Beichtrede

(Pastor Gert Kelter am 13. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Die Absolution - ein Sakrament!

Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. (Johannes 20, 22-23)

 

Liebe Beichtgemeinde,

Dieses Wort steht als Einsetzungswort vor jeder Beichte. Schon der Begriff „Einsetzungswort" zeigt an, dass es offensichtlich zwischen der Taufe, dem Abendmahl und der Beichte bzw. der Lossprechung in der Beichte, einen Zusammenhang gibt. Alle diese Handlungen haben ein klares Einsetzungswort Jesu Christi.

Wenn wir im Konfirmandenunterricht das Thema „Sakramente" besprechen, lege ich den Kindern manchmal eine Auswahl von Handlungen vor, meist die sieben Handlungen, die in der röm.-kath. Kirche als ‚Sakrament’ bezeichnet werden, also Taufe, Abendmahl, Beichte, Konfirmation, Ordination, Krankensalbung und Eheschließung.

Und dann frage ich die Kinder, welche dieser Handlungen sie als ‚Sakrament’ bezeichnen würden und vor allem: warum. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Treffsicherheit die Konfirmanden meist nach nur kurzem Nachdenken antworten: Taufe, Abendmahl und Beichte sind Sakramente. Bei Konfirmation und Ordination sind sie sich nicht ganz sicher, von der Krankensalbung haben sie meist noch nie etwas gehört und bei der Eheschließung können sie klar ausschließen, dass es sich hierbei um ein Sakrament handelt.

Wenn ich nach der Begründung frage und dabei den Kindern zu bedenken gebe, was denn jeweils bei diesen Handlungen der Zweck, die wichtigste Bedeutung sei, kommt bei vielen die völlig richtige Antwort: Bei Taufe, Abendmahl und Beichte ist der Zweck der Handlung die Sündenvergebung. Das haben die gemeinsam. Und das unterscheidet diese Handlungen von den anderen.

Liebe Beichtgemeinde, was die Konfirmanden mit wenigem Nachdenken sofort auf den Punkt bringen können, macht manchen Erwachsenen Schwierigkeiten: Ist die Beichte, oder besser: die Lossprechung, die Absolution wirklich ein Sakrament im strengen Sinn?

Die lutherischen Bekenntnisschriften bejahen das, auch wenn selbst manche Theologen das nicht wahrhaben wollen. In der Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses steht: „Demnach sind eigentlich nur die Taufe, das Abendmahl des Herrn und die Lossprechung, das heißt das Bußsakrament, Sakramente. Denn diese Riten haben Gottes Befehl und die Verheißung der Gnade, die dem Neuen Testament eigentümlich ist. Denn die Herzen sollen gewiss glauben, wenn wir getauft werden, wenn wir den Leib des Herrn essen, wenn wir die Absolution empfangen, dass uns Gott um Christi willen wirklich verzeiht."

Das heißt doch: Wenn ein Einsetzungswort Christi in der Hl. Schrift bezeugt wird und wenn mit einer solchen Handlung die Mitteilung der Sündenvergebung verbunden ist, sprechen wir von einem Sakrament. Und genau das trifft auf Taufe, Abendmahl und Beichte zu.

Ist das aber nicht eigentlich nur theologische Spitzfindigkeit? Kommt es darauf an, ob man diese Handlungen nun Sakrament nennt oder nicht?

Dazu müssen wir fragen: Was kennzeichnet denn ein Sakrament?

Antwort: In den Sakramenten handelt jeweils der auferstandene, lebendige, wirklich gegenwärtige Herr Christus an uns auf sakramentale Weise so, wie er als irdischer Christus auf irdische Weise an den Menschen gehandelt hat. Und so gibt er uns heute wirklich und wirksam genau das, was er den Menschen, denen er in seinem irdischen Leben begegnet ist, auch gegeben hat.

Stimmt das, wenn man einmal versucht, diese Regel auf die genannten drei Sakramente anzuwenden?

In der Taufe macht Jesus genau das, was er mit den Kindern gemacht hat, die von ihren Müttern zu ihm gebracht wurden, dass er sie anrühre, also segne.

