Predigt

(Pastor Gert Kelter am 2. Advent 2003)

Das Näherkommen des Herrn im Rücken

So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.
Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Seufzt nicht widereinander, liebe Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür. (Jakobus 5,7-9)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

obwohl ich kein Ruderer bin, weiß ich, dass man beim Rudern mit dem Rücken zum Ziel sitzen muss. Und ich kann mir gut vorstellen, was für ein kurzatmiges Gepaddel, was für ein Schlangenlinienfahren es wohl sein wird, wenn ein Unerfahrener meint, das sei doch alles Quatsch und man müsse doch das Ziel im Auge behalten, es fest anvisieren und dann kräftig darauf losrudern. Schon beim ersten Versuch wird der Besserwisser feststellen, dass man die Ruder von hinten nach vorne nicht richtig durchziehen kann, dass das ein geradezu unnatürlicher Bewegungsablauf ist, bei dem man zwar viel Kraft aufwenden muss, aber nur schlecht von der Stelle kommt.

Genauso erfolglos wird aber auch ein Ruderer sein, der zwar die richtige Position einnimmt, sich aber dann immer wieder umdreht, um festzustellen, wie weit er noch vom Ziel entfernt ist. Einen Wettkampf wird der genauso wenig gewinnen wie der „Verkehrtrum-Ruderer".

Dabei ist das eigentlich merkwürdig: Glaubt man modernen Marktstrategen, die auch in der Kirche zur Zeit hochgepriesen werden und viel Gehör finden, dann läuft doch im Grunde alles schief in den Gemeinden, wenn man nicht zuerst mal ein Gemeinde-Leitbild entwickelt, klare Ziele definiert und Strategien erarbeitet, mit denen diese Ziele erreicht werden. Da scheint es genau umgekehrt zu sein: Nur, wer den Blick fest auf das Ziel gerichtet hat und immer wieder alles, was er tut und macht auf dieses Ziel hin bedenkt und daraufhin abstimmt, der kann vorankommen.

Das passt natürlich alles in unsere Zeit und in ihr Denken. Da hat man gefälligst einen „Lebensentwurf" zu haben. Und da kann kommen, was da wolle, man wird krampfhaft bemüht sein, diesen Lebensentwurf zu verwirklichen. „Das passt jetzt nicht in meinen Lebensentwurf", ist häufig zu hören. Und dabei kann es um eine ungeplante – der Ausdruck spricht schon Bände!- Schwangerschaft genauso gehen wie um vergleichsweise harmlose Fragen des Berufs- oder Stellenwechsels.

Der Heidelberger Praktische Theologe Christian Möller berichtet von einem Taufgespräch mit einem jungen Ehepaar, das sein Kind taufen lassen wollte. Dabei erläuterte der stolze Vater haarklein, wie er das Leben seiner Tochter geplant habe. Vom Montessori-Kindergarten über die Waldorfschule, über ein Studium an einer Privathochschule, Studienaufenthalten im Ausland bis hin zur Promotion war schon alles festgelegt. Und nun brauchte das Töchterchen nur noch ziel- und leitbildorientiert darauf loszuleben. Möller war daraufhin so verärgert, dass er vorschlug, das Kind dann doch lieber nicht taufen zu lassen, da doch in der heiligen Taufe ein Mensch Christus übergeben würde, der es als sein Eigentum annimmt und alle unseren menschlichen Pläne und Absichten, unser von Jugend auf böses Dichten und Trachten durch-kreuzt. Die Mutter, die bis dahin schweigend zugehört hatte, soll daraufhin erst recht auf der Taufe bestanden haben...

Liebe Gemeinde, hinter allen diesen modernen, zeitgeistigen Phänomenen steckt eine tiefsitzende Ungeduld, die aus der menschlichen Überzeugung stammt: Ich kann es machen. Mein Wille geschehe. Und zugleich entlarvt diese Überzeugung unser verdecktes und gut geschmücktes Misstrauen Gott gegenüber; Gott, als dem Geber aller guten Gaben; Gott, als dem gnädigen und barmherzigen Vater, dessen Wille für uns immer ein guter und gnädiger Wille ist.

So verstanden, ist die Ungeduld nur eine Äußerung der menschlichen Selbstüberschätzung und Überheblichkeit einerseits und seines Unglaubens andererseits.

Deshalb stellt uns der Apostel Jakobus auch das Bild eines Bauern seiner Zeit als Gegenbeispiel zur Ungeduld, also als Beispiel für Geduld vor Augen. Ein solcher Bauer verhält sich wie ein Ruderer, der zwar dem Ziel entgegengeht, aber doch mit dem Rücken zum Ziel gewandt, treu und gelassen in die Arbeit vertieft, die er hier und jetzt und heute zu tun hat. Der Bauer kennt seine Aufgaben, seine Verantwortung und deren Grenzen. Er bereitet den Boden zur Saat vor, er gräbt, pflügt, eggt und düngt. Dann bringt er die Saat aus. Und dann wartet er, sozusagen mit dem Rücken zur Ernte auf den Frühregen und den Spätregen. Und er weiß, dass er darauf keinen Einfluss hat. Er kann nichts beschleunigen und nichts mehr verbessern, wenn er seinen Teil erledigt hat.

