Predigt

(Pastor Gert Kelter am 17. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Gott gegen Gott glauben

Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.
Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen denn sie schreit uns nach.
Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäus 15,21-28)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

im Gemeindebrief einer landeskirchlichen Gemeinde Hannovers fand ich folgenden Artikel unter der Überschrift „Kult-Event-Kirche":

<In der (soundso-)Kirche wird es ab dem 1. Advent einmal im Monat einen Abend geben, der von liturgisch-spirituellen („Kult") und kulturell-erlebnisorientierten („Event") Anteilen geprägt ist. „Einen Augenblick in der Ewigkeit innehalten" und so von der Leichtigkeit wie der Schwere unseres Lebens etwas erfahren, das ist ein Leitmotiv der Veranstaltungsreihe.(...) Der Programm-Bogen am Abend: Um 18 Uhr wird zum Hauptgottesdienst des Sonntags eingeladen, am Vormittag ist dann in der (soundso-)Kirche kein weiterer Gottesdienst. Durch die kompakte 45-Minuten-Liturgie führen eine Moderatorin und ein Liturg. Musik, die das Konzert des Abends prägt, wird auch in der Liturgie vorkommen. Die Wortbeiträge sollen von Menschen kommen, die auch sonst die Diskussion im öffentlichen Leben von Kultur und Politik mitgestalten. Nach dem Gottesdienst gibt es die Möglichkeit zur Begegnung bei „Brot und Wein", bevor sich ein 90-minütiges Kulturprogramm anschließt. Gegen 20.45 Uhr schließt der Abend mit dem Abendsegen als „Licht der Welt", wie es auch im Christus-Pavillon an jedem Abend geschehen ist.>

Liebe Gemeinde, es handelt sich hierbei nicht um ein besonderes, zusätzliches Angebot, sondern um den regelmäßig einmal im Monat stattfindenden Hauptgottesdienst einer Kirchengemeinde. Kult und Event, ein Programm, eine Moderatorin, Wortbeiträge von Schauspielern und Dichtern anstelle der Predigt, gemütliches Beisammensein bei Brot und Wein im Anschluss statt der Feier des Hl. Abendmahles, Obertonmusik und Blues als musikalischer Rahmen.

Ganz eindeutig sollen damit Menschen in die Kirche gelockt werden, die zu einem Gottesdienst nicht kämen. Menschen, die auch sonst „kultige" Veranstaltungen gut finden und immer auf der Suche nach einem neuen Event sind.

Man könnte nun fragen: Ist das nicht die konsequente Fortsetzung der Menschwerdung Gottes, der sich uns Menschen so sehr anpasst, sosehr auf unsere Augenhöhe kommt, sosehr auf uns zu- und uns nachgeht, dass er ganz und gar Mensch wird wie wir, dass er völlig eintaucht und aufgeht in unserer Zeit und Welt? Ist nicht der Gottesdienst grundsätzlich der Ort, an dem Gott den Menschen dient mit dem, was die Menschen suchen, was sie verstehen können, wodurch sie sich so angesprochen fühlen, dass sie an ihn glauben können?

Brüder und Schwestern, sehen wir uns einmal unter diesen Fragestellungen das Evangelium dieses Sonntags genauer an:

Jesus überschreitet die Grenze seines Heimatgebietes und zieht sich zurück in die Gegend von Typus und Sidon. Das ist alt-kanaanäisches Siedlungsgebiet. Dort hatte der Prophet Elia mit den Baalspriestern gestritten. Und dort hat sich der altheidnische Fruchtbarkeitskult der Baale erhalten. Der Glaube an den einen Gott Israels war dort nicht verwurzelt und nicht zuhause. Aber die Nachricht von Jesus von Nazareth hatte sich in dem kleinen Land Israel auch ohne moderne Kommunikationsmittel schnell verbreitet. Eine kanaanäische Frau, deren Tochter von einem Dämon geplagt wurde, hatte auch von ihm gehört. Sie heftet sich Jesus und seinen Jüngern an die Fersen und schreit um Hilfe. Aus dem, was sie ruft, wie sie Jesus anredet, wird deutlich, dass sie ihn als den Messias der Juden, als den Erlöser Israels anruft: „Ach Herr, Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Kyrios, Herr, nennt sie Jesus. Kyrios, das ist die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes adonaj, Herr. Das ist der Titel Gottes, dessen Namen „jahweh" die Juden nicht aussprechen dürfen, um ihn nicht zu entheiligen.

Und „Sohn Davids" ist ein Messiastitel. „Hosianna, Davids Sohn kommt in Zion eingezogen", so werden wir es im Advent, in der messianischen Erwartungszeit des Kirchenjahres bald wieder singen.

Von Jesus heißt es nach der Schilderung des inständigen Flehens der Frau: „Und er antwortete ihr kein Wort."

