Predigt

(Pastor Gert Kelter am 14. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Das Gebet des Glaubens hilft dem Kranken

Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.
Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne
und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!
Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen. (Lukas 17,11-19)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Im zuende gehenden „Jahr mit der Bibel" werden wir heute durch das Evangelium des Sonntags mit der Frage konfrontiert, ob die lutherische Kirche noch dazu bereit und in der Lage ist, ihre gerade mal 500 Jahre alten Eigentraditionen vom Wort der hl. Schrift her in Frage stellen zu lassen. Wir werden gefragt, ob die Kirche auch bereit ist, sich durch Gottes Wort korrigieren zu lassen, ob sie also bußfähig, bußwillig, in diesem Sinne reformfähig und umkehrwillig ist, wenn sie erkennt, dass sie Gottes Wort in seiner Fülle nicht wirklich ernst nimmt und gelten lässt. Nach dem dänischen lutherischen Philosophen Sören Kierkegaard hatte die Reformation den Sinn eines Korrektivs innerhalb der katholischen Kirche und das Verhängnis der nachfolgenden Entwicklung lag darin, dass man das Korrektiv zum Prinzip erhob, sozusagen von Pfeffer und Salz allein zu leben versuchte. Angesichts des geistlichen Ernährungszustands der lutherischen Kirche heute ist man versucht, ihm recht zu geben.

Im Neuen Testament, vor allem in den Evangelien wird immer wieder zweierlei vom Handeln und Wirken Jesu gesagt: Nicht nur, dass er das Evangelium vom Reich Gottes predigte, sondern auch, dass er Kranke heilte.

Liebe Gemeinde, auch im heutigen Evangelium ist von einer Krankenheilung die Rede. Es gehört zur Botschaft des Evangeliums, dass Jesus Christus gekommen ist, um die Kranken zu heilen. Sicherlich steht dabei die innere Heilung der Sündenkrankheit im Mittelpunkt. Aber die Heilung von Leib und Seele in dieser Zeit und Welt lässt sich davon nicht einfach trennen und ausblenden. Zu massiv, zu aufdringlich ist die Botschaft des Neuen Testamentes. <Die Kirche ist ein Siechenhaus>, konnte Luther sagen.

Krankheit, vor allem, wenn auch längst nicht nur der Aussatz, galt dagegen den Juden als Strafe Gottes, machte gottesdienstlich unrein, schloss aus der Gesellschaft und vor allem auch aus der Kultgemeinschaft aus. Ein Kranker stand, religiös gesehen, auf derselben Stufe mit Ungläubigen wie den Samaritanern, mit Sündern und Zöllnern. Wenn Jesus Christus sich den Kranken zuwendet, nimmt er sie in die Gemeinschaft der begnadigten Sünder auf, erlöst und errettet auch sie, die sonst von allem Heil und aller Erlösung ausgeschlossen waren. Es fällt ja auf, dass zu den Aussätzigen eben nicht nur Juden, sondern auch Samaritaner, „Fremde", wie es im Evangelium heißt, oder wörtlich: ein Andersgeborener, zumindest einer gehörte. Als Aussätzige wurden sie aber alle zusammen in ein und derselben Lepra-Kolonie isoliert und von der Gemeinschaft abgetrennt.

Mit diesem zweifachen Auftrag und mit dieser zweifachen Vollmacht das Reich Gottes zu predigen und die Kranken zu heilen, sendet Jesus nun auch die zwölf Apostel aus. Bei St. Markus im 6. Kapitel heißt es denn auch: >Und (die Zwölf) zogen aus und predigten, man solle Buße tun und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund.>

Und fragt man, wie das in der Geschichte der ersten Kirche weiterging, ob diese Vollmacht und dieses Tun nur auf Jesus selbst und die zwölf Apostel beschränkt blieb, stößt man auf die Apostelgeschichte, wo es im Kapitel 28 vom Apostel Paulus, also nicht einem der ursprünglichen Zwölf heißt, er legte auf Malta dem erkrankten Vater des Maltesers Publius <die Hände auf und machte ihn gesund. (Und) als das geschehen war, kamen auch die anderen Kranken der Insel herbei und ließen sich gesund machen.>

