Predigt

(Pastor Gert Kelter am 13. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Nächstenliebe um Gottes willen

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst«

Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.

Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn;

und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! (Lukas 10,25-37)

Liebe Brüder und Schwestern,

Wenn „Florida-Rolf" sich auf Kosten der deutschen Sozialhilfe am Strand von Miami aalt, wenn „Aktenzeichen XY" vor Überfällen auf Landstraßen warnt, bei denen angebliche Unfallopfer vorbeifahrende Autos zum Anhalten nötigen, um sie dann auszurauben, und selbst bei einem wirklichen Unfallopfer das Risiko, einen medizinischen Fehler zu begehen und am Ende vor Gericht gezerrt zu werden, immer gegeben ist, wenn spätestens in der Vorweihnachtszeit wieder vor unseriösen Spendensammlungen gewarnt wird oder wenn man es einmal erlebt hat, dass ein angeblich hungriger Bettler das ihm gegebene Geld stehenden Fußes zu Alkohol macht oder ein mitgegebenes Butterbrot an der nächsten Straßenecke weggeworfen wird, dann ist doch alles klar: In den meisten Fällen wird man als gutgläubiger und gutmütig-christlicher Hilfswilliger übers Ohr gehauen. Die meisten Notleidenden sind entweder Betrüger oder an ihrer Situation selbst schuld. Ich kann schließlich nicht das ganze Elend dieser Welt auf meinen Schultern tragen und außerdem gibt es in unserem Land genügend professionelle Hilfe und Helfer, so dass ich guten Gewissens meine Hände im Schoß und mein Geld im Portemonnaie lassen kann.

Liebe Gemeinde, wenn ich auch etwas übertrieben habe, so ist uns wahrscheinlich doch diese Denkweise vertraut. Immerhin: Die genannten Beispiele sind nicht erfunden und die Liste der Gründe dafür, dass ich persönlich nicht gefordert bin, wenn echte oder vermeintliche Not in mein Gesichtsfeld gerät, ließe sich mühelos noch erweitern.

Deshalb dürfte es uns auch nicht schwerfallen, den Priester und den Leviten zu verstehen und ihre Gedankengänge nachzuvollziehen, die dazu geführt haben, dass sie um den unter die Räuber gefallenen Menschen auf dem Weg zwischen Jericho und Jerusalem einen weiten Bogen machen. Genau das steht da übrigens, wenn Luther übersetzt: ...und ging vorüber.

Priester und Levit, also Tempeldiener, sehen den Schwerverletzten, wie wir schon von weitem einen schnorrenden Drogenabhängigen mit einem Plastikbecher auf uns zugehen sehen, ahnen, dass wir jetzt gleich angesprochen werden, so tun, als hätten wir’s gar nicht bemerkt und die Straßenseite wechseln.

Priester und Levit haben dafür ihre guten Gründe: Die Straße zwischen Jericho und Jerusalem führt durch unwegsames und einsames Gelände. In der Gegend hielten sich wahrscheinlich Zeloten versteckt vor dem römischen Militär, die ihren Lebensunterhalt durch Raubüberfälle bestritten. Keiner konnte wissen, ob die Terroristen nicht noch im Gebüsch sitzen, um den Erstbesten, der sich um den Verletzten kümmert, auch noch nieder zu machen. Vielleicht, konnten Priester und Levit denken, handelte es sich beim Verletzten sogar selbst um einen Räuber, der auf diese Weise anderen Reisenden eine Falle stellt. Diese Methode gibt’ s nicht erst seit gestern.

Das Opfer war vermutlich blutverschmiert, vielleicht lebte es auch nicht mehr. Und in beiden Fällen hätte das für Priester und Leviten ein echtes religiöses Problem bedeutet: Sowohl am Blut eines Menschen, als auch an einem Toten hätten sie sich unrein gemacht, hätten längere Zeit ihre Tempeldienste nicht versehen dürfen und sich umständlichen Reinigungsritualen unterziehen müssen.

