(Christenlehr-) Predigt

(Pastor Gert Kelter am 15. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Geistliche Mitverantwortung der Gemeindeglieder

Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.
Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte.
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen
und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden. (Apostelgeschichte 2,42+44-47)

 

Liebe Gemeinde!

Mit diesen Worten wird in der Apostelgeschichte nicht nur einfach das Leben der ersten Kirche, sondern auch ein geistliches Klima, eine geistliche Atmosphäre beschrieben.

Sie ist in der griechischen Sprache gekennzeichnet durch den Begriff koinwnia, Gemeinschaft oder besser vielleicht: gegenseitige Anteilhabe.

Die Gemeinde ist in diesem biblischen Urbild also keine Interessengemeinschaft, kein Zweckverband und kein Verein, in dem man, wenn man das Bedürfnis danach hat, einen Teil seiner Freizeit verbringt oder weltanschaulich Gleichgesinnte trifft. Nicht die Einzelnen mit ihren ganz individuellen Bedürfnissen bilden also in der Summe aller Einzelner schließlich die Gemeinde, sondern die Gemeinde, die Kirche ist eine koinwnia und tritt auch so in Erscheinung, das andere, Außenstehende diese geistliche Gemeinschaft wahrnehmen.

Ein anderes biblisches Bild, das ebenfalls diese Atmosphäre, dieses Klima gut wiedergibt, ist die Bezeichnung der Kirche als ‚Leib Christi’, an dem alle Getauften Glieder und Christus das Haupt ist. Und diese Glieder haben nun wiederum koinwnia, Gemeinschaft untereinander. Die wirkt sich dann so aus, dass alle leiden, wenn ein Glied leidet und alle sich mit freuen, wenn ein Glied geehrt wird. Paulus sagt: Gott hat den Leib zusammengefügt, (...) damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. (1. Kor 12)

Aus dieser biblischen Vorgabe wird deutlich, was es heißt, dass alle Glieder der Gemeinde füreinander und für ihre Kirche und Gemeinde geistliche Verantwortung übernehmen.

Es kann dem Bein nicht egal sein, wenn es einem Arm schlecht geht. Der Zeigefinger kann nicht gleichgültig bleiben, wenn der Daumen etwas benötigt. Nur wenn alle Glieder am Leib sich als Teil des Ganzen erkennen und das Ganze in den Mittelpunkt stellen, kann der Leib gesund und einmütig und funktionsfähig bleiben.

An einem solchen Leib gibt es keine aktiven und passiven Glieder wie in einer politischen Partei oder einem Fußballverein. Man kann in der Kirche nicht lebendiges Glied sein und bleiben, indem man nur seinen Kirchenbeitrag bezahlt und ansonsten unsichtbar und taten- und gedankenlos daneben steht. Und man kann auch nicht als Zeh damit zufrieden sein, dass der rechte Arm hervorragend funktioniert und sich aus seiner Verantwortung als Zeh verabschieden. Wenn nämlich alle Glieder für sich denken: ‚Ich bin zu alt’, oder ‚Mir fehlen die Gaben und Talente’, oder ‚Ich bin zu beschäftigt’, oder ‚Beruf und Familie gehen vor’, oder ‚Ich habe gerade nicht das Bedürfnis nach Kirche und Gemeinde’, dann kann der Leib nicht als koinwnia, als Gemeinschaft funktionieren und wird am Ende zu einem „einarmigen Banditen." Irgendwie läuft dann zwar noch etwas, aber doch so, dass der Kirchenvorstand und der Pastor und einige sehr engagierte Mitarbeiter immer den Eindruck haben, sie müssten als Bittsteller in eigener Sache um die eine oder andere Handreichung bitten und danach persönlich sehr dankbar dafür sein, wenn sich dann vielleicht wirklich der eine oder die andere geradezu erbarmt und an einem Punkt mithilft, mitdenkt, mitarbeitet.

Das führt aber dazu, dass die wenigen, die das Ganze im Blick haben, auf die Dauer ausgelaugt, überfordert und müde werden und irgendwann an ihre Grenzen gelangen, wo sie dann auch zu der Meinung kommen: Jetzt muss ich mal an mich, an meine Bedürfnisse, an meine Freizeit, an meinen Beruf, an meine Familie denken.

