Predigt

(Pastor Gert Kelter am 1. Sonntag nach Trinitatis 2003)

Warne meine Brüder

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;

denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde. (Lukas 16, 19-31)

Liebe Brüder und Schwestern,

der reiche Mann hat keinen Namen. Das wäre nicht weiter auffällig, weil in den Gleichnissen und Beispielerzählungen Jesu die handelnden Personen auch sonst keine Namen haben. Sie heißen „ein Mensch", „ein barmherziger Samariter", „ein Sämann" oder „ein Zöllner". Aber der arme Mann in unserer heutigen Beispielerzählung, der hat einen Namen. Einen, der sich in das Gedächtnis der Hörer dieser Beispielerzählung so tief eingegraben hat, dass bis heute Feldkrankenhäuser nach ihm „Lazarette" genannt werden. Und darum fällt die Namenlosigkeit des Reichen auf. Der Reiche ist namenlos. Seine Identität besteht in Äußerlichkeiten: Sein Obergewand war mit dem kostbaren Königsfarbstoff Purpur gefärbt. Sein Untergewand bestand aus dem teuren Importstoff Leinen. Sein Leben war gute Laune. Unterschiedslos, alle Tage.

Der arme Mann hat eine unverwechselbare Identität, ist mit seinem Namen genannt, einem ziemlich aussagekräftigen übrigens: Lazarus, die latinisierte Form des hebräischen Eleasar, heißt: Gott hilft. Ob die Soldaten, die verwundet oder krank in einem Lazarett liegen, das wohl wissen: Keine Streitmacht dieser Welt, sondern allein Gott kann helfen, Gott allein und sonst niemand hilft wirklich?!

Der Unterschied zur Beschreibung des Reichen könnte nicht deutlicher ausfallen: Der arme Lazarus liegt vor der Tür des Reichen und leidet Hunger, während es sich der Reiche drinnen gut gehen lässt. Sein Körper ist von Geschwüren bedeckt, die ihn zum Aussätzigen machen, um den alle einen großen Bogen gehen, selbst wenn es sich bei diesen Geschwüren nicht um Aussatz im strengen medizinischen Sinn gehandelt haben sollte. Nur die Hunde, unreine Tiere nach jüdischer Vorstellung, suchen seine Nähe, lecken ihm die Geschwüre. Das macht die Tiere nicht menschlich, sondern lässt Lazarus auf der Stufe unreiner Tiere erscheinen.

Bei aller Unterschiedlichkeit sind Lazarus und der Reiche in einem aber doch gleich: Beide müssen sterben. Das ist unentrinnbar. So enden alle Menschen, arme und reiche, gesunde und kranke, angesehene und verachtete.

Die Grabinschrift des Reichen, dieses letzte Wort über ein Leben, in Stein gemeißelt, steht eigentlich schon fest: Er war reich. Das war sein Leben.

Über dem Grab des armen Lazarus wird niemand eine in Stein gemeißelte Inschrift angebracht haben. Das letzte Wort über sein Leben war auch noch nicht gesprochen, als er starb.

Von Lazarus heißt es, dass er von Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Abrahams Schoß – ich wüsste zu gerne, was das für ein Ort ist. Aber wenn Engel einen Menschen dorthin tragen, dann ist das nicht „unten", sondern „oben". Die Bewegungsrichtung lässt sich nicht anders als aufwärts denken. Ist es der „Himmel", so wie wir uns das vorstellen? Oder ist damit eine Art Zwischenort gemeint, wie man sich das im Judentum zur Zeit Jesu dachte, ein Ort, an dem irdische Ungerechtigkeit zum Ausgleich kommt? Abraham ist nicht Gott. Aber Abraham ist der Vater des Glaubens. Von ihm heißt es: Er vertraute Gott und das rechnete ihm Gott zur Gerechtigkeit. Abrahams Schoß ist der Ort, an dem völlige Geborgenheit, vollkommenes Vertrauen auf Gottes Erbarmen, auf Gottes Hilfe herrschen. Sicher wie in Abrahams Schoß, sagen wir bis heute. Lazarus, soviel ist sicher, befindet sich in einer vollkommenen und durch nichts getrübten Gemeinschaft der Vertrauenden und Glaubenden. Gibt es eine größere Nähe zu Gott?

Und der Reiche? „Er starb auch und wurde begraben". So steht’s geschrieben.

Die Bewegungsrichtung hier ist eindeutig „unten". Und damit darüber kein Zweifel besteht, knüpft der folgende Satz mit den Worten an: „Als er nun in der Hölle, im Hades, war."

An dieser Stelle frage ich mich, wie es zu dieser Unterscheidung, ja dieser absoluten Scheidung kommt. Von dem Reichen wird nicht berichtet, dass er besonders hartherzig war oder seiner religiösen Pflicht zum Almosengeben nicht nachgekommen wäre. Der Reiche muss weder im landläufigen Sinne ein grober, öffentlicher Sünder gewesen sein, noch seinen Reichtum auf unehrliche Weise erworben haben. Er kann als ein ganz anständiger Mensch gedacht werden. Der Reichtum an sich wird überhaupt nicht als verwerflich dargestellt, genauso wenig, wie die Armut als besonders göttlich oder verdienstlich gezeichnet wird.

