Predigt

(Pastor Gert Kelter am 1. Advent 2003)

Mit Christus überkleidet

Seid niemandem etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.
Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt. (Römer 13,8-14)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

vor langen Jahren, ich war wohl noch Schüler, lief im Fernsehen ein mehrteiliger Film unter dem Titel „Ein Stück vom Himmel". Der Film handelte vom Schicksal eines jüdischen Mädchens in Polen in der Zeit des Nationalsozialismus, das nur deshalb ihrer Ermordung entging, weil es Unterschlupf in einem Kloster fand, dort zum christlichen Glauben kam, getauft und von den Nonnen versteckt wurde. Mich hat damals eine ganz bestimmte Szene zutiefst beeindruckt: Die Nonnen impften ihren Internatszöglingen ein, abends immer ein reines Nachthemd anzuziehen und auf dem Rücken liegend, mit auf der Decke gefalteten Händen einzuschlafen. Warum? Es könnte ja sein, lautete die Begründung, dass man diese Nacht noch sterben würde und dann solle man doch Christus in angemessener Weise gegenüber treten.

Ich muss zugeben, dass ich auch heute noch durch dieses Bild berührt werde.

Diese selbstverständliche, gelassene Bereitschaft, dieses Leben hinter sich zu lassen und bei Christus zu sein, diese aufmerksame Wachsamkeit – das lässt mich nicht kalt.

Wenn man diese Gedanken in einen größeren Zusammenhang bringt, könnte man fragen: Wie würde ich eigentlich leben, wie mich verhalten, wenn ich mit Bestimmtheit wüsste, dass Christus nicht nur irgendwann, sondern dass er, sagen wir einmal übernächstes Jahr an einem ganz bestimmten Tag, dessen Datum ich sogar kenne, wiederkommt.

Ich könnte mir vorstellen, dass viele sich ganz ähnlich verhalten würden wie manche Menschen, wenn sie von einer unheilbaren Krankheit erfahren. Sie würden große Reisen unternehmen, tun oder lassen, was sie bisher nicht durften oder konnten. Einige würden vielleicht regelrecht über die Stränge schlagen, andere in eine „ist-mir-doch-jetzt-alles-egal" Lethargie verfallen.

Nun ist es aber so, liebe Gemeinde, dass wir zwar nicht wissen, wann Christus wiederkommt; aber wissen, dass er wiederkommt. Und wir wissen und müssen davon ausgehen, dass er heute nacht wiederkommen kann oder in einer Stunde. Mit anderen Worten: Wir sind als Christen genau in der Situation, die ich eben beschrieben habe, mit dem kleinen, wirklich ganz kleinen Unterschied, dass wir die genaue Stunde nicht kennen. Klein ist der Unterschied, weil es durchaus diese Stunde noch sein kann.

Und jetzt richte ich die Frage an uns, weil sie uns ja betrifft: Wie leben wir eigentlich mit diesem Wissen, dass der Herr wiederkommt, dass dieses Universum endlich und vergänglich ist, dass wir einem Gericht und einer Neuschöpfung entgegenleben? Wie verhalten wir uns? Verhalten wir uns eigentlich anders, als wir es täten, wenn wir dieses Wissen nicht hätten?

Bei den Christen in Rom brauchte der Apostel Paulus damals nicht einen so langen Predigtanlauf, um ihnen diese Frage zu stellen. Diese Christen waren nämlich noch felsenfest davon überzeugt, nicht nur eventuell, sondern mit Sicherheit zu denen zu gehören, die die Wiederkunft Christi noch als irdisch Lebende erleben würden.

Und was sagt der Apostel? Einen Vers vor unserer Epistel sagt er: „So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt. Seid niemand etwas schuldig."

Das heißt nichts anderes als: Lebt als anständige, ordentliche Bürger, die sich an die Gesetze halten. Hinterzieht keine Steuern, seid auch korrekt in kleinen Dingen; bleibt keinem Menschen Respekt und Achtung schuldig.

Etwas banal, ja sogar etwas spießig und langweilig klingt das. Aber dahinter steckt die Überzeugung: Es könnte ja sein, dass es keine Gelegenheit mehr gibt, Schulden zu begleichen, Unrecht wieder gut zu machen, schuldig gebliebenen Respekt mit einer Entschuldigung doch noch zu zollen. Es könnte ja sein. Lebt also so, dass ihr wenigstens in den weltlichen, alltäglichen Dingen ein gutes Gewissen haben könnt, dass ihr gerade, aufrecht, unverbogen vor euren Herrn treten könnt.

Warum klingt das denn zum Beispiel in meinen Ohren etwas spießig, was der Apostel hier sagt? Wahrscheinlich doch wohl, weil ich auf dem einen oder anderen Konto ein Minus habe und ich mir vielleicht auf die eine oder andere Unkorrektheit, die ich als Großzügigkeit oder Cleverness auslege, noch etwas einbilde und damit kokettiere.

Nun gut, in den weltlichen Dingen des Alltags, die durch klare, einhaltbare Vorschriften geregelt sind, kann ein Mensch tatsächlich ein hohes Maß an Anständigkeit und Korrektheit an den Tag legen. Und das könnte ihn dazu verleiten, sich deshalb auch für durch und durch anständig, ja geradezu für fromm und christlich zu halten.

Aber Paulus wehrt dieses selbstgerechte pharisäische Getue sofort ab. „Seid niemand etwas schuldig, „schreibt er, „außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt."