Und dann entsteht eine Atmosphäre, ein Klima, das ganz anders ist als das, was in der Apostelgeschichte beschrieben wird.

Keine einmütige Gemeinschaft, keine Beständigkeit, keine Freude mit lauterem Herzen, kein Wohlgefallen beim ganzen Volk, weil ‚das Volk’ so etwas merkt, und kein Hinzufügen neuer Glieder in den Leib Christi.

Geistliche Verantwortung lässt sich nicht gesetzlich befehlen. Sie kann immer nur Folge der Dankbarkeit für die eigene Erlösung, Folge der Freude an Christus und seiner Kirche sein.

Und diese haben ihre Quelle im befreienden Wort Gottes, nirgendwo anders.

In dem Wort „Verantwortung" steckt „Antwort" und darin wiederum „Wort". Es ist Christus selbst in seinem Wort, der in die geistliche Verantwortung ruft. Nicht nur das: Der uns Menschen durch dieses Wort Glauben schenkt, durch dieses Wort den Heiligen Geist und in diesem Geist die Fähigkeit zur Ant-Wort. Das Wort Gottes ist nicht „unwiderstehlich", sagt man in der Theologie. Das heißt: Ein Mensch kann dazu Nein sagen, kann sich dem Wort und seiner befreienden Gnadenwirkung verschließen. Wirkung hat das Wort aber immer. Wo es mit seiner Gnade abgewiesen wird, entfaltet sich die Macht des Gesetzes und führt zur Verhärtung. In der Sprache der Bibel nennt man das „Verstockung".

Das Gnadenwort von der lebendigen Kirche Jesu Christi muss gepredigt werden und wird ja auch reichlich gepredigt, damit Menschen selig werden.

Wenn einer ein Schiff bauen will, kann er mühsam von einem zum anderen laufen und ihn darum bitten, ein Segel zu nähen, Planken zu zimmern, einen Anker zu schmieden u.s.w.

Besser täte er daran, den Schiffsbauern eine Vision von der Freiheit und der Weite des Meeres vor Augen zu stellen und damit in den Menschen Sehnsucht zu wecken. Diese Real-Vision vom heiligen Bau der Kirche, der geprägt ist von Gemeinschaft, Einmütigkeit, geistlicher Verantwortung und Freude aller aneinander und an Christus, haben wir in der Heiligen Schrift vor uns liegen.

Es müsste wieder so werden, dass man einen Menschen, der gerade einen Stein behaut, fragt: Was tust du da? Und der würde dann nicht antworten: Ich behaute einen Stein, weil der Dombaumeister mir den Auftrag dazu gegeben hat und mir so schnell keine Ausrede einfiel. Sondern: Ich baue eine Kathedrale zur Ehre Gottes.

Praktisch und auf unsere Gemeinde bezogen heißt das:

Wenn ich als Gemeindeglied feststelle, dass seit Wochen der Gottesdienstplan im Schaukasten abgelaufen ist, dann ist mir das weder egal, noch ärgere ich mich still oder laut darüber, sondern ich empfinde es als meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Gottesdienstplan erneuert wird. Ich spreche jemanden aus dem Vorstand an, schreibe den Gottesdienstplan, lasse eine vergrößerte Kopie herstellen, besorge mir den Schaukastenschlüssel und hänge den Plan hinein.

Wenn im Gottesdienst darum gebeten wird, dass Einladungsplakate zu einer großen Gemeindeveranstaltung an die Geschäfte in der Nachbarschaft verteilt werden, fühle ich mich angesprochen, weil es doch meine Gemeinde ist, die einlädt, weil dazu eingeladen wird, das Evangelium zu hören, das mir Sinn und Freude und Erlösung geschenkt hat und ich möchte, dass auch andere an dieser Freude teilhaben. Ich fühle auch dann angesprochen, wenn ich zu diesem Dienst extra aus einem Vorort in die Südstadt fahren muss und denke nicht: Da wohnen doch auch welche, die das übernehmen können. Weil die tatsächlich da wohnen, übernehmen die nämlich sehr häufig solche Dienste, die sich durch kurze Wege nahe legen und werden langsam aber sicher überfordert. In einer Diasporagemeinde sind weite Wege Bestandteil des Gemeindelebens.