Es ist einfach so: Der eine ist arm und der andere reich. Das allein begründet den unterschiedlichen Ausgang dieser beiden Menschenleben nicht. Es ist etwas anderes. Und kommen wir noch einmal auf die Namen zu sprechen. Der eine, der namenlose Reiche bezieht sein ganzes Selbstverständnis aus dem, was er hat, was er gilt, was er besitzt und was er an hat. Eine beliebig austauschbare, eine Null-Identität. Ich bin, was ich habe.

Der andere, Lazarus, hat nichts, woraus er seine Identität, seine Persönlichkeit ableiten kann. Nichts jedenfalls, was er in dieser Zeit und Welt erworben und verdient oder erwirtschaftet hätte. Er ist, was Gott aus ihm macht. Er ist, weil er bei Gott etwas ist. Er ist jemand, weil er von Gott beim Namen gerufen wurde, weil er Gott gehört und auf Gott allein sein Vertrauen setzt.

Und so einer, der nichts hat, kann sein Leben lang vor der Tür von Menschen dahin vegetieren, die nur sind, was sie haben, und einfach übersehen werden.

Diese grundsätzliche Lebensausrichtung begründet die Kluft zwischen den Lazarussen und den Reichen. Und dabei gibt es irdisch reiche Lazarusse und irdische arme Reiche, die trotzdem von derselben unüberbrückbaren Kluft voneinander getrennt sind. Im Leben, im Sterben und danach.

In einer jüdischen Anekdote fragt ein Schüler seinen Lehrer: „Warum kann Reichtum die Menschen so blind für ihre Nächsten machen? Der Rabbi antwortet: Sieh durchs Fenster, was siehst du? Ich sehe eine Frau mit einem Kind auf einem Wagen, antwortet der Schüler. Gut, sagt der Rabbi, und jetzt tritt vor diesen Spiegel und blicke hinein. Was siehst du? Ich sehe mich selbst, sonst nichts, antwortet der Schüler.

Sagt der Rabbi: Das Fenster ist aus Glas, der Spiegel ist aus Glas. Kaum legst du ein bisschen Silber auf die Oberfläche, schon siehst du nur noch dich selbst."

Der Reiche glaubte vielleicht die Welt zu seinen Füßen liegen zu sehen, wenn er durchs versilberte Fenster sah, aber sah doch nur sich selbst. Er mit sich allein. Einsamer geht es nicht.

Und genau genommen heißt für den Reichen „Hölle" nichts anderes als die perfekte Fortsetzung seines einsamen, ichbezogenen, gemeinschaftslosen und vertrauenslosen Lebens in alle Ewigkeit. Das höllische daran ist, dass mit diesem Zustand offensichtlich auch die Erkenntnis verbunden ist, dass mein Leben misslungen ist. Trotz alles Reichtums und Ansehens. Ich habe mich zum Mittelpunkt meines Lebens gemacht und muss erkennen, dass Gott Ursprung, Sinn, Mittelpunkt und Ziel meines Lebens ist. „Hölle" – das ist also die ewig ungestillte Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott in der Erkenntnis, dass nichts als nur das „Erlösung" bedeutet.

Ist das aber die Strafe eines rächenden Gottes? Keineswegs, liebe Gemeinde.

Es gibt keine Vorherbestimmung zur Verdammnis, die schicksalhaft und unentrinnbar wäre.

Das erkennt der Reiche auch und möchte seine fünf Brüder vor dem Schicksal bewahren, das er selbst nun erleidet.

Liebe Gemeinde, das erinnert uns vielleicht an die Situation, die manche von uns ganz gut kennen: Menschen, an denen uns liegt, die wir lieben, um die wir uns sorgen, leben nur für sich, alle Tage herrlich und in Freuden. In relativer Armut oder in relativem Reichtum, das spielt keine Rolle. Aber Gottes Wort, seine Verheißungen, sein Evangelium – das alles spielt für diese Menschen eben auch keine Rolle. Und solange sie hier leben, scheint es ihnen auch nicht zu schaden. Sie vermissen nichts, entbehren nichts, jedenfalls nichts, was aus ihrer Sicht darauf schließen ließe, dass der Mangel eine Folge ihrer Gottvergessenheit und Ichbezogenheit ist, was dasselbe ist.

Und dann beginnen wir zu überlegen, was passieren müsste, was ich selbst oder andere oder der Kirchenvorstand oder der Pastor unternehmen müsste, damit diese Menschen zur Einsicht gelangen, bevor es zu spät ist. Und wir setzten uns selbst und andere unter Druck, versuchen dies und das, setzten Himmel und Hölle in Bewegung, scheitern, beschuldigen uns und andere, sich nicht genügend angestrengt und ins Zeug gelegt zu haben und am Ende vielleicht sogar Gott. Es bleibt eine Kluft, die durch keine Überredungs-, keine Überzeugungskunst, nicht durch Angstmache und Drohung und durch kein Mittel zu überbrücken ist.

