Beichtrede

(Pastor Gert Kelter am 15. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Sorgen ist gottlos

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,7)

 

Liebe Beichtgemeinde,

Ist uns bewusst, was Jesus meint, wenn er im heutigen Evangelium sagt: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: „Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach all dem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen."

Das heißt, in Kürze zusammengefasst: Sorgen ist gottlos.

Ein hartes Wort ist das, das wir nicht gerne hören. Was soll daran heidnisch, also gottlos sein, wenn ich mir Gedanken um meine Zukunft mache und dafür sorge, dass ich in dieser Zukunft mein Auskommen habe?

Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass die, die ihm nachfolgen, selbstverständlich Bedürfnisse haben und dass solche Bedürfnisse auch berechtigt und an sich keineswegs heidnisch und gottlos sind. „Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft."

Was ist also das Gottlose am Sorgen?

Nehmen wir einmal den häufig zu hörenden Satz: Wenn jeder nur für sich selbst sorgt, dann ist doch für alle gesorgt.

Das klingt ganz humorvoll und man muss sich auch als Christ nicht künstlich das Lächeln oder Lachen verkneifen, wenn man ihn hört. Aber dieser Satz ist letztlich die Legitimation für den totalen Egoismus. Jeder sorgt nur für sich. Jeder stellt sich und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt seiner Sorge. Und jeder macht sich selbst zu seinem eigenen Gott, der anstelle des himmlischen Vaters die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse gewährleistet.

Dabei kommen zwei Blickrichtungen völlig aus dem Blick:

1. Meine Mitmenschen und ihre Bedürfnisse.

Wo die Sorge um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse im Mittelpunkt steht, sind die Bedürfnisse aller anderen Menschen gleichgültig. Auch wenn ich mich „Christ" nenne und sogar regelmäßig bete, und bete dann aber nur für meine Anliegen, meine Sorgen, meine Bedürfnisse, dann klammere ich die Bedürfnisse und Nöte der anderen aus. Es sage niemand, dass es ein solches egoistisches, ein solches heidnisches und damit gottloses Beten von Christen nicht gebe. Das gibt es und das wird besonders dann deutlich, wenn ich nicht nur diejenigen aus meinen Gebeten ausschließe, die Sorgen und Nöte haben, sondern auch die, die mir Sorgen und Nöte, also auch Ärger und Schwierigkeiten machen. Das ist nämlich die Probe aufs Exempel.

Und auch in der Gemeinde und in der Kirche kommt es zur Nagelprobe, wenn meine geistliche Mitverantwortung gefragt ist und ich aus Sorge um mich selbst, meine Bedürfnisse, meine Bequemlichkeit, meine Zeit, meine Eigeninteressen zur Übernahme von Fürsorge für das Ganze nicht bereit bin.

Dann bin ich Gefangener meiner Sorge, an der ich festhalte, die ich nicht loslassen will und die mich darum im Griff hat und nicht loslässt.

2. Aus dem Blick kommt dann auch der „himmlischen Vater", wie Jesus sagt, Gott selbst.

Denn der will uns ausdrücklich vom Sorgengeist befreien und als unser Fürsorger uns die Last des Sorgens abnehmen, damit wir frei werden für IHN und für unsere Mitmenschen. Für IHN und für seine Kirche.

Solange wir ihm nicht zutrauen, dass er das will und auch kann, solange wir ihm misstrauen, dass er unsere Bedürfnisse vernachlässigt oder uns nur missbraucht, ausbeutet, auslaugt, solange setzen wir uns selbst an Gottes Stelle. Und das zeigt das ganze Ausmaß der Gottlosigkeit, des Heidentums, in das uns das Sorgen stürzt.

Die Sorge oder besser: der Sorgengeist verbreitet Angst. Wo ich meine, für mich alleine sorgen zu müssen, habe ich Angst, diese Aufgabe nicht zu bewältigen. Ich will Kontrolle über mein Leben, über meine Mitmenschen, über mich selbst behalten und erlebe doch immer wieder, dass das nicht gelingt. Dann bekomme ich Angst und aus Angst verstärke ich die Kontrolle und verbreite Angst. Am Ende steht eine Lebensatmosphäre, die mit dem Begriff „Heidenangst" gut beschrieben ist. Ganz wichtig: Diese gottlose Heidenangst kann sich sehr fromm verkleiden. Etwa da, wo ich in Sorge um das Seelenheil anderer Menschen lebe, wo ich in dauernder Angst bin, weil diese Menschen vordergründig und über lange Zeiträume keinen Zugang zum Glauben zu finden scheinen und ich einerseits darüber klage und jammere, Mitleid erheische, für tieffromm gehalten werden möchte und andererseits Druck ausübe, durch mein sorgenvolles Gesicht, meine Seufzer und hilflosen Bekehrungsversuche diese Menschen, aber letztlich eben auch Gott selbst unter moralischen Druck setze: Seht, wie ihr mir Sorgen macht; tut endlich, was ich für euer Seelenheil so dringend erforderlich halte. Oder eben auch: Sieh doch, Gott, wie du mich mit Sorgen über meine Lieben und ihre Seelen belastest. Handle doch endlich so, wie ich das für richtig halte.

Das Sorgen, das Gott und den Mitmenschen aus dem Blick verliert, ist Misstrauen gegenüber Gottes gutem und gnädigen Willen für mich und darin Ausdruck von Gottlosigkeit, also Sünde.

Jesus Christus will, dass wir die Wurzel der Sorge aus unseren Herzen reißen und das ganze giftige Sorgengewächs auf ihn werfen. Weil wir für uns nicht sorgen können, wenn wir nicht Gott für uns sorgen lassen. Weil wir nicht frei sind für Gott und die Welt, wenn uns die Sorge gefangen hält. Weil wir nicht einmal offen sind für Gottes Befreiungswort, für seine Lossprechung von allen Sünden, wenn wir daran zweifeln, dass er allein und sonst niemand für uns sorgen kann.

Die christliche Sorglosigkeit ist die erste und wichtigste Frucht des Glaubens, noch vor allen guten und sichtbaren Werken der Liebe, weil solche Werke der Liebe erst getan werden können, wenn diese heitere und Gott vertrauende Sorglosigkeit in meinem Leben Gestalt gewonnen hat. Dann brauche ich ja nicht mehr für mich zu sorgen und kann mit Herzen, Mund und Händen für die mitsorgen, die meine Hilfe, auf welche Weise auch immer, benötigen. Dann muss mein Gebet auch nicht mehr um mich und meine Bedürfnisse kreisen, sondern kann frei werden für die andächtige und dankbare Betrachtung der Gnade und Barmherzigkeit Gottes in meinem Leben und für die Nöte der Menschen, die mich umgeben.

Lasst uns nun in der Stille Gott für seine bisherige Treue und Sorge danken. Lasst uns ihm bekennen, dass wir in unseren Sorgen gefangen sind und ihn bitten, uns davon zu befreien! Amen.