Nun zählt Paulus, auch wenn er nicht zu den ersten Zwölf gehört, dennoch unbestreitbar zu den Aposteln und man könnte weiter fragen: Wie haben denn die Nachfolger der Apostel im apostolischen Hirten-, Pastoren-, Ältesten-, Diakonen- oder Bischofsamt Auftrag und Vollmacht Jesu zur Krankenheilung verstanden und praktisch umgesetzt. Und da kommt man am Jakobusbrief nicht vorbei, in dessen 5. Kapitel es heißt: >Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Presbyter der Gemeinde>, das heißt „die Ältesten" und ist gleichbedeutend mit Bischöfen oder auch Pfarrern oder Diakonen, <dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.>

So war’s also in der frühen Kirche und so ist es lange Zeit und in großen Teilen der Christenheit auch bis heute geblieben. Die römische Kirche, die Ostkirchen, die anglikanische Kirche, die Episkopalkirche und die altkatholische Kirche kennen die Krankensalbung, also eine Gebets- und Segenshandlung, bei der den Kranken mit Olivenöl das Segenszeichen des Kreuzes auf die Stirn und die Handflächen gezeichnet wird. Und seit einiger Zeit haben auch manche lutherische Kirchen erkannt, dass diese Krankensalbung, selbst wenn man sie nicht unter die Sakramente zählen möchte, ein klares apostolisch-biblisches Zeugnis für sich hat und sie zumindest als Möglichkeit wieder eingeführt. Übrigens auch die lutherischen Landeskirchen in Deutschland haben 1994 den Teil 4 der neuen Agende III unter dem Titel „Dienst an Kranken" herausgegeben, in der es eine Liturgie der Krankensegnung mit der Möglichkeit gibt, diese Segnung mit einer Salbung zu verbinden.

Liebe Brüder und Schwestern: Nun ist das ja alles nicht in erster Linie eine theoretische Frage der Geschichte oder der Dogmatik, sondern eine ganz zentrale praktische Glaubensfrage meines Lebens: Wie begegnet mir heute Jesus Christus durch den Dienst der Kirche als der Arzt der Kranken, als der Heilende und Aufrichtende, wenn ich seelisch oder körperlich krank werde, wenn seelische Krankheit körperliche Folgen hat oder eine körperliche Krankheit meine Seele krank macht und ich Gott nach dem „Warum" frage und um Hilfe und Heilung und Stärkung bitte, wenn ich wie die Aussätzigen des Evangeliums zu Jesus komme und rufe: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!

Dann ist erst mal kirchliches Schweigen. Und dann kommt vielleicht der Pastor und hält eine Andacht am Krankenbett. Aber was, wenn du zu schwach bist, um durch solche Worte getröstet zu werden; was, wenn deine seelische Verfassung so ist, dass das Wort Gottes an deinen verzweifelten Gedanken, die in dir kreisen, abprallt und die Seele nicht erreichen kann? Vielleicht bietet dir der Pastor dann die Feier des Krankenabendmahls an. Aber wo bin ich als körperlich oder seelisch kranker Mensch in dieser Feier, die sich doch nicht von der unterscheidet, die jeden Sonntag in der Kirche stattfindet. Wo wendet sich Jesus Christus mir ganz persönlich als krankem Menschen zu? Wo geschieht heute noch das, was Christus in der persönlichen, handgreiflichen, aufrichtenden und heilenden Zuwendung den Kranken seiner Zeit geschenkt hat? In eigener Person als irdisch lebender Jesus, dann durch den vollmächtigen Dienst der Apostel, dann durch den apostolischen Dienst der Presbyter, der Bischöfe und Diakone.

