Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Sonntag nach Epiphanias 2003)

Gott des Lebens in Fülle

Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm.
Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam - die Diener aber wußten's, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam
und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. (Johannes 2, 1-11)

Liebe Brüder und Schwestern,

Wenn der Evangelist Johannes, der in seinem Evangelium eine Auswahl von insgesamt sieben Wundern Jesu überliefert, ausdrücklich sagt, dieses sei das erste Zeichen gewesen, das Jesus tat, dann will er damit nicht nur die zeitliche Reihenfolge, sondern auch eine Rangfolge der Wichtigkeit und Bedeutung angeben. Das muss man sich mal vorstellen: Unter den sieben Wundern bzw. Zeichen des Johannesevangeliums finden wir die Auferweckung des Lazarus, die Speisung der 5000 und mehrere Krankenheilungen. Aber für Johannes ist das herausragendste Zeichen der Partyzauber von Kana. Damit hat schon mancher Christ seine Schwierigkeiten gehabt, der sich fragte, was denn ein solches Luxuswunder, bei dem einer ausgelassenen und fröhlichen Hochzeitsgesellschaft immerhin fast 500 Liter besten Weines beschert wurden, eigentlich im Neuen Testament zu suchen habe. Ein asketischer, armer, sanfter Wanderprediger Jesus bei den Traurigen, den Kranken, den Ausgestoßenen, den bußfertigen Sündern – das ist in Ordnung. Aber Jesus, und übrigens auch die bei Lukas immer so vorbildlich-demütig-gehorsam geschilderte Mutter Maria, bei einer Hochzeit – muss das wirklich sein?

Johannes sagt noch mehr. Nicht nur, dass dies das erste und also bedeutendste Zeichen war, sondern auch, dass Jesus dadurch seine Herrlichkeit offenbarte und seine Jünger daraufhin an ihn glaubten. Der Begriff „Herrlichkeit" hat in der ganzen Bibel immer eine besondere Bedeutung und meint die Heiligkeit Gottes. „Herrlichkeit" – das ist der über- und außerirdische Glanz, von dem Gott umgeben ist. Im Alten Testament heißt es, dass kein sterblicher Mensch diese Herrlichkeit Gottes sehen kann, ohne zu vergehen. Selbst Mose durfte der Herrlichkeit Gottes nur hinterher blicken.

Ganz zu Beginn des Johannesevangeliums sehen wir also unseren Herrn und Heiland und seine gehorsam-glaubende jungfräuliche Mutter Maria als Gäste auf einer weltlichen Hochzeit. Schon der Begriff „Hochzeit" steht für Leben, Freude, Höhepunkt von Ausgelassenheit und Lust und Liebe. Jesus und Maria stehen nicht mit heruntergezogenen Mundwinkeln süß-säuerlich blickend am Rande und rümpfen die Nase über dieses weltliche Treiben, sondern sind dabei, nehmen teil an der Freude, am Leben.

Liebe Gemeinde, das ist gut, wenn uns das durch dieses Evangelium heute wieder deutlich gesagt wird: Christ zu sein hat etwas mit Freude, mit Leben, mit Genießen zu tun.

Als ich vergangenen Sonntag auf Malta in Ermangelung eines ordentlichen lutherischen Gottesdienstes einen wunderschönen anglikanischen Gottesdienst in der St. Pauls-Co-Kathedrale von Valletta mitfeierte und anschließend auch der Einladung zum Kirchenkaffee in die Gemeinderäume folgte, war ich –offen gestanden- zunächst etwas irritiert. Da sah ich nämlich den anglikanischen Geistlichen in Soutane und mit kardinalsroter Bauchbinde, mich fröhlich begrüßend auf mich zukommen und bemerkte, dass er ein gut gefülltes Glas Sherry dabei schwenkte. Ganz offenkundig muss ich mir durch das heutige Evangelium auch selbst wieder sagen lassen, dass es gerade nicht christlich ist, das Menschliche, das Genießenkönnen, das sich auf normale-unverkrampfte Art Freuenkönnen an den Gaben Gottes, aus der Kirche und der Gemeinde zu verbannen. Genau das ist die Heuchelei, die Außenstehende an uns oft und zurecht kritisieren, wenn wir innerhalb der Gemeinde- und Kirchenräume eine weltferne Scheinkultur pflegen und mit indigniertem Augenaufschlag auf die böse Welt blicken.

