Predigt

(Pastor Gert Kelter am 11. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Nur mit Bankrotteuren kann Gott arbeiten

Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lukas 18,9-14)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

Was läuft eigentlich im Kopf eines treuen Kirchgängers und Predigthörers ab, der weiß: Jetzt kommt eine Predigt über die Beispielerzählung vom Pharisäer und vom Zöllner im Tempel?

Die erste Reaktion ist die der Kinder im Kindergottesdienst, die nach der ersten Zeile der biblischen Geschichte laut schreien: „Kenn ich schon!" und damit bei der armen Kindergottesdiensthelferin wirken wie eine Nadel, mit der man in einen Luftballon sticht.

Also: Kenn' ich schon. Und weiter: Der Prediger wird mir jetzt erzählen, dass die Pharisäer ja eigentlich gar nicht so böse und verwerflich waren, sondern nur besonders gesetzestreue und gottesfürchtige Leute. Und damit meint er dann, besonders „erfrischend anders" zu predigen, weil man ja angeblich den Pharisäern sonst immer Unrecht tut und man solle sich im übrigen hüten, den Pharisäer mit „den Juden" gleichzusetzen, weil das erste Schritt zum Antisemitismus sei. Aber das habe ich schon so oft gehört und vor allem von selbst noch nie so gedacht und mich von solchen Warnungen auch noch nie angesprochen gefühlt, so dass sich langsam aber sicher der Predigtschlaf über mich senkt.

Na, ja – und dann die Zöllner: Die haben bekanntlich mit den heidnischen römischen Besatzern kollaboriert und in die eigene Tasche gewirtschaftet und wurden darum von den Frommen gemieden und stumpften ab und hielten sich schon aus Frust und Resignation gleich gar nicht mehr an Gottes Gesetz und Gebot. Weiß ich alles schon.

Und ich weiß auch, was jetzt noch kommt: Natürlich die Warnung, dass ich nur ja nicht meinen solle, mit dem Bekenntnis meiner Sünden und dem Zöllnergebet „Gott sei mir Sünder gnädig" sei ich vor Gott aus dem Schneider. Die größte Gefahr sei nämlich, sich absichtlich vor Gott zu erniedrigen nach dem Motto: Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden. Und damit hätte ich natürlich schon wieder verspielt, weil Gott die Absicht merkt und verstimmt ist. Wer sich also verhält wie der Zöllner, ist der eigentliche Pharisäer.

Jetzt fehlt nur noch die Moral von der Geschicht'.

Wo ist eigentlich die Moral in der Geschichte? Liebe Brüder und Schwestern, die Beispielerzählung Jesu hat gar keine Moral. Um Moral geht es dabei gar nicht. Um Moral geht es Jesus eigentlich nie. Moralisch bedeutet „sittlich" oder „sittsam". So gesehen sind beide Protagonisten der Erzählung letzten Endes moralisch. Der eine in eher äußerem Sinn, weil er gegen die guten Sitten der Frömmigkeit nicht verstößt; der andere aber auch, wenn auch in einem vielleicht moderneren, übertragenen Sinn, weil er den Anstand besitzt, offen und ehrlich mit sich selbst zu sein, nichts zu beschönigen, also „authentisch er selbst" zu sein.

Nein, um Moral geht es nicht. Worum dann?

Es geht darum, dass wir uns über den lieben Gott freuen können.

Kommt jetzt der Abstieg auf Kindergottesdienstniveau? Vielleicht täte uns allen das hin und wieder ganz gut.

So ein Kind kann sich nämlich über den lieben Gott freuen. Es kommt gar nicht auf die Idee, Gott etwas anbieten zu können, woraufhin der ihm dann eine verdiente Gegenleistung erbringt. Ein Kind weiß, dass es klein, schutzbedürftig und auf Hilfe angewiesen ist. Es kann noch gar nicht darüber nachdenken, dass es etwas tun oder darstellen oder leisten müsste, um von Gott geliebt zu werden. Es kann Liebe nur empfangen, spüren und sich darüber freuen.

Wenn das Kind größer wird, lernt es zu vergleichen.

Wer bin ich im Unterschied zu anderen? Welchen Stellenwert nehme ich ein und welchen die anderen? Komme ich dabei zu kurz? Muss ich mich mehr anstrengen? Habe ich den anderen etwas voraus? Bekomme ich auch alles, was mir zusteht?

So ein ewiger Vergleicher ist der Pharisäer. Er betet und er dankt. Aber er freut sich nicht. Das ist keine richtige Freude, wenn ich das Versagen, die Defizite der anderen brauche, um daraus meinen Mehrwert zu errechnen. Das ist allenfalls ein Sieg nach Punkten in einem anstrengenden, zermürbenden Konkurrenzkampf um den ersten Platz.

Er bietet Gott an, was er dem Zöllner voraus zu haben glaubt. Aber genau daran hat Gott kein Interesse. Das will er nicht.

Es ist die typische Form einer Selbstdarstellung, was der Pharisäer betreibt. Was ich hier in der Hand habe, ist auch eine Selbstdarstellung. Es ist die Selbstdarstellung unserer Kirche unter dem Titel „Kirche auf festem Glaubensgrund". Und da steht dann zum Beispiel: „In den Großkirchen hat die Kritik weltlicher Vernunft den christlichen Glauben weithin zersetzt. Politik und Gesellschaftskritik haben die frohe Botschaft von der Rettung des Sünders in den Hintergrund gedrängt.(...) Darum halten die selbständigen Lutheraner ihren kirchlichen Weg auch in der Gegenwart für notwendig." Und weiter stellt sich die SELK selbst dar: „Modernen Verfälschungen der Glaubenslehre ist in ihrem Raum gewehrt durch eine strenge Verpflichtung ihrer Pfarrer auf die Bibel und das Bekenntnis der Kirche."

Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Schöne Grüße vom Pharisäer!

Brauchen wir die tatsächlichen oder vermeintlichen Defizite anderer, um unsere eigene Identität zu finden? Vor allem aber: Entspricht diese so gefundene Identität auch der kirchlichen Wirklichkeit? Kritik weltlicher Vernunft und Verfälschung der Glaubenslehre – das haben wir leider auch reichlich zu bieten. Und die strengste Bibel- und Bekenntnisverpflichtung taugt nur soviel, wie sie dann auch in der Praxis Bestand hat und notfalls eingefordert wird.

Und wer sind wir wirklich, sowohl als Einzelne als auch als Kirche?

Eine Gemeinde von Sündern. Das gilt für uns alle. Da hat niemand dem anderen etwas voraus. Jedes Vergleichen führt nur zu dem biblischen Ergebnis: <Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.>(Ps 14, 3) <Es ist hier kein Unterschied; sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.> (Röm 3,22b.23)

Nach Grund zur Freude über den lieben Gott klingt das freilich nicht.

Es beschreibt ja nur, warum der liebe Gott keinen Grund zur Freude an uns hat. Es ist eine Bankerotterklärung. Es ist das Eingeständnis: Ich bin leer vor Gott und stehe mit leeren Händen vor ihm. Und die sind auch noch schmutzig.

Und was machen wir dann oft, selbst wenn wir bei dieser biblischen Erkenntnis bereits angelangt sind? Wir vergleichen weiter und sagen: Ich bekenne, dass ich leere, schmutzige Hände habe, aber der da hinten hat noch schmutzigere und allein die selbstkritische Anerkennung meiner leeren, schmutzigen Hände, müsstest du, Gott, doch mit ziemlich viel Gnade honorieren.

Liebe Gemeinde, solche Menschen kann Gott nicht er-lösen, nicht los-lösen von Sünde, Tod und Teufel, weil sie sich immer noch an etwas festhalten, was sie Gott dafür anbieten möchten oder womit sie meinen, aus sich selbst heraus noch etwas darstellen zu können. Gott baut nur aus Ruinen Tempel. Nur mit kompletten Bankrotteuren kann er arbeiten.

Diese geistliche Erkenntnis ist übrigens die Grundvoraussetzung dafür, dass einem Alkoholiker oder anderen Drogenabhängigen geholfen werden kann. Im Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker heißt es darum auch:

1. Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.

2. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.

3. Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Fürsorge Gottes – wie wir ihn verstehen - anzuvertrauen.

4. Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.

5. Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.

6. Wir waren völlig bereit, alle diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.

7. Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.

Im christlichen Zusammenhang nennt man das „Beichte" und es von einiger Bedeutung, dass hier nicht nur die Herzensbeichte vor Gott, sondern auch die Beichte vor einem anderen Menschen ausdrücklich genannt wird.

Die Zwölf Schritte sind bewusst so formuliert, dass auch Menschen, die sich nicht ausdrücklich als Christen verstehen, diese Schritte mitgehen können.

Genau genommen, muss man aber doch bei diesem Reden von Gott den Gott voraussetzen, den uns Jesus Christus offenbart hat. Den Gott, der uns um Christi willen, allein aus Gnade erlöst und rettet. Ohne unser Verdienst und Würdigkeit oder des Gesetzes Werke.

So ein Abhängiger, der dann zu einem Un-Abhängigen wird, kann sich freuen wie ein Kind.

Es ist wohl kein Zufall, dass Lukas der Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner den Satz Jesu folgen lässt: Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.

Am Ende der Erzählung steht der Satz Jesu: Dieser ging gerecht gesprochen hinab in sein Haus, nicht jener. Mit anderen Worten: Der Zöllner ging als ein Verbrecher vom Gericht nachhause, der trotz seiner Verbrechen frei gesprochen wurde. Gott hatte ihn nicht auf irgendeine magische Weise zum Pharisäer gemacht. Er hatte ihn nicht mit Bewährungsauflagen nachhause geschickt, den Freispruch nicht von der Wiedergutmachung seiner Vergehen abhängig gemacht. Das heißt Rechtfertigung allein aus Gnaden. Das heißt es, ein begnadigter Sünder zu sein. Das bedeutet es, Sünder und Gerechter zugleich sein. Das ist der Grund, warum ich mich über den lieben Gott freuen kann.

Ich kann mir den gerechtfertigten Zöllner auf seinem Heimweg eigentlich nur vor Freude hüpfend und springend wie ein Kind vorstellen. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass dieser Zöllner bei der nächsten Gelegenheit einem Menschen mehr Zoll abverlangt, als ihm zusteht.

Und was ich mir auch noch vorstellen kann, ist, dass der Zöllner das Dankgebet für seine Erlösung, das er vor lauter Freude im Tempel vergessen hat, spätestens im nächsten Gottesdienst nachholt. Das passiert ja manchmal, dass vor Wonne über ein wohlschmeckendes Essen das Tischgebet einfach vergisst. Und dann könnte das nachgeholte Dankgebet vielleicht so gelautet haben: „Siehe, Herr, nun habe ich nicht mehr die Ehe gebrochen und mich nicht mehr bereichert. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, dir wehzutun. Ich danke dir, dass du mir durch dein Vergeben, durch eine Barmherzigkeit Mut gemacht und eine neue Chance gegeben hast und dass ich so sichtbar von dir geführt werde."

Vielleicht hat er auch einfach vor Freude gesungen, was wir jetzt singen: „Ach, lass mich schmecken dein kräftig Versühnen!" Amen.