichen Glauben getragene Leben sieht, der wird auch sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist. Wer immer in seinem Leben die Prioritäten so setzt, dass wirklich gilt, was der Kleine Katechismus sagt, nämlich: Wir sollen Gott über alle Dinge, fürchten, lieben und vertrauen, der wird Frieden und Zufriedenheit, Glück und Fülle, Sättigung und Stillung aller Bedürfnisse und Sehnsüchte erhalten. Der ist dann auch eine lebendige, eine wandelnde Einladung an alle, die noch bei ihren Äckern, Ochsen und Familien das tiefste und höchste Glück suchen und nicht finden können. Viel häufiger als in den Worten und Schriften, durch die zum Festmahl Gottes eingeladen werden, lesen die Menschen in denen, die die Einladung angenommen haben und in dieser stillen, gelassenen Festfreude leben. Als Arme oder Reiche, Kranke oder Gesunde, Alleinstehende oder Kinderreiche. Wie verändert, wie anders sind die, die Gott an erste Stelle setzen, fragen sich vielleicht die anderen. Wenn sie nichts bemerken außer Sorge um ihr Seelenheil, Lustlosigkeit, einen Missmut über angeblich entgangene Lebensfreuden oder pharisäerhaften Dünkel kann ich schon verstehen, dass man dann lieber Äckern, Ochsen und Weibern den Vorzug gibt.

Also kommt es darauf an, dass wir in aller Gelassenheit erst einmal selbst die Einladung Gottes annehmen, uns trösten, aufrichten, stärken und erfreuen lassen durch seine Liebe und Gnade, keine Fragen beantworten, die uns niemand stellt, sondern aus den Worten und Antworten leben, die Gott uns gibt.

Darum kommt, denn es ist alles bereit! Amen.