In der Zeit der Reformation, liebe Gemeinde, war die Krankensalbung fast in Vergessenheit geraten. Sie wurde „Letzte Ölung" genannt und nur noch in Todesgefahr praktiziert, meist verbunden mit dem sogenannten Sterbeablass, so dass der gute biblische und apostolische Brauch etwa für Luther nur noch in entstellter Form bekannt war. Dass das Gebet des Glaubens, die Segnung und Salbung dem Kranken helfen und ihn durchaus zum gesunden Weiterleben aufrichten soll, war nahezu ausgeblendet.

Kein Wunder, könnte man sagen, dass die Reformatoren zur biblisch bezeugten Krankensalbung kaum etwas gesagt oder geschrieben haben. In den Bekenntnisschriften heißt es nur, die „Letzte Ölung", wie man damals eben sagte, sei kein Sakrament, sondern ein von den Vätern übernommener Ritus und nicht heilsnotwendig. (Apol XIII,6)

An anderer Stelle (Vom Abendmahl Christi. Bekenntnis. 1528) sagt Luther, „die Ölung, so man sie nach dem Evangelium hielte , Markus 6, 15 und Jakobus 5,14, ließe ich gehen (gelten)", wenn auch nicht als Sakrament, und Luther hält es für „wohl fein, dass man zum Kranken ginge, betete, vermahnte, und so man ihn daneben mit Öl bestreichen wollte, sollte es im Namen Gottes frei sein."

Aber weil der gute, biblische und apostolische Brauch entstellt und verzerrt war, hat man nicht alles geprüft und das Gute behalten, nicht den Missbrauch abgestellt und den guten Brauch wieder hergestellt, sondern das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Liebe Gemeinde, es gab keine geordnete Krankensegnung und Krankensalbung mehr in der lutherischen Kirche!

In den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Mangel, dieses Defizit spürbar bemerkbar gemacht: In den sog. charismatischen Gemeinden stehen plötzlich Krankenheilungen, das Gebet für die Kranken, über den Kranken, die Segnung der Kranken und oft genug auch verbunden mit einer Salbung, wieder im Mittelpunkt. Allerdings, muss man leider sagen, oft, wenn auch nicht immer, wiederum verzerrt und entstellt. Wer nicht gesund wird, glaubt nicht richtig, wird da manchmal gesagt. Oder sogar: Wer krank ist, hat diese Krankheit als Strafe für bestimmte Sünden oder als Folge okkulter Belastung in der Familie auferlegt bekommen.

Der Glaube wird dann manchmal zum guten Werk, die Krankheit zur persönlichen Strafe und damit ist die Krankensalbung und Krankensegnung wieder, wie in der Reformationszeit, durch Menschensatzung und Menschenwerk zerstört.

Aber auch hier gilt es wieder, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Was gut ist und was nicht, sagt Gottes Wort in der Heiligen Schrift.

Krankensalbung und Krankensegnung wirken nicht automatisch und immer sofort wie ein Medikament. Unser Evangelium bezeugt das ganz deutlich: Die zehn Aussätzigen werden nicht umgehend geheilt und frei von Aussatz. Jesus sagt ihnen: >Geht hin und zeigt euch den Priestern.> Und weiter heißt es: >Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.>

Sie gingen äußerlich noch als Aussätzige von Jesus weg. Aber als sie hingingen und sich den Priestern zeigten, konnten diese nur noch feststellen: Sie sind geheilt, sie sind rein.

Das heilende, lösende, befreiende Handeln Jesu, sagen wir: das Evangelium hat also zur Folge, dass auch die Priester des alten Bundes nach dem Gesetz urteilen mussten: Die Genesenen gehören wieder zur Gemeinschaft des Volkes Gottes.