Heute denkt man in ähnlichen Fällen dann weniger an den Tempeldienst, als an die Lederbezüge des Rücksitzes im Auto, die einen Krankentransport wohl kaum unbefleckt überstehen würden.

Kurz und gut: Naserümpfen über die bösen und heuchlerischen Vertreter der Geistlichkeit gilt nicht. Das kennen wir alles aus eigenem Erleben.

Nun erzählt Jesus diese Geschichte einem Gesetzeslehrer als Antwort auf dessen Frage: Rabbi, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Und Jesus sagt: Was liest du denn dazu im Gesetz Gottes? „Gottesliebe und Nächstenliebe", lautet die richtige Antwort des Gesetzeslehrers, von dem Jesus sicher keine andere Antwort erwartet hätte. „Also, tu das, liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst und du wirst leben."

Nichts wäre doch einfacher, könnte man denken, als dass der Gesetzeslehrer mit dieser klaren Antwort zufrieden nachhause geht und wahrscheinlich schon auf dem Rückweg eine ganze Reihe von Gelegenheiten hätte, sich seinen Nächsten helfend zuzuwenden.

Aber was macht der Gesetzeslehrer? Er denkt nach. Er denkt gewissermaßen an „Florida-Rolf", an „Aktenzeichen XY", an die Lederpolster, an die Rechtsunsicherheit des ungeschulten Helfers und er denkt noch viel tiefgründiger und prinzipieller: Wer ist denn eigentlich mein Nächster? Müsste man das nicht erst einmal sehr differenziert und genau herausfinden, bevor man einfach „drauflos hilft"? Da sollten doch wirklich erst die Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche abgeklärt werden. Haben wir da nicht eine Diakoniebeauftragte im Kirchenvorstand, die sich um die behinderte Frau in unserer Gemeinde kümmern müsste. Ich habe doch schon mit der eigenen Oma genug am Hals. Und warum soll ich jetzt plötzlich Besuche machen? Das ist doch Sache des Pastors. Außerdem mögen das die Leute meist auch viel lieber, als wenn nur ein einfaches Gemeindeglied vorbeikommt.

„Wer ist denn mein Nächster?", fragt der Gesetzeslehrer, vordergründig ganz an der korrekten Erfüllung des Gesetzes interessiert. Aber was er eigentlich wissen will, ist: Wer ist nicht mein Nächster und wem muss ich deshalb nicht zum Nächsten werden?

Die Geschichte Jesu geht weiter: Schließlich kommt ein Samariter an dem Halbtoten vorbei, sieht ihn und wird von Mitleid ergriffen, das ihm in die Eingeweide fährt. Er geht hin, tut, was man mit damaligen Mitteln zur Wundversorgung eben so macht, gießt Öl und Wein zur Desinfektion auf die Wunden, verbindet sie, lädt den Verletzten auf sein Reittier, bringt ihn in eine Herberge, gibt dem Wirt zwei Tageslöhne zur Weiterversorgung und bietet ihm auch noch an, eventuelle Mehrkosten beim nächsten Mal zu begleichen.

Liebe Gemeinde, ein Samaritaner, also einer, der von den Juden als halb im Heidentum stecken gebliebener Ausländer angesehen wird, einer der nicht dazu gehört, der tut das Nächstliegende. Ohne viel nachzudenken, ohne zu fragen. Er sieht das Elend, es fährt ihm in den Magen und so hilft er „aus dem Bauch heraus". Warum? Weil da ein Mensch vor seinen Füßen liegt, der gerade Hilfe nötig hat.

Und, fragt Jesus, wer von den dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen ist? - Der die Barmherzigkeit an ihm tat, antwortet der Gesetzeslehrer, weil es keine andere Antwort auf diese Frage gibt.

Dann geh hin und tu desgleichen.

Richtige Erkenntnis und richtiges Handeln, Wahrheit und Liebe: Wie nahe das zusammengehört und wie weit doch der Weg oft vom einen zum anderen ist!

Zwischen Wahrheit und Liebe, zwischen Erkennen und Tun schiebt sich die Selbstrechtfertigung.