Die Herrlichkeit Gottes, die sich in Jesus Christus auf der Hochzeit zu Kana offenbarte, ist die Herrlichkeit des menschgewordenen Gottes, der durch seine Menschwerdung diese Welt, diese Schöpfung annimmt und das ursprüngliche Urteil „siehe, es war sehr gut" wieder in Kraft setzt.

Nun ist es kein Zufall, dass der Hochzeitsgesellschaft von Kana ausgerechnet der Wein ausging und Jesus in der Verwandlung des Wassers zu Wein seine Herrlichkeit erweist. Wein war zur Zeit Jesu und ist es im Mittelmeerraum bis heute, kein Luxusgut, sondern Grundnahrungsmittel. Brot und Wein – davon lebt ein Mensch. Das braucht ein Mensch und das gehört zur Lebensfreude. „...dass der Wein erfreue des Menschen Herz", heißt es im 104. Psalm. Und trotz der Eitelkeit und Vergeblichkeit und Vergänglichkeit des Lebens, von der der Prediger Salomo schreibt, heißt es bei ihm Kapitel 9, Vers 7: „Geh hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen."

Dass der Wein ausging, heißt also soviel wie: Die Freude versiegt, das Fest ist aus, alltägliche Ernüchterung macht sich breit, weil das Ende in Sicht ist und die erste Freude nicht hält, was sie versprochen hat. Eine Hochzeit und eine Taufe, die ja in unmittelbarem, auch zeitlichem Zusammenhang zur Geburt eines neuen Menschenlebens steht, haben eines gemeinsam: Die Ur-Freude am Leben. Aber diese Ur-Freude sackt in sich zusammen, sobald sie sich bewusst wird, dass alles Leben unausweichlich vom Tod bedroht und begrenzt ist. Wir erhoffen von der Freude, dass sie verlässlich und dauerhaft ist. „Und als der Wein ausging..."- in diesem Sätzchen liegt unsere menschliche Erfahrung, dass eine Freude, die von ihrem Ende her überschattet ist, etwas Dumpfes und Fahles hat. Unsere eigenen gebrochenen Erfahrungen mit der Freude, die nur von kurzer Dauer ist, sind in diesem Satz gesammelt.

Als also der Wein ausging und die Freude erlahmte, wagt Maria einen Vorstoß und gibt ihrem Sohn einen zarten Hinweis, vielleicht auch einen Wink mit dem Zaunpfahl: „Sie haben keinen Wein mehr."

Ah, ja – könnte man denken: Dazu ist Jesus also da, um unsere versiegende Lebensfreude durch ein kleines Verlängerungswunder etwas auszudehnen. Und so mancher tritt mit eben dieser Erwartung an Jesus Christus heran. Aber die Antwort Jesu ist schroff und abweisend. In der alten Luther-Übersetzung klingt das so: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen."

Das ist oft so im Leben, liebe Brüder und Schwestern, dass wir uns mit unseren egoistischen Erwartungen, dass die Lebensfreude nie versiegen dürfe und uns immer erhalten bleiben müsse, an Christus wenden und ihm mitteilen: Herr, jetzt ist deine Stunde gekommen. Und die Antwort ist die von Kana: Nein, meine Stunde ist noch nicht gekommen.

Maria scheint das zu begreifen, wenn sie den Dienern daraufhin sagt: „Was er euch sagt, das tut." Dahinter steht nach wie vor Hoffnung und Erwartung, Hunger und Durst nach Leben, nach Freude, nach Sinn und Fülle. Aber dieser Satz heißt doch nichts anderes als die Vaterunser-Bitte: Dein Wille geschehe. Ich komme zu dir mit allen meinen Sehnsüchten und Hoffnungen und mit der festen Erwartung, dass du mich hörst und mich auch erhörst. Aber eben –zu deiner, nicht zu meiner Stunde. Wann kommt diese Stunde?