Wenn ein großes Fest in der Gemeinde gefeiert wurde, dann fühle ich mich dabei nicht als Gast, der sich mit Programm und Essen bedienen und bewirten lässt, sondern als Teil dieser Gemeindefamilie, in der jeder seinen Anteil dazu beiträgt. Und zwar aufgefordert und auch unaufgefordert. Bei einem Familienfest ist es selbstverständlich, dass man sich nicht nur an den gedeckten Tisch setzt, sondern mithilft, die Tische auch aufzubauen und zu dekorieren, anschließend wieder aufzuräumen und zu spülen.

Wenn eine Gemeinde nur dann äußerlich funktioniert, weil der Pastor hauptberuflich als Manager fungiert, jedes organisatorische Détail im Blick haben soll, wenn jeder Einzelne erst mehr oder weniger gerne zur Mitarbeit bereit ist, wenn er persönlich, am besten noch vom Pastor selbst angesprochen und gebeten wird, wenn der Kirchenvorstand wie eine betriebliche Organisationsabteilung aktiv ist, ist kein Leben und keine Gemeinschaft mehr vorhanden.

Wenn ich zum Beispiel höre, dass ein Gemeindeglied unaufgefordert und ohne an einem Gemeindebesuchsdienst-Projekt teilzunehmen ein krankes Gemeindeglied besucht und dort elementare pflegerische Hilfe leistet, und das nicht nur einmal, sondern fortgesetzt und zuverlässig, dann erinnert das an den barmherzigen Samariter, der den Verletzten auch noch ins Wirtshaus bringt und dafür sorgt, dass die Pflege auch weitergeführt wird. So etwas zu hören macht doch Freude, geistliche Freude am Leib Christi.

Geistliche Verantwortung in der Gemeinde zeigt sich auch darin, dass ich mich in diejenigen hineinversetze, die für das Ganze, für die Gemeinschaft Aufgaben übernommen haben.

Das fängt z.b. damit an, dass ich die Bitte ernst nehme und damit den Einsatz eines anderen auch wertschätze und achte, wenn es gilt, sich für Veranstaltungen innerhalb einer bestimmten Frist anzumelden, sich in Listen einzutragen, die den Verantwortlichen ihre Arbeit erleichtern, weil sie nur so planen können.

Zu geistlicher Verantwortung gehört es, sich Gedanken zu machen über Kandidaten für das Kirchenvorsteheramt oder den Dienst eines Synodalen und auf die Bitte zu reagieren, innerhalb einer Frist solche Vorschläge einzureichen. Nachdenken im Sinne und zugunsten des Ganzen kann jeder, ganz gleich ob alt oder jung, beruflich eingespannt oder mit viel Freizeit gesegnet, ob gesund oder schwach.

Geistliche Mitverantwortung übernimmt man auch, wenn man bei der eigenen Jahres-Terminplanung die anstehenden größeren Ereignisse im Leben der Gemeinde beachtet und berücksichtigt. Nicht nur, aber auch, weil meine Hilfe ja möglicherweise gebraucht wird und auch, weil es wichtig ist, dass ich einfach da und dabei bin und damit zeige, dass mich meine Gemeinde etwas angeht. Das gilt übrigens auch für die Mitfeier der Gottesdienste.

Natürlich sind viele, die das Jahr über viel unterwegs sind, durchaus und selbstverständlich an Sonntagen dann im Gottesdienst anderer Gemeinden. Aber immer, wenn ich woanders bin, bleibt in meiner Kirche ein Platz leer. Da ist einer weniger, der –wie es im Epheserbrief heißt- dazu beiträgt, einander zu ermuntern mit Psalmen und geistlichen Liedern, der dem Herrn in seinen Herzen singt und spielt und zur Erbauung der Gemeinde einen Dienst tut, indem er einfach nur da ist.