Himmel und Hölle in Bewegung setzen – das möchte der Reiche auch. Eine Totenerscheinung würde vielleicht helfen und die Brüder zur Einsicht und zur Umkehr und Buße bringen. Lazarus soll auferstehen, zurück auf die Welt und die Brüder warnen.

Ich weiß das aus der eigenen Familie, wie man sich dann manchmal wünscht und vorstellt, eine schwere Krankheit eines Angehörigen könnte das Wunder der Umkehr bewirken oder ein bestimmtes Buch müssten sie lesen oder mit einem bestimmten gläubigen Menschen Freundschaft schließen und ins Gespräch kommen. Aber die Menschen werden gesund und leben genauso weiter wie zuvor. Die Bücher bewirken gar nichts oder bleiben ungelesen im Regal. Und Gespräche verlaufen im Sand oder enden mit Verstimmung. „Sie merkten die Absicht, hörten die Nachtigall trapsen und waren verstimmt und verschlossen."

„Sie alle haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören", sagt Abraham und bleibt dabei.

Mose und die Propheten, das Alte Testament, in dem auch der verheißen und angekündigt wird, der uns diese Beispielerzählung überliefert, der selbst auferstanden ist und dessen Wort bis heute in dieser Welt zu haben und zu hören ist.

Und dessen Auferstehung allein auch niemanden zur Umkehr gebracht hätte. Es bleibt beim Wort, bei Mose, den Propheten, dem Evangelium, der Lehre der Apostel, der Bibel, der Heiligen Schrift, der Predigt des Wortes Gottes.

Liebe Brüder und Schwestern, eigentlich müsste ich jetzt „Amen" sagen und die Predigt beenden. Mehr steht nämlich nicht da. Und der Länge der Predigt täte es ja auch ganz gut. Aber ich möchte diejenigen unter euch nicht völlig ohne Antwort lassen, die sich jetzt fragen: Was kann man, was können wir, was kann die Kirche denn dann überhaupt tun, um Menschen aus ihrer Ichbezogenheit in eine lebendige, vertrauensvolle Gottesbeziehung zu bringen? Ich möchte auch nicht nur, was durchaus theologisch richtig wäre, darauf verweisen, dass es eben nicht durch unsere Vernunft und Kraft geschieht, ob und dass Menschen zum Glauben kommen, sondern alles und allein Werk des Heiligen Geistes sei.

Ich möchte zum Schluss noch einmal Abraham ins Gespräch bringen, der ja in unserem Evangelium eine wichtige Rolle spielt. Abraham ist der Vater des Glaubens, der, der Gott vertraute. Bei Mose und den Propheten wird er in dieser Funktion erwähnt. Im Hebräerbrief gehört er zu der Wolke der Zeugen und wird als Vorbild des Glaubens und Vertrauens beschrieben.

Festhalten am Glauben, sich nicht irre machen und abbringen lassen vom Vertrauen auf Gott, aus Gottes Wort und Verheißung leben – das können wir. Wie gesagt: Nicht aus eigener Kraft oder Vernunft. Aber es ist uns geschenkt und wir können’s. Wir können dafür sorgen, dass sonntags die Kirchenbänke nicht leer bleiben, dass unsere Angehörigen oder auch die Nachbarschaft zur Kenntnis nimmt: Es gibt sie noch, diese Gläubigen, in deren Leben Gott eine Rolle spielt. Wir können, und sei es für uns selbst, auch dann Andachten halten, wenn wir Besuch haben und auch dann den Gottesdienst mitfeiern und den Besuch einladen oder ihn eben zuhause auf uns warten lassen. Wir können, wenn wir Geburtstag haben, den Pastor nicht nur zu Kaffee und Kuchen, sondern zu einer Dankandacht einladen, besser noch: selbst eine halten, auch dann, oder gerade dann, wenn unkirchliche Freunde und Verwandte anwesend sind. Wir können auf die unterschiedlichste Weise mit unserem Leben dafür Zeugen sein, dass Christus lebt und Herr in unserem Leben ist und dass das heilsam für uns ist, dass wir daran Freude haben, dass uns das absolut wichtig und bedeutungsvoll ist, dass wir dadurch Frieden haben. Dieser Zeugendienst braucht nicht aufdringlich und peinlich zu sein, aber konsequent. Und dann ist er vorbildlich, weil andere an uns wie in einem Bild sehen können, dass und wie es sich auch anders leben lässt, mit anderen Fundamenten, mit anderen Grundentscheidungen, mit anderen Hoffnungen und Glückserfahrungen. Wir können Vorbilder heiterer Gelassenheit, klarer Positionen, echten Vertrauens und Liebe zu den Menschen sein. Jetzt, in diesem Leben, können wir das. Später nicht mehr. Amen.