Und er würde alles zunichte machen, wenn er sich so verhielte, wie der Bauer aus dem altchinesischen Gleichnis, der voll Neid auf die prächtig gedeihenden Felder seines Nachbarn blickt und von einem Spaßvogel die geheime Information erhält, der Nachbar ginge jede Nacht aufs Feld und zöge die Getreidehalme etwas aus der Erde. So wüchsen sie schneller. Als er das nämlich tat, erwartete ihn am anderen Morgen nicht ein Feld mit um je zwei Zentimeter gewachsenen Halmen, sondern ein Acker mit verwelkten und verdorbenen Schösslingen.

Das Geheimnis dieser Geduld liegt aber dennoch darin, dass der Geduldige ein Ziel, und zwar ein Ziel „im Rücken" hat. „So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn", schreibt Jakobus. Damit ist ja eine bestimmte Frist, eine Zeitspanne genannt, die von der Geduld geprägt sein soll. „Bis zum Kommen des Herrn." Und einen Vers weiter: „Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe."

Es geht also nicht darum, selbst und mit großer eigener Anstrengung den Herrn einzuholen und so zu erreichen. Der Herr ist der Kommende. Das ist einer, der schon auf dem Weg ist, uns entgegen. Und zwar mit Gewissheit und unaufhaltsam.

Beim Rückenschwimmen, liebe Gemeinde, braucht man entweder ein untrügliches inneres Maß, das einem signalisiert: Jetzt noch einen Schlag und dann kommt der Beckenrand und die Wende ist fällig oder, beim Wettkampf, jemanden, der am Beckenrand steht und einem rechzeitig das entscheidende Signale zur Wende gibt. Auf diesen Menschen muss sich der Rückenschwimmer absolut verlassen können, sonst gibt’ eine Beule.

Aber wenn der Schwimmer sich darauf verlässt, dann wird er mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft, sozusagen in blindem Vertrauen durchs Wasser pflügen und gute Chancen haben, die Zögerlichen und Misstrauischen, diejenigen, die sich vorsichtig umsehen, zu überholen und zu gewinnen.

Es geht also hier, wie im Leben eines Christen um diese feste Gewissheit, dass unser Herr kommt, damit wir in diesem Leben mit aller uns geschenkten Kraft tun können, was wir tun müssen.

Ich sagte es schon: Wer so mit dem Rücken zum Ziel, vermeintlich zielvergessen und ziellos scheinbar nur vor sich hinwurstelt, wer immer nur einen Schritt nach dem anderen macht, wer nicht in Hektik verfällt, keine großangelegten Pläne vorweisen kann, keine Leitbilder und Konzepte, weder für sein Leben noch für seine Gemeinde hat, der muss ganz schön gegen den Strom der Zeit schwimmen. Der wird komisch angesehen.

Das, was eigentlich Geduld in Gewissheit ist, steht schnell unter dem Verdacht, Interesselosigkeit, Konzeptlosigkeit oder Faulheit zu sein. Wenn einer sagt: Es gibt nur ein Konzept für den Gemeindeaufbau, und zwar den Gottesdienst, dann muss man sich schon dafür rechtfertigen, warum man nicht das neueste Church-Growth-Programm, noch ofenfrisch aus den USA importiert, für seine Gemeinde übernimmt.

Wer in der Seelsorge den Trostlosen tröstet, weil der ihm gerade vor die Füße gelegt wird und nicht erst einmal eine Zusatzausbildung als Familientherapeut macht, muss sich manchmal anhören, das sei doch nur ein unprofessionelles „Trostpflästerchen". Wer Diakonie so versteht, dass die Kirche aus christlicher Nächstenliebe sich dem in seiner konkreten Not zuwendet, der gerade eine bestimmte Form der Zuwendung braucht, muss sich nicht selten fragen lassen, ob das denn nicht alles nur Tropfen auf den heißen Stein seien, wenn die Kirche nicht daran gehe, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu ändern, die zu solchen Nöten überhaupt erst führen. Ein solches „zielorientiertes Konzept" der kirchlichen Einmischung in die Politik hat der neue EKD-Ratsvorsitzende Huber unmittelbar nach seiner Wahl in Aussicht gestellt.

Das Kommen des Herrn ist nahe. Mit diesem langen Atem, in dieser Gewissheit, dass mit dem Kommen des Herrn alles neu wird, dass dann Gerechtigkeit herrscht, dass Leid und Not und Tränen und Schmerzens- und Todesschreie verstummen und verschwinden werden, bin ich entlastet von dem Zwang, in Ungeduld und mit schlechtem Gewissen, in heilloser Überforderung meiner selbst und anderer scheinbar zielorientiert im Kreis zu paddeln und mich frustriert zu wundern, warum ich damit immer wieder nur bei mir selbst lande.

In Geduld, mit langem Atem tun, was zu tun ist und das Ziel, das nahe Kommen und das Näherkommen des Herrn im Rücken, das lässt unser Leben zu einer gelungenen und gelingenden, einer stillen, aber nicht langweiligen, einer besinnlichen und gerade so nicht besinnungslos hektischen Adventszeit werden. Mein Leben ist geschenkte Zeit bis zum Kommen des Herrn.

Einübung in diese Geduld geschieht durch das Gebet. Das Geduldsgebet schlechthin ist die Zeile aus dem Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute". Das ist das Gebet des Bauern, der für diesen, heutigen Tage aus Gottes Hand erbittet und empfängt, was er heute zum Leben braucht und den morgigen Tag für das Seine sorgen lässt. Amen.