Zu geistlicher Mitverantwortung gehört es also durchaus, dass ich überlege, ob ich wirklich nicht anders kann, als meine Kurzurlaube und Familienbesuche so zu legen, dass ich auch sonntags nicht in meiner Gemeinde bin.

Und schließlich: Wer geistliche Mitverantwortung übernommen hat und trägt, muss wissen, dass jeder, der etwas tut, immer stärker auch der Beobachtung und der Kritik ausgesetzt ist, als diejenigen, die nichts tun. Für die einen heißt das, geistlich und sensibel zu prüfen, ob Kritik wirklich nötig ist, ob nicht oft auch Lob und Ermunterung besser angebracht ist und in welcher Form und auf welche Weise ein kritisches Wort dann auch aufbauend und hilfreich ist. Zerstörerische und verletzende Kritik ist immer ungeistlich. Für die anderen heißt das: Wer mich und meinen Einsatz kritisiert und dies in einer guten Form tut, stellt mich nicht als Person in Frage, will mich nicht „niedermachen" oder sich über mich erheben, sondern denkt mit, fühlt sich mitverantwortlich und will in der Sache helfen. Dass man auf der Seite der Kritiker wie auf der Seite der Kritisierten so gelassen und einfühlsam mit Kritik umgehen kann, hat aber wiederum eine geistliche, eine vertrauens- und liebevolle Atmosphäre in der Gemeinde zur Voraussetzung. Da muss man einfach davon ausgehen dürfen, dass der andere mit seiner Kritik mir persönlich nichts Böses will. Und andererseits sollten die Kritiker immer bedenken, dass Mitchristen nach bestem Wissen und mit ehrlicher Mühe ihre Aufgaben erledigen und niemals absichtlich etwas sagen oder tun, was andere bedrückt oder ärgert. Wenn Zanksucht, Eifersucht, Neid und Gehässigkeit das Klima prägen, wird auch Kritik immer diese böse Note haben und die Kritisierten werden müde und lustlos davon.

Aber selbst dann gilt für diejenigen, die geistliche Mitverantwortung übernommen haben: Wenn ich zu den wenigen gehöre, die nicht nur die eigene Selbstbestätigung, sondern das Ganze im Blick haben, dann brauche ich auch Geduld und Vergebungsbereitschaft, langen Atem und Kraft zum Tragen, wenn die Kritik zersetzend ist. Dann darf ich die übernommenen Aufgaben nicht in der ersten Aufwallung von Enttäuschung und Zorn hinschmeißen und mich schmollend zurückziehen. Ich habe einen Auftrag, bin berufen, in der Kirche Christi ein Mitarbeiter im Dienst der Evangeliumsverkündigung zu sein. Das ist ein Segen, ein Vorrecht, ein Adel, der auch verpflichtet.

Liebe Brüder und Schwestern, das alles sind nur ausgewählte Beispiele dafür, wo geistliche Mitverantwortung in der Kirche und in der Gemeinde nötig ist und wie sie aussehen kann.

Ein Grundgedanke, der einen Christen zur Übernahme solcher geistlicher Mitverantwortung inspirieren kann und soll, ist dieser: Alles, was in der Gemeinde geschieht, dient letztlich nur einem einzigen Zweck und Ziel, und darin besteht auch der Sinn und der Grund für die Existenz der Kirche und auch unserer Gemeinde, nämlich das Evangelium Jesu Christi auf aller erdenkliche Weise zu verkündigen, damit viele hinzugefügt werden zur Gemeinde, die gerettet werden. Diesem Ziel dient alles, dient das Ganze der Kirche.

Und ich bin ein Teil dieses Ganzen und habe die Aufgabe und das Vorrecht, an diesem großen Dienst teilzuhaben.

In einem solchen geistlichen Klima ist der Einzelne nicht überfordert, sondern herausgefordert, da wird nicht über Überlastung geklagt, sondern sich an der Gemeinschaft gefreut. Solche Freude strahlt aus und springt über und wir werden es erleben, wie Menschen sich davon anstecken lassen und dazukommen und gerne und in geistlicher Verantwortung dabei bleiben. Amen