Liebe Gemeinde, dieses Christusbild, dieses Gottesbild ist uns fremd geworden: Da fleht ihn ein Mensch in einer großen irdischen Not an und Gott schweigt. Er lässt sich nicht herab zu antworten, er funktioniert nicht als Gebetsautomat und hilft nicht. Er ist nicht der Diener der Menschen, sondern der Herr. In göttlicher Freiheit, Souveränität, Heiligkeit und Herrlichkeit.

Dieses Bild ist uns fremd geworden. Aber es handelt sich eben nicht nur um ein Bild, sondern um eine Seite der Selbstoffenbarung Gottes und die entspricht auch unserer Gotteserfahrung. Gott schweigt und antwortet nicht. Unsere Bedürfnisse scheinen ihn nicht zu interessieren.

Interessant ist die Reaktion der Jünger. „Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Das wird häufig so verstanden, als wollten die Jünger Jesus dazu bewegen, die lästige Frau wegzuschicken. Man kann das auch so übersetzen. Dann hätten wir eine ähnliche Situation wie vor der Kindersegnung, als die Jünger die Mütter davon abhalten wollten, mit ihren Säuglingen zu Jesus zu kommen, damit der sie segne. Aber in dem Zusammenhang unseres Abschnittes heißt „Lass sie gehen" soviel wie „Stell sie zufrieden, gib ihr, was sie will, denn sie schreit uns nach", also in dem Sinne von „Befriedige ihre Bedürfnisse, damit sie aufhört, zu schreien". Vielleicht steckt auch dahinter: Tu, was sie will, damit sie sieht, dass du der bist, für den sie dich hält.

Aber Jesus gibt nicht nach; er passt sich nicht an; er bleibt, wer er ist: Der Herr. Er sagt, was er sagen muss und nicht was die Frau oder die Jünger hören wollen, nämlich: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel."

Liebe Schwestern und Brüder, warum bleibt Jesus so hart und unnahbar? Das wäre doch die Chance für einen kultigen Event nach dem Motto: „Kommt alle her zu mir, ich befriedige eure Bedürfnisse ohne Wenn und Aber, ohne Hürden und Schwellen."

Aber Jesus reagiert exklusiv, das heißt „ausschließend". Er tut nicht, was die heidnische Frau von ihm will und sagt nicht, was sie hören will. Und im übrigen auch nicht das, was die Jünger für angebracht halten, um ihr und sein Ansehen in der heidnischen Gesellschaft zu stärken. Er will nicht einer der vielen kanaanäischen Baale sein, die unter dem Heidenlärm der Menschen formbar und ihnen zu Willen sind.

Nur für die verlorenen Schafe des Hauses Israel, also für die, die den einen und wahren Gott Israels kennen und anerkennen, aber noch blind sind für das Heil und die Erlösung, die ihnen der Sohn Gottes bringt, nur zu denen ist er gesandt.

Aber die Frau lässt nicht locker. Sie kehrt nicht beleidigt und frustriert um und wendet sich wieder einem ihrer kanaanäischen Götzen zu. Sie schimpft nicht auf den arroganten Jesus und die verknöcherte Kirche. Sie reagiert nicht so wie die Menschen, die so gut wie nie eine Kirche von innen sehen und dann, weil sie geheiratet haben, ein Kult-Event als dekorative Umrahmung ihres Familienfestes von der Kirche einfordern und beleidigt sind, wenn die Kirche ihren Forderungen nicht entspricht.

Die Frau reagiert ganz anders: Sie fällt vor ihm nieder und wiederholt ihre Bitte: Herr, hilf mir!

Dieses Niederfallen, gemeint ist ein Niederfallen der Länge nach, das Gesicht im Staub, ist der tiefste Ausdruck der Selbsterniedrigung und der Anbetung Gottes. Der Mensch als der Knecht Gottes, als „armer, elender, sündiger Mensch".

Müsste nicht wenigstens jetzt der, der sich als der Knecht Gottes versteht, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen, müsste sich der jetzt nicht barmherzig der im Staub liegenden Frau zuwenden, sie liebevoll aufrichten und ihr endlich helfen, also ihr ein Diener und Knecht werden, wie er es in anderen Fällen so oft getan hat?

Er tut es nicht. Er sagt: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde."

Da ist nichts von kultigem Beisammensein mit Brot und Wein für alle, die dazu Lust haben. Das Brot ist den Kindern vorbehalten. Die im Staub liegende Frau in ihrer Not und Sorge um die von Dämonen gequälte Tochter zählt Jesus unter die Hunde.

Liebe Gemeinde, was erwartet Jesus denn noch von der armen Frau? Sollte er nicht froh sein, dass Menschen, sogar Heiden, sich in seinen Dunstkreis begeben und sich überhaupt für ihn interessieren? Aber offensichtlich geht es Jesus nicht darum, irgendwelche Menschen mit irgendwelchen Mitteln in seinen Dunstkreis zu locken. Er will etwas anderes.

Die Antwort der Frau zeigt, was das ist. Sie fängt Jesus mit seinen eigenen Worten, sie beruft sich auf sein Wort, gibt ihm recht, stimmt ihn zu und sagt: „Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen."