Jesus selbst gibt uns einen Hinweis darauf. Er sorgt für neuen Wein, aber nun nicht so, dass er aus Nichts Wein herbeizaubert, sondern Wasser in sechs große steinerne Amphoren füllen lässt, die der offensichtlich wohlhabende Hochzeitshaushalt zur rituellen Reinigung bereithielt.

Wasser – das ist auch im Zusammenhang einer Taufe ein sehr vielschichtiges Symbol. Natürlich steht es für Reinigung, auch für die Stillung des Durstes nach Leben. Aber das Wasser hat in der Bibel und eben auch in der Feier einer Taufe noch eine andere, eine tödliche, bedrohende Bedeutung. Im Taufwassergebet haben wir davon einiges gehört: Es stürzt vom Himmel und ertränkt, tötet die Sünde und die Sünder; es ist das chaotische Urelement des Anfangs, über dem Gott sein Schöpfer- und Lebenswort spricht und das Chaos in den Kosmos verwandelt. Im Wasser der Taufe soll der alte, natürliche Mensch untergehen und sterben mit allen seinen Sünden und wiederum herauskommen ein neuer Mensch, der mit Christus ewig lebt.

„Und Jesus spricht zu den Dienern: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis obenan." Die Stunde, liebe Gemeinde, von der Jesus spricht, ist die Stunde seines eigenen Todes, als ihm, wie es im 69. Psalm heißt, „das Wasser bis zur Kehle geht".

In dem Reinigungswasser, das die Juden zum symbolischen Abwaschen ihrer Sünden benutzten, schwimmt die Sünde der Welt, der Schmutz aller Menschen und der Tod selbst als der Sünde Sold. Es hält nicht, was es verspricht. Es macht nicht rein und vollkommen, wenn es nicht verwandelt wird durch ein Lebenswort der Vergebung und Versöhnung.

Johannes ist kein Chronist, sondern ein Komponist. Und so ist es am Ende wohl nicht zufällig, dass er den Bericht von der Hochzeit zu Kana mit den Worten beginnt: „Und am dritten Tage..."

Am dritten Tage nämlich, da feierte die Schöpfung ein Fest des Lebens über den Tod. Da ist Jesus Christus auferstanden und hat seine Herrlichkeit als Sieger über Sünde, Tod und Teufel vor aller Welt offenbar gemacht. Unsere Epiphaniasgeschichte wird zur Ostergeschichte und auch unser Leben wird in ein Osterlicht getaucht.

Es ist schon richtig: Gott will, dass wir Freude am Leben und Freude im Leben haben. Er will, dass wir die Schöpfung, in die er uns gestellt hat, genießen. Christus freut sich mit den Fröhlichen. Aber Gott will mehr. Wenn uns nämlich der Wein ausgeht, die Luft wegbleibt, das Wasser bis zum Hals steht, dann will er uns Perspektive und Hoffnung über dieses Leben hinaus geben. Christus weint auch mit den Weinenden und die Heilungen, die Jesus vollbracht hat, wenn er 5000 hungrige Mäuler gestopft hat und wenn er einem Lazarus noch einige weitere Lebensjahre auf dieser Erde geschenkt hat – das alles ist eben noch nicht alles. Das sind Hinweise darauf, dass Gott ein Gott des wahren Lebens und des Lebens in Fülle ist. Und darum sagt Johannes auch nicht vom Wunder der Auferweckung und Lebensverlängerung des Lazarus, sondern vom Wunder der Hochzeit von Kana, dass es das Erste, das Wichtigste und Herausragendste sei.

Seine Jünger haben Jesus und sein Tun verstanden und glaubten an ihn, heißt es.

Das wird sie nicht davon abgehalten haben, weiterhin fröhlich an der Hochzeitsfeier teilzunehmen und den guten Tropfen zu genießen. Aber die Aussicht darauf, dass auch 600 Liter Wein einmal zur Neige gehen, die Aussicht darauf, dass auch sieben Tage Hochzeitsfeier einmal ein Ende haben, das Wissen, dass auch ihr irdisches einmal ein Ende haben wird, konnte ihre Freude nicht mehr trüben. Und genau darin haben sie sich als Christen erwiesen.

Amen.