Er schließt sie in seine Arme, heißt es, nimmt sie also gewissermaßen als seine Kinder an. Er herzt, er küsst sie, heißt es weiter, beschenkt sie also mit seiner vergebenden Liebe und darin mit ewigem Leben. Und er segnet sie, reißt sie also wirksam aus der Herrschaft des Bösen und unterstellt sie seiner Schutzherrschaft. Genau das geschieht auf sakramentale Weise unter dem Zeichen des Wassers im Sakrament der Taufe. Er, der auferstandene Christus, ist bei jeder Taufe selbst gegenwärtig und selbst der eigentliche Täufer.

Beim hl. Abendmahl wird das Opfer am Kreuz von Golgatha für uns gegenwärtig. Christus, der für uns geopferte Gottessohn ist so gegenwärtig, als stünden wir selbst unter dem Kreuz. Er beschenkt uns mit seinem Leib und seinem Blut, das wir unter den Zeichen von Brot und Wein wirklich und wahrhaftig empfangen und damit Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit.

Und nicht anders ist es in der Beichte: Da steht Christus selbst und teilt uns den sündenvergebenden Geist Gottes mit, der uns vor dem Vater vertritt, der ins uns seufzt und betet und Christus in uns vergegenwärtigt. So wie er als irdisch Lebender der Ehebrecherin vergeben hat, den Zöllnern und Sündern: So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Wir merken: Wenn wir eine solche Handlung also als ‚Sakrament’ bezeichnen, dann soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass Jesus Christus selbst gegenwärtig ist und mir meine Sünden vergibt. Und das hat etwas mit Gewissheit zu tun. Um Gewissheit geht es letztlich bei der Frage, ob hier nur eine fromme, kirchliche Handlung erfolgt, etwa von der Qualität einer Fürbitte, um deren Erhörung man bitten, aber doch nie vollkommen gewiss sein kann, oder ob mit Gewissheit geschieht und erfolgt, was da gesagt und getan wird, weil Christus es verheißen hat, weil es geschrieben steht und weil Christus seine Gegenwart an dieses Verheißungswort gebunden hat.

„Denn die Herzen sollen gewiss glauben, dass uns Gott um Christi willen wirklich verzeiht", hieß in der Apologie der Augsburgischen Konfession. Und aus dem Kleinen Katechismus kennen wir sicher noch diesen kräftigen Satz aus dem Hauptstück der Beichte:
"...dass man die Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfange als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, sondern fest glaube, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel."

Nirgends können sich menschliche Schwachheiten und menschliche Schwächen schneller vor die Gewissheit der Sündenvergebung schieben als gerade in der Beichte, wo ein sündiger, fehlbarer Mensch mir die Worte zuspricht <Dir sind deine Sünden vergeben>, wenn nicht klar ist, was die Beichte ist, und daß sie ein Sakrament ist, so gut wie die Taufe oder das Hl. Abendmahl. Ich habe es in meinem früheren Pfarrbezirk erlebt, dass mir jemand nach einer Auseinandersetzung, die erst sachlich, dann unsachlich und am Ende nur noch menschlich geführt wurde, sagte: ‚Sie wollen mir meine Sünden vergeben? Ausgerechnet Sie? Sie müssten bei mir beichten und sich erst dort die Sündenvergebung abholen, bevor ich wieder zu ihnen käme.’

Da hing die Gewissheit und die Bereitschaft, das Vergebungswort anzunehmen, nicht an Christi Wort und Verheißung, nicht am Glauben an die Gegenwart Christi auch in diesem Sakrament, sondern an der Sympathie oder Ehrbarkeit des Menschen, der diesen Dienst ausrichtet. Nein, die Absolution empfange ich vom Beichtiger, ob er selbst anständig oder unanständig ist, ob er sympathisch, klug, faul, dumm, geistlich oder ungeistlich ist, „als von Gott selbst", damit ich ja nicht daran zweifle, dass mir dadurch meine Sünden vor Gott im Himmel vergeben sind.

Lasst uns niederknien und Gott um seinen Heiligen Geist bitten, den Geist des Glaubens und Stärke, der Gewissheit und der festen Zuversicht, dass wir darauf in der Kraft dieses Geistes die Vergebung empfangen und ja nicht daran zweifeln, sondern als begnadigte Sünder und Kinder Gottes wie neugeboren in diese neue Woche gehen. Amen.

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