Ich muss freilich einräumen: Die Pointe, die Spitze unseres heutigen Evangeliums kommt erst noch und sie kommt heute etwas zu kurz. Die liegt nämlich darin, dass von den zehn Geheilten nur einer umkehrt und Jesus dankt. Und das war der Fremde, der Ungläubige, der doppelt aus der Gemeinschaft ausgeschlossene und doppelt in die Gemeinschaft wieder aufgenommene Samariter. Nur er gibt Gott die Ehre. Nur er zeigt Dankbarkeit Gott und Christus gegenüber.

Diese Pointe des Evangeliums macht deutlich: Die Heilung an Körper und Seele durch Jesus Christus ist kein Selbstzweck. Sie zielt auf Glauben und geschieht durch Glauben. Allerdings so, dass man nicht sagen kann: Nur wer glaubt, wird geheilt und wer nicht geheilt wird, glaubt eben nicht. Geheilt werden ja alle, auch die, die nicht vor Jesus niederfallen, also eine Anbetung in einer Weise vollziehen, die nur Gott zukommt, auch die, die nicht das Schlusswort Jesu hören: <Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.>

Den neun anderen hat Jesus und niemand anders geholfen. Das steht außer Frage. Aber nur dem einen hat der Glaube geholfen. Das ist im äußeren Ergebnis das gleiche, aber eben trotzdem nicht dasselbe. Viele kranke Menschen erfahren Heilung. Meist durch die Kunst der Medizin. Manche davon haben sich in ihrer ersten Verzweiflung über die Krankheit vielleicht mit einem Stoßgebet an Gott gewandt, der sonst in ihrem Leben keine Rolle spielt. Aber nur zehn Prozent, wenn man die Rechnung des Evangeliums mal wörtlich nehmen will, kehren als Geheilte um und bringen ihre Heilung in einen direkten Zusammenhang mit dem Heiland der Welt. Und so werden auch nur zehn Prozent durch diesen Heiland aufgerichtet, können deshalb wieder aufrecht stehen, vor Gott aufrecht stehen. <Steh auf, geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.> Mit diesem Wort bringt Jesus wieder zusammen, was zusammen gehört und schenkt dem Menschen, der das hört, neue Gewissheit. Das ist die Gewissheit, dass Christi Wort hält, was es zusagt, dass Gott zu seinen Verheißungen steht. Solche konkreten Gewissheitserfahrungen werden auch längst nicht alle glaubenden Menschen in dieser Form machen. Es wird immer Kranke geben, die trotz Segnung und Gebet, mit oder ohne Salbung, nicht körperlich gesund werden und trotzdem darin eine Stärkung erfahren haben, die trotzdem umkehren und Gott danken und ihm die Ehre geben und gesegnet sind und bleiben, ewiglich aber eben auch zeitlich.

Die Zuwendung des Heilands Jesus Christus zu einem Kranken bleibt nie, und das ist gewiss, ohne Folgen.

Das Gebet des Glaubens in Verbindung mit der Salbung mit Öl im Namen des Herrn wird dem Kranken helfen und ihn aufrichten, heißt es im Jakobusbrief. Das kann Heilung bedeuten, vollständige körperliche Gesundung; das kann aber auch stärkende Segnung bedeuten, die Kraft zum Tragen schenkt, die die Gaben der Geduld und des Glaubens neu entfacht; das kann Aufrichtung in dem Sinne bedeuten, dass die Verzweiflung und die Angst nicht übermächtig werden, sondern Trost, Ruhe und Frieden einkehren.

Liebe Gemeinde, die Krankensegnung und Krankensalbung gehört zum biblischen Urgestein. Sie zu missachten oder zu verdrängen heißt, sich um den Segen zu bringen, der ihr verheißen ist. Und wenn jemand unter euch krank ist am Leib oder an der Seele, dann rufe er mich und sage ausdrücklich dazu, dass er diese Segnung wünscht und ich werde mit größter Freude Gottes Wort sagen, das Gebet des Glaubens sprechen, die Hand zum Segen auflegen, mit Öl salben im Namen des Herrn und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Amen.