Das heißt: Dass wir uns untereinander lieben, dass wir nicht nur aus Anstand oder Angst vor Strafe nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, nicht begehren, sondern aus reiner und dankbarer Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen, das wird uns nicht vollkommen gelingen. Da bleiben wir Schuldner. Unser Leben lang. Und als Schuldner werden wir in diesem Leben und im Gericht bei der Wiederkunft Jesu Christi vor unserem Herrn stehen.

Und dennoch: Dass uns das nicht vollkommen gelingen wird, ist keinerlei Ausrede dafür, dass wir’s nicht beginnen. Da seid bloß ganz vorsichtig, sollten euch solche Gedanken kommen.

Paulus sagt ganz deutlich: „Das tut!" Und zwar, weil wir die Zeit erkennen und wissen, dass die Stunde da ist. Also müssen wir es doch auch tun können. Warum sonst hätte Paulus dazu aufgefordert? Nur um uns in unsere Grenzen zu weisen? Oder fromm gewendet. Um uns unser Versagen, unsere Schuld vor Augen zu stellen, damit dann umso eiliger zu Christus und seiner Vergebung fliehen? So hat man diese Aufforderungen zur Liebe im Neuen Testament immer wieder verstanden. Aber dieses Verständnis ist falsch.

Der Apostel stellt seine Aufforderung zur Liebe nämlich auf eine Grundlage, indem er den Christen in Rom ganz beiläufig, aber auch ganz bewusst eine Zeile aus einem damals üblichen Tauflied ins Gewissen singt: Steht auf vom Schlaf und zieht an den Herrn Christus.

Dahinter steht die Vorstellung, dass der Ungetaufte wie ein Hypnotisierter ist, der jetzt, in der Taufe aus dem Todesschlaf der Sünde und Gottlosigkeit erweckt wird und Christus anzieht, mit Christus und seiner Gerechtigkeit überkleidet wird und damit „in Christus" ist. Ein neuer, ein wiedergeborener Mensch.

Daran erinnert Paulus seiner Römer und sagt ihnen: Euer Heil ist euch jetzt doch schon wieder um Jahre näher gerückt als zu dem Zeitpunkt, als ihr getauft wurdet. „Die Nacht dieser vergehenden Welt ist schon vorgerückt und der Tag der Wiederkunft, der Morgen der Neuschöpfung ist näher herbeigekommen."

Ihr seid getauft. Ihr seid in Christus und in seiner Liebe. Und in dieser Liebe könnt ihr anfangen aus Gegenliebe, aus Dankbarkeit, nicht unter ständiger Überwindung bei jeder Kleinigkeit, sondern mit selbstvergessener Freude und ohne groß darüber nachzudenken dem Nächsten nichts Böses zu tun.

Brüder und Schwestern, das sagt Paulus seinen Gemeindegliedern in Rom nicht vorbeugend, sondern offensichtlich aus ganz konkreten Anlässen. „lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht." Paulus zeigt mit diesen Beispielen nicht auf die bösen Heiden und warnt nur davor, nicht wieder in solches Verhalten zurückzufallen, sondern er redet zu solchen, die sich immer noch, trotz ihres Getauftseins, trotz ihres Glaubens, trotz ihres Wissens um die baldige Wiederkunft des Herrn so verhalten. Er schildert dabei übrigens ganz realistisch, was ein heidnischer Autor vom Christenverfolger Kaiser Nero mitteilt: Wenn es Nacht wurde, begab sich der Kaiser zu vornehmen Gesellschaften, bei denen Fress- und Saufgelage veranstaltet, Orgien gefeiert wurden und man sich meist am Ende in Zank und Streit und Schlägereien befand.

Also: Nicht wie in der Nacht, sondern wie am Tage sollen die Christen leben.

Die Aufzählung dieses Finsternis-Verhaltens ist auffällig: Psychologisch scheint mir jede einzelne Verhaltensform, auch in vielleicht salonfähigerer und abgeschwächter Form eine typische Reaktion auf Enttäuschung und Frust, auf Perspektivlosigkeit und Langeweile zu sein.

Die einen geraten in ein Sucht- und Betäubungsverhalten, die anderen in ein extremes Genussverhalten, wieder andere werden nörgelig, streitsüchtig und zänkisch.

Waffen des Lichtes braucht der Christ gegen solche Werke der Finsternis. Und die beste Waffe ist die Hoffnung und der Glaube, dass Christus wiederkommt, dass diese Welt und dieses Leben nicht alles ist, dass ich hier nichts verpasse, dass ich nicht zu kurz komme, Gott, der Vater, mir nichts vorenthält oder missgönnt. Und zwar ganz grundsätzlich und ganz gleich, wie mein Leben konkret aussieht.

Dann habe ich nämlich Zeit. Ich habe alle Zeit, die Gott mir in meinem Leben schenkt oder die er dieser Welt noch lässt. Und in dieser Zeit kann ich jeden Tag genau das tun, was ich tun muss, was getan werden muss. Und dann ist auch noch Zeit zum Feiern, zum Ausruhen, zum Fröhlichsein, zum Genießen der Schöpfung und ihrer Gaben. Und immer noch ist viel Zeit, die ich Gott loben und danken kann, in der ich im Gottesdienst sein Wort hören und vor ihm still sein kann. Und ich verpasse nichts und habe alles, was ich brauche. Und wenn heute nacht meine oder diese Zeit überhaupt abläuft, dann bin ich niemandem etwas schuldig geblieben, auch mir nicht. Außer der vollkommenen Liebe. Und dafür brauche ich einen gnädigen Richter, der mich aus Barmherzigkeit freispricht. Aber weil ich dessen gewiss bin, kann ich jeden Abend ruhig einschlafen. Und wenn Christus diese Nacht wiederkommt, dann ist das gut. Amen.