Sie greift das von Jesus verwendete Bild vom Brot auf, das eigentlich nur den Söhnen und Töchtern des Hauses zusteht. Und dann bezieht sie dieses Brotwort auf die Brotbrocken, mit denen sich die Gäste am Tisch des Herrn nach der Mahlzeit, die man mit den Fingern einnahm, die Hände sauber wischten, um diese gebrauchten Brocken dann auf die Erde zu werfen, wo sie die Hunde des Hauses fraßen.

Sie gibt Jesus in allem recht. Sogar in dem Vergleich mit den Hunden. Ja, sagt sie, ich gehöre nur zu den Hunden. Ich bin nicht wert, dass ich am Tisch des Herrn sitze. Aber ich bin ein Hund im Haus des Herrn. Und das ist dasselbe Haus, zu dem auch die verlorenen Schafe Israels gehören. Und auch diese Hunde brauchen die Zuwendung des Herrn. Auch diese Hunde leben von der Barmherzigkeit des Herrn, die in Gestalt der Brotbrocken unter den Tisch fällt und sie ernährt.

Dreimal verweigert sich Jesus und sagt: Für dich bin ich nicht da. Dreimal gibt die Frau ihm recht und bittet dennoch und trotzdem: Sei auch für mich da.

Sie hält an Gott gegen Gott fest. Sie gibt Gott recht, der sie ins Unrecht setzt. Sie unterwirft sich bedingungslos dem Christus, den sie als Messias, als einzigen und alleinigen Heilsbringer anerkennt. Und sie pocht auf das Wort des Herrn, beruft sich darauf, klammert sich daran, erkennt darin den Herrn in seiner Autorität und seiner Heiligkeit an.

Sie akzeptiert, dass Christus sich nicht für sie zur schillernden Hure macht, der es allen, die nur das Eine, nämlich die Befriedigung ihrer zeitlichen Bedürfnisse von ihm wollen, recht macht. Sie akzeptiert, dass Christus nur der leidende Gottesknecht für die Welt sein kann, wenn er zugleich der Herr und König der Welt bleibt. Das ist Glaube. Das heißt glauben.

Glauben ist nicht das suchende, ziellose Fragen des Heiden Pilatus: Was ist Wahrheit? Glauben heißt: Bedingungslos und in einem durch nichts zu erschütternden Vertrauen auf Christus anzuerkennen: Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben.

So steht Christus auch vor Pilatus: Als der geschundene, verhöhnte, gefolterte und verachtete Knecht Gottes und doch als der König Israels und der Herr der Welt. Gott gegen Gott glauben. So hat Abraham Gott geglaubt, so hat Maria Gott geglaubt.

Und als die kanaanäische Frau so gegen Gott Gott in Christus glaubt, sagt ihr Jesus: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde."

Gott gegen Gott glauben, das heißt: An ihm und seinem Wort festhalten, auch wenn keine Antwort kommt, wenn dieses Wort mich nicht bestätigt, sondern in Frage stellt und unter das Gericht stellt, wenn kein leuchtendes Angesicht Gottes zu sehen ist, wenn ich die Nähe Gottes nicht spüre und erfahre, wenn alles dagegen zu sprechen scheint, dass Gott mein Helfer sein will.

Kein Kult und kein Event beenden dieses Beispiel einer Glaubenserprobung. Die Heilung wird zur Nebensache. Aber das Heil und der Heiland überstrahlen alles.

Liebe Brüder und Schwestern, diese Geschichte hat der Herr der Kirche der Kirche in ihr Stammbuch, ins Neue Testament geschrieben.

Die werdende Kirche damals in Gestalt der Jünger wollte von Jesus, dass er die Frau zufrieden stelle und sie gehen lasse. Tu dein Wunder, gib ihr, was sie zu brauchen meint, dann ist sie zufrieden und wird dich loben und preisen und dein Ansehen unter den Heiden Kanaans stärken. Jesus hat daraus etwas anderes gehört und darum auch widerstanden, nämlich: Mache dich zur Hure der Menschen und sei ihnen zu Willen. So haben Teile der Kirche zu allen Zeiten der Kirchengeschichte immer wieder gedacht: Wir müssen uns anpassen, uns den Menschen unserer Zeit gemein machen, die Zeichen der Zeit erkennen, mit der Zeit gehen. Die Methode ist dieselbe geblieben, bis heute, wenn auch die Inhalte gewechselt haben. Wohin das auch führen kann, wenn sich die Kirche mit der Mehrheit der Menschen ihrer Zeit gemein macht, zeigt das Dritte Reich und das Verhalten der Deutschen Christen damals.

Man wollte nicht zum alten Eisen gehören, man wollte dazugehören und dabei sein, anerkannt und geachtet, als wichtiges Element der Gesellschaft ernst genommen werden.

Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche hat sich, um dieser Gefahr nie zu erliegen, darum diesen Satz in ihre Grundordnung geschrieben: „Die Kirche bezeugt Jesus Christus als den alleinigen Herrn der Kirche und verkündigt ihn als den Heiland der Welt." Amen.