„Er begann sich selbst zu rechtfertigen", heißt es von dem Gesetzeslehrer mit der richtigen Erkenntnis. Ein seltsamer Ausdruck in diesem Zusammenhang. Was ist da in dem frommen Menschen vorgegangen?

Liebe Mitchristen, da ist genau das geschehen, was auch mit uns und in uns geschieht, wenn wir vom Wort Gottes getroffen werden, wenn es uns zeigt, wie wir sind, wie wir nicht sein sollen und wie Christus uns haben möchte. Selbstrechtfertigung bedeutet: Ich fange an, darüber nachzudenken, was mir so ein Einsatz bringt, worauf ich möglicherweise verzichten muss, wenn ich mich jetzt mit dem Nächstliegenden zur Verfügung stelle. Ich überlege, ob es denn rechtens ist, dass ausgerechnet ich jetzt diesen Dienst tun muss, ob da nicht andere sind, die sich immer drücken, obwohl sie eigentlich noch vor mir dran wären, die Ärmel aufzukrempeln. Ich denke darüber nach, ob es nicht triftige Gründe gibt, die mich ins Recht setzen, wenn ich mich verweigere oder die mich zumindest entschuldigen. Und wenn es die Versäumnisse anderer sind, die ich zur Selbstrechtfertigung benutze.

Warum soll ausgerechnet ich er Nächste werden dem, der unter die Räuber gefallen ist?

Ja, warum ist eigentlich Jesus Christus ausgerechnet mir der Nächste geworden, als ich unter die Räuber mit Namen Sünde, Tod und Teufel gefallen bin? Warum ist Christus für mich gestorben, als ich noch Sünder war? Warum hat Gott seine Heiligkeit mit dem Schmutz meines Lebens besudelt und ist nicht an mir vorbeigegangen? Warum ist für mich immer noch und jederzeit Zuflucht bei der nun wirklich vollkommen „grundlosen Barmherzigkeit Gottes, unseres himmlischen Vaters", der mir zum Nächsten geworden ist, als Jesus Christus Mensch wurde?

Weil Gott so nicht fragt. Weil er überhaupt nicht fragt. „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen." –„Er sprach zu seinem lieben Sohn: ‚Die Zeit ist hier zu erbarmen; fahr hin, meins Herzens werte Kron, und sei das Heil dem Armen."

So völlig grundlos, aus lauter Barmherzigkeit Gottes, bin ich ‚selig worden", bin ich gerechtfertigt worden.

Und mehr noch: Der eigentliche barmherzige Samariter, Jesus Christus, hat das nicht nur für mich getan, sondern auch für den Priester und den Leviten, die vorübergingen, für den falschgläubigen Samariter, der den Tempel in Jerusalem nicht achtete, sondern weiterhin seine Opfer auf dem Berg Garizim darbrachte, für den Herbergswirt, der sich seinen Teil der Barmherzigkeit gut bezahlen ließ und für die Räuber, die die Unbarmherzigkeit erst in Erscheinung treten ließen.

Man kann die, die einem „zum Nächsten werden", weil sie mit ihrer Not vor meinen Füßen liegen, nicht immer aus Sympathie und tiefempfundener Zuneigung lieben und ihnen helfen. Wenn ich meinen Nächsten um seiner selbst willen lieben müsste, wäre dieser Vorrat schnell erschöpft. Um Gottes willen, aus Dankbarkeit. Das ist ein Motiv, ein Beweg-Grund, ein Grund, der uns auch dann in Bewegung setzt, wenn der konkrete Nächste uns eigentlich keine Gründe bietet, ihn zu lieben.

Die Gottesliebe bewahrt die Nächstenliebe vor Kurzatmigkeit und Gesetzlichkeit. Und die Nächstenliebe bewahrt die Gottesliebe vor Kurzsichtigkeit und selbstgerechter Weltflucht.

Wie dieser garstige Graben zwischen Wahrheit und Liebe vermieden oder überwunden werden kann? Jesus gibt nur die eine Antwort: Geh hin und tu desgleichen, so wirst du leben. Amen.